Donnerstag, 18. September 2014

gelesen & geschätzt #9

Die Frage ist die neue Antwort

Rezension zu: Held Evans, Rachel, Evolving in Monkey Town. How a Girl who knew all the Answers learned to ask the Questions, Grand Rapids: Zondervan 2010

Die Bibel ist voll mit Komplementärwahrheiten.“, hat einer meiner Professoren zu mir gesagt. Und eine Zeit lang hat es mir sehr geholfen, zu verstehen, dass manche scheinbaren Widersprüche in der Bibel gar keine sind, sondern zwei Seiten der gleichen Medaille. Manchmal braucht es nur ein bisschen mehr Tiefenforschung, um einer nagenden Frage auf den Grund zu gehen.
Wenn das funktioniert, dann geht der Glaube gestärkt daraus hervor.
Aber was ist, wenn nicht?
Was ist, wenn sich auf manche Fragen gar keine Antwort geben lässt.
Was ist, wenn Glauben am Ende mehr mit Vertrauen zu tun hat, als mit wissen?
Rachel Held Evans ist in Dayton, Tennessee aufgewachsen, dem Ort, an dem sich im Jahr 1925 die berüchtigten Affen-Prozesse stattfanden. Und Rachel gehört nach allen Regeln der Kunst zu der evangelikalen Subkultur, die vielen noch allzu vertraut ist.
Wenn andere Leute Sesamstraße sehen, hört sie Vorträge von Ravi Zacharias.
Wenn andere Kinder hoffen, dass die Stunde bald um ist, streitet sie sich mit ihrem Biologielehrer über den Wahrheitsgehalt der Evolutionstheorie.
Rachel sagt von sich, dass sie das Mädchen war, das alle Antworten hatte, alles ganz genau wusste.
Bis sie irgendwann damit beginnt, Fragen zu stellen, auf die sie keine Antworten findet.
Mit dem Buch 'Evolving in Monkeytown' ist Rachel auf der großen Bühne des amerikanischen evangelikalen Buchmarkt erschienen; ihr Blog ist zu einer Art Zufluchtstätte geworden für alle solche Evangelikalen, die enttäuscht sind von der Religion ihrer Kindheit, aber nicht genug, um sie ganz aufzugeben.

Eine sehr erfrischende Erkenntnis.
Ich lese Rachels Blog schon seit einer ganzen Zeit unheimlich gerne. Vor allem ihre Art, sich selbst zu prüfen, und nicht einfach auf die Anderen zu schießen, ist mir sehr angenehm, und ihre Art, Fragen zu stellen, ist elegant.
In diesem Sinne ist auch dieses Buch ein Genuß, wenn man seinen eigenen Glauben herausfordern will. Rachels Durchbruch zu einer offeneren Spiritualität kommt, als sie ein grauenhaftes Video zu sehen bekommt, in dem eine junge Frau in einem islamistischen Staat hingerichtet wird, unfair und brutal. Und Rachel kommt der Gedanke, dass diese junge Frau nie eine Chance hatte, vom Evangelium zu hören, nur weil sie in einem anderen Land geboren wurde.
Ist das fair?
Ist das gerecht?
Es ist nicht so, dass Rachel keine Antwort darauf gefunden hätte, oder dass sie nicht auch viele Argumente im Kopf gehabt hat, die sie 'früher' auf eine solche Frage geantwortt hätte.
Aber an diesem Punkt in ihrer Biographie ist es nicht mehr länger eine intellektuelle Frage, die es zu beantworten gilt, wenn das Christentum weitehrin standhaft sein soll; an diesem Punkt ihres Lebens dringt die Frage durch bis zu ihrem Mitgefühl, und sie fragt sich die Frage wirklich.
Von diesem Punkt an beginnt für Rachel eine Reise, heraus aus der Sicherheit eines Niet-und-Nagel-festen Christentums, hin zu einem, in dem Fragen erlaubt ist, in dem man nicht nur Kopf, sondern auch Herz haben darf, eines, in dem der Glaube an Gott mehr zu Beziehung wird, und weniger etwas, was man lernen kann.
Ich fand diese Erkenntnis Rachels sehr erfrischend.
Es handelt sich, von meiner Perspektive aus, um einen Schritt in die richtige Richtung. Die Spannung zwischen verschiedenen Polen (Gottes Gerechtigkeit und seine Liebe, die Bibel als Gottes Wort und Menschenwort, Gott als drei und einer; usw.) sind elementare Bestandteile des Christentums. Die Kirchengeschichte ist nicht umsonst eine 2000-jährige Geschichte von Teilung und Versöhnung, von Irrungen, Wirrungen, Leben und Erleben. Gott war immer größer als unsere Systeme, und das ist, denke ich auch gut so. Eine gut gestellte Frage kann dazu führen, dass wir falsche, kulturelle Annahmen über den Haufen werfen und zu einer authentischeren Spiritualität kommen.

Eine etwas fragwürdige Priorisierung.
Meine Anfrage an dieses erste Buch von Rachel Held Evans ist wäre allerdings, ob sie nicht die Frage an sich zu sehr auf ein Podest stellt, dass ihr nicht zukommt. Es scheint mir eine Sache zu sein, anzuerkennen, dass wir nicht alles wissen. Eine ganze andere Sache ist es, die Frage der Antwort vorzuziehen.
Rachel schreibt an einer Stelle zum Beispiel: „Maybe God left us with all this discontinuity and conflict within scripture so that we would have to pick and choose for the right reasons.“ (S.194)
Mit dieser Aussage lässt sie den Leser mit der Frage zurück, was denn die richtigen Gründe sind. Was schlägt so sehr ins Gewicht, dass wir die eine Aussage der anderen bevorzugen sollen? Ab wann ist ein Grund der Richtige?
Die Antworten, die Rachel in den letzten Jahren auf ihrem Blog gegeben hat, schienen mir oft mehr mit der aktuellen Kultur zusammen zu hängen als mit einer gründlich durchdachten Hermeneutik.
Und das ist vielleicht dann das größte Problem. In allen spirituellen Dingen sind Fragen meistens nicht neutral gestellt. Sie haben immer einen größeren, tieferen Hintergedanken, und ihn auszusprechen scheint dem Fragenden entweder zu gefährlich oder so offensiv. Also versteckt er sich hinter der Frage als einer Art neutralen Grund. Wenn die Antwort positiv ausfällt, kann er immer noch sagen: „Siehst du, genau deswegen habe ich gefragt!“
Wenn die Antwort negativ ausfällt, kann er sagen: „Aber ich habe doch nur gefragt.“
Ich sage nicht, dass es keine ehrlichen, neugierigen Fragen gibt; und außerdem sage ich nicht, dass ich eine klare Aussage der Frage bevorzuge. Beide Dinge haben ihren Platz in einem ehrlichen Dialog über eine lebendige Spiritualität.
Deswegen denke ich, dass die Ehrlichkeit der Frage und Sicherheit bevorzugt werden sollte. Wenn Menschen ehrlich über ihre Fragen reden, kann man mit ihnen sich auf die Suche nach Antworten begeben. Wenn sie ehrlich ihre Überzeugungen präsentieren, kann man mit ihnen durch Fragen die Schwachstellen einer Überzeugung aufdecken.
An den meisten Stellen ist Rachels Buch von Ehrlichkeit geprägt, nicht von einer zu hohen Sicht auf die Frage an sich, weswegen ich es gerne empfehlen kann.
Nur, bedenken sollte man, auch sie gibt nur vorläufige Antworten, geprägt von ihrer Biographie. Vielleicht sollte man manche Aussagen in Frage stellen?

God Bless,
Restless Evangelical

--> 4 von 5 Sterne

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