Freitag, 26. September 2014

Mit Freude hoffen (1. Teil)

Der Mensch als ein nach Hoffnung-dürstendes Wesen

Leitmayr und Batic ermitteln wieder. Die Sommerpause des Tatort ist zu Ende – endlich. Und ich kann es mir mit einem Glas Rotwein auf dem Sofa bequem machen und das Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit (so einmal der Spiegel-Tatort-Korrespondent) kann so weit geöffnet werden, dass mit Unterhaltung und hoffentlich Tiefgang mir der Sonntagabend versüßt wird.
Es geht um den 'Wüstensohn', einen Teppichladen und gleichzeitig eine treffende Beschreibung für den Sohn eines Ölscheichs, der gerade in München wohnt, und seinen toten Bruder (nicht sein wirklicher, leiblicher Bruder) auf dem Beifahrersitz durch die Gegend kutschiert.
Was mir von diesem Tatort vor Allem in Erinnerung geblieben ist, war die Hoffnungslosigkeit, mit der der junge Mann leben muss. Am Ende bracht er es passend damit zum Ausdruck, dass er machen kann was er will – mit 180 durch München heizen, soviel koksen wie er will – nur frei sein kann er nicht.
Was eine faszinierende an dieser Feststellung fand ich, dass er damit so gegen das Gefühl geht, das wir jungen Menschen im Westen eigentlich haben. Unsere materiellen Engpässe (ob gefühlt oder real), unsere defizitären Beziehungen (oder Beziehungsbereitschaft, wenn wir mal wirklich ehrliche Stunden haben) oder auch nur die Idee, durch eine Geschwindigkeitsbegrenzung könnten wir deutsche Autobahnen sicherer machen, scheinen unsere Freiheit dermaßen einzuschränken, dass wir dringend nach Möglichkeiten suchen, wie wir uns derselben wieder bewusst werden können.
Wie kann der Wüstensohn da sagen, dass es nicht frei ist?
Ich denke, weil er nichts mehr zu hoffen hat.

Der Mensch braucht Liebe und Glauben...
Wenn man den Menschen nicht so sehr als Individuum betrachtet (nur für einen Moment, keine Angst), dann erkennt man, dass es bestimmte Grundbedürfnisse gibt, die der Mensch an sich hat. Dabei werden vor allem immer zwei Bedürfnisse immer wieder erwähnt.
Liebe.
Spiritualität.
Der Mensch ist ein Wesen, schreibt Tim Keller an einer Stelle, der sich mit jeder Phaser seines Wesens nach Bedeutung sehnt und bereit ist, sie sich dort zu holen, wo es ihm am erfolgversprechendsten ist. Woran das liegt ist debattierbar. Aber ich glaube nicht, dass irgendjemand dieser Annahme widersprechen würde (oder?). Ein Mensch sehnt sich danach, das er von anderen Menschen als wichtig anerkannt wird; und das nicht nur wegen etwas, was er tut, sondern er will an sich gewertschätzt und geliebt werden, nicht nur als Mittel zum Zweck.
Als ich diese Zeilen geschrieben habe, musste ich an einen Freund denken, der trotz einiger Beziehungen seinen Partner noch nicht gefunden hatte. An einem Abend sagte er zu mir: „Mein Problem ist, dass ich irgendwann immer das Gefühl habe, dass die Menschen nicht mich lieben, sondern nur das Gefühl, das ich ihnen gebe.“ Und war nicht ganz sicher, was er mir sagen wollte, deswegen fragte ich zurück: „Welches Gefühl?“
Keine Ahnung. Das Gefühl begehrt zu werden, das Gefühl, geliebt zu werden, das Gefühl, dass jemand da ist. Oder auch nur das Gefühl, das man es geschafft hat, jemand anderen abzukriegen.“
Was interessant war, weil ich immer dachte, das Beziehungen genau dafür da sind. Und er genau das ja auch suchte. Und er ja genau das auch suchte. Er wollte geliebt werden. Würde er die Frau finden, die ihm dieses Gefühl geben könnte – dass sie ihn um seiner selbst willen – liebte, würde er sie für immer festhalten. Und zwar genau wegen dieses Gefühls.
Der Mensch braucht Liebe, Wertschätzung.
Aber da ist noch eine zweite Komponente.
Karen Armstrong beschreibt den Menschen in ihrem Buch The Case for God außerdem als einen Homo Religiosus. Das ist, dass er ein Wesen ist, das im Kern nach Spiritualität dürstet. Der Mensch, sagt Armstrong, kann nicht anders, als sich selbst mit der Transzendenz zu verbinden. Und das hat in den vielen Jahrhunderten, in denen der Mensch diese Erde jetzt unsicher macht, zu hunderten verschiedenen Ausformungen von Religion geführt. Und hierbei geht es jetzt nicht um die Frage, ob eine Religion richtig ist oder nicht.* Der Atheismus ist eine derart junge Bewegung (keine 100 Jahre alt in seiner jetzigen Form), dass sich seine Standfestigkeit erst noch beweisen muss. Alle anderen Generationen der Menschen (und übrigens der weitaus größte Teil der Menschheit, die gerade auf der Erde leben) glauben, dass es mehr geben muss als das, was wir mit den Augen uns unseren Geräten und Laboren erfassen können.
Der Mensch braucht Glauben, Spiritualität.

...genauso wie Hoffnung.
Was uns ein Wort übrig lässt aus dem klassischen, biblische Dreiklang (1Kor 13,13).
Hoffnung.
Kann es sein, dass der Mensch auch Hoffnung braucht, um wirklich menschlich zu sein? Meint: zufrieden?
Scheint mir ziemlich logisch zu sein, wenn ich mir die Aussagen vieler Menschen ansehe, die ziemlich alles erreicht haben, worauf die Otto Normalverbraucher (zumindest meiner Generation) hoffen.
Das könnte dann der Grund sein, wieso Brad Pitt in einem Magazin vor einiger Zeit sagte:

Viele Dinge sind uns heutzutage sehr wichtig: ein tolles Auto, eine Eigentumswohnung, persönlicher Erfolg. ... Ich habe das alles, und ich sage dir, wenn du alles erreicht hast, dann bleibst du allein mit dir selbst. All diese Errungenschaften helfen dir nicht, nachts besser zu schlafen, und sie helfen dir auch nicht, glücklicher aufzuwachen.

Oder, warum die Weisheitsliteratur in der Bibel es sehr schön auf den Punkt bringt:
Endloses hoffen macht das Herz krank, aber ein erfüllter Wunsch ist wie ein Lebensbaum.“ (Spr. 13,12; NeÜ)
Und wenn ich von Hoffnung schreibe dann meine ich damit keinen träumerischen Optimismus – es wird schon alles wieder gut. Aber es ist das sehnsüchtige Warten darauf, dass jemand sein Versprechen endlich einlöst; jemand, der sich Generation um Generation als zuverlässig und vertrauenswürdig erwiesen hat. Es ist die tiefe Gewissheit, dass etwas besseres auf dem Weg hier her ist, und dass wir nur noch ein wenig ausharren müssen, und dann werden wir es mit eigenen Augen sehen.
Es ist der Junge, der immer davon gehört hat, dass es irgendwo einen riesigen Sandkasten gibt, soweit das Auge reicht und mehr Wasser, um damit zu plantschen, als er sich vorstellen kann. Irgendwann, haben seine Eltern gesagt, darfst du ihn sehen – und dann nehmen sie ihn mit an den Strand.

Das Ergebnis von Hoffnung an sich
Und gleichzeitig ist es nicht damit getan, das wir als Menschen einfach das bekommen, was wir wollen. Es liegt ein Wert alleine im Hoffen, ein Wertschätzen der Sache an sich. Das, worauf wir hoffen, wird soviel bedeutsamer, langanhaltender, Ehrfurcht-gebietender, wenn wir darauf gehofft haben, wenn wir diese Sehnsucht gespürt haben und wenn es, gefühlt zumindest, durch stunden-, wochen- oder sogar jahrelanges Warten erworben worden ist.
Was der Grund ist, dass der junge Mann im Tatort keinen Wert darin sehen konnte, was er hatte, obwohl er alles hatte, wonach sich viele junge Menschen heute verzehren.
Das heißt dann vielleicht, dass der Wert einer Sache, oder eines Menschen, oder eine Beziehung, für uns gar nicht davon abhängt, wieviel es anderen Menschen wert wäre. Sondern in erster Linie, wie viel Sehnsucht wir dafür ins Spiel gebracht haben.
Wir nennen das ideelen Wert. Hoffnung gibt einer Sache ideelen Wert, mehr als wir uns vorstellen können. Hoffnung ist nicht einfach das Warten darauf, etwas zu bekommen – wie Kinder (und große Kinder) am Weihnachtsabend – sondern vor allem das innige 'Sich-eins-machen' mit dem, was kommen soll, und die begründete Zuversicht, dass es nicht ewig dauern wird, und dass es nicht nur ein vertrösten ist.
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Wir Menschen brauchen Glaube – wir haben das tiefe Bedürfnis, Transzendenz wahrzunehmen; wir brauchen Liebe – wir haben das tiefe Bedürfnis, nicht als Mittel zum Zweck, sondern wegen uns selbst gewertschätzt zu werden; und wir brauchen Hoffnung – die Sehnsucht nach etwas, von dem wir gewiss sind, dass es kommt, und das wir erwarten, und dem wir alleine durch das Warten schon wert geben.

God Bless,
Restless Evangelical

(Nächsten Freitag schreibe ich, wieso ich denke, dass die biblische Hoffnung gerade auf diese Eigenart des Menschen passt und darauf antwortet – sie gibt uns eine Hoffnung, die nicht blinder Optimismus ist, aber die uns gleichzeitig die tiefe unserer Sehnsucht erkennen lässt.)

* Nur um hier sinnlose Streitereien zu unterbinden: Ja, ich glaube, dass es eine absolute Wahrheit gibt, und glaube auch, dass Jesus 'der einzige Weg zu Gott ist'. Aber das ist hier nicht der Punkt.


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