Freitag, 31. Oktober 2014

Dazugehören, ohne zu glauben


Warum definierte Gemeinden nicht ausgrenzend sein müssen

Letzte Woche habe ich davon geschrieben, dass ich denke, dass die christliche Gemeinschaft der Ort ist, an dem wir sowohl Antworten finden können auf unsere ehrlichen, intellektuellen Fragen, und gleichzeitig Heilung finden können für die emotionalen Wunden, die uns oft noch von Gott abhalten. Doch einige von euch haben sich gefragt, ob man das auch einfach auf die Gemeinde übertragen kann.
Keine schlechte Frage, dachte ich. Denn ich habe ganz bewusst von 'Gemeinschaft' geredet, und hatte dabei Hauskreise und andere kleine Gemeinschaften im Sinn, in denen man sich bekannt genug ist, auch vertraut genug, um seine Wunden zu zeigen.
Nicht unbedingt ein klassisches Merkmal vieler Gemeinden; jedenfalls kenne ich nur wenige, sogar nur wenige Christen, die ihre Ortsgemeinde so definieren würden. Die Ortsgemeinde ist eher der Grund für viele Wunden, und der Urheber des 'trotzdem' im Satz: „Warum ich trotzdem noch glaube.‟
Warum das so ist, ist relativ einfach nachzuvollziehen. Die Gemeinde ist nicht perfekt, und den Anspruch hat sie gar nicht. Sie war immer die Verbindung von begnadigten Sündern, einer so selbstsüchtig wie der Andere, viele Heuchler dazu, und damit ziemlich gut ein Durchschnitt der Gesellschaft. Ein Problem ergibt sich vielleicht, wenn die Gemeinde mit einer moralischen Überheblichkeit auftritt, die zumindest vom Gefühl her an perfekt grenzt.
Was wir nicht sind.
Was kein Mensch ist, wenn wir es auf den Punkt bringen wollen.
Die Gemeinde war nie ein Ort von moralischer Perfektion (wenn auch ein Prozess von 'besser werden' sicherlich dazugehört), sondern von einer Weltsicht, die wir teilen, und die uns verbindet, mit den Schwächen die wir haben.
Und dann ist es die Weltsicht, die uns sanfter macht, herausgehen lässt zu allen Anderen, und die sie in unsere Gemeinschaft zieht.

Verbunden durch eine Überzeugung
Ich denke, eine Gemeinschaft, die sich ideologisch von anderen Gemeinschaften abgrenzt, ist an sich nichts schlechtes. Seit es Menschen gibt, gibt es solche Gruppen – unterschiedliche Weltsichten und Vorstellungen, wie man 'es' richtig machen würde, was auch immer 'es' in diesem Fall wäre. Unsere bunte Parteienlandschaft ist nur ein Beispiel dafür. Da sitzen intelligente, gebildete Menschen an beiden Enden des Spektrums, und die einen Raufen sich die Haare ob der Frage, wie der Andere auf solche hanebüchene Ideen kommen konnte.
Und niemand würde auf die Idee kommen, zu fordern, dass Sahra Wagenknecht die Generalsekretärin der CSU Fraktion werden sollte. Es würde nicht passen, weil die Sicht darauf, wie diese Welt funktioniert, nicht übereinstimmt.
Menschliche Gemeinschaften gruppieren sich immer um gemeinsame Interessen, oder Überzeugungen. Jeder Fußballclub wird nicht auf Grund des Pluralismus dazu verdonnert, auch Basketballspiele zu veranstalten. Und eine Partei darf ihre weltanschaulichen Grundsätze haben, und die Menschen, die sie teilen, dürfen eben eintreten oder nicht.
Mit der Gemeinde ist es nicht besonders anders, und mir will auch nicht aufgehen, wieso das in irgendeiner Weise anstößig ist. Jeden Sonntag, wenn hunderte von Millionen von Christen das Abendmahl feiern bringen sie zum Ausdruck, dass ihre Einheit, der Mittelpunkt ihrer Gemeinschaft, darin liegt, dass sie von dieser einen Sache überzeugt sind: Als Jesus vor 2000 Jahren am Kreuz gestorben ist und 3 Tage später wieder auferstanden ist, da hat durch dieses Ereignis der dreieinige Gott uns einen Weg geschaffen, in Gemeinschaft mit ihm zu treten.
Rettung.
Das ist es, was die Gemeinde als Institution eint, und es gibt keinen Grund, das aufzuweichen oder ganz aufzulösen. Mit den Jahrtausenden, in denen die Gemeinde existierte, haben sich diese Weltanschauungen verfeinert und wurden weiter ausformuliert, und manche sind noch weiter gegangen. Aber es war immer dieses Ereignis auf Golgatha, das die Gemeinschaft definiert hat.
Deswegen war es auch vom Anfang der Kirche den Leitern der Gemeinschaft wichtig, das Abendmahl nur denen auszuteilen, die sich zu denen zählen, die an den Tod und die Auferstehung Jesu glauben. Es ist unser definierendes Element, es ist im Kern das, was unsere Gemeinschaft ausmacht. Ich bin dein Bruder, und du bist meine Schwester/mein Bruder, weil du das gleiche glaubst und weil wir dadurch verbunden sind.

Offen, einen Schritt zusammen zu gehen
Aber selbst wenn die Gemeinde auf der einen Seite diese verbundene Gemeinschaft von Überzeugten ist – vereint durch die gleiche Überzeugung, wie Rettung möglich ist, und wie diese Welt beschaffen ist – ist es keine geschlossene Gesellschaft, von der ein Schild vor die Tür gehängt wird, um alle ungebetenen Gäste draußen zu halten.
Zumindest sollte sie es nicht sein.
Denn es ist genauso faszinierend zu sehen, dass es gerade die Anders-denkenden waren, die sich von Anfang an von dieser Botschaft angezogen gefühlt hat. Es ist die gegenkulturelle Botschaft von Gnade und Vergebung und Veränderung, die Menschen neugierig macht.
Als Jesus in Syrophönizien war, konnte er nicht versteckt werden (Mk 7,24b).
Als Paulus an die Gemeinde in Korinth schreibt, ist es für ihn gar keine Frage, dass Nicht-Christen in den Gottesdiensten sitzen (1Kor 14,23).
Als Paulus in Athen herumirrt, erkennt er, dass die Menschen Gott suchen, ihn nur nicht wirklich kennen (Apg 17,23f).
Irgendwie ist es faszinierend, dass es gerade dieses Element ist, das die Gemeinde auszeichnet gegenüber anderen (religiösen) Gruppierungen – das Evangelium, die Gnade Gottes, die Rettung durch Jesus – das die Menschen anzieht und nicht mehr gehen lassen will.
Es ist gleichzeitig die offene Tür wie auch der Grenzstein zur Gemeinschaft. Und ich denke, das hier das Geheimnis für eine gesunde und wachsende Gemeindearbeit liegt.
Weil im Evangelium – dem Verständnis, das wir in uns selbst sündiger sind als wir jemals gedacht hätten, aber in Christus geliebter, als wir jemals zu hoffen gewagt haben – nicht nur der attraktivste Teil der Gemeinde liegt, sondern genau der Grund, wieso die Gemeinde nicht in sich verwunden und verwurzelt bleibt, sondern aus sich herausreicht und Menschen in die Gemeinschaft einlädt (2Kor 5,20b).
Zu verstehen, dass wir aus Gnade leben und aus nichts anderem, macht uns deutlich, dass unsere Gemeinschaft sich nicht darüber definiert, dass wir besser sind als alle Anderen, die an den Kirchentüren am Sonntag vorbeigehen. Wenn wir Paulus ernst nehmen (1Tim 1,15), dann ist es eher wahrscheinlich, dass sie besser sind als wir. Aber nicht weniger bedürftig der Gnade, die sie haben könnten – die Gnade, die Freiheit schenkt, und Gemeinschaft stiftet, und Hoffnung bringt.
Mit einem solchen Verständnis von mir selbst, und von meinen Mitmenschen, kann ich nicht anders als davon überzusprudeln und auch davon zu erzählen. In dieser Sicht kann keine Kirchentür geschlossen bleiben, sondern nur aufgerissen werden mit dem Wunsch, dass die Gemeinschaft von vielen erlebt werden kann und jedem deutlich gemacht wird, dass Veränderung möglich ist.
Es ist dieser Ort, wo die Fragen gestellt werden dürfen, und wo die Wunden heilen dürfen. Wo man Gemeinschaft genießen darf, ohne die Überzeugungen zu teilen, und wo man nach und nach erkennen darf (intellektuell) und erleben darf (emotional), dass es Antworten gibt auf die tiefen Fragen, die das Leben stellt.
Man kann dazu gehören, ohne zu glauben.
Und irgendwann kommt der Moment, in dem das Brot an dich weitergereicht wird, und dir gesagt wird: Das ist Christi Leib, auch für dich gegeben.
Und du merkst, dass du zustimmst: Ja, ich glaube. Und bei allem anderen, Jesus, hilf meinem Unglaube.
Dann schmeckst und siehst du, wie freundlich der Herr ist.

God Bless,

Restless Evangelical

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