Donnerstag, 9. Oktober 2014

gelesen & geschätzt #12

Hat da nicht auch Augustinus etwas zu gesagt?
Rezension zu: Svigel, Michael J., Retrochristianity. Reclaiming the Forgotten Faith, Wheaton: Crossway 2012

Spiritualität ist etwas persönliches.“, ist eines der unangefochtenen Grundwahrheiten unserer westlichen Gesellschaft. Der extreme Individualismus' unserer Zeit hat Spiritualität zu einem persönlichen Erfüllungsweg gemacht und sie dabei von jeder objektiven Grundlage enthoben – mehr noch wird sogar in Frage gestellt, in wie weit überhaupt eine objektive Grundlage dafür gefunden werden kann.
Schleichend hat sich eine ähnliche Vorstellung von Spiritualität auch in den Evangelikalismus eingeschlichen. Doch der Individualismus im Evangelikalismus hat nicht die Frage nach einem objektiven Grund für unsere Spiritualität gestellt, als mehr die Frage danach, wie wir diesen objektiven Grund erkennen auf die Schultern des einzelnen gelastet. Jeder ist sein eigener Bibellehrer. Es ist ein gefährlicher Mix zwischen dem extremen Individualismus' unserer Zeit und einem falsch verstandenen „Priestertum aller Gläubigen“.
So in etwa kann man vielleicht die Grundthese von Svigels Buch zusammenfassen. Davon ausgehend plädiert er für ein 'Retro-Christentum', in dem wir uns für unsere Spiritualität mehr an der Geschichte des Christentums orientieren, und nicht länger so tun, als hätte mit uns die Heilsgeschichte angefangen.

Zurück zu den Wurzeln
Der Ansatz in RetroChristianity ist dabei relativ einfach. Svigel, das als Assistenzprofessor am bekannten Dallas Theological Seminary lehrt, zeigt darin auf, dass es eine Linie der Orthodoxie gibt, die von den ersten Christen nach der Auferstehung bis heute reicht. Mit Orthodoxie ist dabei gemeint „was alle, zu allen Zeiten, an allen Orten geglaubt haben“.
Diesen Kern der Orthodoxie gilt es wieder zu entdecken. Das Problem ist nämlich für Svigel, dass sich der Evangelikalismus, soviel wunderbares er darin sieht, von seinen Wurzeln entfernt hat. Historisch zeigt er auf, dass der Evangelkalismus, der aus den fundamentalistischen Gemeinden aus der Modernismus/Fundamentalismus-Debatte in den USA (also: Gresham und seine Kanonenbrüder) entwickelt haben, wie ein Kind ist, das ohne Vater aufwächst. Der Vater – für Svigel das historisch verbürgte Christentum – hat der Evangelikalismus verlassen zugunsten einer (über?) Betonung des Einzelnen.
Das Bild, das Svigel dabei verwendet, und das eine starke Bildgewalt hat, wie ich finde, ist das eine Melodie. Jesus habe sie, so spinnt Svigel die Geschichte, seinen Jüngern beigebracht und sie haben sie immer wieder gesungen und ihren Schülern weitergegeben. Irgendwann wurden die Noten vergessen und einige der Apostelschüler schrieben die Noten auf, damit auf die kommenden Generationen die Melodie noch singen könnten.
Im Evangelikalismus nun spielt jeder seine eigene Version der Melodie, auf Gedeih und Verderb, und oftmals mit dem Anspruch, wirklich zu der ursprünglichen Version zurückzukommen.
The result? The new reditions of Christianity can be linked to amateur musicians performing beethoven'sbeethoven'sh Symphony on ukuleles … and missing half the notes.“ (S.40)

Die Rückkehr zur ursprünglichen Melodie, für Svigel, führt nur über eine genaue Betrachtung der Kirchengeschichte. Sein Aufruf ist, die Kirchengeschichte bei unserer Frömmigkeit nicht zu verachten. Er plädiert dafür, die Kirchenväter wieder zu lesen, die Reformatoren zu studieren und auch die jüngere Kirchengeschichte nicht zu verachten (sprich: Moody, Whitefield, Wesley, Gresham, Warfield etc.)

Lass dich Herausfordern
In diesem Sinne kann das Buch eine wirkliche Herausforderung sein. Vor allem deswegen, weil unsere Kultur uns damit hat aufwachsen lassen, dass Spiritualität etwas zutiefst persönliches ist – etwas, über das man nicht redet, und das man irgendwie mit sich selbst ausmacht.
Und zu einem gewissen Teil ist das ja auch durchaus wahr. Jesus begegnet uns immer da, wo wir sind; wir müssen nicht erst einen langen Weg historisch zurückgehen, um Jesus begegnen zu können.
Doch evangelikale Spiritualität ist immer noch etwas zu glauben, eine Wahrheit zu entdecken – und mehr und mehr von ihr entdeckt zu werden. Wir sollten das nicht vergessen. Genau dafür plädiert Svigel.
Es kann manchmal schmerzhaft sein, seine eigenen – relativ fest gefahrene – Ansichten in Frage zu stellen; aber die Belohnung kann ein historisch verbürgter Glaube sein, eine Spiritualität, die sich in der Geschichte und einer langen Tradition von großen Denkern und weisen Leitern gründet, und nicht nur in der eigenen Erfahrung.

Vielleicht zu viel gefordert?
So sehr ich Svigels Ansatz schätze und unterstützen will, bin ich allerdings nicht sicher, wie praktikabel er am Schluss ist. Den Meisten fällt es schon schwer – und ich bin da oftmals eingeschlossen – regelmäßig in der Bibel zu lesen und im Gebet zu sein.
Das hat sowohl Motivations- als auch Zeitgründe. Ich frage mich, wie er es sich vorstellt, dabei noch das Studium der Kirchengeschichte einzubauen.
Er gibt dafür zwar praktische Hinweise, aber die scheinen mir, im Alltag stehend, eher vom grünen Tisch zu stammen als in der Realität erprobt. Für einen Studenten am theologischen Seminar mag der Griff zum griechischen NT, zu Augustinus und Justin dem Märtyrer vielleicht einfach erscheinen; aber ich kann mir nicht ganz vorstellen, in wie weit dieser Griff den anderen Christen beigebracht werden kann.
In diesem Sinne bleibt für mich von Svigels Buch vor allem die Herausforderung, dass ich als Leiter mich mehr mit der Tradition meines Glaubens befassen sollte; dass meine eigenen Eindrücke sich mit der Geschichte decken sollten – und wenn sie das nicht tun, ich dafür gute und stichhaltigere Gründe als nur ein Unwohlsein in der Bauchgegend haben sollte.
Das ist sicher auch ein guter Ansatz für jeden Anderen (meint: Nicht-Theologiestudent und/oder Gemeindeleiter und/oder Prediger). Nur, fordern kann ich das nicht.
4 von 5 Sterne

God Bless,


Restless Evangelical

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