Donnerstag, 16. Oktober 2014

gelesen & geschätzt #13


Das Mysterium wiederentdecken

Rezension zu: Bell, Rob & Kristen, The Zimzum of Love. A New Way of Understanding Marriage, San Francisco: HarperOne 2014

Um es vorweg zu nehmen: Ja, er tut es, und er braucht dafür nur einen halben Satz: 
„Marriage – gay and straight – is a gift to the world because the world needs more – not less – love, fidelity, commitment, devotion, and sacrifice.“ (S.16)

Nachdem damit die große Frage der konservativen Beobachter von Rob Bell beantwortet ist – ja, er stellt homosexuelle Partnerschaften mit heterosexuellen gleich – können wir uns dem Inhalt des Buches widmen, das Ende Oktober auf den Markt kommt, und von dem ich das Glück hatte, eine Kopie auf der Frankfurter Buchmesse zu ergattern.
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Der bekannte amerikanische Autor Rob Bell hat sich mit seiner Frau zusammen getan, um ein Buch über Ehe und Partnerschaft zu schreiben. Seit einigen Jahren ist er auf dem Weg, das Mysterium als integralen Bestandteil des Christentums wieder salonfähig zu machen. In seinem Buch Velvet Elvis hat er das für christliche Glaubenslehre allgemein gemacht, in Sex God hat er Sex zu etwas mystischem, spirituellem erhoben, in Love Wins hat er das Jenseits versucht als schönere, mystischere Geschichte zu erzählen, in What we talk about when we talk about God hat er versucht, Gott zu jemanden zu machen, den wir eher erahnen, als das wir ihn kennen, und mit The Zimzum of Love versucht er, deutlich zu machen, das Partnerschaft nicht ein Gentlemen's Agreement zwischen zwei Parteien ist, sondern eine energetische Kraft zwischen zwei Menschen.
„A while ago we came across an idea about the origins of the universe that made us think of marriage. We weren't aware that anyone had connected this idea with being married, and it got us thinking. The more we talked about it, the more this idea evolved into a new way of understanding marriage. We found ourselves thinking we should write a book about this.“ (S.vii; kursiv original)

Haben sie gemacht. Und die Idee ist das Zimzum. Eine Idee, die eigentlich aus der jüdischen Kabballa kommt und den Gedanken beschreibt, dass aus Rückzug Energie entsteht. Ein Kapitel verwenden die Bells auf diese Idee. Sie beschreiben, dass jüdische Rabbis aus dem 16.Jhd. mit der Idee aufwarteten, dass Gott, um einen Raum zu schaffen, der Nicht-Gott ist (eine Definition von Schöpfung), er seine Gegenwart aus einem Ort zurückziehen musste. Und diesen Rückzug nennen sie Zimzum, und erkennen darin die eigentliche Kraft, die die Schöpfung in Gang gesetzt hat.
Angewendet auf die Ehe beschreiben die Bells:
„As you intentionally create space for this person in your life and they create space in their life for you, this movement creates space between you – space that has an energetic flow to it. This flow in the space between you is like an energy field or an electric current.“ (S.4; kursiv und fett im Original)

Für die Bells ist es dieses mystische Energiefeld zwischen zwei Menschen, das eine Beziehung entstehen lässt und am Leben erhält. Und alles (wirklich alles) beeinflusst den Fluss dieses Feldes. In vier recht kurzen Kapiteln betrachten sie deswegen, dass dieses Feld responsive ist – was bedeutet, dass es auf die Probleme, das Glück, die Gespräche, die Erlebnisse, die Streits und alle anderen Dinge zwischen den beiden Menschen reagiert – , dynamic – was bedeutet, dass es in ständigem Fluss ist, weil die Rahmenbedingungen der Beziehung sich ständig ändern –, exclusive – was bedeutet, dass der Ort nur den Zweien gehört, die ihn durch Rückzug erschaffen haben –, und sacred – was bedeutet, dass er seine Energie an die Welt abgibt und die Zwei befähigt, Gott besser zu erkennen.
Eingeflochten in diese poetische Herangehensweise an die Ehe sind viele kurze Anekdoten aus dem Leben der Bells, wie sie sich kennengelernt haben und Ehe lernen mussten, die im Dialogstil geschrieben sind.

Was ihnen auch gelingt...
Man muss sagen, dass die Zielsetzung der Bells – die Ehe neu zu verstehen – ihnen durchaus gelingt. Sie erkennen eine mystische Dimension in der Beziehung zwischen zwei Menschen, die vorhanden ist und für diese wenig greifbare Dimension der Beziehung finden sie einige schöne Worte und Bilder. Sie geben einem Gefühl einen greifbaren Ausdruck, und dafür ist Rob Bell zumindest bekannt, wenn nicht sogar berüchtigt.
Man kann die ganze mystische Dimension mögen oder nicht. Das Problem wird wahrscheinlich darin liegen, dass viele Leser – gerade konservative Kritiker – an das Buch den Maßstab eines christlichen Ehehelfers legt. Tatsächlich ist aber von einem speziell christlichen Gott nicht viel die Rede in dem Buch, und ich würde es deswegen mehr als eine allgemein spirituelle Betrachtung der Ehe beschreiben. Tatsächlich wird es wohl keinem annähernd spirituellen Menschen schwer fallen, das Buch zu mögen und sich in die Sprache und Dialoge einzufühlen. Es macht Spaß zu lesen und lässt den Leser staunen davor, dass
„[o]f the seven billion people on the planet, why this one person? Whatever answer you give, it will be an answer that takes you deeper into the mystery.“ (S.119).

...nur etwas zu dünn.
Nur ist es das wahrscheinlich auch, an was dieses Buch hinkt. Es ist nicht wirklich ein Ratgeber, betrachtet Ehe auch nicht aus einer wirklich abgegrenzten Perspektive (sei es eine christliche, säkulare, muslimische, mystische etc.). Obwohl es schön ist, lässt es dich mit einem merkwürdigen Gefühl zurück. Während Rob Bells Sex God noch einige erstaunliche Teile über Einsamkeit und Alleinsein hatte, über Energie auch für Nichtverheiratete, handelt es sich bei diesem Buch einzig um eine romantische Betrachtung der menschlichen Beziehung. Sie sprechen auch die Hürden und Schwierigkeiten an, aber selbst die mir einem merkwürdig verklärten Blick.
Die Problematik, dass sich in der Ehe „Sünder sich das Ja-Wort geben“ wird gar nicht angesprochen, das energetische Feld zwischen zwei Menschen fast pan-en-theistisch zu einer Art Gott(esdienst) erhöht und der Leser bleibt am Ende mit dem Gefühl zurück: Schön, und jetzt?
Ich denke, das tiefere Problem mit dem Buch, ist dass es Ehe und Partnerschaft zu einer Art Atelier macht, in dem die Farbspritzer und schwitzigen, anstrengenden Phasen des Malens und des kreativen Schaffensprozesses weggewischt wurden. Alle Bilder sind schön ausgestellt, und man kann sich in sie hingeben und ihre Tiefe versuchen zu begreifen. Manche mögen in einer Phase der Melancholie entstanden sein, voller tiefer und schwarzer und kalter Farben, und man denkt, man könnte in die Seele des Malers sehen.
Partnerschaft – egal ob Ehe oder Freundschaft – ist aber nicht eine Ausstellung, sie ist Arbeit und sie ist praktisch und man tut sie, man bestaunt und betrachtet sie nicht nur.
Nicht, dass ich das Buch nicht empfehlen würde, es ist schnell gelesen, unterhaltsam und halt alles, was ein gutes Buch braucht. Nur, wer sich ganz praktisch fragt, wie das mit einer Partnerschaft eigentlich funktionieren soll, der sollte wohl eher zu Tim Kellers The Meaning of Marriage greifen. Oder, wer nicht soviel Zeit hat, findet praktischere, und von evangelikaler Spiritualität gefüllte Ratschläge in Philipp Bartholomäs Das Beste zur Hochzeit.

God Bless,
Restless Evangelical

Unterhaltung: 4 von 5 Sterne
Inhalt: 3 von 5 Sterne

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