Donnerstag, 23. Oktober 2014

gelesen & geschätzt #14


Wer ist Gott überhaupt?

Rezension zu: Enns, Peter, The Bible Tells Me So. Why Defending the Bible Made Us Unable to Read It, San Francisco: HarperOne 2014

Ich gebe gerne zu, dass ich an dieses Buch nicht objektiv herangegangen bin, es gar nicht wirklich konnte. Als ich vor ein paar Jahren Peter Enns' 'Incarnation and Inspiration' gelesen habe, immerhin das Buch, das ihn zu einer Persona non-grata gemacht hat am reformierten renomierten Westminster Seminary, war ich mehr als enttäuscht von der Lektüre. Mir schien der Ertrag nicht mehr zu sein als das Aufzeigen von problematischen Stellen & Zusammenhängen im Alten Testament und die Aussage, das die Evangelikalen irgendwie damit umgehen müssen. Vielleicht, indem sie Jesus auf die eine oder andere Weise im Alten Testament sehen.
Enns' neues Buch schlägt in dieselbe Kerbe; während 'Incarnation and Inspiration' allerdings noch ein eher akademisch angelegtes Werk war, ist 'The Bible Tells Me So' ein populärwissenschaftliches Buch.
Enns ist ein brillianter Autor. Die Stärke seines Humors wird in dem Buch mehr als deutlich, lockert die Lektüre auch merklich auf. Und weil der Humor sich nicht in erster Linie gegen seine theologischen 'Gegner' wendet, sondern eher mit kulturellen Referenzen blühen und sich oft um Sport und andere alltägliche Dinge drehen, kann man herzlich über Enns' Witze lachen, ohne einen schalen Nachgeschmack zu haben.
In diesem Sinne ist das Buch durchaus unterhaltsam. Auch die Kapitel sind erfrischend kurz, sodass es sich erstaunlich schnell liest und sich auch gut einmal zwischen einen abendfüllenden Film und dem finalen Zubett-Gehen quetschen lässt.
Zumal es auch immer wieder – und viele – Krümel von Wahrheit und Weisheit in dem Buch gibt, die mich meistens erinnert haben (weniger waren sie komplett neu für mich) und ich konnte mich an diesen Wahrheiten unheimlich freuen. Teilweise hat er es geschafft, mir die Schönheit und Größe christlicher Theologie vor Augen zu malen, sodass ich sogar Tränen in den Augen hatte.
Mein Problem mit dem Buch – und dem geschuldet ist auch die schlechte Bewertung – ist, dass er selbst diese Wahrheiten zerstört, und der Leser sich am Ende fragen muss: „Wer ist Gott denn überhaupt noch?“

Krümel von Wahrheit und Weisheit
Man muss bedenken, dass Enns' Zielgruppe eine bestimmte Form von amerikanischen Evangelikalen ist, die von einer bestimmten anderen Form von amerikanischen Evangelikalen desillusioniert ist. Man kann das gar nicht genug betonen. Die Diskussion, in die sich Enns' mit dem Buch einmischt, bezieht sich auf das leidige Wort 'Irrtumslosigkeit' und die Frage, was das eigentlich bedeutet.
In diesem Sinne finde ich Enns erfrischend. Die Probleme, die er in einer Bibliolatrie aufzeigt – der Anbetung der Bibel auf Kosten Gottes – sind wahr und auch aussprechenswert.
Jesus is bigger than the Bible.“ (Pos.2281)
Enns versucht in dem Buch aufzuzeigen, dass wir die Offenbarung Gottes nicht aus unserem Verstand ableiten sollten – und unser gelehrtes Verständnis der Bibel – sondern dass wir die Offenbarung Gottes von Jesus her und auf Jesus hin denken müssen. Oder, wie Luther es schon als Regel aufgestellt hat: Wir müssen die Frage stellen, ob (und wie) eine Schrift Christus verkündet (treibet...).
In den Kapiteln zeigt Enns mit akademischer Expertise (und die will ihm wohl niemand absprechen), wie die Apostel und Jesus selbst die Schriften des Alten Testaments teilweise auf kreative Art und Weise neu gedeutet haben, um sie um den Tod und die Auferstehung Jesu herum zu verstehen. Dabei betreiben sie manchmal nach modernen Standarts abenteuerliche Exegese. Aber „I don't think I'm really in a place to grade Jesus: I want to understand him.“ (Pos.2318)
In diesem Sinne möchte Enns sich einer Bibel widmen, die wir wirklich haben, und nicht einer, die wir uns in unserer (modernen) Vorstellung zurechtgelegt haben. Was ein lobenswerter Ansatz ist. Die Bibel als Produkt der Antike zu verstehen, als Schriften, die in die Antike hineingeschrieben wurde, mit den Voraussetzungen und Weltanschauungen, die die Menschen damals hatten, ist nichts Neues in der akademischen Theologie, aber sicher noch nicht überall bei den 'Mainstream-Evangelikalen' angekommen. Unser Verständnis von Irrtumslosigkeit muss sich an dem Messen, was wir an der Bibel haben.* Ein unausgewogenes Verständnis von biblischer Irrtumslosigkeit führt zu Erwartungen an die Bibel, die sie nicht erfüllen kann, die sie zu erfüllen gar nicht geschrieben wurde. Ich vermute, dass es nicht zuletzt eben an einem solchen unausgewogenen Verständnis der Bibel liegt, dass noch heute ein Großteil der Amerikaner aussagen, dass sie an einer irrtumslose Bibel glauben, aber nicht wissen, welche die vier Evangelien sind.
Besonders Enns Ausführungen zum Ringen mit der Bibel und dem 'Gott-Finden' gerade im Ringen haben mir das Herz aufgehen lassen. Enns schreibt zB.:
You can tussle with each other and with God (and win!), and it's all good. The back-and-forth with the Bible is where God is found. Enter the dialogue and you find God waiting for you, laughing with delight, ready to be a part of the back-and-forth.“ (Pos.3297; kursiv im Original).
Dass viele Christen ihre Bibel nicht mehr lesen, liegt, vermute ich, daran, dass sie keine schnellen Antworten darin finden, dass sie sich zu schlecht ausgebildet oder gebildet fühlen, um die Bibel wirklich zu verstehen.
Dass es im Ringen mit der Bibel und mit Gott liegt, das wir in der Beziehung mit ihm wachsen, sollten wir mehr und mehr in unsere Köpfe und auch in unser Herz lassen.

Nur können wir nie sicher sein.
Wenn ich alle diese wahren und auch schönen Teile des Buches betrachte, muss ich feststellen, dass ich sie auch nur deswegen feststellen kann, weil ich von der Möglichkeit ausgehe, dass wir Gott kennen können. Für Enns scheint diese Möglichkeit gar nicht gegeben zu sein. Wenn die Israeliten sich ihren Gott eben als eine Stammesgottheit vorgestellt haben, die andere Völker niedermetzelt, dann kann Gott damit leben. Hauptsache, sie benutzen überhaupt das Wort Gott.
Wir glauben das natürlich nicht mehr, sagt Enns.
Nur die Grundlage, warum wir das nicht mehr glauben, bleibt er uns schuldig.
Da ist natürlich dieser Jesus, der 'bigger' als die Bibel ist; dieser Jesus, um den sich alles dreht, was wir über die Bibel denken. Nur dass Enns nicht einmal genau definieren kann, wer dieser Jesus ist. Auf eine fast dialektische Widersprüchlichkeit gelingt es ihm, auf der einer Seite Jesus als Zentrum der Offenbarung Gottes hinzustellen, und gleichzeitig aufzuzeigen, dass die Evangelien an vielen Stellen die Unwahrheit über Jesus sagen (Geburt usw.). Aber wie soll ich mich an Jesus orientieren, wenn ich gar nicht weiß – wissen kann – wer Jesus eigentlich ist.
Das am tiefsten liegende Problem für mich mit diesem Ansatz, den Enns uns bietet, ist für mich, dass der Gott, den er uns dann vorstellt, nur wie eine transzendendierte Version von Peter Enns wirkt – mit seinen Wertvorstellungen, mit seinen Schwächen und Stärken und mit seiner Liebe für Geschichten und familiären Banden.
Das ist irgendwie schön, ohne Frage, aber eben auch nur irgendwie. In den Stürmen meines Lebens habe ich wenig Hoffnung, dass dieser Gott mir irgendetwas zu sagen hat. Ein Gott, der die Sprache über sich ständig verändert – oder besser: verändern lässt – der immer neue und sich widersprechende Geschichte über sich erzählen lässt, ist keine Gottheit, sondern das Produkt unserer Vorstellung.
Und selbst das Ringen mit der Bibel ist dann am Ende nicht viel mehr als mühsame Zeitverschwendung. Selbst wenn ich zu einem Ergebnis kommen würde und eine 'Wahrheit' über Gott fände, dann würde das nicht viel mehr sein als eine temporäre Einschätzung. Eine Geschichte, die Gott gerade über sich erzählen lässt, aber die ich in ein paar Jahren vielleicht ganz anders erzählen werde, und dann ist Gott eben ganz anders.
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Peter Enns schreibt in seinem Zusammenfassenden Kapitel: „So, right off the bat, I'm going with mystery as an operative category for talking about God. And I expect to be surprised by this God.“ (Pos. 3173)
Was ein nobler Zug ist. Einer, den ich befürworte und versuche, in meiner Spiritualität umzusetzen. Nur kommt es mir so vor, dass Enns und ich Mysterium in dem Fall anders beschreiben.
Für mich ist das Mysterium der Glaube, das Gott größer ist, als ich es begreifen kann, und immer noch anders, immer noch mehr als ich es begreifen kann. „Gott ist der Superlativ.“, habe ich es in dem Manuskript für mein erstes Buch ausgedrückt.
Für Enns bedeutet Mysterium die Annahme, dass wir Gott gar nicht kennen können, und dass darin auch gar kein Ziel für den Christen liegt.
Was für mich nicht nachvollziehbar ist, wenn ich an einen Jesus glaube, der gesagt hat: „Wenn ihr erkannt habt, wer ich bin, dann habt ihr auch meinen Vater erkannt. Schon jetzt erkennt ihr ihn und habt ihn bereits gesehen.“ (Joh 14,7; NeÜ).

God Bless,
Restless Evangelical


*Und nur um das klarzustellen: Das ist bei weitem nicht unmöglich. Kevin Vanhoozer hat der evangelikalen Bewegung dabei einen unschätzbaren Dienst erwiesen. Und schon Wenhams 'Jesus und die Bibel' zeigt Problemfelder und Lösungsmöglichkeiten auf.

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