Donnerstag, 30. Oktober 2014

gelesen & geschätzt #15

Die Beiden im Atmosphärenstrudel
Rezension zu: Nicholls, David, One Day, London: Hodder & Stoughton 2009

Meistens rezensiere ich ja englisch-sprachige theologische Literatur. Das liegt natürlich daran, dass ich solche Literatur am meisten lese, aber auch, dass mein Blog sich vornehmlich um Fragen der Spiritualität und unserer Reise Richtung Herrlichkeit dreht.
Ich lese eigentlich auch immer Romane und andere Literatur. Nur sind die wenigsten davon so umstritten oder berühren mich so tief, dass ich sie unbedingt an dieser Stelle rezensieren müsste. Aber hin und wieder begegne ich einem Roman, der mich gefangen nimmt. Das kann ganz unterschiedliche Gründe haben. Er kann spannend sein, sodass ich ihn nicht mehr weglegen kann. Oder die Geschichte erinnert mich an irgendetwas in meinem Leben. Oder ich fiebere mit den Charakteren mit, weil sie mir so schnell an das Herz wachsen.
Mit David Nicholls Überraschungserfolg 'One Day' war es alles das.
Allerdings erst beim zweiten Lesen.
Als ich One Day zum ersten Mal zu lesen begann, hatte ich das Gefühl, es sei nur ein weiterer britischer Roman, den ich nicht wirklich verstand. Wo kam dieser Hype um das Buch her? Ja, die Erzählweise war interessant, aber irgendetwas fehlte mir.
Es dauerte einige Monate, dass ich bei meiner Reise nach Indien in einem gelangweilten, etwas einsamen Moment wieder zu One Day griff, in der Hoffnung nach Abwechslung.
Und dieses Mal war es Emma Morley, die Protagonistin, (und ihr Zusammenspiel mit Dexter Mayhew) die mich in ihren Bann zog.
Und tatsächlich ist es diese Protagonistin gewesen, in der ich sowohl eine ergreifende Atmosphäre gefunden habe als auch den Dreh- und Angelpunkt der Erzählweise, die so neu ist, so erfrischend anders als man es kennt.

Die erfrischende Erzählweise
Obwohl das Buch chronologisch die Geschichte von Emma Morley und Dexter Mayhew erzählt und der Frage auf den Grund geht, ob die Beiden noch zueinander finden oder nicht, hat sich Nicholls für diesen Roman etwas spannendes ausgedacht. Als die Beiden sich zum ersten Mal begegnen, ist es der 15. Juli 1989 und sie kommen gerade von der Absolvierungsfeier ihrer Universität. Vorher hatten sie kein Wort miteinander gewechselt (wenn auch Emma ein wenig für Dexter schwärmte). Heute treffen sie sich und versacken bei Emma zuhause für einen One Night Stand, aus dem am Ende nichts wird, weil sie die ganze Nacht miteinander reden. Von diesem Tag an erzählt der Roman die Geschichte von Emma und Dexter immer am 15. Juli des kommenden Jahres, 20 Jahre lang. Jedes Kapitel ist dabei der 15. Juli eines neuen Jahres. In diesem Sinne sind die Kapitel immer Momentaufnahmen der Beziehung der Beiden, mit ihren Höhen und Tiefen und man bekommt einen kurzen Einblick darein, was in diesen Leben passiert, ob und wie sie noch miteinander verbunden sind.
Diese Erzählweise könnte schnell in einen ewigen Kreislauf von Günther-Jauch-gleichen Jahresrückblicken verfallen, in denen vollkommen unnatürlich die beiden Protagonisten in Dialogform sich auf dem Laufenden halten, was im letzten Jahr bei ihnen passiert ist und wieso sie wo gerade stehen. Doch Nicholls gelingt es auf gerade spielerische Weise, dass genau das nicht passiert. In dem Buch liest sich jedes Kapitel wie ein Tag, den man mit einem alten Freund verbringt. Man bringt sich dabei nicht unbedingt auf den neuen Stand, selbst wenn man sich lange nicht gesehen hat, sondern es ist einfach wie immer. Und alleine durch die Interaktion miteinander, durch die veränderten Charaktereigenschaften erkennt man, was im Leben des Anderen passiert ist, man leidet ein wenig mit ihm oder freut sich, und wenn man sich verabschiedet weiß man nicht, für wie lange. Nur kann man sicher sein, dass es beim nächsten Treffen wieder genauso sein wird.

Die ergreifende Atmosphäre
Was vielleicht noch mehr anziehender an dem Roman ist die Atmosphäre, die sich zwischen Emma und Dexter entfaltet und bis zum Schluss kein wirkliches Ventil findet. Es wird fast wie ein Strudel, in den man hineingezogen wird, wobei diese Metapher eigentlich viel zu negativ ist.
Man hat nämlich nicht den Eindruck, dass die Beziehung der beiden ein katastrophales Ende nehmen würde; aber genauso wenig findet man wirklich Optimismus, dass sie zueinander finden. Und gerade daraus wird eine Spannung geboren, die den Leser abholt und nicht wieder loslässt. Es ist eine Spannung, der aus der universalen Frage nach Liebe und Annahme geboren wird und aus der Sympathie, die man für die beiden Protagonisten empfindet.
Es ist das Lernen müssen, dass man ohne einander nicht leben kann, aber genau das lernen muss. Das Beginnen wertzuschätzen, was man an dem Anderen hat, und zu wissen, dass er existiert und dass er auch weiterhin existieren wird, nur eben vielleicht ohne mich. Und das ist auch gut so, weil es genau diese Unabhängigkeit ist, in der man aneinander wächst.
Gleichzeitig ist der Roman ein Gesellschaftsportrait. Die Sicht auf die Gesellschaft ist nicht kulturpessimistisch, aber auch nicht von einem blinden Optimismus beseelt. Nicholls wirkt eher wie ein liebevoller Kritiker seiner (und der etwas jüngeren) Generation, mit ihren Schwächen und ihren Stärken. Er zeigt dabei auf, welche Probleme hausgemacht sind, welche man vermeiden könnte, und aus welchen man vielleicht einen Ausweg finden könnte. Gerade diese Dimension am Roman hat mich in seiner liebevollen und dezent kritischen Art sehr begeistert. Zu oft fungiert die Literatur als ein Lobeshymnus an das gerade Gängige, oder als Fundamentalkritiker an das, was vor fünf Minuten noch der Ausweg aus der Misere war. Nicholls ist anders. Durch die Figuren, die er erschafft, und die Situationen, in die er seine Figuren hineinlaufen lässt, wirkt er wie ein Beobachter, der nicht kritisieren will, aber helfen. Man kann ihm mehr Lebensweisheit unterstellen als es sein durchschnittlicher Leser hat, und wahrscheinlich liegt gerade darin die Faszination des Romans.

Was den Roman ausmacht.
Nicholls zeigt in diesem Roman ein unheimlich amüsierendes Gespür dafür, surreale Situationen zu benutzen, um seine Geschichte weiterzuspinnen.
Da ist zum Beispiel (und ich nehme hier nicht den Lesespaß vorweg! Kommt bloß nicht auf den Gedanken!) das dauerhaft unausgesprochene 'Ich liebe dich' zwischen Emma und Dexter. Dadurch, dass Nicholls einen introspektiven Erzähler einnimmt, wissen wir um die Gedanken und Gefühlswelt von Dex und Em, und man fragt sich wirklich, was sie es endlich sagen.
Und dann kommt endlich der Punkt, an dem es einer zum Anderen sagt, in einem der deprimierendsten und traurigsten Kapitel des Buches, mit dem Zusatz: „I just don't like you anymore.‟
Was genauso frustrierend, wie traurig und genial ist.
Nachdem ich dieses Ventil endlich erreicht hatte in dem Buch, musste ich das Kapitel noch einmal lesen, nur um die Atmosphäre noch einmal zu erleben und zu verstehen, was diesen Satz endlich herausgekitzelt hat und wie dieser Satz („I love you‟), der zu den schönsten der poetischen Sprache gehört, so furchtbar schief gehen konnte.
Wie konnte aus einem Picknick bei Sonnenuntergang ein Autounfall werden (emotional gesprochen?)
Es ist diese Art zu erzählen, die den Roman ausmacht und die mich in den Bann geschlagen hat.
Fünf Jahre hat sich der Autor danach genommen, zum Teil aus Angst, zum Teil weil er es einfach konnte, um seinen nächsten Roman zu schreiben. „Us‟ ist vor einem Monat auf dem Markt erschienen und seit ein paar Tagen auch in Deutschland auf englisch zu erhalten (die Übersetzung gibt es schon etwas länger).
Es gibt schon Rezensionen, die davon sprechen, Nicholls hätte One Day noch einmal übertroffen. Aber ich zweifele noch. Nicht, weil ich Nicholls als Autor nicht alles zutrauen würde. Sondern vor allem, weil ich gerade nichts wüsste, was man an One Day steigern könnte. Näheres dazu, wenn ich das neue Buch gelesen habe.
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Für One Day gilt: Wer es noch nicht gelesen hat, sollte sich eine Woche Urlaub nehmen und in der Geschichte versenken.

God Bless,

Restless Evangelical

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