Freitag, 24. Oktober 2014

Komm und sieh.


Der Stellenwert von Zweifel in der Gemeinde

Wie ich vor Kurzem zu einem neuen Freund gesagt habe: „Ich liebe Fragen.“ Das liegt vielleicht daran, dass ich mit der nagenden Vermutung lebe, dass es da noch wichtige Informationen gibt, die ich gar nicht bedacht habe.
Für mich war es ein wichtiger Schritt zu verstehen, dass Gott mit meinen Fragen klarkommen kann, und dass ich ihn nicht lästere, oder klein mache, wenn ich begreife, dass ich noch nicht alles begriffen habe. Solche Fragen haben weniger etwas damit zu tun, dass ich Gott klein mache, als dass ich mir meiner eigenen Limitierungen bewusst werde und in dem Vertrauen wachse, Gott einfach Gott sein zu lassen, und ihm nicht Ratschläge geben zu müssen, wie es es besser machen könnte. Später war es genau dieses Verständnis von Gottes Größe auch (und gerade) in unseren Kämpfen, das ich weitergeben wollte.
Wenn ich aber sage, dass ich Fragen liebe, dann meine ich damit nicht die Frage an sich, als wäre sie ein Ziel in sich selbst, als wäre die Frage selbst ein wertvolles Gut. Ich liebe Fragen wegen dem, was sie mit mir machen, wie sie mir eine Möglichkeit bieten, Gott aus einer anderen, neuen Perspektive zu sehen und zu erkennen. Ich liebe Fragen, weil es Antworten auf sie gibt, selbst wenn ich sie gerade nicht nicht sehen kann. In diesem Sinne liebe ich die Frage eigentlich nur als Mittel zum Zweck. Ich liebe die Frage, weil ich auf Antworten vertraue.
Weswegen ich denke, dass die Gemeinschaft von Christen ein Ort sein sollte, in der ehrliche Fragen erlaubt sein sollten. Es geht nicht darum, bei der Frage zu bleiben, sondern über sie hinaus zu gehen und um eine Antwort zu ringen.
Mit diesem Artikel möchte ich versuchen, zu zeigen, wieso die Gemeinschaft von Christen zu einem sicheren Ort für Fragen sein soll, weil ernst gemeinte Fragen gut sind. Aber dass nur in der Gemeinschaft, die wir entwickeln, wenn wir die Gnade Gottes Stück für Stück und mehr und mehr und von Mal zu Mal persönlicher begreifen, nicht nur unsere intellektuellen Zweifel eine Antwort finden, sondern auch unsere emotionalen Zweifel zur Ruhe kommen können.

Intellektuelle Zweifel und emotionale Zweifel
Nun muss man sehen, dass es beim Menschen normal zwei Arten von Zweifeln gibt, wenn es um Spiritualität geht.
Da sind zum einen die intellektuellen Zweifel, die jeder von uns kennt, ganz egal ob du Jesus kennst oder nicht. Die Fragen sind meistens historischer, oder öfter noch philosophischer Natur. Es geht um Gerechtigkeit und Leid, um historische Belege und die Fragen, ob Gott das wirklich zulassen kann. Sie sind nagend, und lassen einem manchmal vor kreisenden Gedanken kein Auge zu machen in der Nacht.
Sie sind meistens auch deswegen nagend, weil sie an den Wahrheiten rütteln, die nicht nur unser Bild von dieser Welt im Rahmen halten, sondern unser Lebensgefühl im Kern bestimmen. Manche Wahrheiten sind uns so wichtig, dass wir sicher sind, unser Lebensglück zu verlieren, wenn wir die Wahrheiten verlieren. Und deswegen sind intellektuelle Zweifel oftmals zu nagend. Sie stellen nicht nur eine Überzeugung in Frage, sondern oft unseren Lebensentwurf.
„Wie sind die Liebe und Allmacht Gottes vereinbar mit dem vielen Leid?“ heißt dann eigentlich: „Wie kann ich Gott vertrauen, wenn er nicht einmal diese Welt im Griff hat?“
„Wie soll die Bibel irrtumslos sein, wenn sie so viele Widersprüche enthält?“ heißt dann eigentlich: „Gibt es irgendetwas, dass mich sicher machen kann, dass Gott wirklich so ist?“
Denn neben den intellektuellen Zweifeln gibt es das, was ich gerne emotionale Zweifel nenne. Dabei geht es darum, dass man zwar intellektuelle Fragen nennt, aber die eigentlichen Fragen und nagenden Einwände gegen das Christentum tiefer liegen, auf Seelen-ebene und nicht im Kopf. Dort liegen die tiefen menschlichen Bedürfnisse nach Liebe/Bedeutung, nach Glaube/Spiritualität und nach Hoffnung und einer Perspektive für die Zukunft. Wir haben zu viele Erfahrungen gemacht, die unsere Erwartungen und Wünsche auf diesen Ebenen enttäuscht haben, und deswegen ist das 'Sich-Einlassen' auf Gott umso schwerer. Es sind die alten Verletzungen, oft hervorgerufen von Kirche und Christen, die uns daran Zweifeln lassen, ob dieser Glaube an einen Gott, der alles auf Anfang dreht, und jetzt für immer, wirklich stimmen kann.
Wir nennen es intellektuelle Zweifel, aber die Frage hinter der Frage sind eigentlich die Fragen nach einem guten Gott, und unserer Beziehung zu ihm, und wie wir Hoffnung finden können, die mehr ist als blinder Optimismus.

Das Evangelium sichtbar machen
Mark Dever hat ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Die Gemeinde ist das Evangelium in sichtbarer Form.“ (The Church. The Gospel Made Visible, Nashville: B&H Publishing 2012), was ich einen faszinierenden Gedanken finde. Ich verstehe ihn vor allem auch als Aufforderung an die Gemeinschaft von Christen: Zeigt durch eure Gemeinschaft, was das Evangelium ist.
Das Evangelium bringt Heilung in die zerstörte Beziehung zweier Gruppen (vgl. Eph 2,14)
Das Evangelium schließt vergebende Arme um den rückkehrenden Sünder (vgl. Lk 15,20)
Das Evangelium bricht den Stolz der hochmütigen und zeigt uns die Realität, was es bedeutet, seinen ganzen Wert aus der Gnade Gottes zu ziehen (vgl. 1Pet 5,5)
Das Evangelium rechtfertigt, was ungerecht ist, weil Gnade größer ist als Gericht (2Kor 5,21)
Das Evangelium zeigt sich dem Zweifler als Teil der Gemeinschaft. (vgl. Joh 20,19ff)
Die ehrlichen Fragen eines wirkliche Suchenden beinhalten die Möglichkeit, die Frage auch zu beantworten. Nicht von einer Position der Überheblichkeit heraus – als würde der Pastor/Leiter/Freund alles wissen – sondern auf der Position der Anteilnahme heraus; weil wir auch an dem Ort waren, oder noch sind, und weil wir dafür gemacht sind, gemeinsam um die Antworten zu ringen und uns gegenseitig ein Stückchen weiter zu tragen, wenn die Fragen zu groß werden.
Wenn wir daran glauben, dass im gemeinsamen Ringen auch das Versprechen liegt, dass am Ende der Fragen ein stärkerer, robusterer Glaube steht, dann ist es die Unsicherheiten wert. Und gleichzeitig erinnert uns die Gemeinschaft als Christen immer wieder daran, dass keiner von uns besser ist, wertvoller oder wichtiger, als der Andere. Durch ein solides Verständnis des Evangeliums – dass ich zwar in mir selbst sündiger und selbstsüchtiger bin, als ich jemals gedacht hätte, aber in Christus geliebter bin, als ich auch nur zu hoffen gewagt hätte – werden wir von Mal zu Mal erinnert, dass wir alle den selben Wert besitzen, weil dieser Wert uns zugesprochen und geschenkt wird, und nicht aus unseren Leistungen kommt.
Was irgendwie wunderbar ist, finde ich.

Zugehören bevor man glaubt?“
Und jetzt gibt es neben den Fragen, bei denen wir um Antworten ringen, vor allem die Fragen, in denen wir um unsere Existenz ringen. Sollte Gott wirklich...? Könnte Gott nicht vielleicht...? Und wo finde ich Glaube, Liebe und Hoffnung?
Und, tiefer noch, wie kann ich an einen Gott glauben, dessen selbst-bezeichnete Nachfolger mich so tief verletzt haben? Oder von dem selbst ich mich verletzt fühle?
Was genau der Punkt ist, an dem christliche Gemeinschaft einsetzt. Weil christliche Gemeinschaft nicht einfach sagt: „Lass mich dir beschreiben, wie es hier drin aussieht, damit du eine Eintrittkarte kaufst.“ Wir machen keine Werbung für den Glauben.
Wir laden zu ihm ein.
Wir sagen nicht: „Hier ist ein Bild, willst du nicht kommen?“
Wir sagen: „Komm und sieh selbst.“
Was gleichzeitig erhebend und ernüchternd ist. Es ist ernüchternd, weil jeder von uns genau weiß, dass wir dazu gar nicht in der Lage sind. Die Besten von uns haben schlechte Tage, und egal wie sehr wir und um Weisheit und Ausgewogenheit bemühen, wir verletzten einander. Aber es ist erhebend, weil wir erleben können, dass gerade in unseren Schwächen, in den Momenten, in denen wir Andere – bewusst, oder unbewusst – verletzten, die Gnade ihr volle Kraft entfaltet. In dem Vertrauen, dass nicht wir es sind, die die Gemeinschaft bauen, sondern Gott selbst, der mit Vergebung und Gnade und Gerechtigkeit in unserer Mitte Wohnung nimmt.
Es geht nicht darum, dass wir einen Kreis bilden, in dem wir uns gegenseitig ermutigen, sondern dass wir den Kreis öffnen, und Menschen einladen, die Antworten auf ihre Fragen mit uns gemeinsam zu finden. Was nicht immer einfach ist, und auch nicht immer sofort von Erfolg gekrönt ist.
Aber weil wir vertrauen, dass es Antworten gibt, begeben wir uns auf den Weg.
Weil wir nicht perfekt sind, vertrauen wir darauf, dass die Gnade Gottes größer ist als unsere Fehler.
Weil wir Vertrauen, dass Gott gerecht und gut ist, werden wir auch immer sicherer, dass es ein Morgen gibt.
Was irgendwie wunderbar ist, finde ich.

God Bless,

Restless Evangelical

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