Freitag, 3. Oktober 2014

Mit Freude hoffen (2. Teil)


Vor- und Nachteil von Balance und Unausgewogenheit

Der amerikanische Theologe und Neutestamentler Thomas Schreiner hat in einem Interview zur Veröffentlichung seines neuen Buches gesagt:
Wenn wir das 'schon jetzt aber noch nicht' nicht verstehen, dann werden wir ganz einfach die Bibel nicht verstehen – können es gar nicht.“ (Quelle; deutsch durch mich)
Schon jetzt aber noch nicht“ ist eines der wichtigsten Aspekte einer gesunden Herangehensweise an die Verheißungen der Bibel. Gemeint ist, dass wir auf der einen Seite 'schon jetzt' die Verheißungen Gottes Wirklichkeit sind (vgl. 2Kor 1,20). Gleichzeitig müssen wir uns aber auch klar machen, dass ein Sonnenaufgang noch keinen ganzen Tag macht. Wir sehen die ersten Auswirkungen, wir riechen den ersten Duft von Frühling, aber noch sind die Knospen nicht aufgegangen. Noch warten wir auf die Vollendung der Verheißungen (vgl. zB Röm 8,20ff)
Wir wissen, dass Gott einmal alles wieder auf Anfang stellen wird, und jetzt für immer.
Das wissen wir, weil wir an die Auferstehung Jesu glauben; weil wir denken, dass er der Erste ist, und dass wir einmal ihm gleichgestellt sein werden.
Schon jetzt Wirklichkeit, noch nicht vollendet.
Damit spricht die Hoffnung, die wir in der Bibel finden, genau den Teil in uns als Menschen an, der sich nach Hoffnung seht. Letzte Woche habe ich versucht, aufzuzeigen, wieso Hoffnung ein integraler Bestandteil des menschlichen Wesens ist. Heute will ich zeigen, wo der Vorteil einer einer gesunden Balance in der Hoffnung liegt.

Der Nachteil von Ungleichgewicht in unserer Hoffnung
Vor einiger Zeit bin ich einem jungen Mann begegnet, der sehr gewinnend sein konnte. Wenn er davon geredet hat, wie er sich vorstellt, was Kirche sein sollte in unserer Zeit, dann hat er viel davon geredet, dass die Kirche (gemeint war, schätze ich, die weltweite Kirche Gottes, die Christen allgemein) verstehen muss, dass sie alles schon in Jesus hat.
Mit dieser Annahme durch die Welt zu gehen macht dich frei, war die Annahme.
Und ich bezweifele nicht, dass es wirklich so ist. Mit der Annahme durch die Welt zu gehen, dass du alles, wonach du dich sehnst, schon jetzt besitzt, macht dich frei von Sehnsucht und Angst vor Versagen.
Der Nachteil ist, dass es sich um ein Wunschdenken handelt, das weder von der Realität abgedeckt ist, die wir Tag für Tag erleben, noch von dem abgedeckt ist, was wir in der Bibel lesen. Thomas Schreiner fährt nach dem o.g. Zitat fort:

„Das Reich Gottes kommt zum Beispiel durch das Wirken Jesu auf die Erde: Die Toten werden auferweckt, Dämonen ausgetrieben, die Kranken finden Heilung. Das Reich des Teufels wird zerstört! Die Autoren der Evangelien machen deutlich, dass der Sieg über die Sünde und den Teufel vollbracht wurde durch den Tod und die Auferstehung Jesu.Aber was bedeutete es für uns heute, dass das Reich Gottes gekommen ist? Denn schlussendlich ist Krankheit immer noch weitverbreitet, der Tod scheint weiterhin zu regieren, und der Teufel ist auch weiterhin am Leben und Wirken. Die Antwort auf diese Frage liegt im „Schon Jetzt aber Noch Nicht“. Das Reich Gottes ist in Jesus schon angebrochen, und durch den Heiligen Geist – unter anderem – es ist auch schon hier. Jesus ist auferstanden, aber wir warten auf den Tag unserer eigenen Auferstehung – den letzten Tag, wenn die Krankheiten, Dämonen und der Tod selbst nicht mehr existieren werden.“ (Quelle, deutsch durch mich)
Der Nachteil von einem Ungleichgewicht in dieser Frage liegt allerdings nicht nur darin, dass wir die Bibel nicht richtig verstehen – so hart das auch sein mag – sondern vor allem, dass unsere Spiritualität dabei in eine ganz ungünstige Richtung gelenkt wird.
Wenn man auf der einen Seite nur das „Noch nicht“ betont (ob in der Predigt, auf dem Blog, oder in der eigenen, privaten Spiritualität), dann führt es zu einem deprimierenden Pessimismus. In dem Fall können wir nicht mit dem Prediger sagen: „Iss dein Brot und trink deinen Wein mit frohem Herzen!“ (Pred 9,7a; NeÜ) weil und die Schwierigkeiten und Unvollkommenheiten dieser Gegenwart immer vor Augen sind. Wir wären dann nicht „hier“, sondern immer in der Zukunft, nicht in der Lage, das Wahre, Schöne und Gute schon jetzt und hier zu sehen.
Ähnlich verhält es sich, wenn wir nur das „Schon jetzt“ betonen (und das gilt auch, wenn man prinzipiell die andere Seite bekennt, aber sie nicht erwähnt). In diesem Fall gehen wir triumphalistisch durch die Welt und halten das Leid und die Krankheit entweder für Illusionen, oder für Dinge, die den Christen nichts anhaben können. Was nicht der Realität entspricht, und spätestens dann zu einem ernsthaften Problem wird, wenn man selbst davon betroffen wird. Es führt uns auch zu einer Hartherzigkeit gegenüber Christen und Anders-denkenden, die mit verschiedenen Hürden und Schwierigkeiten zu kämpfen haben; denn im Grunde ist doch 'schon jetzt' besiegt, womit sie noch kämpfen.
Nun bringt uns aber eine gesunde Balance nicht nur den Vorteil, weniger Nachteile zu haben. Es liegen auch klare Vorteile in einer Balance von 'Schon jetzt, aber noch nicht'

Der Vorteil von einer gesunden Balance.
Eine gesunde Balance in unserem Verständnis der Hoffnung, die auf uns wartet, ist nicht nur wichtig, um die Nachteile zu vermeiden, die ich oben angerissen habe, sondern hilft uns auch, auf gesunde Weise mit den guten und schwierigen Stationen unseres Lebens umzugehen.
Das liegt vor allem darin, dass das 'Schon jetzt aber noch nicht' zutiefst in Jesus gegründet ist, sich um ihn herum dreht, und von ihm ausgeht.
Eine 'Schon jetzt aber noch nicht' Hoffnung geht davon aus, dass Jesus das „Ja“ zu den Verheißungen Gottes ist (2Kor 1,20); er stellt sich dazu, erfüllt sie, verspricht es, und gibt nicht auf, bis alles erfüllt ist. Eine solche Hoffnung ist nicht einfach ein blinder Optimismus, sondern gegründet auf die Zusage einer Person, die sich immer wieder als Vertrauenswürdig erwiesen hat.
Gleichzeitig erkennen wir, dass die Verheißungen beginnen, Wirklichkeit zu werden, weil wir glauben, dass Jesus auferstanden ist. Wie ein Autor es mal ausgedrückt hat: „Wir beginnen überall die Zeichen des Frühlings zu entdecken.“ Wenn der auferstandene Jesus der Erste unter Vielen ist, dann hat es wirklich eine Bedeutung, dass die Auferstehung wirklich passiert ist. Wenn wir verwandelt werden in das Bild des auferstandenen Jesus, Schritt für Schritt, dann ist die Aussage einer Freundin von tiefer Bedeutung für mich: „Irgendwie funktioniert Jesus wirklich. Ich verändere mich, obwohl ich es nie wollte.“
Und nicht nur das, wir halten uns an die Hoffnung fest, wenn die Zeichen einmal nicht nach Erfüllung aussehen. Wir halten daran fest, weil wir überzeugt sind, dass die Erfüllung schon begonnen hat. „Noch eine kurze Weile.“, flüstern wir uns zu und finden Trost nicht in einem Wunschtraum, sondern in der Gemeinschaft der Reisenden, die mit uns in Richtung Herrlichkeit unterwegs sind. Paulus drückt es so aus:
[Gott] ist der Vater von unendlichem Erbarmen und ein Gott voller Trost. In allem Druck, unter dem wir stehen, ermutigt er uns, damit wir unsererseits die ermutigen können, die irgendwie bedrückt werden.“ (2Kor 1,3f; NeÜ)
Evangelikale Spiritualität ist keine Einzelsportart, nicht für wandernde Wölfe, die grummelig und in der Einsamkeit sind selbst suchen. Evangelikale Spiritualität ist eine Gemeinschaftshoffnung, in der wir uns gegenseitig ermutigen und immer wieder auch ein Stück tragen – oder getragen werden – wenn die Hoffnung einmal schwindet.
Mit den schönen Seiten des Lebens ist es nicht anders. Eine gute Balance von 'Schon jetzt aber noch nicht' lässt und in den Momenten, in denen das Leben ewig und reich zu sein scheint, durchatmen, dankbar sein für diesen Moment; nicht, weil das schon alles ist („Your Best Life Now“ ist nicht viel mehr als eine traurige, pessimistische Formel!), sondern weil es uns einen kleinen Vorgeschmack, ein spitzmäusischen Blick in die Freude und Herrlichkeit gibt, die wir erwarten und auf die wir hoffen.
Nicht, weil wir es uns besser vorstellen.
Sondern weil es uns versprochen ist.
Nicht, weil wir diese Welt verlassen wollen.
Sondern weil wir sie verändert sehen wollen.
Nicht, weil wir diese Gegenwart nicht aushalten.
Sondern weil wir das Leben lieben, und sehen, dass es noch nicht perfekt ist.
Nicht, weil wir hier keine Schwierigkeiten und Durststrecken zu erleben haben.
Sondern weil wir uns gegenseitig erinnern:
Gott setzt einmal alles wieder auf Anfang – und dann für immer.“

God Bless,
Restless Evangelical

P.S. Originalzitate:

1. Zitat Thomas Schreiner
If we don't understand the already but not yet, then we simply won't and can't understand the Scriptures.“

2. Zitat Thomas Schreiner
For example, when the kingdom comes in Jesus' ministry, the dead are raised, demons are cast out, and the sick are healed. Satan's kingdom is overthrown! The Gospel writers clarify that victory over sin and Satan are due to Christ's death and resurrection.
But what does this mean for us today if the kingdom has come? After all, sickness is rampant, death seems to reign over all, and Satan is alive and well. The answer is the already but not yet. The kingdom has arrived in Jesus and, among other things, the gift of the Spirit demonstrates that the kingdom has come. And yet there's an eschatological proviso. Christ is risen, but we await the day of our resurrection—the final day when disease, demons, and death are no more.“


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