Freitag, 10. Oktober 2014

Mit Freude hoffen (3.Teil)


Hoffnung ist, was mich zum Christ macht

Als ich vor einigen Wochen gefragt wurde, wieso ich eigentlich Christ bin, habe ich ein wenig herum gedruckst. Nicht, weil ich keine Antwort auf die Frage hatte; eher, weil ich zu viele hatte. Was wollte sie denn hören?
Dass ich in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen bin? Ja, aber das bedeutet ja nicht, dass ich nicht eine eigene Spiritualität entwickeln musste.
Dass ich rationale Gründe habe, an die Auferstehung Jesu zu glauben? Nun, die habe ich, aber das ist ja nicht der eigentliche Grund, warum ich Christ bin. Eher ein Grund, warum ich noch Christ bin.
Manchmal ist man nicht so schlagfertig, wie man es gerne wäre. Nachdem ich einige Zeit darüber nachdenken konnte, weiß ich jetzt, was ich sagen würde.
Ich bin Christ“, würde ich sagen, „weil ich nirgendwo eine größere Hoffnung gefunden habe.“
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Ich würde sagen:
Weißt du, ich glaube, dass Hoffnung etwas ist, das essentiell dazu gehört, um das Leben als Mensch zu erleben; Leben in seiner Fülle und in seiner ganzen vibrierenden Schönheit erlebt nur der, der Hoffnung hat.
Und Hoffnung, meine Liebe, ist nicht nur Optimismus. Hoffnung ist nicht irgendein schwammiges 'Das Gute sehen, auch wenn die Umstände schwer sind'.
Hoffnung ist viel mehr. Hoffnung ist Vertrauen, dass die Gnade gewinnt, und das Gott wieder alles auf Anfang dreht, und das es jetzt für immer ist.
Hoffnung ist mehr.
Ich stelle mir vor, wie du mich groß ansiehst, und mich fragst, was das denn bedeutet. Was bedeutet es, dass Gott alles auf Anfang dreht. Was bedeutet es, dass es jetzt für immer ist?
Und ich kann dich verstehen.
Wie soll ich das glauben können, mit meinem kleinen Verstand, mit meiner Imagination, der Bildkraft in meinem Kopf, die nur so begrenzt ist, wenn dahinter ein Gott steht, der nicht die Welt geschaffen hat als ein abstraktes Konstrukt, sondern der das Rot und das Gelb und das Blau geschaffen hat, in der die Tulpen im Sommer blühen. Ein Gott, der uns zu emotionalen Wesen gemacht hat, uns fähig gemacht hat, nicht nur Menschen zu kennen, sondern unsere Seelen miteinander zu verbinden, zu fühlen, was der andere fühlt, einfach weil wir irgendwann die Entscheidung getroffen haben, unsere Seelen miteinander zu verbinden. Liebe.
Wie kann ich die Hoffnung beschreiben, die ein Gott erdacht hat, der das alles geschaffen hat?
Du nickst jetzt, denkst: Natürlich, Christen. Sie reden schön, aber wenn man an der Oberfläche kratzt, dann ist nichts dahinter.
Gib mir noch einen Moment.
Weil ich dir beschreiben kann, was diese Hoffnung ist, aber dafür müssen wir einen kurzen Schlenker machen.
Was hast du erlebt in deinem Leben, das dich verletzt hat? Oder hast Andere verletzt? Wann hast du das letzte Mal einem anderen Menschen sagen müssen, dass du seine Gefühle nicht erwidern kannst, und du hast die Tränen in seinen Augen gesehen und gedacht: „Das ist doch nicht richtig! Auch wenn er es übersteht, das ist nicht richtig.“
Wann hast du das letzte Mal in der Zeitung von Krankheit und Krieg gelesen, und anstatt weiterzublättern und an deinem Kaffee zu nippen, hast du gedacht: „Wo kommt denn das alles her? Das gehört doch hier nicht hin.“
Und wann hast du das letzte Mal ein Stückchen Schokolade in deinem Kaffee geschmolzen, einfach so, und dann davon getrunken und einen kurzen Moment gehofft, dass die Welt jetzt einfach stehen bleibt.
Erinnerst du dich noch, wie du ihm alles erzählt hast, und er dich fassungslos angesehen hat, wie du geweint hast und wie er dann dein Gesicht in seine Hände genommen hat, dich auf die Stirn küsste und gesagt hat: „Ich vergebe dir.“ Und dann wusstest du, dass alles gut wird. Weil es ein Versprechen war. Und weil du ihm vertraust.
Die Hoffnung, die ich in der Auferstehung von Jesus finde, ist die Abwesenheit von allem Zerstörerischen; es ist der Moment, in dem alles, was nicht hier her gehört – Missbrauch und Tod, Krankheit und Trauertränen, Krieg und nervöse Waffenstille, die kurz davor steht, gebrochen zu werden, und Ebola, und ISIS, und Rassismus und gewalttätige Ausschreitungen, und gebrochenes Vertrauen und ängstliches Zurückziehen – wenn alles das nicht mehr ist.
Und dann ist Frieden.
Und dann ist Shalom.
Heilsein – in der vollsten Weise, in der dieses Wort existiert.
Und du öffnest deinen Mund, weil du erwidern willst: „Woher willst du denn das wissen? Woher weißt du, dass das kein Wunschdenken ist, kein blinder Optimismus?“
Du fragst das, weil du es vielleicht gerne glauben willst, weil es sich gut anhört für eine Geschichte und für einen Blogpost, aber weil dich nichts in dieser Welt daran erinnert; weil nichts danach aussieht, dass diese Welt in die Richtung geht.
Da hast du recht, meine Gute. Du hast recht, weil das alles noch nicht Wirklichkeit ist. „Wir haben hier keine bleibende Stadt“, sagt einer der ersten Autoren des Christentums, „sondern die zukünftige suchen wir.“ (Heb 13,14; Lut). Noch ist das alles nicht Realität, deswegen nennen wir es Hoffnung.
Aber zur Hoffnung gehört, dass es schon jetzt angefangen hat; dass wir schon jetzt erste Anzeichen sehen.
Ich glaube das, ich vertraue darauf, ich denke, dass es mehr ist als ein blinder Optimismus, weil ich sicher bin, dass am Ostermorgen das Grab leer war.* Und ich glaube nicht nur, dass das eine historische Wahrheit ist, sondern dass es unvorstellbare Implikationen dafür hat, wie wir die Zukunft betrachten. Weil ich glaube, dass die Auferstehung nicht nur bedeutet, dass ein Mensch wieder zu atmen begonnen hat, sondern dass der Tod damit seine Macht verloren hat. Das Letzte, was uns an ihn gebunden hat, ist von ihm genommen. Ich vertraue, dass Jesus für mich gestorben ist, bedeutet, dass ich vertraue, dass er den Fluch genommen hat, den der Tod über mich gebracht hat – und über die ganze Schöpfung (Gal 3,13; Röm 8,19f). Ich vertraue, dass Jesus für mich gestorben ist, bedeutet, dass ich vertraue, dass meine Sünde nicht das letzte Wort sprechen wird, wenn es um meine Zukunft geht. Ich vertraue, dass das letzte Wort, das ich auf dieser Seite der Herrlichkeit hören werde, sein wird: „Gut gemacht, mein treuer und geliebter Diener.“
Nicht, weil ich alles richtig gemacht habe. Und du lachst, weil du denkst: „Ja, das hast du weiß Gott nicht.“
Genau, das weiß er.
Ich hoffe, weil ich sicher bin: Er sieht auf mich, aber sieht den gerechten Jesus an meiner Stelle stehen (2Kor 5,21).
Und dieser Jesus lebt. Einer der ersten Theologen der Christenheit hat einmal geschrieben, dass dieser Jesus „der Erste [ist], den Gott auferweckt hat, und seine Auferstehung gibt uns die Gewähr, dass auch die, die im Glauben an ihn gestorben sind, auferstehen werden.“ (1Kor 15,14; NGÜ).
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Das klingt alles vielleicht viel zu haarsträubend für dich. Und das ist okay, lass dir Zeit, den Gedanken einsinken zu lassen. Und frage ruhig wieder, wenn du willst.
Aber du hast mich gefragt, wieso ich Christ bin.
Hier ist meine Antwort:
Ich bin Christ, weil ich nirgendwo eine Hoffnung gefunden habe, die mehr und größer und schöner und lebendiger und herrlicher ist, als diese Hoffnung.
Der Tod besiegt.
Das Grab ist leer.
Und weil er lebt, werden auch wie leben.
Wir sind Menschen, wir brauchen Hoffnung.
Diese hier hat Jesus zu bieten – und ich hoffe.

God Bless,
Restless Evangelical


*Hier mögen wir diskutieren und rationale Argumente austauschen. Für alle, die zu viel Zeit und Energie haben, rate ich Wright, N.T., Die Auferstehung des Sohnes Gottes, Marburg: Francke 2014. Für alle anderen das Kapitel „Die fehlende Leiche. Lag Jesus wirklich nicht mehr in seinem Grab?“ in: Strobel, Lee, Der Fall Jesus, Asslar: Gerth 1999, S. 233-255

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