Freitag, 17. Oktober 2014

Nicht: Ich bin, der ich vielleicht sein könnte


Das Glück, Gott nicht nur zu erahnen.

„Aber woher weißt du denn, dass er wirklich so ist?“, hat sie mich gefragt, und dann stand die Frage im Raum. Die Geräuschkulisse war vom Rollen der Skateboards auf dem Hallenboden, und sie kam aus den Niederlanden. Wir trafen uns mitten in Neu Delhi, und bei einem grauenhaft schlechten Kaffee kamen wir ins Gespräch über den Gott, an den ich glaube.
Dabei ist die Frage meistens gar nicht so sehr, ob es einen Gott gibt, irgendein transzendentes Wesen, das irgendwie auch in dieser Welt ist. „Irgendwie“ ist dabei das entscheidende Wort. Und ich finde das sehr sympathisch. Es entspricht der Kultur von heute, dass „irgendwie“ der Vorrang eingeräumt wird gegen „genau so“, und zeigt damit eine gewisse Skepsis gegen eine aufgeblähte Selbstüberschätzung.
Das Problem ist aber, dass ich diese Form von Spiritualität irgendwie unbefriedigend finde. Denn wenn man im Anschluss an die Übereinstimmung - „Ja, natürlich glaube ich, dass es einen Gott gibt!“ - darauf zu sprechen kommt, wie dieser Gott eigentlich ist, dann stößt man meistens auf eine merkwürdig verklärte Form des Bekenners selbst, eine weiche Form von Übernatürlichkeit, die irgendwie mit Liebe und mit Freundlichkeit in Verbindung gebracht wird, die belohnt, was man Gutes tut, und lächelt, wenn man mal Schabernack und Schalk treibt.
Als ich einmal in der Mitfahrgelegenheit mit dieser Ausformulierung des Transzendenten konfrontiert war, habe ich meinen Gesprächspartner die selbe Frage gestellt, wie mein niederländische Freundin sie mir in Neu Delhi gestellt hat: „Woher weißt du, dass Gott so ist?“
Er war etwas verwirrt wegen der Frage und ließ sich einen Moment Zeit zu antworten. Dann sagte er, bedächtig, fast meditativ: „Ich glaube, ich erahne ihn einfach.“
Ein Klassiker.
Ein Klassiker deswegen, weil er recht hat: Von der Realität Gottes können wir etwas erahnen, und das ist sogar in uns angelegt. Aber es ist nicht alles. Das größere Geschenk als die Ahnung von einer transzendenten Realität ist, dass er uns anbietet, dass wir ihn kennen können.

Warum wir ihn erahnen können.
Nun ist es ja gar nicht so falsch, zu erahnen, wer Gott ist. Mir ist das vor einigen Tagen wieder aufgefallen, als ich zum ersten mal begonnen habe, Calvins „Unterricht in der christlichen Religion“ zu lesen.
Er schreibt:
„Niemandem sollte der Zugang zur Seligkeit verschlossen bleiben; deshalb hat Gott nicht nur dem Menschenherzen das geschenkt, was wir den Keim der Religion nannten. Er hat sich auch derart im ganzen Bau der Welt offenbart und tut es noch heute, daß die Menschen ihre Augen nicht aufmachen können, ohne ihn notwendig zu erblicken.“ (Calvin, Unterricht in der Christlichen Religion, Neunkirchen-Vluyn 2009, I.5.1)

Wenn Calvin damit recht hat (und davon gehe ich aus und Röm 1 sagt etwas sehr ähnliches), dann sind die vielfältigen Eindrücke die wir haben – nicht nur das, was wir in der Natur bestaunen können und das uns einen Eindruck von Ehrfurcht gibt, sondern auch die Sehnsucht, die wir in uns erkennen danach, mit Gott in Verbindung zu stehen – die Geschenke Gottes für uns, die uns dazu treiben, Gott immer mehr zu suchen.
Das ist es wohl, was mein Gesprächspartner als „ich erahne ihn“ meinte.
Gleichzeitig sind die Eindrücke aber auch so mannigfaltig, dass uns das Chaos der Ausdrücke unserer Spiritualität gar nicht verwundern sollte. Wenn die Grundlage für unsere Gotteserkenntnis alle die Schnipsel von Gotteserkenntnis sind, die wir jeden Tag mit offenen Augen aufnehmen (und Calvin sagt: Wir können gar nicht anders), dann kann diese Gotteserkenntnis gar nicht zu irgendetwas anderes führen als Chaos in unserer Seele.
Nicht, dass wir uns dessen bewusst sind. Unsere engsten Freunde haben das gleiche Chaos, unsere geistlichen Leiter (Schauspieler und Musiker und Youtube-Berühmtheiten) befürworten das Chaos sogar, finden im Chaos eine Art von avantgardistischer Kunst, die es zu schützen und zu pflegen gilt.
Aber Chaos ist es trotzdem, nichts greifbares, sondern ein unerklärliches Gewusel, dem wir versuchen, den Begriff 'Liebe' zu überschreiben, weil dieser Begriff die Erfahrung beschreibt, die für uns am Nächsten an die wahren, schönen und guten Eindrücke heranreicht. Nicht, dass wir definieren könnten, was 'Liebe' überhaupt ist, aber dennoch.

Wer Ruhe ins das Chaos spricht.
Wenn wir erst einmal zu dem Punkt kommen, an dem wir bereit sind, das Chaos in unserem Kopf, das Chaos unserer Vorstellungen davon, wie Gott ist, als genau das zu erkennen: Ein Chaos, dann ist es nicht mehr weit, auch den Schritt zu gehen, zu erkennen, dass ein solches Chaos keinen Halt bietet, wenn es einmal hart auf hart kommt.
Als Menschen sind wir nicht dafür gemacht, mit einer nebulösen Vorstellung von Gott zu existieren, sondern der Sehnsucht in unserem Herzen ein Gegenüber zu suchen (und zu finden), an dem sie sich ausrichten kann. Karen Armstrong nennt den Menschen einen Homo Religiosus – einen unaufgebbar religiösen Menschen. Selbst Atheisten finden das stärkste identitätsstiftende Element darin, dass sie eben nicht glauben, dass es Gott gibt. In einer Weise liegt also auch für sie ihre Identität in ihrer Beziehung zu Gott.
Wenn wir das Chaos in unserer Spiritualität also als Chaos erkennen, brauchen wir jemanden, der Ordnung und Ruhe dort hineinbringt; der in einem aufgewühlten Meer einen sicheren Hafen findet und zur Not das ständige Kreisen um das, was Gott vielleicht sein könnte, zur Ruhe bringt.
Was der Punkt ist, an dem Jesus ins Spiel kommt.
Ich finde es immer wieder erstaunlich, zu sehen, dass keine große Religion der Welt an dieser Person vorbeikommt. Nur der Islam braucht den Propheten Muhammad, die Tradition der Rabbis hat nur dem orthodoxen Judentum etwas zu sagen und die Veden sind vielleicht irgendwie geistig erhebend, weil teilweise hoch philosophisch, aber außer dem Hinduismus findet keine Religion darin eigentlich geistliche Wahrheiten.
Nur die Figur von Jesus von Nazareth findet sich in allen Religionen.
Weil wir nicht an ihm vorbeikommen; weil er da in der Mitte der Geschichte steht und wir irgendwie mit ihm umgehen müssen.
Wenn wir uns die Religionsgeschichte ansehen, dann erkennen wir, dass Jesus von Nazareth so etwas wie ein Ankerplatz ist für die diversen Versionen von spiritueller Suche, die jeder Mensch auf sich nimmt.
Immerhin war es Jesus, der von sich gesagt hat: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“ (Joh 14,9; NeÜ)
Was so ungefähr bedeutet: „Du bist auf der Suche nach Gott? Du hast das Chaos von Eindrücken im Kopf, aber nichts Konkretes? Du ahnst Gott, aber kennst ihn nicht?
Lass mich helfen.“
Sich Jesus zu nähern bedeutet, Gott kennen zu lernen. Das ist nicht etwas, das von jetzt auf gleich passiert – so wie ich von meinen engsten Freunden immer wieder Neues erfahre. Aber sich Jesus zu nähern bedeutet auch Ruhe zu finden in dem Chaos von Ahnungen über Gott, weil er sagt: Ich will euch Ruhe schenken – Erkenntnis und Offenbarung Gottes.

Wie er Ruhe in das Chaos spricht.
Im Laufe der Geschichte hat Jesus viele Wege benutzt, auf denen sich Menschen ihm genähert haben. Und das ist ein faszinierender Teil unserer Gesellschaft. Aber an der Bibel ist keiner vorbeigekommen. Etwas ist an dem Buch, das es zu mehr macht als nur einem Dokument menschlicher Geschichte.
Wie in dem Film „The Book of Eli“, in der selbst der große Böse erkennt, dass kein Buch so viel Macht hat wie dieses.
Und das ist der zweite Punkt, an dem mich eine Stelle in Calvins Institutio bewegt hat.
Calvin schreibt:
„[E]s bedarf eines anderen Mittels, das uns zuverlässig zum Schöpfer der Welt selber weise. Deshalb hat Gott mit gutem Grunde das Licht seines Wortes hinzugegeben, um sich uns dadurch zu unserem Heil kundzumachen. […] Aller Menschen Gemüter sah er durch schweifende und unbeständige Gedanken umgetrieben. […] Denn so wie alte Leute, Schwachsichtige und Augenkranke, wenn man ihnen auch den schönsten Band vor die Augen hält, zwar merken, daß da etwas geschrieben steht, aber kaum zwei Worte zusammensetzen können, dann aber mit Hilfe einer Brille deutlich zu Lesen anfangen – so bringt die Schrift unser sonst so verworrenes Wissen um Gott in die richtige Ordnung, zerstreut das Dunkel und zeigt und deutlich den wahren Gott.“ (Ebd. I.6.1)

Jesus ordnet unser Chaos, indem er durch die Bibel uns zeigt, wer Gott ist.
Indem wir Gott kennenlernen dürfen, uns nähern dürfen, durch ihn, Jesus.
Was die Antwort wäre, die ich auch heute noch meiner Freundin aus den Niederlanden mitten in Neu Delhi geben würden. „Woher weißt du, dass Gott so ist?“
„Weil ich ihn nicht nur erahne. Weil ich das Glück habe, ihn zu kennen. Woher, fragst du? Weil es da diesen Mensch gab, der gleichzeitig Gott war, und der hat uns vorgestellt.“

God Bless,

Restless Evangelical

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