Sonntag, 30. November 2014

Vier Plus 1 am Sonntag – 30.11.2014


A. Wenn ihr jemals einen Artikel gelesen habt, den ich an dieser Stelle geteilt habt, dann lest diesen. Eine Redakteurin der FAS macht genau das, was ein großes Medium wie die FAS machen sollte, wenn ein Internetmem wie der Screenshot von Lann Hornscheidt bei Facebook so sehr die Runde macht und so kränkende, beleidigende, gewaltphatasierende und ächtende Kommentare hervorruft: Sie geht zur betroffenen Person und fragt einmal nach. Ein unglaublich großartiger Hintergrundbericht, in die Welt der Genderforschung – die mir, zugegeben, auch etwas fremd ist – und ein Musterstück darin, erst einmal zu verstehen, bevor man seiner Meinung Luft macht.

B. Die Süddeutsche macht ihrem Ruf, reflektiertes Meinungsorgan zu sein, wieder einmal alle Ehre in einem hervorragenden Artikel über die Grenzen und Definitionen von Toleranz. Interessant ist dabei vor allem, wie von Seiten einer 'neuen Toleranz' gerade das betrieben wird, was sie auf der Gegenseite vermutet: nämlich das Supremat einer Meinung – noch dazu dürftig argumentierten – über alle anderen Meinungen. Das ist nicht postmodern, nicht pluralistisch und schon gar nicht demokratisch – das ist prämodern, und führt uns tief zurück in alte Grabenkämpfe von Zensur.

C. Rachel Held Evans schreibt einen bewegenden Kommentar, darüber, dass wir die Bibel gerne für unsere eigenen Ziele benutzen – und unsere Ziele nicht von ihr schleifen lassen – und auf die Frage, ob „die Anderen‟ wirklich nicht eigentlich so denken, wie wir, nur zu anderen Ergebnissen kommen. Die Frage vom Zusammenhang von LGBT Rechten und der amerikanischen Sklaverei sind natürlich in Deutschland nicht annähernd so präsent, und ich habe meine Zweifel, ob es wirklich übertragbar ist. Nichtsdestotrotz fand ich RHE Gedanken wieder einmal sehr spannend.

D. Drüben bei ChristianityToday schreibt Guillaume Bignon, wie er das Evangelium entdeckte. Das besondere daran ist, dass er Franzose ist, aus dem vielleicht säkularisiertesten Land Westeuropas kommt. In Frankreich das Evangelium zu hören – um nicht zu sagen: es zu glauben – macht ihn zu einem Ausnahmefall. Einem großartigen, wie ich denke. Ich bin unheimlich froh, dass es in Frankreich mittlerweile große Gemeindegründungsbewegungen gibt, die aus diesem Ausnahmefall die Regel machen wollen; oder zumindest ein vernünftiges Zeugnis für die Größe eines Gottes, der „den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht [hat], damit wir zur Gerechtigkeit Gottes würden.‟ (2Kor 5,21).


Und noch einen zum Schluss: Trevin Wax schreibt einen berührenden Artikel, darüber, dass Jesus sowohl in seiner Exklusivität als auch in seiner Inklusivität nicht leicht annehmbar ist. Und gleichzeitig deswegen so faszinierend. Wir dürfen keine dieser beiden Seiten vernachlässigen oder klein reden, weil wir sonst in der Gefahr stehen, und einen „Jesus nach unserem eigenen Bild‟ zu schaffen. Wichtige Erinnerung, unbedingt lesen!

Freitag, 28. November 2014

Die nötige Portion Selbstbewusstsein (3.Teil)


Einige praktische Auswirkungen

Manchmal werde ich ganz unruhig, wenn ich merke, wie defensiv ich werde, wenn es um meine evangelikale Spiritualität geht. Die erste Reaktion ist meistens der Rückzug – „Ja, das bin ich schon, aber das ist alles nicht so wild‟.
Wenn das Gespräch auf Gott kommt, ob durch eine (unachtsame) Bemerkung meinerseits, oder durch Zufall, merke ich, dass es sich wie eine schwere Decke auf mich legt, weil ich mich in der Position wähne, etwas sagen zu müssen; man weiß ja, dass ich Christ bin, das ist irgendwie schwierig zu übersehen. Und selbst obwohl es nicht der Realität entsprichen mag, fühlt es sich immer so an, als würden sich die Augen aller Anwesenden mir zuwenden und ich frage mich, ob ich irgendetwas sagen muss.
Die Frage, die sich mir dann aufdrängt, ist natürlich, ob es von mir und meinen Antworten abhängt, ob mein Gegenüber die evangelikale Spiritualität nachvollziehbar, logisch oder sogar überzeugend findet.
Das hat mich dazu gebracht, in meinen letzten beiden Artikeln der Frage auf den Grund zu gehen, ob und wie wir mehr Selbstbewusstsein gewinnen können, wenn es um das Vertreten einer christlichen Weltanschauung geht. Das ist mir vor allem deswegen wichtig gewesen, weil ich keine Weltanschauung kenne, die sich so schnell in die Ecke drängen lässt, wie das gegenwärtige Christentum – zumindest meiner Erfahrung nach.
Mein Zugang war dabei vor allem von Augustinus und Thomas von Aquin geprägt. Faszinierend für mich ist, dass Beide davon ausgehen, dass es gar keinen Grund gibt, ein geringes Selbstbewusstsein zu haben. Denn auf der negativen Seite können wir vertrauen, dass es keine Wahrheit gibt, die Gott widerlegt (Aquinas) und auf der positiven Seite können wir sicher sein, dass alle Wahrheit Gottes Wahrheit ist (Augustinus). Das ist natürlich Weltanschauung, und es ist ein metaphysisches Vertrauen das mich zu dieser Erkenntnis verleitet. Aber gleichzeitig gibt mir das mehr Grund für ein gesundes Selbstvertrauen in der Apologetik als es ein Veganer haben kann, oder ein Feminist, oder sonst eine andere Weltanschauung. Während allen anderen – nicht spirituellen – Weltanschauungen die zugrunde liegende Angst eigen ist, dass sie widerlegt werden könnte (und vielleicht gerade deswegen der oft kämpferische Ton kommt), gibt uns die evangelikale Spiritualität jedenfalls theoretisch ein tiefes Vertrauen in die Wirklichkeit eines Gottes, der nicht nur Wahrheit spricht (das tut er!), sondern auch Wahrheit ist, und die Quelle jeder Wahrheit.
Heute will ich drei praktische Auswirkungen davon aufzeigen, was ein größeres Selbstvertrauen in der Apologetik bedeuten kann. Nur eine Randnotiz noch: Natürlich meine ich mit Selbstbewusstsein nicht, dass ich auf mich selbst vertrauen sollte (wie das Wort vielleicht suggerieren könnte, und wie manche von euch angemerkt haben). Gerade das Gegenteil habe ich gemeint: Das unsere Apologetik zutiefst in einem Vertrauen in Gott gründen soll. Selbstvertrauen benutze ich hier also nicht unbedingt seiner ursprünglichen Wortbedeutung nach – Vertrauen auf das Selbst – sondern in der Bedeutung, mit der es oft benutzt wird: Sicherheit im Auftreten, Nicht-wechselhaftigkeit.

Mach Gott zu etwas normalem
Eine Auswirkung, die ein größeres Selbstbewusstsein für meinen eigenen Glauben hatte, ist ein Ratschlag, den ich so auch schon einige Male an Andere weitergegeben habe: „Mach Gott zu etwas normalem.‟ Das ist gar nicht unbedingt einfach.
Ich merke bei mir – wie oben beschrieben – dass jedes Mal, wenn das Gespräch auf Gott gelenkt wird, dass ich in die Habachtstellung gehe, weil ich keine Chance verpassen will (oder darf?), meinen Glauben zu verteidigen.
Aber wenn ich Don Millers Hinweis (in Blue like Jazz) ernst nehme, und meine Freunde nicht als 'Missionsobjekte' sehen will, dann ist das einer der vitalsten Aspekte einer gesunden Apologetik: Dass Gott etwas normales in meinen Gesprächen wird.
Lasst mich das ein bisschen besser erklären. Das Problem mit der „Ich verteidige meinen Glauben, sobald Gott erwähnt wird‟-Haltung ist genau, dass dadurch alle Menschen Gott mit 'Diskussion' verbinden werden. Dann wird es immer mit einer intellektuellen Form von Auseinandersetzung zu tun haben, wenn Er erwähnt wird. Und selbst wenn du jemandem dabei überzeugst, wird es für alle Anderen immer einen Debattencharakter haben, oder schlimmeres. Wenn du jede Gelegenheit benutzt, um die Logik deines Glaubens deinen Anders-denkenden Freunden vorzulegen, dann ist es genau die Haltung, die sie sich fühlen lassen wird, als wären sie erst wirklich wertvoll für dich, wenn sie deine Weltanschauung teilen.
Dann ist Gott nichts normales, sondern etwas, was du verteidigen musst.
Deswegen versuche ich, von der spirituellen Realität meiner Beziehung mit Jesus ganz normal zu reden, wie ich von den anderen Teilen meiner Persönlichkeit rede.
Wer mit mir eine Freundschaft aufbauen will, der muss wissen, dass ich ein passionierter Leser bin, dass ich liebend gerne koche, und genauso gerne Gäste habe. Jeder, der mit mir Zeit verbringen will, sollte wissen, dass ich Dostojewski schätze, Walter Moers liebe, und auch gerne ins Kino gehe und Serien gucke. Es ist etwas ganz normales in menschlichen Beziehungen, dass wir einander einen Platz einräumen, uns anhören, was den Anderen bewegt, und im Ausgleich etwas von uns preisgeben. Und dass wir so immer mehr aneinander lernen und uns gegenseitig eine Form von sicherem Ort schaffen, in dem wir existieren können, ohne die Schilde ausgefahren zu haben.
Wie sollte ich jetzt aus so einer Beziehung meine Spiritualität ausklammern? Sie ist ja nicht nur Teil meiner Persönlichkeit, sondern bezieht sich auf alle die oben beschriebenen Teile, verändert sie, prägt sie, transzendiert sie.
Wer mit mir befreundet sein will, wird damit leben müssen, dass Gott eine normale Rolle spielt in meinem Leben.
Das soll nicht irgendwie selbstgerecht klingen; ich glaube nicht, dass in unglaublich faszinierend bin, und die Menschen schon auf mich zukommen werden. Wie ein Mensch zu einem Anderen findet ist mir sowieso ein Rätsel, sei es zu einer Partnerschaft oder eine Freundschaft. Ich kann euch also nicht sagen, wieso ein Mensch sich mit mir – oder euch – anfreunden sollte. Aber die Realität zeigt mir, dass sie es tun, verrückterweise.
Und in euren Freundschaften – lasst Gott zu etwas normalem werden. Das gilt für alle von euch, die mit Jesus Richtung Herrlichkeit unterwegs sind, wie auch für die, die das hier alles nur aus einer distanzierten Perspektive lesen (yeah, I know you are there. Very welcome!). Ich weiß, dass ihr Angst davor habt – oder unpersönlicher: Bedenken – weil ihr erlebt hat, dass das ausgenutzt wurde, das euch Gespräche über die tiefen Fragen des Lebens aufgenötigt wurden. Aber davon rede ich nicht.
Ich rede davon, dass ich von meinen Gebetserhörungen erzählen darf, wie du mir davon erzählst, wie nervig der Kunde auf der Arbeit heute war.
Dass ich dir von meinen Zweifeln berichten kann, so wie du mir sagst, dass du heute ein Tagesticket im Fahrkartenautomaten gefunden hast, und wie dieses kleine Glück dich fröhlich gemacht hat.
Ich will dir sagen dürfen, dass ich dieses Lied gesungen habe, und dabei weinen musste, weil ich mich Gott so nahe gefühlt habe, so wie du mir erzählst, wie dein Date gelaufen ist.
Das ist okay. Das ist nichts, was wir diskutieren müssen. Es ist Teil meines Lebens, und du darfst und sollst Teil davon sein.

Zeig den Mehrwert von Glauben
In meinen Gesprächen über Glaube und Spiritualität macht mehr Selbstbewusstsein noch einen Unterschied, den man nicht unterschätzen sollte. Wenn mein klassischer Ansatz war, den Glauben so lange zu verteidigen, bis nichts mehr gegen in spricht, versuche ich jetzt in Gesprächen, herauszustreichen, das eine ganze Menge für ihn spricht.
Tatsächlich ist es nicht nur die negative Seite des Vertrauens – dass es keine Wahrheit gibt, die Gott widerlegt – die mich sicher macht, sondern vor allem die tiefe Zuversicht, dass der Mensch „auf Gott hin angelegt‟ ist (wie Döhler & Scheuffler in einem Lied singen), dass „die Ewigkeit […] den Menschen ins Herz gelegt [ist]‟ (Pred 3,11; NeÜ). Deswegen glaube ich nicht nur, dass die evangelikale Spiritualität 'the last man standing' sein wird im großen Ringkampf der Weltanschauungen. Ich denke – und merke es bei mir und in dem, was andere Menschen mir erzählen – dass sie ein tiefes Bedürfnis in den Menschen anspricht, ein Bedürfnis nach Transzendenz, nach „further up and further in‟ (wie es in Narnia heißt).
Das macht tatsächlich einen Unterschied für mich. Die großen und nagenden Fragen des Lebens lassen sich nur schwerlich befriedigend erklären, wenn man die Realität Gottes aus seinem Denken ausklammert, so wie sich die großen Schwierigkeiten unseres Lebens nur schwerlich erklären lassen, wenn man die Sünde als zerstörerische Macht weg-argumentiert. Chesterton soll gesagt haben, dass die Sünde das einzige christliche Dogma ist, das man empirisch beweisen kann.
Manchmal schrecken wir davor zurück, Sünde als Realität anzusprechen, weil es sich nicht besonders nach 'guter Nachricht' anhört. In meinen Spaziergängen durch Menschenmengen habe ich aber erlebt, dass viele Menschen danach dürsten, eine Erklärung zu bekommen, wieso die Welt nicht besser wird. Wenn der Fortschritt mehr zunimmt, wenn die Philosophie und die Kunst uns immer mehr Moral beibringen soll – wieso wird es dann nicht besser?
Erst gestern habe ich einen Artikel im Guardian gelesen, der aufgezeigt hat, dass IS kein „vor-modernes‟ Phänom ist, sondern zutiefst im 21. Jahrhundert verwurzelt. Wenn der Mensch doch gut ist, wenn man ihm nur die richtige Umgebung geben muss, damit er sich 'gut verhält', wieso tut er es nicht?
Ich denke, dass in der evangelikalen Spiritualität viel Kraft liegt, tiefe Sehnsüchte des Menschen anzusprechen, sowie viele Fragen an das Leben zu erklären. Sie wird nicht nur der letzte Mann sein. Sie hat einen wirklichen Mehrwert, und ich versuche mich in meinen Gesprächen darauf zu konzentrieren.

Entspann dich
Aber diese ganzen Punkte machen mir vor allem eines deutlich: In der Verteidigung meines Glaubens darf ich ganz entspannt bleiben. Das liegt zum einen daran, dass ich darauf vertraue, dass Gott Wahrheit ist – nicht widerlegbar, nicht überbietbar – und auch, weil ich glaube, dass die evangelikale Spiritualität einen Mehrwert bietet, den keine andere Weltanschauung mir gezeigt hat.
Das bedeutet nicht im geringsten, dass wir faul werden sollten, was das Lernen und Weiterkommen im Glauben angeht. Das Christentum war immer eine Religion, die neben den Emotionen auch den Intellekt angesprochen hat. Ich spreche also nicht von einem verantwortungslosen Christentum.
Für mich verändert sich aber die Motivation, mit der ich an dieses Lernen herangehe. Während mein „altes‟ Verständnis von Apologetik mich oft dazu gedrängt hat, zu lesen, um Antworten zu haben, lese und studiere ich jetzt mehr, um Antworten zu finden.
Es gibt einen Unterschied darin, zu lernen und zu studieren, weil ich die Fragen anderer beantworten will, oder Antworten auf meine eigenen Fragen finden will. Das macht auch mein Studieren dynamischer, und ich denke, mein Zeugnis für die Standfestigkeit einer evangelikalen Spiritualität umso überzeugender.
Bart Ehrman erzählt in seinem Buch God's Problem, dass für ihn die Frage nach dem Leid und der Gerechtigkeit Gottes der große Stolperstein des Glaubens wurde. Faszinierend fand ich aber, dass er erwähnt, dass seine Frau in ihrer Episkopalkirche sehr engagiert ist, und das Theodizee-Problem für sie kein wirkliches ist.
Für mich wurde daraus deutlich, dass meine Fragen nicht die Fragen Aller sind. Und dass ich wohl den besten Dienst tue, wenn ich meinen Fragen nachgehe, mein Weltbild konsistent konstruiere, und, wenn ich damit konfrontiert bin, aus meiner eigenen Reflexion heraus Fragen beantworte, die mir gestellt werden, weil ich sie mir schon selbst gestellt habe.
Für mich folgt daran vor allem, dass ich entspannter an die ganze Sache mit der Apologetik herangehen möchte. Martin Luther soll zu seinem Freund Philipp Melanchthon gesagt haben: „Ich sitze hier und trinke mein gutes Wittenbergisch' Bier, und das Reich Gottes kommt von ganz alleine.‟ (ob er das wirklich gesagt hat, war für mich nicht möglich, herauszufinden). Vielleicht war es auch das, was mich an dem missiologischen Konzept der Missio Dei so fasziniert hat. Es ist das Vertrauen, dass Gott mehr wirkt, als nur das, was ich tun kann; dass Gottes Reich nicht auf oder untergeht, je mehr in mich hinein engagiere. Und dass er auf den krummen Linien, die ich zeichnen kann, gerade schreibt.
Eine entspanntere Herangehensweise hat nichts mit Faulheit zu tun, oder mit Tatenlosigkeit. Es ist essenziell für das eigene geistliche Leben, auch darin zu wachsen, Gott mehr zu verstehen, je weiter man mit ihm geht.
Nur lerne ich zu erkennen, dass dieses wachsende Verständnis nicht dazu da ist, dass ich mehr Menschen überzeugen kann, sondern damit ich mehr vertraue.
Habt keine Angst! Stellt euch auf und schaut euch an, wie Jahwe euch heute retten wird!‟ (2Mo 14,13b; NeÜ)

God Bless,

Restless Evangelical

Donnerstag, 27. November 2014

gelesen & geschätzt #19

Ein kontext-loser Jesus für Wer-weiß-wen
Rezension zu: Rollins, Peter, Der Orthodoxe Häretiker und andere unglaubliche Geschichten, Marburg: francke 2014

Als ich meine ersten vorsichtigen Schritte ins Predigen gemacht habe, wurde mir schnell deutlich – und das ist es auch, was ich in den Vorlesungen gelernt habe – dass eine gute Geschichte einen Gedankengang hervorragend unterstützen kann. In diesem Sinne waren für mich Geschichten immer dem logischen Denken untergeordnet – ich bin immerhin auch im Westen aufgewachsen, und die Aufklärung hat ihren Teil zu meinem Weltbild beigetragen.
Es war dann der Philosoph Michael Sandel, der mir gezeigt hat, dass eine Geschichte nicht nur ein Argument untermauern kann, sondern sie auch herausfordern. Seine Bücher sind voll von Beispielen aus dem realen Leben (oder der Phantasie), die unsere Vorstellung von 'richtig' und 'falsch' herausfordern. Hier habe ich erlebt, dass Geschichten mehr sein können, als die Handlanger der Logik. Geschichten können viel mehr die Advocati Diaboli sein, die auf eine amüsante Art fragen: Und was ist, wenn...?
In dieser Funktion verortet Peter Rollins seine Geschichten in diesem Buch wohl. Wobei es für ihn zwar Geschichten sind, er aber hofft, dass sie zu Parabeln werden. Was das ist, definiert er: „Die Parabel wird nur dann von uns verstanden, wenn sie unsere gesellschaftliche Stellung zur Realität verändert und nicht nur die Art und Weise, wie wir sie betrachten.‟ (S.14)
Eine Parabel – Peter hofft nun, dass seine kleinen Geschichten für manche zu genau dem werden – regt zum Handeln an, verändern nicht nur unsere Weltsicht, sondern unsere Handlung. In diesem Sinne sind sie nicht nur ein Advocatus Diaboli, sondern auch die Erbse unter dem narrativen Matratzenberg, der die Prinzessin – uns – nicht schlafen lässt, bis man sie nicht entfernt hat; meint: sich mit ihr auseinander gesetzt hat.
In diesem Sinne will Peter Rollins seine Geschichten verstanden wissen, als eine Erbse für das christliche Establishment. Es waren nicht wenige meiner emergenten Freunde, die mir seine Bücher deswegen ans Herz gelegt haben. Nachdem ich es nun endlich geschafft habe, eines seiner Bücher zu lesen, muss ich sagen, dass ich ziemlich enttäuscht bin. Die Geschichten haben mich, tatsächlich, zu gar nichts herausgefordert. Das liegt vor allem daran, dass Jesus darin irgendwie kontextlos wirkt, dass die Menge, für die er sprechen will, unscharf bleibt und am Ende nicht viel übrig ist, als ein paar wohlmeinende Worte.

Ein kontextloser Jesus.
In dem Buch wird viel von Jesus gesprochen. Das ist erst einmal weder etwas verwerfliches noch ein Gütesiegel. Eine Frage, der man sich stellen muss, ist aber immer, welcher Jesus hier auftaucht. Dabei will ich nicht behaupten, dass ich ein objektives Bild von Jesus habe. In dem, wie wir Jesus darstellen – zumindest auf der spirituellen Ebene – spiegelt sich immer viel von dem wieder, wie wir uns selbst sehen.
Weswegen es so wichtig ist, Jesus nicht nur als eine dogmatische Figur zu sehen („der Christus‟), sondern ihn in den historischen Rahmen einzuordnen, in dem er gelebt und agiert hat („der historische Jesus‟).
Rollins bedient sich für seine Geschichten immer wieder sehr ausgiebig beim Parabelmaterial, das uns von Jesus in den Evangelien überliefert ist. Besonders das Gleichnis von den verlorenen Söhnen hat es ihm angetan. Dabei ist die Botschaft Jesu' immer eine bedingungsloser Annahme. In einem Beispiel verändert er die Geschichte aus Lk 15 zB so, dass der rückkehrende jüngere Sohn keinerlei Reue zeigt, und dennoch angenommen wird. In dem folgenden Kommentar zu Geschichte (der als eine Art Leitfaden dient und jeder Geschichte beigeordnet ist in dem Buch), erklärt er es so, dass Jesus der Überzeugung gewesen sein soll, dass Buße nichts ist, was der Annahme vorausgeht, sondern durch die Liebe hervorgerufen wird.
Mein offensichtliches Problem damit ist gar nicht so sehr, dass er damit diesen Jesus von einem großen Teil anderer Jesusworte abschneidet, die uns von ihm überliefert sind abschneidet (alleine Mk 1,15: „Es ist jetzt so weit, die Herrschaft Gottes ist nah. Ändert eure Einstellung und glaubt diese gute Botschaft!‟ (NeÜ)) Das Problem ist tiefer, dass er durch solche Behauptungen Jesus auch von der Rezeption seiner Lehre durch seine Schüler – die Apostel – und die frühe Kirche abschneidet. Ein buß-loses Evangelium findet man weder in den Briefen von Paulus, noch in denen von Petrus oder Johannes, Jakobus oder Judas. Und auch die Apostolischen Väter sind ziemlich einstimmig darin, dass das Evangelium mit einer Verhaltensveränderung einhergeht.
Und das ist nur ein Beispiel davon, wie Rollins Jesus sehr persönlich liest, aber nicht vor dem Hintergrund, wie er auch in der Kirchengeschichte aufgenommen wurde. Dabei will ich mich nicht dafür aussprechen, dass Tradition wichtiger ist als die Offenbarung ist der Bibel – ich bin immer noch ein Sola Scriptura Vertreter – aber ich würde sagen, dass man schon sehr gute Gründe auffahren sollte, wenn man denkt, Jesus besser zu verstehen, als es seine Zeitgenossen getan haben.

Eine nicht-definierte Menge.
Grundsätzlich ermüdend fand ich aber in dem Buch weniger die Jesusdarstellung – die ist zwar unvollständig aber nicht grundsätzlich falsch – sondern die merkwürdige Arm-Reich-Trennung, oder manchmal sogar, irgendwie schon fast rührend nostalgisch, die Ost-West-Trennung. Dabei scheint Jesus immer Partei zu ergreifen für 'die Armen' oder 'die Schwachen' und die furchtbaren Übeltäter sind immer 'die Reichen' und 'die Mächtigen'. Exemplarisch dafür:
Als er [Jesus] fertig war, wandte er sich dem Westen zu, wo wir saßen, wir, die wir Macht hatten, die Autorität, eine bedeutende Stimme hatten. Für einige Zeit starrte er uns einfach an. Dann trat er auf uns zu und sprach direkt zu uns: 'Täuscht euch nicht. Diese Worte sind nicht für euch gedacht.' […] Für euch habe ich eine unendlich schwierigere Botschaft: […] Ihr werde sie richten, aber sie werden euch nicht richten. Ihr werdet sie verurteilen, aber sie werden auch nicht verurteilen.‟ (S.38f)

Man sieht vielleicht ein kleines bisschen von dem scheinbar sehr einfachen Weltbild, das hinter dieser Geschichte – und vielen Anderen im Buch – liegt: Der Westen – reich, was heißt, schlecht, böse, übel und korrupt. Der Osten – arm, was heißt, echt, authentisch, demütig und gnädig. Das ist so verwirrend. Das ganze Buch gibt einem Leser den Eindruck, als wäre die schlimmste Sünde, die Jesus vernichten wollte, reich zu sein, oder Einfluss zu haben. Es gibt sogar Beispiele in dem Buch, die es als ein Vorbild hinhalten, dass man seinen Einfluss in der Wirtschaft aufgibt, weil man 'in dem System' nicht wirklich Nachfolger sein kann („11. Die Bekehrung‟ auf S.76ff). Dabei wird nicht auf die Beispiele von einflussreichen Persönlichkeiten eingegangen, die uns im NT als Jesusnachfolger vorgestellt werden – Joseph von Arimathäa zB und Nikodemus, die beide dem jüdischen Hohen Rat angehörten.
Das größte Problem damit ist für mich auch nicht unbedingt die Schlichtheit des Weltbildes, sondern vor allem, dass auch die, für die gesprochen werden soll, furchtbar undefiniert bleiben. Wer sind denn 'die Armen'? Wenn es um materielle Armut geht – was manche der Geschichte zu suggerieren scheinen – heißt das, dass im Grunde alle wirklichen Nachfolger in den Slums von Kalkotta arbeiten sollten? Das scheint Rollins auch nicht zu meinen, weil viele seiner 'Nachfolger' in dem Buch in ihrer Stadt unter den Obdachlosen arbeiten. Und wie gehen wir damit um, dass Jesus im Lk zwar sagt: „Glückselig ihr Armen.‟ (Lk 6,20b; Elb) , aber im Mt anhängt „...im Geist‟(Mt 5,3; Elb).
Wer ist am Ende diese Gruppe, für die Jesus eingetreten sein soll? Klar wird das in dem Buch nicht. Natürlich ist es irgendwie von sentimentaler Schönheit, fast schon sozialdemokratischem Pathos (und der liegt mir gar nicht fern), davon zu reden, dass man „für die Armen‟ sein will. Nur ist das in dem Buch alles andere als konkret. Und das scheint mir der Todesstoß zu sein für ein Buch, das zum Handeln anregen will.

Was am Ende übrig bleibt.
Nach all der Schlichtheit im Weltbild, den argumentativen Sprüngen, die nicht nachvollziehbar waren, und dem recht einfachen, kontextlosen Jesusbild, die das Buch bieten, bleibt für mich die Erkenntnis stehen, die am Anfang des Buches steht: „Wie kann man von etwas sprechen, das nur unzureichend in Worten ausgedrückt werden kann?‟ (S.11)
Am Ende bleibt für mich nicht besonders viel. Das liegt nicht unbedingt daran, dass ich dem Autor des Buches nicht überall zustimme – ich habe viel von Büchern gelernt, denen ich nicht zustimme. Was am Ende fehlt ist überhaupt Substanz, der ich zustimmen oder die ich ablehnen kann. Der Jesus in diesem Buch ist weder etwas Halbes noch etwas Ganzes. Irgendwie liebevoll, aber nur zu den Armen. Wobei er auch die Reichen nicht unbedingt verstoßen würde, Annahme geht der Buße ja voraus. Aber wer die Armen und Reichen sind, bleibt irgendwie auf der Strecke.
Eigentlich nervt es mich, einen Verriss über ein Buch zu schreiben. Ich habe dieses Buch auf Empfehlung hin gelesen – und nicht nur einer – und ein Rezensionsexemplar vom Verlag bekommen. Und dafür bin ich sehr dankbar.
Aber ich kann wirklich nicht erkennen, was an diesem Buch die Druckkosten wert war.

God Bless,

Restless Evangelical

Sonntag, 23. November 2014

Vier Plus 1 am Sonntag – 23.11.2014


A. Ed Stetzer schreibt ein paar soziologische Gedanken zum Wachstum der Pfingstbewegung weltweit auf. Das ist vor allem deswegen faszinierend, weil Stetzer selbst kein Pfingstler ist. Entsprechend sagt er auch, dass er theologisch sicher einige Anmerkungen zu machen hätte, aber gleichzeitig sieht er den Wert der Pfingstbewegung besonders: Sie sind überzeugt davon, dass andere Menschen brauchen, was sie haben. Offensichtlich wirkt das überzeugend.
(Für wen es interessiert gibt es drüben bei First Things einen wesentlich kritischeren Artikel als Antwort an Stetzer und gleichzeitig einen, der auch die theologischen Eigenheiten der Pfingstbewegung in den aktuellen gesellschaftlichen Kontext setzt. Sehr interessant.)

B. John Piper hat drüben bei DesiringGod einen bemerkenswerten Artikel, in dem er theologisch mit dem neuen Roman von Marilynn Robinson interagiert. Das ist vor allem deswegen wichtig und richtig, weil sie interessante theologische Aussagen macht – im Roman und anderorts – über Theologie und besonders Jonathan Edwards. Piper als Theologe und Literturliebhaber ist dafür natürlich bestens ausgerüstet. Ich hätte mir allerdings gewünscht, er hätte intensiver mit der literarischen Seite des Buches interagiert. Dennoch: Unbedingt lesenswert.
Randbemerkung: Ich weiß nicht, ob ich Pipers Schluss teile, dass Ames durch seine Worte „a kind, old liberal‟ geworden ist. Das scheint mir ein zu harsches Urteil zu sein über seine – sehr menschlichen – Worte in dem Werk.

C. Alois Glück schreibt drüben bei der SZ einen sehr reflektieren Artikel, über seine Ablehnung der Liberalisierung der Gesetzesgrundlage zur aktiven Sterbehilfe. Zu bedenken würde ich dabei noch geben, dass eine liberalisierte Gesetzgebung nur Symptome behandelt (und diese Behandlung, allen statistischen Erwartungen nach, furchtbare Auswirkungen haben wird), nicht aber das Problem des leidvollen und/oder würdelosen Sterbens an sich anpackt. Ein assistierter Tod ist in diesem Sinne kein würdevoller Tod, als mehr ein notvoller Ausweg mangels vernünftiger Alternativen. Das wieder spricht Glück im Artikel sehr deutlich an, der sich auch um die deutsche Hospizbewegung sehr verdient gemacht hat.

D. Nick Roen schreibt drüben bei SpiritualFriendship über Enthaltsamkeit, und wie dieser Umgang mit seiner sexuellen Orientierung für ihn die beste Art ist, einen „countercultural‟ Ansatz als Christ zu leben. Ich muss sagen, dass ich unendlich dankbar für die Freunde bei SF bin, weil sie mit einer intellektuellen Brillianz viele (post-)moderne Vorstellungen zu Beziehung, Sex und Partnerschaft in Frage stellen: Nicht, weil sie einfach konservativ sind, sondern weil ihre Gedanken aus einem tiefen Ringen zwischen ihrer Selbstwahrnehmung und ihrer Spiritualität erwächst. Danke dafür – Prädikat: unbedingt lesen! Unbedingt abonnieren.


Und einen zum Schluss: Die Freunde von MereFidelity haben eine weitere sehr hilfreiche Episode hochgeladen, in der sie mit Peter Enns' neuem Buch, Andrew Wilsons Rezension darauf und Enns' Reaktion zur Rezension interagieren. Dabei sprechen sie einige wichtige Kritikpunkte an den 'progressive Christians' an, die bedenkenswert sind. Ich mag die vier Jungs sehr gerne. Sie sind unheimlich reflektiert und beim Hören des Podcasts merkt man, dass sie einfach Spaß beim Reden über diese Themen haben.

Samstag, 22. November 2014

Die nötige Portion Selbstbewusstsein (2.Teil)


Wie wir ein gesundes Selbstbewusstsein im Glauben entwickeln

Letzte Woche habe ich darüber geschrieben, dass ich davon überzeugt bin, dass wir mehr Selbstbewusstsein zeigen dürfen, wenn es um die Verteidigung unseres Glaubens geht. Das liegt zum einen daran, dass wir gar nicht alle Fragen beantworten können, die uns jemals gestellt werden. Zum Anderen aber liegt es auch in einem tiefen Vertrauen in Gott, aus dem heraus wir unseren Glauben verteidigen sollten; und nicht, weil wir es als eine Art Pflicht empfinden.
Es war nicht schwierig zu erwarten, wie die Reaktion von vielen von euch daran sein würde – nämlich die Frage, wie ich dieses Selbstbewusstsein gewinnen kann. Denn einige von euch haben mir zurückgemeldet, dass sich das vielleicht alles wirklich schön anhört; aber wie soll man Selbstbewusstsein entwickeln, wenn das Vertrauen in Gott so oft das eigentliche Problem ist. Wie soll ich Selbstbewusst in eine Diskussion gehen – oder mich mit einem Buch auseinander setzen – wenn mein Vertrauen in Gott oft ganz fehlt.
Und dann kommt dem Glauben ja auch noch der Lernaspekt hinzu – und ich wäre sicher der Letzte, zu behaupten, dass wir uns nicht auf einer Reise Richtung Herrlichkeit befinden, auf der wir Schritt für Schritt mehr lernen. Toby Faix und Tobi Künkler zitieren die Lerntheoretikerin Frigga Haug im Vorwort zu „Der Orthofoxe Häretiker‟ und schreiben:
Lernen, so die Lerntheoretikerin Frigga Haug, 'bedeutet das Verlassen einer als sicher aufgefassten Position […] und damit eine Verunsicherung.' Lernen im Sinne eines Umlernens geht notwendig mit einem Verlernen, d.h. mit einem Verlust daher. Solche Lernprozesse werden erfahren, so Haug, 'als Unsicherheit, als Unruhe, als Zweifel, als Bruch, eben als Umsturz, als Veränderung von Gewohnheit, Gültigem, für sicher und richtig Gehaltenem, als etwas Neues, das einen auch zwingt, anders zu leben.'‟ (Vorwort in: Rollins, Peter, Der Orthodoxe Häretiker, Marburg: Francke Buchhandlung 2014, S.9)

Wenn das stimmt, dann geht es im Glauben auch gar nicht darum, ganz sicher zu sein, sein Weltbild wirklich festgeklopft zu haben. Dabei spreche ich nicht von einem Relativismus in Glaubensfragen. Ich plädiere nur für eine gesunde Flexibilität in den Fragen, die in den letzten 2000 Jahren Kirchengeschichte offensichtlich niemand so richtig unter die Füße bekommen hat.
Nachdem ich das alles gesagt habe, möchte ich einen Weg aufzeigen, wie ich denke, dass sich diese Sicherheit im Glauben nicht finden lässt. Um danach in zwei Punkten zu entfalten, wieso ich denke, dass wir sie gar nicht finden können, aber versuchen können, daran zu arbeiten.

Selbstbewusstsein ist keine Entscheidung...
Auf dem Rückweg von der Arbeit gestern Abend habe ich mal wieder ein altes Album angehört, das auf meinem Handy geschlummert hat und schon lange nicht mehr gespielt wurde. Ich mag das Album sehr, es spricht von der tiefen Frömmigkeit zweier junger Männer aus den neuen Bundesländern, ist musikalisch einfach aber nicht simplistisch, und gleichzeitig haben die Texte oft einen ungewöhnlichen Tiefgang, der mich sehr anspricht.
An einer Stelle, bei einem Lied, wurde ich aber stutzig.
Darin heißt es, dass Zweifel nur zu dem Christen kommen, der nicht 'brennt'. Und der Lösungsvorschlag für das Problem ist: Fach das Feuer an.
Was auf mich irgendwie schrecklich wirkte. Es klang wie der Ratschlag für einen arbeitssuchenden Familienvater: „Geh doch einfach arbeiten.‟ Oder einem Alkoholiker nonchalant zu sagen: „Wirf doch einfach die Flasche weg.‟
Du hast Zweifel? Hör doch einfach auf zu zweifeln.
Du vertraust Gott nicht? Fang doch einfach an, ihm zu vertrauen.
Als ob das eine Entscheidung wäre, die wir treffen.
Zweifel, das habe ich in meiner Begleitung anderer Christen erlebt – und auch in meiner eigenen Spiritualität – hat ebenso sehr etwas mit der eigenen Persönlichkeit zu tun, wie auch der Frömmigkeit, der man sich verschreibt und der Umgebung, in der man aufwächst. Und weil die Ursachen für Zweifel wesentlich tiefer liegen als in einem intellektuellen Infragestellen von irgendwelchen Axiomen, ist die Lösung dafür auch komplizierter als es eine Entscheidung ist.
Das erinnert mich an die Stelle aus dem Film Bruce Allmächtig bei der der mit der göttlichen Allmacht ausgestattete Protagonist versucht, seine Freundin wieder dazu zu bringen, Gefühle für ihn zu entwickeln. Zu diesem Zweck stellt er sich vor ihr auf wie ein verrückter Zauberer in einer Zirkusmanege und schreit sie an: „Liebe mich!‟
Mit unseren Gefühlen ist es so eine schwierige Sache, weil man sich auf sie oft nicht verlassen kann. In dem einen Moment sind sie riesig und unüberbrückbar, im Anderen können sie schon wieder abebben und man fragt sich, wie man so verrückt sein konnte.
Und genauso wie Liebe keine Entscheidung ist (Partnerschaft ist eine...), so ist Vertrauen auch keine. Ohne das ich es jemandem wünsche wird das jeder bestätigen können, dessen Vertrauen schon einmal missbraucht wurde, in Scherben lag. Selbst wenn man wieder vertrauen wollte, war es nicht so einfach; es war nicht ein Schalter umzulegen, eine Entscheidung zu treffen.
Vertrauen zu Menschen, wie auch Vertrauen zu Gott, wächst mit der Zeit. Sie wachsen zusammen, indem man sich in Gemeinschaft mit anderen Christen begibt, und nicht versucht, das „Glaubensding‟ alleine auszufechten. Denn je mehr man merkt, dass die Menschen um einen herum auch nur Sünder sind, die sich auf die Gnade Gottes verlassen, desto mehr kann man auch vertrauen, dass dieser Gott wirklich existiert. Wirklich da ist. Wirklich gnädig ist.

sondern sie ist ein Geschenk, …
In diesem Sinne ist Gottvertrauen in erster Linie ein Geschenk, das wir uns weder verdienen können, noch etwas dafür tun, dass wir es schneller bekommen. Es kommt zu dem, der glaubt. Das ist es, was Paulus meint, wenn er schreibt: „So macht sein Geist uns im Innersten gewiss, dass wir Kinder Gottes sind.‟ (Röm 8,16; NeÜ).
Und tatsächlich ist das auch nicht irrationales, wie man den Glauben manchmal definieren möchte. Selbst als Christ zieht man sich manchmal gerne auf die komfortable Insel zurück, dass der Glaube etwas ist, das dem Verstand nicht zugänglich ist, bei dem man gewissermaßen den Verstand ausschalten muss und irgendwie einen Schritt ins Ungewisse machen.
Ich wehre mich nicht völlig dagegen, dass es Ungewissheitsmoment gibt auf der Reise evangelikaler Spiritualität, wenn wir Schritt für Schritt Richtung Herrlichkeit gehen, wie das Zitat oben über der Lernen auch zeigt. Nur geht es dabei um den Weg, den man als Christ geht, nicht den Schritt, Christ zu werden. Tatsächlich scheint es mir – auch neutestamentlich – wesentlich schwieriger, ein Christ zu sein, als einer zu werden.
C.S. Lewis ist bekannt dafür, dass er geschrieben hat:
Ich glaube an Christus, so wie ich glaube, dass die Sonne aufgegangen ist, nicht nur, weil ich sie sehe, sondern weil ich durch sie alles Andere sehen kann.‟ (Lewis, C.S., Das Gewicht der Herrlichkeit und andere Essays, Gießen: Brunnen 2005; S.58)

Ein Christ werden bedeutet nicht so sehr irgendein Gebet zu sprechen, als sich darauf einzulassen, die Welt anders zu sehen, mit neuen Augen. Es bedeutet, festzuhalten an einer Hoffnung, auch wenn alles in der Welt dich zu Zynismus drängt; einfach nur, weil du begonnen hast, zu vertrauen; einfach nur, weil du dir von Schritt für Schritt sicherer wirst, dass dieser Gott wirklich noch etwas großes vorhat, weil eine so ewige Geschichte einfach nicht so ein schäbiges Ende haben darf, und weil du die Auferstehung nicht nur glaubst, sondern sie siehst in den Christen in deiner Umgebung.
I believe, because I see the resurrection all around me. Will you be a 'Yes' to the question, whether Jesus has risen?‟, beendet der amerikanische Lehrer Rob Bell seinen bekannten Kurzfilm „You‟.
Allerdings ist das „Augen öffnen‟ ein Geschenk, für das man selbst gar nicht besonders viel kann. Den meisten Menschen, die ich kenne, ich Jesus zu einer unmöglichen Gelegenheit passiert – nichts Geplantes dahinter, oder Vorhersehbares. So wie der junge Mann, mit dem ich vor einigen Wochen geredet habe, der mit der evangelikalen Spiritualität aufgewachsen ist, aber nie etwas damit anfangen konnte. Er hatte das Evangelium eintausend Mal gehört, aber es war ihm immer egal gewesen. Bis zu diesem Tag, als er an der Bushaltestelle stand, weil er den Bus verpasst hatte, und 30 Minuten warten musste auf den nächsten. Dreißig Minuten, in denen er zum Stillhalten kam, zum Nachdenken, und es war in dieser Bushaltestelle, dass die Puzzlestücke für ihn zusammenfielen, und ihm Jesus passierte.
Gottvertrauen ist ein Geschenk, zumindest der Anfang. Das Augen geöffnet bekommen ist nichts, das wir planen, oder durch unsere Taktik hervorbringen. Oder für das wir uns entscheiden. Oder zu dem wir jemanden drängen können.

an dem man arbeiten kann.
Aber das ist nicht die ganze Geschichte. Denn alleine der obere Absatz könnte Menschen dazu verleiten, sich zurückzulehnen, mit der Erwartung – oder Ausrede – dass sie darauf warten, von Gottvertrauen erfüllt zu werden. Das ist genau die Haltung, gegen die der Autor des Hebräerbriefes einiges zu sagen hat, wenn er schreibt: „Eigentlich müsstet ihr längst andere unterrichten können, stattdessen braucht ihr jemand, der euch noch einmal die Anfangselemente der Botschaft Gottes beibringt.‟ (Heb 5,12; NeÜ)
Was ich damit meine – und wie ich den Heb an dieser Stelle verstehe – ist ziemlich einfach: Ein Krabbelkind ist süß, aber irgendwann muss es erwachsen werden.
In diesem Sinne denke ich, dass wir auch Verantwortung haben für unser Gottvertrauen in der Weise, das wir es nicht vor die Hunde gehen lassen sollten.
Ein häufiger Grund, wieso sich viele Menschen lieber nicht mit den großen Fragen der Gesellschaft und des Glaubens auseinander setzen, ist, dass sie im Innersten Angst davor haben, Gott dabei zu verlieren. „Was ist, wenn ich dabei etwas finde, das Gott widerlegt?‟ Darin schwingt die Erkenntnis mit, dass sie ohne Gott nicht leben wollen, aber die merkwürdige Annahme, dass sie das müssten; dass sie sich irgendwie zwischen Gott und der Wahrheit entscheiden müssten, als würde das eine das Andere ausschließen.
Letzte Woche habe ich mit euch ein Zitat von Aquinas geteilt, das genau dem auf den Grund geht. Heute habe ich eines von Augustinus für euch, das meine Spiritualität seit einigen Jahren prägt.
In seinem Werk „De Doctrina Christiana‟ schreibt er im Buch II,18 folgendes längeres Zitat, das ich einfach nicht abkürzen wollte:
Wir haben ja auch nicht deshalb auf die Erlernung der Buchstaben verzichten müssen, weil ihre Erfindung dem Merkur zugeschrieben wird, und brauchen uns nicht deshalb von der Gerechtigkeit und der Tugend abzuwenden, weil die Heiden der Gerechtigkeit und der Tugend Tempel geweiht haben und weil sie das, was im Herzen gehegt werden soll, lieber in Gebilden von Stein anbeteten. Im Gegenteil wird jeder wahre und gute Christ einsehen, daß die Wahrheit, die er in der Heiligen Schrift bekennt und anerkennt, das rechtmäßige Eigentum seines Herrn ist, mag er sie auch sonstwo immer finden‟. (Augustinus, Vier Bücher über die Christliche Lehre, übers. P. Sigisbert Mitterer, München: Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet 1925, S.76)

Und hier kommen wir zu dem Punkt an dem man beginnen kann, an seinem Gottvertrauen zu arbeiten. Wer diese Weisheit von Augustinus medititert – alle Wahrheit ist Gottes Wahrheit, wo immer man sie finden mag – und dass es keine Wahrheit geben kann, die Gott 'widerlegt', der kann auch aufatmend durch eine Welt gehen, die er durch eine neue Brille, durch geöffnete Augen sieht.
Der Satz bedeutet freilich nicht, dass wir einfach die Augen verschließen vor den Fakten, die uns 'ins Gesicht stehen', weil wir mit Fingern in den Ohren singen: „Das kann gar nicht sein, das kann gar nicht sein.‟
Es ist mehr ein vertraut werden mit einer Welt, in der Gott ist.
Es ist das mutige Lernen, auch wenn wir uns kurzfristig unsicher fühlen, denn da gibt es festen Grund, weil alle Wahrheit Gottes Wahrheit ist.
Also, beginnt zu lesen. Beginnt zu denken. Bittet um vertrauen, und meditiert, was es heißt, dass alle Wahrheit Gottes Wahrheit ist.
Und vielleicht finden wir hier sogar den Kern dessen, was evangelikale Spiritualität ausmacht:
Dass ich Gott vertrauen lerne, im Gottvertrauen wachse, in der Gemeinschaft mit anderen Lernenden,
weil Gott Wahrheit ist und schafft und liebt.

God Bless,

Restless Evangelical

Donnerstag, 20. November 2014

gelesen & geschätzt #18

Das richtige Buch für die falsche Zielgruppe

Rezension zu: Heilig, Christoph & Jens Kany, Die Ursprungsfrage. Beiträge zum Status Teleologischer Antwortversuche in der Naturwissenschaft, Münster: edition forschung 2011

Ich bin ein Kind der evangelikalen Bewegung. Das dürfte kein Geheimnis sein. Bis heute habe ich den klassischen Werdegang eines evangelikalen Christen hinter mich gebracht, komplett mit den klassischen Identitätskrisen, als ich zum ersten mal in ein nicht-christliches Mädchen verliebt war, der befreienden Erkenntnis, dass Gott gnädig und zuverlässig ist, und den fruchtlosen und doch angeregten (um es vorsichtig zu formulieren) Diskussionen über Evolution und Schöpfung im Biologieunterricht (und überhaupt jedem Unterricht, wenn ich mich richtig erinnere).
Als ich nach dem Abitur weiter ging, um Theologie zu studieren, lernte ich eine Welt kennen, in der man sich das Ziel gesetzt hatte, seine Spiritualität nicht einfach zu glauben, sondern intellektuell zu reflektieren. Ich begann, meiner Spiritualität das Motto zu geben: „Alle Wahrheit ist Gottes Wahrheit.‟ und versuchte, die Angst abzuschütteln, ich könnte auf eine Wahrheit stoßen, die Gott widerlegte.
Je mehr ich bis heute gelernt habe – und ja, ich bin mir bewusst, dass das mit 24 Jahren nicht unglaublich viel ist – desto sicherer wurde ich mir, dass ich nicht 'auf das falsche Pferd gesetzt' habe. Die intellektuell stimulierende Atmosphäre an meinem 'fundamentalistischen' Seminar bewahrte mich davor, blind zu glauben, und gab mir die Werkzeuge an die Hand, tiefer zu graben. Gleichzeitig erkannte ich mit jedem Buch, das ich gelesen hatte, dass es eine unglaubliche und diebische Freude sein kann, seinen eigenen Glauben herauszufordern.
Nur bei der Frage „Schöpfung und Evolution‟ blieb ich merkwürdig still. Als ich 15 war wurde ich mit der Behauptung konfrontiert, dass „die Wissenschaftler‟ (wer auch immer das ist?) selbst „gar nicht mehr an Evolution glaubten‟ (wer auch immer da eine repräsentative Umfrage gemacht hatte), „aber den Glauben zerstören wollen‟ (was auf so vielen Ebenen eine lächerliche Behauptung ist).
Das kann ein Problem sein, wenn das wichtigste Definitionskriterium für einen 'Evangelikalen' in einer von Arte- und Frontal21-dokumentationen gebildeten Gesellschaft, die Frage ist, ob man an „Evolution glaubt‟ oder „an Schöpfung‟.
Wie antworte ich also auf diese wichtigste Frage, die mir gestellt wird, sobald ich mich als Evangelikaler zu erkennen gebe, wenn meine einzige Antwort das ist, was Propaganda in seinem Lied sagt: „For some reason folks find it illogical that a perfectly designed universe screams of a designer.‟
Hier setzt das Buch „Die Ursprungsfrage‟ an, das mein lieber Freund Christoph Heilig zusammen mit Jens Kany herausgebracht hat. Es stellt die Fragen: Ist das Universum perfekt designt? Können wir das überhaupt wissen? Und wenn ja, was sagt das über den Designer aus? Irgendetwas?

Was das Buch sein will
Das sogenannte „Intelligent Design‟ (ID) ist eine Bewegung, die eine Zeit lang die Vereinigten Staaten aufgeschüttelt hat, weil sie versuchten, als wissenschaftliche Theorie anerkannt zu werden, mit dem erklärten Ziel, dadurch auch im Biologieunterricht in den staatlichen Schulen behandelt zu werden. Dabei sind manche Vertreter nur in wissenschaftliche Begriffe gehüllte Kreationisten, andere sind ernst zu nehmende Wissenschaftler, aber für viele Darwinisten riecht das ganze zu sehr nach Bibelgläubigkeit und damit einhergehender Wissenschaftsfeindlichkeit, als dass es wirklich ernst genommen werden könnte.
Christophs und Jens' Buch möchte die Debatte versachlichen, indem es sie von der politischen Ebene auf die philosophische zieht. In diesem Sinne sind in dem Buch eigentlich nur zwei Beiträge vorhanden, die sich mit der biologisch-naturwissenschaftlichen Seite der Argumentation auseinander setzt (von R. Junker als Befürworter von ID, und Thomas Waschke als Kritiker). Der Rest der Beiträge befasst sich mehr erkenntnistheoretisch mit der Frage, was „Teleologie‟ eigentlich ist, und in wie weit man sie in der Naturwissenschaft erkennen kann und sollte.
Teleologie definiert Markus Widenmeyer in seinem Beitrag plausibel:
Eine abstrakte Funktion, also etwas Zweckmäßiges, kann nur insofern eine kausale Wirksamkeit besitzen und ihren Funktionsträger in Existenz bringen, indem sie im Geiste einer intentional begabten Instanz das Motiv für eine entsprechende Handlung darstellt. Auf diese Weise konstruieren Menschen auch Autos, Flugzeuge und Computer. Ginge aber umgekehrt der Funktionsträger der Funktion zeitlich voraus, dann ist für die Erklärung der Entstehung des Funktionsträger die Funktion völlig belanglos.‟ (S.259)
Oder, anders ausgedrückt, Teleologie liegt nur dann vor, wenn ein Ziel schon vor der Erschaffung des Objektes vorhanden war. Wenn ich mein Steak zum Schneiden festhalten will, und mir deswegen eine Gabel schnitze, ist die Gabel teleologisch (mit einem Ziel) erschaffen worden. Wenn ich einen Stock finde, der zufällig Zinken hat, und denke: „Hey, damit könnte ich mein Steak festhalten!‟, dann mag mir das beim Mittagessen eine große Hilfe sein, bei der Frage wo der Stock herkommt ist es allerdings irrelevant.
In diesem Sinne versucht das Buch, die ganze Diskussion von der ideologischen Eben wegzubringen, und die Frage zu stellen, ob man mit naturwissenschaftlichen Methoden eigentlich einen solchen Zweck feststellen kann. Das ist eine philosophische Frage, nicht eine, die sich im Labor herausfinden lässt. Und Philosophie ist, sollte sie zumindest, freier Raum, in der Logik und Stringenz die entscheidende Rolle spielen.

Was das Buch ist
In diesem Sinne ist das Buch ein wirkliches Vorzeigestück.
Zum Einen gefällt mir sehr, mit welchem respektvollen Ton die einzelnen Impulsgeber im Buch miteinander umgehen. Gerade das ist es, was eine philosophische Debatte ausmachen sollte, und in diesem Sinne hat es mir einige sehr gute Impulse gegeben, über mein eigenes Weltbild nachzudenken.
Zum Anderen ist das Buch vor allein ein Vorzeigestück für die Herausgeber. Ich denke, dass Christoph und Jens in diesem Buch eine beeindruckend gute Arbeit abgeliefert haben, was das Zusammenstellen der verschiedenen Beiträge angeht. Das Buch wirkte auf mich wie aus einem Guss, die argumentative Linie war gegeben (indem die verschiedenen Beiträge auch verschiedene Bereiche der sachlichen Diskussion aufgeteilt war), und man hatte nicht den Eindruck, dass eine Seite oder die Andere der Debatte zu viel Platz oder Zeit zur Verfügung bekommen hat.
Das bedeutet, dass das Buch seinem Ziel auf der einen Seite durchaus gerecht wird, dass es einen sachlichen Beitrag zu der Debatte darstellt, zumindest für akademische Kreise. Denn, um es deutlich zu sagen, dieses Buch ist ein hochakademisches. Die Beiträge sind nicht nur mit philosophischen Fachtermini gespickt, sondern bestehen eigentlich gänzlich daraus. Das bedeutet für den Leser, dass er eine gewisse Vorbildung im Bereich der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie haben muss, um überhaupt einen Ertrag daraus zu ziehen. Als akademischer Beitrag in diesen Disziplinen ist das Buch aber ein wertvolles Beispiel davon, wie eine Debatte über weltanschaulich so gegensätzliche Ansätze, sachlich und respektvoll geschehen kann, ohne dass einer dem Anderen vorwerfen muss, absichtlich „die Fakten zu missachten‟.
Das bedeutet auch, dass dieses Buch weder 'kreationistisch' oder 'weltanschaulich darwinistisch' ist. Die einzelnen Impulsgeber mögen das eine oder das andere sein; das Buch ist ein Dialog, ein auf den Tisch legen der besten Karten, die die Diskussionsteilnehmer haben. Das Urteil darüber, welche Argumentation gelingt, bleibt dem Leser überlassen.
Der akademische und philosophische Anspruch aber macht es für den normalen Interessenten an der Debatte, der vielleicht keine oder nur eine geringfügige akademische Vorbildung mitbringt, äußerst schwer, das Buch überhaupt zu lesen, viel mehr noch zu verstehen.

Was das Buch nicht sein kann
Und ich denke, dass hier das große Manko des Buches liegt. Denn wenn das Ziel ist, die Debatte um ID zu versachlichen, wird es genau das nicht schaffen.
ID war – zumindest aus meiner Perspektive – nie wirklich eine Bewegung innerhalb der akademischen Zirkel. Teleologie (Zweckmäßigkeit) mag seine namhaften Vertreter in der Philosophie haben; ID aber ist eine politische Bewegung in den USA (und viele der Beiträge geben genau das zu). Rammerstorfer bezieht sich auf den vielleicht wichtigsten IDler der Welt, wenn er schreibt:
William A. Dembski (2004, 318) hat entsprechend erklärt, dass man erstaunlich erfolgreich darin war, ein kulturelles Movement zu erschaffen, während man den Erfolg auf wissenschaftlicher Ebene nicht überschätzen sollte.‟ (S.239)
Und genau hier liegt das Problem. ID als Bewegung ist nicht abseits der US-amerikanischen Trennung von Religion und Staat zu verstehen. ID hat nicht begonnen als eine naturwissenschaftliche, nicht einmal eine philosophische Bewegung, sondern auf dem politischen Planungstisch US-amerikanischer Evangelikaler. Und das meine ich nicht einmal als Kritik, sie haben ihr gutes Recht dazu.
Aber das führt auch dazu, dass der durchschnittliche ID-Anhänger dieses Buch niemals lesen wird, nicht nur wegen der Sprachbarriere, sondern vor allem wegen des hohen akademischen Anspruches des Buches. Die ID Debatte wird nicht auf der wissenschaftstheoretischen Ebene geführt. Sie wird in an den Stammtischen, in Jugendkreisen und Hauskreisen Amerikas (und, zugegeben, auch Deutschlands) geführt. Die Debatte zu versachlichen würde bedeuten, ein Buch zu schreiben, das weltanschaulich zutiefst heterogen ist (wie es das vorliegende Werk schafft), und gleichzeitig den Anspruch hat, normale Bürger des mittleren Bildungsweges (oder, Schüler mitten drin) zu erreichen (was bei dem vorliegenden Buch nicht der Fall ist). Ich weiß nicht, ob es möglich wäre, so ein Buch zu schreiben/herauszugeben. Ich weiß nur, dass Beiträge zur Teleologie (hin oder her, ja oder nein, dafür oder dagegen) im philosophischen Bereich seit Jahren diskutiert werden und große Namen auf beiden Seiten stehen.
So hinkt dieses Buch genau auf dieser Seite: Ist es ein philosophischer Beitrag, dann ist es nichts Besonderes. Ist es ein Beitrag zu ID, dann wird es sein Ziel nicht erreichen (können).
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Das bedeutet natürlich nicht, dass Christoph und Jens irgendetwas vorzuwerfen ist. Sie haben einen hervorragenden Job gemacht. Auch die anderen Beiträge sind von hoher Qualität, und für mich hat sich die Mühe sehr gelohnt, mich auch intellektuell durch das Buch zu wühlen und meine eigenen Vorstellungen herausfordern zu lassen.
Meine Erwartungen an das Buch waren allerdings zu sehr von dem Versprechen geprägt, dass die Debatte versachlicht werden würde. Das wird sie nur auf der einen Seite, wo sie (so scheint mir) schon lange sehr sachlich geführt wird. Auf der Seite, wo mehr Sachlichkeit vonnöten werden, wird und kann dieses Buch gar nicht wahrgenommen werden.
Das ist bedauerlich.
Das macht es zu genau dem richtigen Buch für die falsche Zielgruppe.

God Bless,
Restless Evangelical


P.S. Wenn ihr mich fragt, und euch die Zeit oder das Durchhaltevermögen nicht genügend scheint, das ganze Buch zu lesen, dann beschränkt euch auf den Artikel von Josef Bordat, der für mich die Stoßrichtung des Buches am Besten zusammenfasst. Und gönnt euch Robert Spaemanns wunderbaren Beitrag; Spaemann ist immer wunderbar zu lesen.

Mittwoch, 19. November 2014

I. Politischer Mittwoch


Vorbemerkung: Am politischen Mittwoch will ich unregelmäßig (aber wenn, dann immer Mittwochs) auf aktuelle politische Geschehnisse und Kommentare eingehen, die entweder meine unbedingte Zustimmung gefunden haben, oder die ich gar nicht nachvollziehbar fand. Zu diesem Zweck fällt dann jeweils das zweite Häppchen Weisheit aus.

Nicht vor- sondern post-modern.
Ein Kommentar zu „Böse sein, Gutes tun‟ von Willi Winkler (Süddeutsche Zeitung Nr.263, 15./16.November, S.4)

In einem sehr guten Kommentar auf der Meinungsseite der SZ vom Wochenende schreibt der Publizist Willi Winkler darüber, dass der Islamische Staat (im Nordirak und Syrien) ein erschreckend-beeindruckendes Beispiel für eine funktionierende Staatenbildung abliefert „als ob es [das Regime] sich für die Aufnahme in der EU empfehlen und deren Stabilitätskriterien einhalten müsste.‟ (Ebd.)
Der Artikel ist durchaus lesenswert. Gestolpert bin ich allerdings über einen scheinbar nebensächlichen Teilsatz, den der Autor lapidar einstreut, aber ein erhebliches Manko in seiner Argumentation darstellt.
Definierend schreibt er über die Gräuel des IS:

Stattdessen herrscht die schlimmste Vormoderne, werden Frauen geknechtet und Homosexuelle aussortiert, urteilt eine religiös begründete Gerichtsbarkeit und wird ein heiliger Krieg gegen die so genannten Ungläubigen geführt.‟ (Ebd.; unterstrichen durch mich)

Nun will ich hier gar nicht den IS verteidigen, ich wüsste gar nicht, wie das geht. Und ich will auch nicht bezweifeln, dass innerhalb seiner umkämpften Grenzen „die schlimmste Vormoderne‟ herrscht. Ebenso möchte ich betonen, dass ich einen sehr großen Teil – alles nicht unterstrichene – bei diesen Definitionen unterstützen kann; wo das herrscht, herrscht tatsächlich Vormoderne.
Problematisch ist für mich eher der Satz, dass eine religiös motivierte Gerichtsbarkeit ein Zeichen der Vormoderne ist.
Lasst mich erst definieren, was ich daran gar nicht problematisch finde, bevor ich zu meinem Kritikpunkt komme.
Unbestritten ist, dass das Supremat einer einzigen Weltanschauung in einem pluralistischen Staat nichts zu suchen hat. Wenn also mit „religiös begründete‟ Gerichtsbarkeit gemeint ist – und das ist im IS ja nun tatsächlich der Fall – dass sie eine Weltanschauung als Richter über die Anderen aufspielt, bei Nicht-Konformität sogar Todesstrafe droht, dann ist das Vormodern. Es ist ja gerade die Errungenschaft des Pluralismus, dass verschiedenste Positionen nebeneinander existieren können, ohne dass dabei der Wert des Menschen – und seine, seinem Wesen innewohnenden, Rechte – nicht angetastet werden.
Der Theologe und Gesellschaftskommentator Ravi Zacharias sagt dazu, dass man Weltbilder gegeneinander antreten lassen kann, nicht aber Menschen. „Humans are created equal, not religions.‟ Und ja, in diesem Sinne herrscht im IS Vormoderne.
Für mich nur unverständlich ist, wie man Religion aus der Urteilsbildung heraushalten sollte. Und genau darin finde ich den Satz so problematisch. Heißt der Satz, dass wir jetzt alle Richter nach ihren religiösen Vorstellungen befragen müssen – im modernen Rechtsstaat Deutschland – und wenn sie irgendeine Vorstellung von Gott haben, dass sie ihrer Aufgabe nicht mehr nachkommen können? Und wie definieren wir dann Religion? Ist religiös nur der, der an einen persönlichen Gott glaubt (Theisten)? Oder auch ein Deist, der nicht davon ausgeht, dass der wie auch immer geartete Gott noch in die Welt eingreift, er aber existiert? Was ist mit einem Atheisten, der definitiv ein metaphysisches Weltbild hat, sich schon vom Namen her durch seine Stellung zur transzendenten Wirklichkeit definiert? Glauben wir, dass seine Weltanschauung keinen Einfluss auf seine Urteile haben wird, während ein gläubiger Katholik zu voreingenommen ist?
Dieses Problem liegt an der Wurzel so ziemlich jeder liberalen Gedankenführung. Es ist die hypothetische Vorstellung einer weltanschaulichen Neutralität. Aber, um John Rawls aufzugreifen, wir kommen nie hinter den Schleier des Nichtwissens. Es ist ein hypothetischer Raum – ich versteige mich gern darauf, zu sagen, utopischer – der aber nicht betretbar ist.
Gefährlich wird es, für uns im Westen, denke ich, vor allem dort, wo eine Meinung sich zur Vorherrschenden erhebt und beginnt, andere pluralistisch funktionierende Meinungen zu unterdrücken. Das kann eine religiöse sein, wie es Jahrhundertelang in Europa der Fall war. Es kann aber auch eine scheinbar säkulare sein, die mit den richtigen Begrifflichkeiten genau das Falsche tut.
Eine „religiös begründete Gerichtsbarkeit‟ fängt eben nicht an der Grenze zur Scharia an. Sie fängt da an, wo sich eine Weltanschauung im pluralistischen Staat das Recht herausnimmt, eine andere pluralistisch-dialogierende Meinung als Un-meinung zu deklarieren.
Das ist gerade deswegen ein Problem, weil es dem Pluralismus im Kern widerspricht. Manchmal setzen wir den Begriff in unseren Köpfen – und Reden – gleich mit einem Relativismus. Das aber ist gerade der Fehler. Ein Relativismus ist eine moralische Position, nämlich gerade die, dass keine Position recht hat. Pluralismus ist eine politische Funktionsweise, in der absolute Ansprüche durchaus ihr Recht und ihre Funktion haben, nicht aber die gewaltsame Unterdrückung anderer politischer Positionen. Und mit Gewalt muss dabei nicht nur die sehr explizite Gewalttätigkeit des IS gemeint sein, sondern auch die induktive Gewalt von aggressiven Medienkampagnen oder dem gut funktionierenden Gruppendruck einer weltanschaulich nicht mehr ausreichend heterogenen Gesellschaft.
Wenn gesagt wird: „Das darf man doch nicht sagen.‟, dann muss sehr vorsichtig und aufmerksam betrachtet werden, ob „das‟ nur der Mehrheitsmeinung widerspricht, oder wirklich oppressiv agiert. Nur das Zweitere ist in einem pluralistischen Dialog unangemessen und darf gerne als vormodern bezeichnet werden.
Der Widerspruch zur Mehrheitsmeinung allerdings, der eine Meinung zur pluralistischen Debatte stellt, steht nicht in Konkurrenz zur Postmoderne, er ist viel mehr ihr deutlichster Ausdruck.
„Religiös begründete Gerichtsbarkeit‟ ist, damit will ich schließen, also nicht in sich ein Zeichen von Vormoderne. Sie ist vielmehr etwas ganz normales, wenn man Religion nicht als „oppressive Weltanschauung‟ definiert, sondern einfach als Weltanschauung. „Weltanschaulich begründete Gerichtsbarkeit‟ ist etwas zutiefst menschliches. Der Gesetzesgeber und-schützer sollte darauf achten, dass die auszulegenden Gesetze entsprechend gleich-gültig sind für jede Mehr- und Minderheit in der Nahrungskette politischer Meinungen. Auf dieser Grundlage werden Richter wie Staatsanwälte wie Rechtsanwälte immer weltanschaulich denken und urteilen.
Es ist das Privileg eines pluralistischen Rechtsstaates, dass wir der Judikative dabei vertrauen können, nicht weltanschaulich oppressiv zu agieren.
Was genau das ist, was im IS nicht passiert. Dort wird unterdrückt und zerstört und mundtot gemacht. Ein furchtbares Unrecht, das dort passiert. Da hat Willi Winkler schon recht, und seine Worte sind unbedingt lesenswert. Nur seine Definition von „Gerichtsbarkeit‟ sollte er der pluralistischen Realität des Mensch-seins anpassen.

Mit freundlichen Grüßen,

ein religiös engagierter Bürger.

Dienstag, 18. November 2014

Davon die Alten sungen... (18.11.2014)


Martin Luther – Der du bist, drei in Einigkeit #3

Die Sonn' mit dem Tage von uns weicht,
lass leuchten uns dein göttlich Licht.‟

Vor ein paar Tagen habe ich gelernt, dass ein gut ausgeleuchtetes Büro bei Nacht 500 Lux hat (eine Form, Beleuchtung zu messen). Das gleiche Büro bei Tageslicht hat 10.000 Lux.
Kein Wunder, dass die Menschen zur Winterzeit depressiv werden. Das liegt nicht nur daran, dass man sich das Gehirn zermartert, wo man welches Geschenk kaufen sollte, und vor allem, ob und wo man denn feiern wird. Es liegt vor allem daran, dass es dunkel wird.
Das alleine ist natürlich keine besonders tolle Erkenntnis.
Aber diese Zahlengegenüberstellung hat mich an diese Zeile erinnert, die ich momentan an fast jedem Morgen singe oder laut bete. Ich habe mich daran erinnert gefühlt, weil Martin Luther mit diesen zwei Zeilen eine einfache Wahrheit zum Ausdruck bringt. Das ist, dass das geistliche Leben dann sehr einfach fällt, wenn das Leben einfach läuft. Nicht, dass dann Beten und Bibellese und überhaupt eine reflektierte Frömmigkeit zu leben einfach wäre. Nur macht man sich weniger Gedanken darum. Wer denkt schon darüber nach, ob er am Morgen genug gebetet hat, wenn er bei Sonnenschein ein kühles Bierchen öffnet und mit seinen Freunden an der Lahn grillt?
Oder, wie es in dem Lied von Jupiter Jones heißt: „Wenn morgen die Sonne scheint, wird alles so schlimm nicht sein.‟
Aber dann ist es gerade in den Zeiten, in denen die Sonne untergeht, dass wir uns an das Licht klammern müssen, das zwar hundertmal heller scheint, aber das so schwer zu finden ist. Dann ist es eine Anstrengung, es zu suchen und sich daran festzuhalten – alle anderen Möglichkeiten und Auswege scheinen dann attraktiver zu sein; vor allem, weil sie einfacher zu finden sind.
Weil wir uns dann oft einreden, dass es uns doch gut ging, als wir uns nicht um unsere Beziehung zu Gott gekümmert haben; wir nehmen dann an, dass Gleichgültigkeit gleichbedeutend ist mit Wohlergehen. Und wir denken nicht mehr darüber nach – es kommt uns dann gar nicht mehr in den Sinn – dass es gerade die Gleichgültigkeit war, die uns in diese Nacht geführt hat.
Wir sind dann mehr wie Gollum, der sich tief in das Gebirge zurückzieht, aus Selbsthass und Hass auf die Welt. Aber sobald er an das Tageslicht tritt, wird er erinnert an das, was sein könnte, und sehnt sich zurück in seine Grotte.
Bei uns ist es wahrscheinlich kein Selbsthass, sondern eben die Gleichgültigkeit gegenüber Gott, die uns aus dem Wirkbereich der Sonne wegtreibt, und wie schnell vergessen wir, dass wir das Licht brauchen, um überhaupt zu überleben.
In diesem Sinne braucht es dann Anstrengung und Kraft, aus der Dunkelheit – an die sich unsere Augen schon gewöhnt haben – wieder ins Licht zu treten, wie der Erkennende in Platos Höhlengleichnis. In die Sonne zu treten ist dann zu grell, unangenehm für die Augen und der erste Impuls ist, wieder zurück in die schummerige Dämmerung zu treten.
Doch Luther erinnert uns – in dem Lied und durch sein Leben – daran, dass es einen Wert hat, sich um das Licht zu bemühen, das so viel heller ist als das Tageslicht. Es liegt darin, an seiner Beziehung zu Gott zu arbeiten, sie nicht einfach laufen zu lassen als wäre es ein Selbstläufer, sondern aktiv daran teilzuhaben, und auch Dinge auf sich zu nehmen, die nicht auf den ersten Blick angenehm sind.
Eine Freundin hat letztens im Bezug auf das Gebet und die Bibellese gesagt: „Vielleicht ist es so, dass wir nichts für Gott tun können, aber für unsere Beziehung zu ihm.‟
Auf Luthers Bild übertragen bedeutet das: Wir können nichts dafür tun, dass das Licht heller scheint, nichts tun, damit uns mehr Lux umstrahlt. Aber wir können etwas dafür tun, uns vor dem Licht nicht zu verbergen, nicht aus dem Licht herauszutreten und die Dämmerung vorzuziehen.
Die Beziehung mit Gott aktiv zu suchen ist nicht einfach, besonders wenn man sich schon länger aus dem Licht entfernt hat. Und dennoch ist es eine große Freude.

God Bless,

Restless Evangelical