Freitag, 14. November 2014

Die nötige Portion Selbstbewusstsein (1.Teil)


Apologetik und die Kunst, Gott zu vertrauen

Vor einiger Zeit wurde in eine Facebookgruppe eingeladen, die sich dem Zeil verschrieben hat, Diskussion zwischen Christen und Atheisten zu fördern. Nachdem ich mir das ganze ein paar Wochen angesehen habe, bin ich wieder ausgestiegen aus dieser Gruppe – ich habe selten eine solche Zeit- und Ressourcenverschwendung gesehen. Wenn auch nur eine einzige Person durch so eine Onlinediskussion umgestimmt wird, darf er sich bei mir eine Ausgabe von A Public Faith von Miroslav Volf abholen.
Und dennoch hat es mich dazu gebracht, darüber nachzudenken, wie wir Apologetik – die Verteidigung des Glaubens – betreiben. Grundsätzlich ist das ja keine Disziplin, der ich mich selbst versage. Vielmehr betreibe ich sie auch gerne – wobei mir das Wort selbst zu sehr den Gedanken enthält, andere zu überzeugen, und ich mehr erlebe, dass gute Diskussionen bei beiden Seiten zum nachdenken, überdenken und neu denken anregt.
Das Problem, dem ich mich selbst meistens gegenüber sehe, ist vor allem, dass wir schnell in eine Verteidigungsposition gedrängt werden (oder, noch häufiger, uns selbst hinein begeben). Dieser Taktik liegt auf unserer Seite die Annahme zugrunde, dass wir den Glauben bewiesen hätten, würden wir nur alle Zweifel ausräumen. Das ist, zugegeben, ein nobles Anliegen; bleibt nur an dem stacheligen historischen Fakt hängen, dass das selbst den klügsten Köpfen der Geschichte nicht gelungen ist. Ein Narr, sagt ein altes Sprichwort, kann immer mehr Fragen stellen, als ein Weiser beantworten kann.
Das größere Problem damit scheint mir aber, dass es dabei die nötige Portion Selbstbewusstsein fehlt, die dazu nötig ist, eine Position glaubhaft herüberzubringen. Wenn ich mir meine darwinistischen Freunde ansehe, oder hedonistischen, relativistischen, wie auch immer gearteten Weltanschaulich festgelegten Freunde, dann vertreten sie ihre Position mit einem größeren Pathos, als wir Christen es uns oft zugestehen.
Während ich mir so meine Gedanken darüber gemacht habe, kam ich an einem interessanten Satz vorbei, den John Stott in einem Interview gesagt hat:
I don't know why we are always caught on the defensive and the retroactive instead of the proactive. I don't think it is something in our makeup as evangelicals. I sometimes wonder if it is that God has not given us many leaders who are visionaries.‟ (Stott, John, Balanced Christianity, Downers Grove: IVP 2014, S.66)
Ich denke, um zu einer selbstbewussteren und gleichzeitig zielführenden Gesprächskultur zu kommen, brauchen wir vor allem zwei Dinge – ein Vertrauen, das auf Gott gründet, und gleichzeitig eine Demut, die um uns selbst weiß.

Ein Vertrauen, das in Gott gründet
Die Angst vor zu viel Selbstbewusstsein ist natürlich auch seine Gründe. Wir wollen nicht arrogant auftreten, und es schon gar nicht sein, also nehmen wir lieber die devote Stellung im Schlagabtausch der Argumente ein, als dass wir zu proaktiv auftreten. Zumal es auch nicht wirklich überraschend ist, dass eine Minderheitenposition sich auch besser verteidigen muss, als die Mehrheitsposition muss.
Wer heute für eine Theorie des gerechten Krieges argumentieren will, zB, der muss das wesentlich ausführlicher tun, als ein Pazifist, der 'endlich mal sagt', dass der Irakkrieg ein Fehler und eine Schande war. Den Letzteren wird jeder Journalist feiern, selbst wenn seine Argumente nichts Neues sind, während der Erstere nur dann eine Stimme hat, wenn seine Argumentation Niet- und Nagelfest ist.
Gerade das ist aber ein Problem mit dem christlichen Glauben, denn genau eine solche Argumentation können wir eigentlich gar nicht auffahren. Thomas von Aquin erinnert uns daran in seinem viel zu wenig beachteten Werk De rationibus fidei:
Zuerst will ich noch daran erinnern, daß du in Disputationen gegen Ungläubige über Glaubensartikel nicht darauf aus sein darfst, den Glauben durch zwingende Gründe zu beweisen; dies würde nämlich der Erhabenheit des Glaubens Abbruch tun, dessen Wahrheit nicht nur den menschlichen Geist, sondern sogar den der Engel überschreitet.‟ (Aquin, Thomas von, De Rationibus Fidei, Kommentierte lateinisch-deutsche Ausgabe von Ludwig Hagemann und Reinhold Glei, Altenberge: CiS Verlag 1987, S.65; unterstrichen durch mich)
Wenn Thomas hier recht hat, dann kann es gar nicht unser Ziel sein, den Glauben zu 'beweisen' (sei es naturwissenschaftlich oder philosophisch oder in sonst einer Disziplin), weil dem Glauben immer noch ein Teil Erhabenheit darin vorhanden ist. Ein reiner Vernunftsglaube ist also nicht wirklich die Gotteserkenntnis, auf die das Christentum abzielt; sondern ein Staunen, ein Eindruck von der Erhabenheit, die darinnen liegt.
Aber gleichzeitig soll uns das natürlich nicht dazu anhalten bei allem nachzugeben, selbst wenn wir gute Gründe haben, das Angegriffene zu glauben. Thomas schreibt nämlich weiter:
Weil aber das, was aus der höchsten Wahrheit hervorgeht [wie die Wahrheiten des Christentums aus Gott – RE], nicht falsch sein kann, und nichts mit zwingenden Gründen widerlegt werden kann, was nicht falsch ist, so kann unser Glaube, ebenso wie er nicht mit zwingenden Gründen bewiesen werden kann, weil er den menschlichen Geist überschreitet, wegen seiner Wahrheit auch nicht mit zwingenden Gründen widerlegt werden.‟ (Ebd.)
Als ich vor ein paar Tagen diesen Absatz bei Thomas gelesen habe, war ich ein wenig überwältigt. Zuerst schien sich mir hier die sprichwörtliche Katze in den Schwanz zu beißen. Und sei es eine göttliche Katze. Es ist doch gerade die Frage, ob diese Glaubenswahrheiten aus der „höchsten Wahrheit hervorgehen‟.
Bis ich zu dem Gedanken kam, dass Apologetik wahrscheinlich gar nicht möglich ist, wenn wir nicht von einem gewissen Gottvertrauen ausgehen. Eine völlig andere Sache ist natürlich „eigenes Suchen‟. Und das ist nicht schlechter, nur keine Verteidigung des eigenen Standpunktes. Wer einen Standpunkt verteidigen will, muss einen haben. Wer aber zu der Überzeugung gekommen ist, dass Gott ist, der kann von diesem Standpunkt auch vertrauen, dass Gott Wahrheit ist und spricht. Da beißt sich dann auch keine Katze.
In diesem Sinne baue ich meine Apologetik immer auch auf einer Weltsicht, die ich besitze. Was jeder irgendwie macht. Wenn ich mit meinen linken Freunden diskutiere, dann tun sie das nicht mit der Annahme, dass sie Unrecht haben könnten; genauso wie meine feministischen Freunde (und ich gebe zu, diese beiden Gruppen sind oft deckungsgleich). Oder auch die AfDler unter meinen Freunden. Oder, oder, oder.
Nun kommt unsere Überzeugung aber nicht daraus, das wir unserem Verstand mehr vertrauen als dem, anderer. Oder Karl Marx Verstand. Oder Bernd Luckes, was das angeht. Wir vertrauen, dass Offenbarung eben genau das ist, dass offenbar machen von Wahrheit, die aus der Quelle der Wahrheit selbst kommt.
Was Glaube ist, verstehe schon.
Aber nicht weniger rational oder unrational als jede andere Weltsicht.
Zumal, aus meiner Sicht, irgendwie sympathischer, weil sie ihr Selbstbewusstsein nicht aus sich selbst zieht.

Eine Demut, die um sich selbst weiß
Irgendwo zwischen dem Erkennen dieses Selbstbewusstsein, und dem Gespräch mit einem anders-denkenden Freund, Freundin, Kollegen oder fremden Facebooknutzer, stehen wir dann als Menschen. Und so schön das da oben auch klingen mag in der Theorie, es ist in der Diskussion selbst dann nicht viel mehr wert als das morgendliche Ritual, sich vor dem Spiegel selbst Mut zuzusprechen: „Du schaffst das, Tiger. Deine Haare sitzen perfekt und die Krawatte hat keine Fettflecken.‟ - „Du schaffst das, Keule. Dein Gott ist Wahrheit, also nur raus und diskutieren.‟
Der Grund dafür liegt, denke ich, vor allem genau in dem Fakt, dass wir immer noch Menschen sind. Wenn wir auch darauf vertrauen, dass Gott eben Gott ist, und dass Gottes Offenbarung Wahrheit ist, dann heißt das noch lange nicht, dass wir für unser Verständnis derselben das gleiche Vertrauen aufbringen können.
Das liegt zum Einen an unserer begrenzten Sicht und unserer begrenzten Aufnahmefähigkeit. Niemand kann alles wissen, und niemand kann auf jede Frage eine gute Antwort haben. In diesen Momenten scheint es mir das Wichtigste zu sein, sich selbst die Frage zu stellen: „Wenn das stimmt, widerlegt es dann Gott – oder seine Wahrheit – oder 'nur' mein Verständnis davon?‟ Diese Unterscheidung zu treffen ist nicht unwichtig. Und gleichzeitig kann sie einen Menschen auch gelassener machen. Die uralten Glaubenswahrheiten des Christentums an sich haben die klügsten Köpfe der letzten 2000 Jahre nicht widerlegt; wahrscheinlich wird es der dritt-semester Philosophiestudent mit dem karierten Hemd und dem Milchkaffee auch nicht schaffen.
Unsere kleinen Vorstellungen und Ausformulierungen allerdings können durchaus angegriffen werden, und auch von einem Oberschüler – oder Grundschüler – hinterfragt werden.
Wieder Thomas von Aquin beschreibt drei Schwierigkeiten, die sich dem Nachdenken über Gott in den Weg stellen. Da ist zum Einen, dass es einer gewissen Bildung bedarf (wobei wir bedenken sollten, dass die Bildung in Deutschland im Allgemeinen unvergleichlich höher ist als das durchschnittliche Niveau zu Zeiten Aquins!). Zum Anderen braucht es Zeit und Anstrengung, die viele nicht aufbringen wollen oder auch können.
Doch den dritten Grund fand ich sehr hilfreich in meinem Nachdenken über Selbstbewusstsein und Demut bei der Apologetik:
Der dritte Nachteil ist, daß dem Forschen der menschlichen Vernunft wegen der Gebrechlichkeit unseres Verstandes im Urteilen und wegen der Vermischung mit Vorstellungsbildern zumeist Irrtümer beigemengt sind.‟ (Aquin, Thomas v., Summe gegen die Heiden, Herausgegeben und Übersetzt von Karl Albert und Paulus Engelhardt, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1974, S.15)
Hier ist also der Punkt: unser Verstand ist nie ganz rein, unsere Argumentation niemals vorurteilfrei, und unser Urteil über Weltbilder niemals losgelöst von unserem eigenen. Und diese Erkenntnis muss uns nicht verzweifeln lassen: Unser Selbstbewusstsein in der Diskussion liegt ja gerade nicht in unserem Verstand, sondern in der Natur des Gottes, an den wir glauben.
Aber wenn wir verinnerlichen, was Thomas hier sagt, dann wird uns das auch aufrichtiger in einer Diskussion werden lassen. Es gibt uns die Chance, unsere eigenen Vorstellungen klarer zu sehen, die Vorstellung der Anderen nicht zu verachten – wir haben ja selbst welche – sondern sie zu betrachten und zu sehen, ob darin nicht Dinge sind, die wir lernen können.
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Da haben wir es – eine einfache Idee, wie wir uns als Christen in einer Diskussion verhalten sollten. Wegsehen von uns, und unseren Fähigkeiten, und Vertrauen gewinnen auf den Gott, der Wahrheit ist. Gleichzeitig in dem Bewusstsein leben, dass wir nicht unfehlbar sind, wenn auch Gott es sein mag.
Alles nichts Neues, wahrscheinlich.
Aber für mich eine gute Erinnerung.

God Bless,
Restless Evangelical


P.S. Dieser Artikel ist der erste Teil einer weitere Trilogie. Nächsten Freitag werde ich mich in meinem Artikel mit der Frage beschäftigen, wie man zu einem solchen Selbstbewusstsein kommt, wie ich es in diesem Artikel beschrieben habe, und im dritten Teil werde ich der Frage nachgehen, was für praktische Konsequenzen das für unsere Apologetik hat. Es lohnt sich also, in den nächsten zwei Wochen wieder vorbeizuschauen.

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