Samstag, 22. November 2014

Die nötige Portion Selbstbewusstsein (2.Teil)


Wie wir ein gesundes Selbstbewusstsein im Glauben entwickeln

Letzte Woche habe ich darüber geschrieben, dass ich davon überzeugt bin, dass wir mehr Selbstbewusstsein zeigen dürfen, wenn es um die Verteidigung unseres Glaubens geht. Das liegt zum einen daran, dass wir gar nicht alle Fragen beantworten können, die uns jemals gestellt werden. Zum Anderen aber liegt es auch in einem tiefen Vertrauen in Gott, aus dem heraus wir unseren Glauben verteidigen sollten; und nicht, weil wir es als eine Art Pflicht empfinden.
Es war nicht schwierig zu erwarten, wie die Reaktion von vielen von euch daran sein würde – nämlich die Frage, wie ich dieses Selbstbewusstsein gewinnen kann. Denn einige von euch haben mir zurückgemeldet, dass sich das vielleicht alles wirklich schön anhört; aber wie soll man Selbstbewusstsein entwickeln, wenn das Vertrauen in Gott so oft das eigentliche Problem ist. Wie soll ich Selbstbewusst in eine Diskussion gehen – oder mich mit einem Buch auseinander setzen – wenn mein Vertrauen in Gott oft ganz fehlt.
Und dann kommt dem Glauben ja auch noch der Lernaspekt hinzu – und ich wäre sicher der Letzte, zu behaupten, dass wir uns nicht auf einer Reise Richtung Herrlichkeit befinden, auf der wir Schritt für Schritt mehr lernen. Toby Faix und Tobi Künkler zitieren die Lerntheoretikerin Frigga Haug im Vorwort zu „Der Orthofoxe Häretiker‟ und schreiben:
Lernen, so die Lerntheoretikerin Frigga Haug, 'bedeutet das Verlassen einer als sicher aufgefassten Position […] und damit eine Verunsicherung.' Lernen im Sinne eines Umlernens geht notwendig mit einem Verlernen, d.h. mit einem Verlust daher. Solche Lernprozesse werden erfahren, so Haug, 'als Unsicherheit, als Unruhe, als Zweifel, als Bruch, eben als Umsturz, als Veränderung von Gewohnheit, Gültigem, für sicher und richtig Gehaltenem, als etwas Neues, das einen auch zwingt, anders zu leben.'‟ (Vorwort in: Rollins, Peter, Der Orthodoxe Häretiker, Marburg: Francke Buchhandlung 2014, S.9)

Wenn das stimmt, dann geht es im Glauben auch gar nicht darum, ganz sicher zu sein, sein Weltbild wirklich festgeklopft zu haben. Dabei spreche ich nicht von einem Relativismus in Glaubensfragen. Ich plädiere nur für eine gesunde Flexibilität in den Fragen, die in den letzten 2000 Jahren Kirchengeschichte offensichtlich niemand so richtig unter die Füße bekommen hat.
Nachdem ich das alles gesagt habe, möchte ich einen Weg aufzeigen, wie ich denke, dass sich diese Sicherheit im Glauben nicht finden lässt. Um danach in zwei Punkten zu entfalten, wieso ich denke, dass wir sie gar nicht finden können, aber versuchen können, daran zu arbeiten.

Selbstbewusstsein ist keine Entscheidung...
Auf dem Rückweg von der Arbeit gestern Abend habe ich mal wieder ein altes Album angehört, das auf meinem Handy geschlummert hat und schon lange nicht mehr gespielt wurde. Ich mag das Album sehr, es spricht von der tiefen Frömmigkeit zweier junger Männer aus den neuen Bundesländern, ist musikalisch einfach aber nicht simplistisch, und gleichzeitig haben die Texte oft einen ungewöhnlichen Tiefgang, der mich sehr anspricht.
An einer Stelle, bei einem Lied, wurde ich aber stutzig.
Darin heißt es, dass Zweifel nur zu dem Christen kommen, der nicht 'brennt'. Und der Lösungsvorschlag für das Problem ist: Fach das Feuer an.
Was auf mich irgendwie schrecklich wirkte. Es klang wie der Ratschlag für einen arbeitssuchenden Familienvater: „Geh doch einfach arbeiten.‟ Oder einem Alkoholiker nonchalant zu sagen: „Wirf doch einfach die Flasche weg.‟
Du hast Zweifel? Hör doch einfach auf zu zweifeln.
Du vertraust Gott nicht? Fang doch einfach an, ihm zu vertrauen.
Als ob das eine Entscheidung wäre, die wir treffen.
Zweifel, das habe ich in meiner Begleitung anderer Christen erlebt – und auch in meiner eigenen Spiritualität – hat ebenso sehr etwas mit der eigenen Persönlichkeit zu tun, wie auch der Frömmigkeit, der man sich verschreibt und der Umgebung, in der man aufwächst. Und weil die Ursachen für Zweifel wesentlich tiefer liegen als in einem intellektuellen Infragestellen von irgendwelchen Axiomen, ist die Lösung dafür auch komplizierter als es eine Entscheidung ist.
Das erinnert mich an die Stelle aus dem Film Bruce Allmächtig bei der der mit der göttlichen Allmacht ausgestattete Protagonist versucht, seine Freundin wieder dazu zu bringen, Gefühle für ihn zu entwickeln. Zu diesem Zweck stellt er sich vor ihr auf wie ein verrückter Zauberer in einer Zirkusmanege und schreit sie an: „Liebe mich!‟
Mit unseren Gefühlen ist es so eine schwierige Sache, weil man sich auf sie oft nicht verlassen kann. In dem einen Moment sind sie riesig und unüberbrückbar, im Anderen können sie schon wieder abebben und man fragt sich, wie man so verrückt sein konnte.
Und genauso wie Liebe keine Entscheidung ist (Partnerschaft ist eine...), so ist Vertrauen auch keine. Ohne das ich es jemandem wünsche wird das jeder bestätigen können, dessen Vertrauen schon einmal missbraucht wurde, in Scherben lag. Selbst wenn man wieder vertrauen wollte, war es nicht so einfach; es war nicht ein Schalter umzulegen, eine Entscheidung zu treffen.
Vertrauen zu Menschen, wie auch Vertrauen zu Gott, wächst mit der Zeit. Sie wachsen zusammen, indem man sich in Gemeinschaft mit anderen Christen begibt, und nicht versucht, das „Glaubensding‟ alleine auszufechten. Denn je mehr man merkt, dass die Menschen um einen herum auch nur Sünder sind, die sich auf die Gnade Gottes verlassen, desto mehr kann man auch vertrauen, dass dieser Gott wirklich existiert. Wirklich da ist. Wirklich gnädig ist.

sondern sie ist ein Geschenk, …
In diesem Sinne ist Gottvertrauen in erster Linie ein Geschenk, das wir uns weder verdienen können, noch etwas dafür tun, dass wir es schneller bekommen. Es kommt zu dem, der glaubt. Das ist es, was Paulus meint, wenn er schreibt: „So macht sein Geist uns im Innersten gewiss, dass wir Kinder Gottes sind.‟ (Röm 8,16; NeÜ).
Und tatsächlich ist das auch nicht irrationales, wie man den Glauben manchmal definieren möchte. Selbst als Christ zieht man sich manchmal gerne auf die komfortable Insel zurück, dass der Glaube etwas ist, das dem Verstand nicht zugänglich ist, bei dem man gewissermaßen den Verstand ausschalten muss und irgendwie einen Schritt ins Ungewisse machen.
Ich wehre mich nicht völlig dagegen, dass es Ungewissheitsmoment gibt auf der Reise evangelikaler Spiritualität, wenn wir Schritt für Schritt Richtung Herrlichkeit gehen, wie das Zitat oben über der Lernen auch zeigt. Nur geht es dabei um den Weg, den man als Christ geht, nicht den Schritt, Christ zu werden. Tatsächlich scheint es mir – auch neutestamentlich – wesentlich schwieriger, ein Christ zu sein, als einer zu werden.
C.S. Lewis ist bekannt dafür, dass er geschrieben hat:
Ich glaube an Christus, so wie ich glaube, dass die Sonne aufgegangen ist, nicht nur, weil ich sie sehe, sondern weil ich durch sie alles Andere sehen kann.‟ (Lewis, C.S., Das Gewicht der Herrlichkeit und andere Essays, Gießen: Brunnen 2005; S.58)

Ein Christ werden bedeutet nicht so sehr irgendein Gebet zu sprechen, als sich darauf einzulassen, die Welt anders zu sehen, mit neuen Augen. Es bedeutet, festzuhalten an einer Hoffnung, auch wenn alles in der Welt dich zu Zynismus drängt; einfach nur, weil du begonnen hast, zu vertrauen; einfach nur, weil du dir von Schritt für Schritt sicherer wirst, dass dieser Gott wirklich noch etwas großes vorhat, weil eine so ewige Geschichte einfach nicht so ein schäbiges Ende haben darf, und weil du die Auferstehung nicht nur glaubst, sondern sie siehst in den Christen in deiner Umgebung.
I believe, because I see the resurrection all around me. Will you be a 'Yes' to the question, whether Jesus has risen?‟, beendet der amerikanische Lehrer Rob Bell seinen bekannten Kurzfilm „You‟.
Allerdings ist das „Augen öffnen‟ ein Geschenk, für das man selbst gar nicht besonders viel kann. Den meisten Menschen, die ich kenne, ich Jesus zu einer unmöglichen Gelegenheit passiert – nichts Geplantes dahinter, oder Vorhersehbares. So wie der junge Mann, mit dem ich vor einigen Wochen geredet habe, der mit der evangelikalen Spiritualität aufgewachsen ist, aber nie etwas damit anfangen konnte. Er hatte das Evangelium eintausend Mal gehört, aber es war ihm immer egal gewesen. Bis zu diesem Tag, als er an der Bushaltestelle stand, weil er den Bus verpasst hatte, und 30 Minuten warten musste auf den nächsten. Dreißig Minuten, in denen er zum Stillhalten kam, zum Nachdenken, und es war in dieser Bushaltestelle, dass die Puzzlestücke für ihn zusammenfielen, und ihm Jesus passierte.
Gottvertrauen ist ein Geschenk, zumindest der Anfang. Das Augen geöffnet bekommen ist nichts, das wir planen, oder durch unsere Taktik hervorbringen. Oder für das wir uns entscheiden. Oder zu dem wir jemanden drängen können.

an dem man arbeiten kann.
Aber das ist nicht die ganze Geschichte. Denn alleine der obere Absatz könnte Menschen dazu verleiten, sich zurückzulehnen, mit der Erwartung – oder Ausrede – dass sie darauf warten, von Gottvertrauen erfüllt zu werden. Das ist genau die Haltung, gegen die der Autor des Hebräerbriefes einiges zu sagen hat, wenn er schreibt: „Eigentlich müsstet ihr längst andere unterrichten können, stattdessen braucht ihr jemand, der euch noch einmal die Anfangselemente der Botschaft Gottes beibringt.‟ (Heb 5,12; NeÜ)
Was ich damit meine – und wie ich den Heb an dieser Stelle verstehe – ist ziemlich einfach: Ein Krabbelkind ist süß, aber irgendwann muss es erwachsen werden.
In diesem Sinne denke ich, dass wir auch Verantwortung haben für unser Gottvertrauen in der Weise, das wir es nicht vor die Hunde gehen lassen sollten.
Ein häufiger Grund, wieso sich viele Menschen lieber nicht mit den großen Fragen der Gesellschaft und des Glaubens auseinander setzen, ist, dass sie im Innersten Angst davor haben, Gott dabei zu verlieren. „Was ist, wenn ich dabei etwas finde, das Gott widerlegt?‟ Darin schwingt die Erkenntnis mit, dass sie ohne Gott nicht leben wollen, aber die merkwürdige Annahme, dass sie das müssten; dass sie sich irgendwie zwischen Gott und der Wahrheit entscheiden müssten, als würde das eine das Andere ausschließen.
Letzte Woche habe ich mit euch ein Zitat von Aquinas geteilt, das genau dem auf den Grund geht. Heute habe ich eines von Augustinus für euch, das meine Spiritualität seit einigen Jahren prägt.
In seinem Werk „De Doctrina Christiana‟ schreibt er im Buch II,18 folgendes längeres Zitat, das ich einfach nicht abkürzen wollte:
Wir haben ja auch nicht deshalb auf die Erlernung der Buchstaben verzichten müssen, weil ihre Erfindung dem Merkur zugeschrieben wird, und brauchen uns nicht deshalb von der Gerechtigkeit und der Tugend abzuwenden, weil die Heiden der Gerechtigkeit und der Tugend Tempel geweiht haben und weil sie das, was im Herzen gehegt werden soll, lieber in Gebilden von Stein anbeteten. Im Gegenteil wird jeder wahre und gute Christ einsehen, daß die Wahrheit, die er in der Heiligen Schrift bekennt und anerkennt, das rechtmäßige Eigentum seines Herrn ist, mag er sie auch sonstwo immer finden‟. (Augustinus, Vier Bücher über die Christliche Lehre, übers. P. Sigisbert Mitterer, München: Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet 1925, S.76)

Und hier kommen wir zu dem Punkt an dem man beginnen kann, an seinem Gottvertrauen zu arbeiten. Wer diese Weisheit von Augustinus medititert – alle Wahrheit ist Gottes Wahrheit, wo immer man sie finden mag – und dass es keine Wahrheit geben kann, die Gott 'widerlegt', der kann auch aufatmend durch eine Welt gehen, die er durch eine neue Brille, durch geöffnete Augen sieht.
Der Satz bedeutet freilich nicht, dass wir einfach die Augen verschließen vor den Fakten, die uns 'ins Gesicht stehen', weil wir mit Fingern in den Ohren singen: „Das kann gar nicht sein, das kann gar nicht sein.‟
Es ist mehr ein vertraut werden mit einer Welt, in der Gott ist.
Es ist das mutige Lernen, auch wenn wir uns kurzfristig unsicher fühlen, denn da gibt es festen Grund, weil alle Wahrheit Gottes Wahrheit ist.
Also, beginnt zu lesen. Beginnt zu denken. Bittet um vertrauen, und meditiert, was es heißt, dass alle Wahrheit Gottes Wahrheit ist.
Und vielleicht finden wir hier sogar den Kern dessen, was evangelikale Spiritualität ausmacht:
Dass ich Gott vertrauen lerne, im Gottvertrauen wachse, in der Gemeinschaft mit anderen Lernenden,
weil Gott Wahrheit ist und schafft und liebt.

God Bless,

Restless Evangelical

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