Freitag, 28. November 2014

Die nötige Portion Selbstbewusstsein (3.Teil)


Einige praktische Auswirkungen

Manchmal werde ich ganz unruhig, wenn ich merke, wie defensiv ich werde, wenn es um meine evangelikale Spiritualität geht. Die erste Reaktion ist meistens der Rückzug – „Ja, das bin ich schon, aber das ist alles nicht so wild‟.
Wenn das Gespräch auf Gott kommt, ob durch eine (unachtsame) Bemerkung meinerseits, oder durch Zufall, merke ich, dass es sich wie eine schwere Decke auf mich legt, weil ich mich in der Position wähne, etwas sagen zu müssen; man weiß ja, dass ich Christ bin, das ist irgendwie schwierig zu übersehen. Und selbst obwohl es nicht der Realität entsprichen mag, fühlt es sich immer so an, als würden sich die Augen aller Anwesenden mir zuwenden und ich frage mich, ob ich irgendetwas sagen muss.
Die Frage, die sich mir dann aufdrängt, ist natürlich, ob es von mir und meinen Antworten abhängt, ob mein Gegenüber die evangelikale Spiritualität nachvollziehbar, logisch oder sogar überzeugend findet.
Das hat mich dazu gebracht, in meinen letzten beiden Artikeln der Frage auf den Grund zu gehen, ob und wie wir mehr Selbstbewusstsein gewinnen können, wenn es um das Vertreten einer christlichen Weltanschauung geht. Das ist mir vor allem deswegen wichtig gewesen, weil ich keine Weltanschauung kenne, die sich so schnell in die Ecke drängen lässt, wie das gegenwärtige Christentum – zumindest meiner Erfahrung nach.
Mein Zugang war dabei vor allem von Augustinus und Thomas von Aquin geprägt. Faszinierend für mich ist, dass Beide davon ausgehen, dass es gar keinen Grund gibt, ein geringes Selbstbewusstsein zu haben. Denn auf der negativen Seite können wir vertrauen, dass es keine Wahrheit gibt, die Gott widerlegt (Aquinas) und auf der positiven Seite können wir sicher sein, dass alle Wahrheit Gottes Wahrheit ist (Augustinus). Das ist natürlich Weltanschauung, und es ist ein metaphysisches Vertrauen das mich zu dieser Erkenntnis verleitet. Aber gleichzeitig gibt mir das mehr Grund für ein gesundes Selbstvertrauen in der Apologetik als es ein Veganer haben kann, oder ein Feminist, oder sonst eine andere Weltanschauung. Während allen anderen – nicht spirituellen – Weltanschauungen die zugrunde liegende Angst eigen ist, dass sie widerlegt werden könnte (und vielleicht gerade deswegen der oft kämpferische Ton kommt), gibt uns die evangelikale Spiritualität jedenfalls theoretisch ein tiefes Vertrauen in die Wirklichkeit eines Gottes, der nicht nur Wahrheit spricht (das tut er!), sondern auch Wahrheit ist, und die Quelle jeder Wahrheit.
Heute will ich drei praktische Auswirkungen davon aufzeigen, was ein größeres Selbstvertrauen in der Apologetik bedeuten kann. Nur eine Randnotiz noch: Natürlich meine ich mit Selbstbewusstsein nicht, dass ich auf mich selbst vertrauen sollte (wie das Wort vielleicht suggerieren könnte, und wie manche von euch angemerkt haben). Gerade das Gegenteil habe ich gemeint: Das unsere Apologetik zutiefst in einem Vertrauen in Gott gründen soll. Selbstvertrauen benutze ich hier also nicht unbedingt seiner ursprünglichen Wortbedeutung nach – Vertrauen auf das Selbst – sondern in der Bedeutung, mit der es oft benutzt wird: Sicherheit im Auftreten, Nicht-wechselhaftigkeit.

Mach Gott zu etwas normalem
Eine Auswirkung, die ein größeres Selbstbewusstsein für meinen eigenen Glauben hatte, ist ein Ratschlag, den ich so auch schon einige Male an Andere weitergegeben habe: „Mach Gott zu etwas normalem.‟ Das ist gar nicht unbedingt einfach.
Ich merke bei mir – wie oben beschrieben – dass jedes Mal, wenn das Gespräch auf Gott gelenkt wird, dass ich in die Habachtstellung gehe, weil ich keine Chance verpassen will (oder darf?), meinen Glauben zu verteidigen.
Aber wenn ich Don Millers Hinweis (in Blue like Jazz) ernst nehme, und meine Freunde nicht als 'Missionsobjekte' sehen will, dann ist das einer der vitalsten Aspekte einer gesunden Apologetik: Dass Gott etwas normales in meinen Gesprächen wird.
Lasst mich das ein bisschen besser erklären. Das Problem mit der „Ich verteidige meinen Glauben, sobald Gott erwähnt wird‟-Haltung ist genau, dass dadurch alle Menschen Gott mit 'Diskussion' verbinden werden. Dann wird es immer mit einer intellektuellen Form von Auseinandersetzung zu tun haben, wenn Er erwähnt wird. Und selbst wenn du jemandem dabei überzeugst, wird es für alle Anderen immer einen Debattencharakter haben, oder schlimmeres. Wenn du jede Gelegenheit benutzt, um die Logik deines Glaubens deinen Anders-denkenden Freunden vorzulegen, dann ist es genau die Haltung, die sie sich fühlen lassen wird, als wären sie erst wirklich wertvoll für dich, wenn sie deine Weltanschauung teilen.
Dann ist Gott nichts normales, sondern etwas, was du verteidigen musst.
Deswegen versuche ich, von der spirituellen Realität meiner Beziehung mit Jesus ganz normal zu reden, wie ich von den anderen Teilen meiner Persönlichkeit rede.
Wer mit mir eine Freundschaft aufbauen will, der muss wissen, dass ich ein passionierter Leser bin, dass ich liebend gerne koche, und genauso gerne Gäste habe. Jeder, der mit mir Zeit verbringen will, sollte wissen, dass ich Dostojewski schätze, Walter Moers liebe, und auch gerne ins Kino gehe und Serien gucke. Es ist etwas ganz normales in menschlichen Beziehungen, dass wir einander einen Platz einräumen, uns anhören, was den Anderen bewegt, und im Ausgleich etwas von uns preisgeben. Und dass wir so immer mehr aneinander lernen und uns gegenseitig eine Form von sicherem Ort schaffen, in dem wir existieren können, ohne die Schilde ausgefahren zu haben.
Wie sollte ich jetzt aus so einer Beziehung meine Spiritualität ausklammern? Sie ist ja nicht nur Teil meiner Persönlichkeit, sondern bezieht sich auf alle die oben beschriebenen Teile, verändert sie, prägt sie, transzendiert sie.
Wer mit mir befreundet sein will, wird damit leben müssen, dass Gott eine normale Rolle spielt in meinem Leben.
Das soll nicht irgendwie selbstgerecht klingen; ich glaube nicht, dass in unglaublich faszinierend bin, und die Menschen schon auf mich zukommen werden. Wie ein Mensch zu einem Anderen findet ist mir sowieso ein Rätsel, sei es zu einer Partnerschaft oder eine Freundschaft. Ich kann euch also nicht sagen, wieso ein Mensch sich mit mir – oder euch – anfreunden sollte. Aber die Realität zeigt mir, dass sie es tun, verrückterweise.
Und in euren Freundschaften – lasst Gott zu etwas normalem werden. Das gilt für alle von euch, die mit Jesus Richtung Herrlichkeit unterwegs sind, wie auch für die, die das hier alles nur aus einer distanzierten Perspektive lesen (yeah, I know you are there. Very welcome!). Ich weiß, dass ihr Angst davor habt – oder unpersönlicher: Bedenken – weil ihr erlebt hat, dass das ausgenutzt wurde, das euch Gespräche über die tiefen Fragen des Lebens aufgenötigt wurden. Aber davon rede ich nicht.
Ich rede davon, dass ich von meinen Gebetserhörungen erzählen darf, wie du mir davon erzählst, wie nervig der Kunde auf der Arbeit heute war.
Dass ich dir von meinen Zweifeln berichten kann, so wie du mir sagst, dass du heute ein Tagesticket im Fahrkartenautomaten gefunden hast, und wie dieses kleine Glück dich fröhlich gemacht hat.
Ich will dir sagen dürfen, dass ich dieses Lied gesungen habe, und dabei weinen musste, weil ich mich Gott so nahe gefühlt habe, so wie du mir erzählst, wie dein Date gelaufen ist.
Das ist okay. Das ist nichts, was wir diskutieren müssen. Es ist Teil meines Lebens, und du darfst und sollst Teil davon sein.

Zeig den Mehrwert von Glauben
In meinen Gesprächen über Glaube und Spiritualität macht mehr Selbstbewusstsein noch einen Unterschied, den man nicht unterschätzen sollte. Wenn mein klassischer Ansatz war, den Glauben so lange zu verteidigen, bis nichts mehr gegen in spricht, versuche ich jetzt in Gesprächen, herauszustreichen, das eine ganze Menge für ihn spricht.
Tatsächlich ist es nicht nur die negative Seite des Vertrauens – dass es keine Wahrheit gibt, die Gott widerlegt – die mich sicher macht, sondern vor allem die tiefe Zuversicht, dass der Mensch „auf Gott hin angelegt‟ ist (wie Döhler & Scheuffler in einem Lied singen), dass „die Ewigkeit […] den Menschen ins Herz gelegt [ist]‟ (Pred 3,11; NeÜ). Deswegen glaube ich nicht nur, dass die evangelikale Spiritualität 'the last man standing' sein wird im großen Ringkampf der Weltanschauungen. Ich denke – und merke es bei mir und in dem, was andere Menschen mir erzählen – dass sie ein tiefes Bedürfnis in den Menschen anspricht, ein Bedürfnis nach Transzendenz, nach „further up and further in‟ (wie es in Narnia heißt).
Das macht tatsächlich einen Unterschied für mich. Die großen und nagenden Fragen des Lebens lassen sich nur schwerlich befriedigend erklären, wenn man die Realität Gottes aus seinem Denken ausklammert, so wie sich die großen Schwierigkeiten unseres Lebens nur schwerlich erklären lassen, wenn man die Sünde als zerstörerische Macht weg-argumentiert. Chesterton soll gesagt haben, dass die Sünde das einzige christliche Dogma ist, das man empirisch beweisen kann.
Manchmal schrecken wir davor zurück, Sünde als Realität anzusprechen, weil es sich nicht besonders nach 'guter Nachricht' anhört. In meinen Spaziergängen durch Menschenmengen habe ich aber erlebt, dass viele Menschen danach dürsten, eine Erklärung zu bekommen, wieso die Welt nicht besser wird. Wenn der Fortschritt mehr zunimmt, wenn die Philosophie und die Kunst uns immer mehr Moral beibringen soll – wieso wird es dann nicht besser?
Erst gestern habe ich einen Artikel im Guardian gelesen, der aufgezeigt hat, dass IS kein „vor-modernes‟ Phänom ist, sondern zutiefst im 21. Jahrhundert verwurzelt. Wenn der Mensch doch gut ist, wenn man ihm nur die richtige Umgebung geben muss, damit er sich 'gut verhält', wieso tut er es nicht?
Ich denke, dass in der evangelikalen Spiritualität viel Kraft liegt, tiefe Sehnsüchte des Menschen anzusprechen, sowie viele Fragen an das Leben zu erklären. Sie wird nicht nur der letzte Mann sein. Sie hat einen wirklichen Mehrwert, und ich versuche mich in meinen Gesprächen darauf zu konzentrieren.

Entspann dich
Aber diese ganzen Punkte machen mir vor allem eines deutlich: In der Verteidigung meines Glaubens darf ich ganz entspannt bleiben. Das liegt zum einen daran, dass ich darauf vertraue, dass Gott Wahrheit ist – nicht widerlegbar, nicht überbietbar – und auch, weil ich glaube, dass die evangelikale Spiritualität einen Mehrwert bietet, den keine andere Weltanschauung mir gezeigt hat.
Das bedeutet nicht im geringsten, dass wir faul werden sollten, was das Lernen und Weiterkommen im Glauben angeht. Das Christentum war immer eine Religion, die neben den Emotionen auch den Intellekt angesprochen hat. Ich spreche also nicht von einem verantwortungslosen Christentum.
Für mich verändert sich aber die Motivation, mit der ich an dieses Lernen herangehe. Während mein „altes‟ Verständnis von Apologetik mich oft dazu gedrängt hat, zu lesen, um Antworten zu haben, lese und studiere ich jetzt mehr, um Antworten zu finden.
Es gibt einen Unterschied darin, zu lernen und zu studieren, weil ich die Fragen anderer beantworten will, oder Antworten auf meine eigenen Fragen finden will. Das macht auch mein Studieren dynamischer, und ich denke, mein Zeugnis für die Standfestigkeit einer evangelikalen Spiritualität umso überzeugender.
Bart Ehrman erzählt in seinem Buch God's Problem, dass für ihn die Frage nach dem Leid und der Gerechtigkeit Gottes der große Stolperstein des Glaubens wurde. Faszinierend fand ich aber, dass er erwähnt, dass seine Frau in ihrer Episkopalkirche sehr engagiert ist, und das Theodizee-Problem für sie kein wirkliches ist.
Für mich wurde daraus deutlich, dass meine Fragen nicht die Fragen Aller sind. Und dass ich wohl den besten Dienst tue, wenn ich meinen Fragen nachgehe, mein Weltbild konsistent konstruiere, und, wenn ich damit konfrontiert bin, aus meiner eigenen Reflexion heraus Fragen beantworte, die mir gestellt werden, weil ich sie mir schon selbst gestellt habe.
Für mich folgt daran vor allem, dass ich entspannter an die ganze Sache mit der Apologetik herangehen möchte. Martin Luther soll zu seinem Freund Philipp Melanchthon gesagt haben: „Ich sitze hier und trinke mein gutes Wittenbergisch' Bier, und das Reich Gottes kommt von ganz alleine.‟ (ob er das wirklich gesagt hat, war für mich nicht möglich, herauszufinden). Vielleicht war es auch das, was mich an dem missiologischen Konzept der Missio Dei so fasziniert hat. Es ist das Vertrauen, dass Gott mehr wirkt, als nur das, was ich tun kann; dass Gottes Reich nicht auf oder untergeht, je mehr in mich hinein engagiere. Und dass er auf den krummen Linien, die ich zeichnen kann, gerade schreibt.
Eine entspanntere Herangehensweise hat nichts mit Faulheit zu tun, oder mit Tatenlosigkeit. Es ist essenziell für das eigene geistliche Leben, auch darin zu wachsen, Gott mehr zu verstehen, je weiter man mit ihm geht.
Nur lerne ich zu erkennen, dass dieses wachsende Verständnis nicht dazu da ist, dass ich mehr Menschen überzeugen kann, sondern damit ich mehr vertraue.
Habt keine Angst! Stellt euch auf und schaut euch an, wie Jahwe euch heute retten wird!‟ (2Mo 14,13b; NeÜ)

God Bless,

Restless Evangelical

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