Donnerstag, 6. November 2014

gelesen & geschätzt #16

Einen künstlerischen Zugang finden
Rezension zu: Yancey, Philip, Whats so Amazing about Grace?, Grand Rapids: Zondervan 1997

Es gibt diese Geschichte, dass C.S. Lewis einmal auf einem Kongress von Theologen und Religionswissenschaftlern auftauchte (und ich weiß nicht, ob sie wirklich historisch ist), und dort gefragt wird, was das Christentum von den anderen Religionen unterscheide. „Das ist einfach‟, soll er bei der Gelegenheit geantwortet haben, „die Gnade.‟
Wenn das stimmt, und ich habe viel Sympathie für diese Position, aber ich bin auch kein vergleichender Religionswissenschaftler, dann ist es von besonderer Bedeutung, dass wir das Konzept Gnade richtig verstehen, wenn wir uns mit dem Herz unseres Glaubens auseinander setzen.
Dafür gibt es den Ansatz der „Lehren der Gnade‟, die in sich einige wunderbare und schöne Wahrheiten halten, und in die sich zu versenken oft eine wirkliche Freude ist (nicht umsonst ist mein Andachtsbuch am Abend momentan: Coffee with Calvin). Aber viel zu oft scheint es vielen Menschen so, als würde dabei aus einem Gedicht eine Gedichtinterpretation gemacht werden.
Für viele von uns verhält sich der Calvinismus zur Gnade wie das zweite Semester unseres Grundkurses Deutsch im Abitur zu Eichendorffs Wünscherute.
Es ist irgendwie so, als hätten sie es verstanden, aber doch nicht begriffen.
Als ich vor einigen Wochen wieder zu Yanceys wunderbarem Buch What's so amazing about Grace gegriffen habe, wurde mir schon wieder bei den ersten Seiten klar, das der Ansatz, den Yancey in diesem Buch fährt, ein völlig anderer ist.
Er begreift Gnade als etwas poetisches, etwas, dessen Schönheit nicht in Logik zu fassen ist, sondern nur in Prosa und Gedicht und Erleben.
Dabei versucht er, einen geradezu künstlerischen Zugang zu dem Thema Gnade zu schaffen, und hat dadurch mehr Gnade zu meinem Herzen gesprochen, als viele Systematische Theologien vorher.

Ein Potpurri kultureller Referenzen
Man kann Yancey Schreibstil mögen oder nicht, aber mich fasziniert sein fast enzyklopädisches Wissen und seine Belesenheit in aller-Weltsliteratur. Fast wie ein Teppichknüpfer verbindet er in den Kapitels Zitate von Frederick Buechner, Dostojewsky, Paul Tillich und anderen bekannten Denkern und Philosophen, um seinen Punkt zu machen.
Dabei wirkt es aber nie so, als würde er nur abschreiben und zusammentragen, sondern seine Gedanken aus einer Vielzahl von Quellen beziehen. Sein Beitrag in diesem Buch ist also weniger, dass er neue Gedanken präsentiert, als dass er alte Gedanken zusammenträgt und oftmals auf ganz neue Art und Weise fruchtbar machen kann.
Ich denke, dass vor allem hierin die große Stärke des Buches liegt. Während andere Bücher versuchen, die Gnade neu zu präsentieren, lässt Yancey an vielen Punkten einfach die Menschen sprechen, die sie vor ihm durchdacht haben, oder viel mehr solche, die sie erlebt haben. Mich persönlich hat dabei das Kapitel über Leo Tolstoi und Fjodor Dostojewsky begeistert, in der er beschreibt, wie der eine zwar ein großer Moraliker war, einer der Moral und Gesetz verstanden hatte, aber der andere das Konzept Gnade in seinen Büchern groß gemacht hat.
Ich kenne viele Leute, denen Dostojevsky und Tolstoi zu schwer wiegen, und die sogar die Brüder Karamasov nach einigen Seiten weggelegt haben (unerklärlich!). Aber Yancey schafft es, die Faszination, die von diesen Autoren für viele von uns ausgehen, auch für die generelle Öffentlichkeit fruchtbar zu machen, und das Konzept Gnade dadurch deutlicher zu machen.
Nur erklärt er nicht was Gnade ist.
Yancey versucht nicht zu sezieren, welche Vorstellungen von Gnade wann vorherrschten und welche die logischen, oder die theologisch sauberen sind. Er zieht es vor, Gnade bei der Arbeit zuzusehen (um es mal so auszudrücken) und dabei den Mund nicht mehr zu schließen vor Staunen.

Staunen über die Gnade
Das Buch lädt vor allem dazu ein, über die Gnade zu staunen. Nicht wie ein Trainer, der uns dazu anhält, sondern wie ein Kind, das uns einlädt, mitzumachen.
Und gerade darin liegt die Essenz, die das Buch zu einem 'Pageturner' macht, ohne das Robert Langdon darin einer alten Geheimorganisation nachjagen muss. Es ist mehr der generelle Durst nach Gnade, den viele in der westlichen Welt verspüren, in einer Welt, die immer gnaden-loser wird. Während sich die Welt schneller dreht, die Märkte immer mehr wachsen (und immer hungriger werden), und man nicht mehr genau weiß, wie lange man das Tempo noch halten kann, lädt Yancey in seinem Buch dazu auf, einmal zu verschnaufen und darüber nachzudenken, was wirklich zählt, und was wirklich glücklich macht. Wie an der Stelle, als er den Zwischenschluss zieht:
„Grace is unfair, which is one of the hardest things about it. It is unreasonable to expect a woman to forgive the terrible things her father did to her just because he apologizes many years later, and totally unfair to ask that a mother overlook the many offenses her teenage son comitted. Grace, however, is not about fairness.‟ (S.80f)
Es hat mich dazu gebracht, scharf einzuatmen, weil mir augenblicklich bewusst wurde, dass ich unterschwellig zumindest Gott gegenüber genau das annehme. „Gott wird mir vergeben‟, hat Heinrich Heine einmal gesagt, „das ist ja sein Job.‟ Und ich merke schnell, dass ich am Sonntag über die verschwenderische Gnade Gottes reden kann, teuer genug, dass er seinen Sohn dafür am Kreuz sterben lässt um sie zu erkaufen, und am Montag nehme ich sie wieder für selbstverständlich. Yancey hat mich immer wieder daran erinnert, dass ich Gnade nicht für selbstverständlich halten soll, sondern für die stärkste Kraft, die dieses Universum am Laufen hält, und die einzige, die es zu verändern im Stande ist.

Aber was ist Gnade dann?
Bei alledem definiert er Gnade allerdings nie wirklich. Es fehlt ein Kapitel, in dem er in kurzen Worten schreibt, was er unter dem Wort Gnade eigentlich versteht. Dadurch kann es intellektuell manchmal schwierig werden, dem Autor zu folgen. Manchmal scheint er Gnade zum Beispiel als Synonym für 'Vergebung' zu verwenden – wobei ich sagen würde, dass Gnade die Grundlage, oder Quelle für Vergebung ist, und nicht dasselbe. An anderer Stelle scheint Gnade mehr so etwas wie bedingungslose Liebe zu sein („'To love a person', said Dostoevsky, 'means to see him as God intended him to be.'‟ [S.175]). Aber dann haben wir das gleiche Problem: Ich denke, dass bedingunglose Liebe mehr eine Art Quelle von Gnade ist, nicht dasselbe.
Als ich das Buch fertig gelesen hatte, erinnere ich mich, dass ich mich geborgen gefühlt habe, und gefüllt bis an den Rand mit Dankbarkeit für einen Gott, der verschwenderisch aus seiner Gnade austeilt und uns daran teilhaben lässt, und uns daraus schöpfen lässt, um sie weiterzugeben. Nur hatte ich nicht wirklich eine bessere Vorstellung davon, was Gnade dann eigentlich ist

Fazit
Ein Buch zu schreiben, das mehr die Poeten unter uns anspricht als die Philosophen, um das Konzept Gnade wieder an unser Herz zu lassen, ist sicher sehr hilfreich. Viele von uns können mit den kalten, systematischen Ansätzen zum Thema Gnade nicht viel Anfangen, weil wir den Eindruck haben, dass sie mehr für das Herz bestimmt ist und nicht für den Kopf.
Es liegt vielleicht daran, dass ich mich zu diesen Leuten zähle, dass mir das Buch so eine unheimliche Freude gemacht hat. Es liegt aber vielleicht auch daran, dass ich durch mein Studium mit einer soliden Basis ausgerüstet wurde, das Wort 'Gnade' auch mit einem Konzept und einem Innenleben auszustatten.
Deswegen sei jedem Leser, der „What's so amazing about Grace‟ genossen hat, auch Michael Hortons „Putting Amazing Back Into Grace‟ empfohlen. Mit beiden Büchern sind Herz und Kopf sicherlich gut ausgestattet, Gnade in eine taube Welt zu sprechen.

God Bless,
Restless Evangelical


→ 4 von 5 Sterne

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