Donnerstag, 13. November 2014

gelesen & geschätzt #17

Eine westliche Perspektive auf ein exotisches Phänomen

Rezension zu: Aslan, Reza, No god but God. The Origins, Evolution, and Future of Islam (New Edition, Fully Revised and Updated), London: Arrow Books 2011

Auch wenn hier und da noch Menschen über den Satz streiten mögen, ob der Islam zu Deutschland gehört, wird wohl niemand bezweifeln, dass eine Auseinandersetzung mit dieser exotischen Religion von Nöten ist.
Wie reagieren wir auf eine Religion, die uns auf der einen Seite so fern zu sein scheint, wenn wir von sinnlosen Hinrichtungen, Verschleierungen und vorgeblichen Menschenrechtsverletzungen in islamistischen Diktaturen lesen, und gleichzeitig so nah, weil bei dem Gemüsehändler (oder Architekten, das ist kein Statement mit vorurteilsbelasteten Berufswahlvorstellungen) unserer Wahl das muslimische Glaubensbekenntnis über dem Kassentresen oder Schreibtisch hängt?
Reza Aslan, Professor für Kreatives Schreiben an einer Universität in Kalifornien, muslimisch aufgewachsen, später in die evangelikale Spiritualität eingetaucht, und noch später wieder daraus aufgetaucht und heute irgendwo zwischen generell-spirituell und irgendwie-muslimisch, hat sich mit seinem Buch daran gemacht, Verständnis für eine Religion zu schaffen, die in den USA mehr noch als in Deutschland zu hysterischen Reaktionen zu führen scheint.
Ich will nicht sagen, dass das dringend nötig war, denn das würde implizieren, dass es diesen Versuch nicht vorher schon gegeben hat. Es gibt einige Einführungen in die Geschichte und das Glaubenssystem des Islams, aus ganz verschiedenen weltanschaulichen Perspektiven. Was die von Aslan einzigartig macht, ist seine tiefe Liebe zur muslimischen Tradition (was dazu führt, dass es nicht mit einem allzu skeptischen Auge im Qur'an liest), seine sehr westliche Perspektive (was ihn manchmal zu einem kritischere Urteil leitet, wo es angebracht ist), und seine Zukunftsperspektive.

Keine Religion ohne Geschichte
Früher wurde mir manchmal gesagt, dass der Islam keine „Geschichtsreligion‟ sei. Das hatte man daran festgemacht, dass sich im Qur'an keine Geschichtsbücher finden, sondern alle Teile – die Suren – in einer Versform geschrieben sind, und es sich fast alles recht poetisch liest. Tatsächlich liest sich der Qur'an wirklich mehr wie ein Gedichtband, wobei natürlich uralte arabische Poesie nichts zu tun hat mit Versmaß und Reimschema unserer modernen Dichtung.
Dennoch ist es unwahr, den Islam als geschichtslose Religion zu bezeichnen. Zum Einen haben einige Suren Anleihen an Ereignisse, von deren historischer Wirklichkeit zumindest der Qur'an auszugehen scheint (wie auch immer man dann die Historizität von Abraham oder anderen Figuren einordnet). Der Qur'an spielt relativ geschickt mit mythologischen Überlieferungen aus anderen Religionen – vornehmlich dem Christentum und dem Judentum – und nimmt sie für sich ein. Nicht, dass das andere Religionen nicht auch gemacht hätten (Abraham war der erste Christ – anyone?).
Vor allem aber ist der gegenwärtige Islam nicht zu verstehen, wenn man den Religionsstifter nicht in seiner Zeit verordnet, versteht, wie der arabische Halbmond funktionierte zu dieser Zeit, was es mit Mekka und Medina auf sich hatte, wieso Jerusalem so eine wichtige Rolle in der damaligen Zeit spielte und auch, wie es kam, dass sich manche Stellen des Qur'ans lesen wie die Bergpredigt, während andere eher nach dem Josuabuch klingen.
Der Islam ist also durchaus eine Geschichtsreligion, und Aslans Buch ist entsprechend über weite Strecken eine Art „Biographie der Religion‟, in der er die verschiedenen Entwicklungen innerhalb des Lehrgebäudes aufzeigt, über ihre Gründe mutmaßt und dadurch auch zeigt, dass der Islam in sich vielleicht genauso unterschiedlich ist, wie das Christentum.
Gleichzeitig ist sich Aslan aber auch bewusst, dass es sich um 'theologische Geschichte' handelt. Das ist zum Einen wichtig, um die Quellen zu prüfen und gleichzeitig sagt es etwas über das Verhältnis zur heutigen Geschichtsschreibung aus. Aslan schreibt:
[S]acred history is like a hallowed tree whose roots dig deep into primordial time and whose branches weave in and out of genuine history with little concern for the boundaries of space and time.‟ (Pos.225)

Zur Klarstellung: Dass etwas theologische Geschichte ist, sagt noch nichts darüber aus, ob es auch historische Wirklichkeit ist. Im Christentum (das ich zu bewerten nun einfach besser im Stande bin) ist es sogar von entscheidender Bedeutung, dass die Auferstehung (zB) nicht nur eine theologische Idee ist, sondern Geschichte, historische Wirklichkeit. Der Begriff „theologische Geschichte‟ sagt in erster Linie etwas aus über den Blickwinkel, aus dem geschichtliche Ereignisse aufgeschrieben wurden.
Manchmal, das zeigt Aslan auch, ist es entsprechend schwierig, zwischen theologischen Überhöhungen und historischer Realität zu trennen. Klar wird, dass der Religionsstifter des Islams ein Mann von außerordentlichem Charisma und einer beeindruckenden Willensstärke gewesen sein muss, jemand, der andere charakterstarke Menschen anleiten konnte und eine weltverändernde Idee hatte, die bis heute ihre Auswirkungen auf uns hat. Und dass diese Idee in sich nicht so viel von der Gewalt und dem Terror beinhaltet, wie wir es heute durch Medien und jüngere Ereignisse in unseren Köpfen tun.

Kein Buch ohne Unstimmigkeiten
Aber in Aslans Buch ist nicht alles Heiterkeit. Beim Lesen hatte ich zwar durchaus viel Spaß, und es war besonders hilfreich, ein Buch zu lesen, das so freundlich gegenüber der islamischen Tradition ist, und gleichzeitig so westlich, dass es mir nicht schwer viel, mich in die Voraussetzungen des Autors einzufühlen.
Aber gleichzeitig hatte ich oft einen fahlen Nachgeschmack beim Lesen. Das war vor allem bei den Abschnitten der Fall, in denen der Autor Anleihen an das Christentum gemacht hat. Dabei ist relativ egal, ob es dogmatische Punkte waren, die er angesprochen hat, oder bibelwissenschaftliche. Meistens fand ich einfach und schlichtweg falsch, was er sagte. Ein Beispiel:
To ask whether Moses actually parted the Red Sea, or whether Jesus truly raised Lazarus from the dead, or whether the word of God indeed poured through the lips of Muhammad, is to ask irrelevant questions. The only question that matters with regard to a religion and it's mythology is ‟What do these stories mean?‟‟ (Pos.239)

Nein, nein, nein, nein, nein. Ganz, ganz falsch. Nicht nur, was das Christentum angeht. Ich bin ziemlich sicher, dass ich einen Großteil der Muslime und Juden dieser Welt auffahren könnte, die mit diesem Satz die selben Schwierigkeiten hätten, wie ich zumindest mit dem Teilsatz über Lazarus (und dem über das Rote Meer!). Weil es falsch ist. Geschichtliche Wirklichkeit war von Anfang an unsagbar wichtig für die Religionen, die sich auf geschichtliche Offenbarungen Gottes gründen. Das ist der Grund, warum Paulus schreibt, dass unser Glaube „ohne Inhalt‟ wäre und wir die „bedauerndwertesten vom allen Menschen‟, wäre Jesus nicht wirklich auferstanden. (1Kor 15,14ff; NeÜ)
Ich gebe ja gerne zu, dass das nicht mehr die gängige Meinung an den Universitäten des Landes ist. Ziemlich sicher ist es aber die gängige Position der letzten 2000 Jahre Kirchengeschichte gewesen. Wir müssen uns darüber klar sein, dass wir – gehen wir den Weg, den Aslan uns vorschlägt im Bezug auf die historische Wirklichkeit der entscheidenden Ereignisse unseres Glaubens – dass wir uns damit so weit wie es geht von dem entfernen, was in den letzten 2000 Jahren Christentum genannt wurde (oder länger: Judentum; oder etwas kürzer: Islam).
Vor allem aber wird deutlich, dass dadurch auch Dostojewskis „Brüder Karamasov‟ oder Walter Moers „Die Stadt der Träumenden Bücher‟ uns zu Offenbarung Gottes werden können. Qualitativ ist dann kein wirklicher Unterschied mehr festzustellen zwischen dem Buch, auf dem eine Religion aufgebaut ist, und anderen inspirierenden Geschichten.
Das macht natürlich nicht Aslans Buch als ganzes schlecht. Ich habe es immer noch mit Gewinn gelesen. Aber es zeigt die „Armstrongsche Schule‟, in der Aslan steht (tatsächlich zitiert er auch relativ häufig wohlwollend die Schriften der Britin Karen Armstrong) und lässt mich verhalten skeptisch werden, wie glaubhaft das ist, was er dogmatisch über den Islam aussagt, wenn er auf dem Feld, wo ich es mit einiger Sicherheit bewerten kann, solche Aussagen trifft, die so sehr dem entgegen laufen, wie ich das Christentum verstehe.

Keine Zukunftsvision ohne Hoffnung
Eine weitere Besonderheit, jedenfalls für mich als Leser, war die Sicht des Autors auf die „Zukunft des Islams‟ (wie es schon im Untertitel des Buches anklingt). Diesen Blick fand ich deswegen erfrischend, weil er sich von einer einfachen historischen Betrachtung löst und uns aufzeigt, in welche Richtung es mit dem weltweiten Islam gehen könnte. Dabei nimmt der Autor eine bewusst optimistische Sicht an, und man muss bedenken, dass das Buch auch lange vor dem IS Terror geschrieben wurde. Gleichzeitig sind die Aussagen, die er trifft, nicht obsolet geworden, weil sich eine radikale Gruppe anders verhält, als es Aslan gehofft hat. Seine Vision für den Islam ist eine schöne, eine auf die pluralistische Realität unserer globalisierten Welt angepasste Form des Islams, die er durchaus für möglich hält.
Mit all der Schönheit, die die arabische Kultur hat, mit ihrer Gastfreudlichkeit, ihrer beneidenswerten Küche, der von Romantik fast schon verkitschte, aber gleichzeitig unheimlich dchöne Lyrik, ihrer Romane, die das Ideal mehr feiern als die pessismistischen westlichen Werke. Alles das hat etwas beizutragen zu unserer Welt, und es wäre schade, wenn wir darauf verzichten müssten.
Aber ist der Islam nicht in sich unfähig zur Demokratie? Und damit unfähig, an der pluralistischen Weltgemeinschaft teilzuhaben?
Aslan schreibt dazu:
Such a view not only contradicts Islamic history (not to mention observable reality), it flies in the face of countless surveys that reveal overwhelming majorities throughout the Islamic world pining for democracy as ‟the best form of government.‟‟ (Pos.4936).

God Bless,

Restless Evangelical

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