Donnerstag, 20. November 2014

gelesen & geschätzt #18

Das richtige Buch für die falsche Zielgruppe

Rezension zu: Heilig, Christoph & Jens Kany, Die Ursprungsfrage. Beiträge zum Status Teleologischer Antwortversuche in der Naturwissenschaft, Münster: edition forschung 2011

Ich bin ein Kind der evangelikalen Bewegung. Das dürfte kein Geheimnis sein. Bis heute habe ich den klassischen Werdegang eines evangelikalen Christen hinter mich gebracht, komplett mit den klassischen Identitätskrisen, als ich zum ersten mal in ein nicht-christliches Mädchen verliebt war, der befreienden Erkenntnis, dass Gott gnädig und zuverlässig ist, und den fruchtlosen und doch angeregten (um es vorsichtig zu formulieren) Diskussionen über Evolution und Schöpfung im Biologieunterricht (und überhaupt jedem Unterricht, wenn ich mich richtig erinnere).
Als ich nach dem Abitur weiter ging, um Theologie zu studieren, lernte ich eine Welt kennen, in der man sich das Ziel gesetzt hatte, seine Spiritualität nicht einfach zu glauben, sondern intellektuell zu reflektieren. Ich begann, meiner Spiritualität das Motto zu geben: „Alle Wahrheit ist Gottes Wahrheit.‟ und versuchte, die Angst abzuschütteln, ich könnte auf eine Wahrheit stoßen, die Gott widerlegte.
Je mehr ich bis heute gelernt habe – und ja, ich bin mir bewusst, dass das mit 24 Jahren nicht unglaublich viel ist – desto sicherer wurde ich mir, dass ich nicht 'auf das falsche Pferd gesetzt' habe. Die intellektuell stimulierende Atmosphäre an meinem 'fundamentalistischen' Seminar bewahrte mich davor, blind zu glauben, und gab mir die Werkzeuge an die Hand, tiefer zu graben. Gleichzeitig erkannte ich mit jedem Buch, das ich gelesen hatte, dass es eine unglaubliche und diebische Freude sein kann, seinen eigenen Glauben herauszufordern.
Nur bei der Frage „Schöpfung und Evolution‟ blieb ich merkwürdig still. Als ich 15 war wurde ich mit der Behauptung konfrontiert, dass „die Wissenschaftler‟ (wer auch immer das ist?) selbst „gar nicht mehr an Evolution glaubten‟ (wer auch immer da eine repräsentative Umfrage gemacht hatte), „aber den Glauben zerstören wollen‟ (was auf so vielen Ebenen eine lächerliche Behauptung ist).
Das kann ein Problem sein, wenn das wichtigste Definitionskriterium für einen 'Evangelikalen' in einer von Arte- und Frontal21-dokumentationen gebildeten Gesellschaft, die Frage ist, ob man an „Evolution glaubt‟ oder „an Schöpfung‟.
Wie antworte ich also auf diese wichtigste Frage, die mir gestellt wird, sobald ich mich als Evangelikaler zu erkennen gebe, wenn meine einzige Antwort das ist, was Propaganda in seinem Lied sagt: „For some reason folks find it illogical that a perfectly designed universe screams of a designer.‟
Hier setzt das Buch „Die Ursprungsfrage‟ an, das mein lieber Freund Christoph Heilig zusammen mit Jens Kany herausgebracht hat. Es stellt die Fragen: Ist das Universum perfekt designt? Können wir das überhaupt wissen? Und wenn ja, was sagt das über den Designer aus? Irgendetwas?

Was das Buch sein will
Das sogenannte „Intelligent Design‟ (ID) ist eine Bewegung, die eine Zeit lang die Vereinigten Staaten aufgeschüttelt hat, weil sie versuchten, als wissenschaftliche Theorie anerkannt zu werden, mit dem erklärten Ziel, dadurch auch im Biologieunterricht in den staatlichen Schulen behandelt zu werden. Dabei sind manche Vertreter nur in wissenschaftliche Begriffe gehüllte Kreationisten, andere sind ernst zu nehmende Wissenschaftler, aber für viele Darwinisten riecht das ganze zu sehr nach Bibelgläubigkeit und damit einhergehender Wissenschaftsfeindlichkeit, als dass es wirklich ernst genommen werden könnte.
Christophs und Jens' Buch möchte die Debatte versachlichen, indem es sie von der politischen Ebene auf die philosophische zieht. In diesem Sinne sind in dem Buch eigentlich nur zwei Beiträge vorhanden, die sich mit der biologisch-naturwissenschaftlichen Seite der Argumentation auseinander setzt (von R. Junker als Befürworter von ID, und Thomas Waschke als Kritiker). Der Rest der Beiträge befasst sich mehr erkenntnistheoretisch mit der Frage, was „Teleologie‟ eigentlich ist, und in wie weit man sie in der Naturwissenschaft erkennen kann und sollte.
Teleologie definiert Markus Widenmeyer in seinem Beitrag plausibel:
Eine abstrakte Funktion, also etwas Zweckmäßiges, kann nur insofern eine kausale Wirksamkeit besitzen und ihren Funktionsträger in Existenz bringen, indem sie im Geiste einer intentional begabten Instanz das Motiv für eine entsprechende Handlung darstellt. Auf diese Weise konstruieren Menschen auch Autos, Flugzeuge und Computer. Ginge aber umgekehrt der Funktionsträger der Funktion zeitlich voraus, dann ist für die Erklärung der Entstehung des Funktionsträger die Funktion völlig belanglos.‟ (S.259)
Oder, anders ausgedrückt, Teleologie liegt nur dann vor, wenn ein Ziel schon vor der Erschaffung des Objektes vorhanden war. Wenn ich mein Steak zum Schneiden festhalten will, und mir deswegen eine Gabel schnitze, ist die Gabel teleologisch (mit einem Ziel) erschaffen worden. Wenn ich einen Stock finde, der zufällig Zinken hat, und denke: „Hey, damit könnte ich mein Steak festhalten!‟, dann mag mir das beim Mittagessen eine große Hilfe sein, bei der Frage wo der Stock herkommt ist es allerdings irrelevant.
In diesem Sinne versucht das Buch, die ganze Diskussion von der ideologischen Eben wegzubringen, und die Frage zu stellen, ob man mit naturwissenschaftlichen Methoden eigentlich einen solchen Zweck feststellen kann. Das ist eine philosophische Frage, nicht eine, die sich im Labor herausfinden lässt. Und Philosophie ist, sollte sie zumindest, freier Raum, in der Logik und Stringenz die entscheidende Rolle spielen.

Was das Buch ist
In diesem Sinne ist das Buch ein wirkliches Vorzeigestück.
Zum Einen gefällt mir sehr, mit welchem respektvollen Ton die einzelnen Impulsgeber im Buch miteinander umgehen. Gerade das ist es, was eine philosophische Debatte ausmachen sollte, und in diesem Sinne hat es mir einige sehr gute Impulse gegeben, über mein eigenes Weltbild nachzudenken.
Zum Anderen ist das Buch vor allein ein Vorzeigestück für die Herausgeber. Ich denke, dass Christoph und Jens in diesem Buch eine beeindruckend gute Arbeit abgeliefert haben, was das Zusammenstellen der verschiedenen Beiträge angeht. Das Buch wirkte auf mich wie aus einem Guss, die argumentative Linie war gegeben (indem die verschiedenen Beiträge auch verschiedene Bereiche der sachlichen Diskussion aufgeteilt war), und man hatte nicht den Eindruck, dass eine Seite oder die Andere der Debatte zu viel Platz oder Zeit zur Verfügung bekommen hat.
Das bedeutet, dass das Buch seinem Ziel auf der einen Seite durchaus gerecht wird, dass es einen sachlichen Beitrag zu der Debatte darstellt, zumindest für akademische Kreise. Denn, um es deutlich zu sagen, dieses Buch ist ein hochakademisches. Die Beiträge sind nicht nur mit philosophischen Fachtermini gespickt, sondern bestehen eigentlich gänzlich daraus. Das bedeutet für den Leser, dass er eine gewisse Vorbildung im Bereich der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie haben muss, um überhaupt einen Ertrag daraus zu ziehen. Als akademischer Beitrag in diesen Disziplinen ist das Buch aber ein wertvolles Beispiel davon, wie eine Debatte über weltanschaulich so gegensätzliche Ansätze, sachlich und respektvoll geschehen kann, ohne dass einer dem Anderen vorwerfen muss, absichtlich „die Fakten zu missachten‟.
Das bedeutet auch, dass dieses Buch weder 'kreationistisch' oder 'weltanschaulich darwinistisch' ist. Die einzelnen Impulsgeber mögen das eine oder das andere sein; das Buch ist ein Dialog, ein auf den Tisch legen der besten Karten, die die Diskussionsteilnehmer haben. Das Urteil darüber, welche Argumentation gelingt, bleibt dem Leser überlassen.
Der akademische und philosophische Anspruch aber macht es für den normalen Interessenten an der Debatte, der vielleicht keine oder nur eine geringfügige akademische Vorbildung mitbringt, äußerst schwer, das Buch überhaupt zu lesen, viel mehr noch zu verstehen.

Was das Buch nicht sein kann
Und ich denke, dass hier das große Manko des Buches liegt. Denn wenn das Ziel ist, die Debatte um ID zu versachlichen, wird es genau das nicht schaffen.
ID war – zumindest aus meiner Perspektive – nie wirklich eine Bewegung innerhalb der akademischen Zirkel. Teleologie (Zweckmäßigkeit) mag seine namhaften Vertreter in der Philosophie haben; ID aber ist eine politische Bewegung in den USA (und viele der Beiträge geben genau das zu). Rammerstorfer bezieht sich auf den vielleicht wichtigsten IDler der Welt, wenn er schreibt:
William A. Dembski (2004, 318) hat entsprechend erklärt, dass man erstaunlich erfolgreich darin war, ein kulturelles Movement zu erschaffen, während man den Erfolg auf wissenschaftlicher Ebene nicht überschätzen sollte.‟ (S.239)
Und genau hier liegt das Problem. ID als Bewegung ist nicht abseits der US-amerikanischen Trennung von Religion und Staat zu verstehen. ID hat nicht begonnen als eine naturwissenschaftliche, nicht einmal eine philosophische Bewegung, sondern auf dem politischen Planungstisch US-amerikanischer Evangelikaler. Und das meine ich nicht einmal als Kritik, sie haben ihr gutes Recht dazu.
Aber das führt auch dazu, dass der durchschnittliche ID-Anhänger dieses Buch niemals lesen wird, nicht nur wegen der Sprachbarriere, sondern vor allem wegen des hohen akademischen Anspruches des Buches. Die ID Debatte wird nicht auf der wissenschaftstheoretischen Ebene geführt. Sie wird in an den Stammtischen, in Jugendkreisen und Hauskreisen Amerikas (und, zugegeben, auch Deutschlands) geführt. Die Debatte zu versachlichen würde bedeuten, ein Buch zu schreiben, das weltanschaulich zutiefst heterogen ist (wie es das vorliegende Werk schafft), und gleichzeitig den Anspruch hat, normale Bürger des mittleren Bildungsweges (oder, Schüler mitten drin) zu erreichen (was bei dem vorliegenden Buch nicht der Fall ist). Ich weiß nicht, ob es möglich wäre, so ein Buch zu schreiben/herauszugeben. Ich weiß nur, dass Beiträge zur Teleologie (hin oder her, ja oder nein, dafür oder dagegen) im philosophischen Bereich seit Jahren diskutiert werden und große Namen auf beiden Seiten stehen.
So hinkt dieses Buch genau auf dieser Seite: Ist es ein philosophischer Beitrag, dann ist es nichts Besonderes. Ist es ein Beitrag zu ID, dann wird es sein Ziel nicht erreichen (können).
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Das bedeutet natürlich nicht, dass Christoph und Jens irgendetwas vorzuwerfen ist. Sie haben einen hervorragenden Job gemacht. Auch die anderen Beiträge sind von hoher Qualität, und für mich hat sich die Mühe sehr gelohnt, mich auch intellektuell durch das Buch zu wühlen und meine eigenen Vorstellungen herausfordern zu lassen.
Meine Erwartungen an das Buch waren allerdings zu sehr von dem Versprechen geprägt, dass die Debatte versachlicht werden würde. Das wird sie nur auf der einen Seite, wo sie (so scheint mir) schon lange sehr sachlich geführt wird. Auf der Seite, wo mehr Sachlichkeit vonnöten werden, wird und kann dieses Buch gar nicht wahrgenommen werden.
Das ist bedauerlich.
Das macht es zu genau dem richtigen Buch für die falsche Zielgruppe.

God Bless,
Restless Evangelical


P.S. Wenn ihr mich fragt, und euch die Zeit oder das Durchhaltevermögen nicht genügend scheint, das ganze Buch zu lesen, dann beschränkt euch auf den Artikel von Josef Bordat, der für mich die Stoßrichtung des Buches am Besten zusammenfasst. Und gönnt euch Robert Spaemanns wunderbaren Beitrag; Spaemann ist immer wunderbar zu lesen.

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