Donnerstag, 27. November 2014

gelesen & geschätzt #19

Ein kontext-loser Jesus für Wer-weiß-wen
Rezension zu: Rollins, Peter, Der Orthodoxe Häretiker und andere unglaubliche Geschichten, Marburg: francke 2014

Als ich meine ersten vorsichtigen Schritte ins Predigen gemacht habe, wurde mir schnell deutlich – und das ist es auch, was ich in den Vorlesungen gelernt habe – dass eine gute Geschichte einen Gedankengang hervorragend unterstützen kann. In diesem Sinne waren für mich Geschichten immer dem logischen Denken untergeordnet – ich bin immerhin auch im Westen aufgewachsen, und die Aufklärung hat ihren Teil zu meinem Weltbild beigetragen.
Es war dann der Philosoph Michael Sandel, der mir gezeigt hat, dass eine Geschichte nicht nur ein Argument untermauern kann, sondern sie auch herausfordern. Seine Bücher sind voll von Beispielen aus dem realen Leben (oder der Phantasie), die unsere Vorstellung von 'richtig' und 'falsch' herausfordern. Hier habe ich erlebt, dass Geschichten mehr sein können, als die Handlanger der Logik. Geschichten können viel mehr die Advocati Diaboli sein, die auf eine amüsante Art fragen: Und was ist, wenn...?
In dieser Funktion verortet Peter Rollins seine Geschichten in diesem Buch wohl. Wobei es für ihn zwar Geschichten sind, er aber hofft, dass sie zu Parabeln werden. Was das ist, definiert er: „Die Parabel wird nur dann von uns verstanden, wenn sie unsere gesellschaftliche Stellung zur Realität verändert und nicht nur die Art und Weise, wie wir sie betrachten.‟ (S.14)
Eine Parabel – Peter hofft nun, dass seine kleinen Geschichten für manche zu genau dem werden – regt zum Handeln an, verändern nicht nur unsere Weltsicht, sondern unsere Handlung. In diesem Sinne sind sie nicht nur ein Advocatus Diaboli, sondern auch die Erbse unter dem narrativen Matratzenberg, der die Prinzessin – uns – nicht schlafen lässt, bis man sie nicht entfernt hat; meint: sich mit ihr auseinander gesetzt hat.
In diesem Sinne will Peter Rollins seine Geschichten verstanden wissen, als eine Erbse für das christliche Establishment. Es waren nicht wenige meiner emergenten Freunde, die mir seine Bücher deswegen ans Herz gelegt haben. Nachdem ich es nun endlich geschafft habe, eines seiner Bücher zu lesen, muss ich sagen, dass ich ziemlich enttäuscht bin. Die Geschichten haben mich, tatsächlich, zu gar nichts herausgefordert. Das liegt vor allem daran, dass Jesus darin irgendwie kontextlos wirkt, dass die Menge, für die er sprechen will, unscharf bleibt und am Ende nicht viel übrig ist, als ein paar wohlmeinende Worte.

Ein kontextloser Jesus.
In dem Buch wird viel von Jesus gesprochen. Das ist erst einmal weder etwas verwerfliches noch ein Gütesiegel. Eine Frage, der man sich stellen muss, ist aber immer, welcher Jesus hier auftaucht. Dabei will ich nicht behaupten, dass ich ein objektives Bild von Jesus habe. In dem, wie wir Jesus darstellen – zumindest auf der spirituellen Ebene – spiegelt sich immer viel von dem wieder, wie wir uns selbst sehen.
Weswegen es so wichtig ist, Jesus nicht nur als eine dogmatische Figur zu sehen („der Christus‟), sondern ihn in den historischen Rahmen einzuordnen, in dem er gelebt und agiert hat („der historische Jesus‟).
Rollins bedient sich für seine Geschichten immer wieder sehr ausgiebig beim Parabelmaterial, das uns von Jesus in den Evangelien überliefert ist. Besonders das Gleichnis von den verlorenen Söhnen hat es ihm angetan. Dabei ist die Botschaft Jesu' immer eine bedingungsloser Annahme. In einem Beispiel verändert er die Geschichte aus Lk 15 zB so, dass der rückkehrende jüngere Sohn keinerlei Reue zeigt, und dennoch angenommen wird. In dem folgenden Kommentar zu Geschichte (der als eine Art Leitfaden dient und jeder Geschichte beigeordnet ist in dem Buch), erklärt er es so, dass Jesus der Überzeugung gewesen sein soll, dass Buße nichts ist, was der Annahme vorausgeht, sondern durch die Liebe hervorgerufen wird.
Mein offensichtliches Problem damit ist gar nicht so sehr, dass er damit diesen Jesus von einem großen Teil anderer Jesusworte abschneidet, die uns von ihm überliefert sind abschneidet (alleine Mk 1,15: „Es ist jetzt so weit, die Herrschaft Gottes ist nah. Ändert eure Einstellung und glaubt diese gute Botschaft!‟ (NeÜ)) Das Problem ist tiefer, dass er durch solche Behauptungen Jesus auch von der Rezeption seiner Lehre durch seine Schüler – die Apostel – und die frühe Kirche abschneidet. Ein buß-loses Evangelium findet man weder in den Briefen von Paulus, noch in denen von Petrus oder Johannes, Jakobus oder Judas. Und auch die Apostolischen Väter sind ziemlich einstimmig darin, dass das Evangelium mit einer Verhaltensveränderung einhergeht.
Und das ist nur ein Beispiel davon, wie Rollins Jesus sehr persönlich liest, aber nicht vor dem Hintergrund, wie er auch in der Kirchengeschichte aufgenommen wurde. Dabei will ich mich nicht dafür aussprechen, dass Tradition wichtiger ist als die Offenbarung ist der Bibel – ich bin immer noch ein Sola Scriptura Vertreter – aber ich würde sagen, dass man schon sehr gute Gründe auffahren sollte, wenn man denkt, Jesus besser zu verstehen, als es seine Zeitgenossen getan haben.

Eine nicht-definierte Menge.
Grundsätzlich ermüdend fand ich aber in dem Buch weniger die Jesusdarstellung – die ist zwar unvollständig aber nicht grundsätzlich falsch – sondern die merkwürdige Arm-Reich-Trennung, oder manchmal sogar, irgendwie schon fast rührend nostalgisch, die Ost-West-Trennung. Dabei scheint Jesus immer Partei zu ergreifen für 'die Armen' oder 'die Schwachen' und die furchtbaren Übeltäter sind immer 'die Reichen' und 'die Mächtigen'. Exemplarisch dafür:
Als er [Jesus] fertig war, wandte er sich dem Westen zu, wo wir saßen, wir, die wir Macht hatten, die Autorität, eine bedeutende Stimme hatten. Für einige Zeit starrte er uns einfach an. Dann trat er auf uns zu und sprach direkt zu uns: 'Täuscht euch nicht. Diese Worte sind nicht für euch gedacht.' […] Für euch habe ich eine unendlich schwierigere Botschaft: […] Ihr werde sie richten, aber sie werden euch nicht richten. Ihr werdet sie verurteilen, aber sie werden auch nicht verurteilen.‟ (S.38f)

Man sieht vielleicht ein kleines bisschen von dem scheinbar sehr einfachen Weltbild, das hinter dieser Geschichte – und vielen Anderen im Buch – liegt: Der Westen – reich, was heißt, schlecht, böse, übel und korrupt. Der Osten – arm, was heißt, echt, authentisch, demütig und gnädig. Das ist so verwirrend. Das ganze Buch gibt einem Leser den Eindruck, als wäre die schlimmste Sünde, die Jesus vernichten wollte, reich zu sein, oder Einfluss zu haben. Es gibt sogar Beispiele in dem Buch, die es als ein Vorbild hinhalten, dass man seinen Einfluss in der Wirtschaft aufgibt, weil man 'in dem System' nicht wirklich Nachfolger sein kann („11. Die Bekehrung‟ auf S.76ff). Dabei wird nicht auf die Beispiele von einflussreichen Persönlichkeiten eingegangen, die uns im NT als Jesusnachfolger vorgestellt werden – Joseph von Arimathäa zB und Nikodemus, die beide dem jüdischen Hohen Rat angehörten.
Das größte Problem damit ist für mich auch nicht unbedingt die Schlichtheit des Weltbildes, sondern vor allem, dass auch die, für die gesprochen werden soll, furchtbar undefiniert bleiben. Wer sind denn 'die Armen'? Wenn es um materielle Armut geht – was manche der Geschichte zu suggerieren scheinen – heißt das, dass im Grunde alle wirklichen Nachfolger in den Slums von Kalkotta arbeiten sollten? Das scheint Rollins auch nicht zu meinen, weil viele seiner 'Nachfolger' in dem Buch in ihrer Stadt unter den Obdachlosen arbeiten. Und wie gehen wir damit um, dass Jesus im Lk zwar sagt: „Glückselig ihr Armen.‟ (Lk 6,20b; Elb) , aber im Mt anhängt „...im Geist‟(Mt 5,3; Elb).
Wer ist am Ende diese Gruppe, für die Jesus eingetreten sein soll? Klar wird das in dem Buch nicht. Natürlich ist es irgendwie von sentimentaler Schönheit, fast schon sozialdemokratischem Pathos (und der liegt mir gar nicht fern), davon zu reden, dass man „für die Armen‟ sein will. Nur ist das in dem Buch alles andere als konkret. Und das scheint mir der Todesstoß zu sein für ein Buch, das zum Handeln anregen will.

Was am Ende übrig bleibt.
Nach all der Schlichtheit im Weltbild, den argumentativen Sprüngen, die nicht nachvollziehbar waren, und dem recht einfachen, kontextlosen Jesusbild, die das Buch bieten, bleibt für mich die Erkenntnis stehen, die am Anfang des Buches steht: „Wie kann man von etwas sprechen, das nur unzureichend in Worten ausgedrückt werden kann?‟ (S.11)
Am Ende bleibt für mich nicht besonders viel. Das liegt nicht unbedingt daran, dass ich dem Autor des Buches nicht überall zustimme – ich habe viel von Büchern gelernt, denen ich nicht zustimme. Was am Ende fehlt ist überhaupt Substanz, der ich zustimmen oder die ich ablehnen kann. Der Jesus in diesem Buch ist weder etwas Halbes noch etwas Ganzes. Irgendwie liebevoll, aber nur zu den Armen. Wobei er auch die Reichen nicht unbedingt verstoßen würde, Annahme geht der Buße ja voraus. Aber wer die Armen und Reichen sind, bleibt irgendwie auf der Strecke.
Eigentlich nervt es mich, einen Verriss über ein Buch zu schreiben. Ich habe dieses Buch auf Empfehlung hin gelesen – und nicht nur einer – und ein Rezensionsexemplar vom Verlag bekommen. Und dafür bin ich sehr dankbar.
Aber ich kann wirklich nicht erkennen, was an diesem Buch die Druckkosten wert war.

God Bless,

Restless Evangelical

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