Samstag, 8. November 2014

Gottes Liebe ist anders.


Was Gottes Liebe zu einer heiligen Liebe macht

Vorbemerkung: Mein guter Freund Denis schreibt auf seinem Blog eine Reihe über die Heiligkeit Gottes und stellt dabei einige spannende Fragen. Ihr solltet mal vorbeischauen. Ich habe mich entschieden, mit einzusteigen und ein paar Gedanken zur Heiligkeit Gottes aufzuschreiben.
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Wenn es um die Heiligkeit Gottes geht, dann scheint es uns manchmal so, als würde es zwei Arten von Christen geben. Die einen betonen die Liebe Gottes, seine Gnade und Zuwendung, und die anderen betonen seine Heiligkeit, Gerechtigkeit und seinen Zorn über die Sünde. Und je nach unserem Temperament fallen wir auf die eine oder andere Seite.
„Aber Gott ist doch Liebe!‟, rufen die einen.
Und die Anderen antworten: „Aber nirgendwo heißt es, er ist liebevoll, liebevoll, liebevoll. Nur in Jesaja heißt es, er ist heilig, heilig, heilig.‟
Irgendwie habe ich mich schon länger darüber gewundert. Das liegt nicht nur daran, dass ich der Überzeugung bin, dass gerade in dem Erfahren der Gnade Gottes unser wichtigster Zugang zur Ehrfurcht liegt, sondern auch daran, dass ich von einem meiner Professoren gelernt habe, dass wir Gott nicht nur als die „Summe seiner Eigenschaften‟ verstehen dürfen.
Gott ist nicht eine bestimmte Nummer von Lehrsätzen, die es zu glauben gibt.
Gott lebt, ist dynamisch, und hat Dinge über sich gesagt, die wir nicht auswendig lernen sollen, sondern verinnerlichen sollen, um uns dadurch immer mehr in ihn verlieben.
Außerdem ist er nicht auf der einen Seite diese Eigenschaft, und auf der anderen Seite jene. Sein Charakter bedingt sich gegenseitig. Wenn er liebt, dann liebt er in vollkommener Gerechtigkeit und mit allem Wissen, das existiert und existieren könnte, weil er überall gegenwärtig ist.
Nun verstehe ich aber seine Heiligkeit weniger als eine 'Eigenschaft' Gottes, als mehr als das Adjektiv zu allen seinen anderen Eigenschaften.
Wenn Gott Liebe ist, dann ist er heilige Liebe.
Wenn Gott Gerechtigkeit ist, dann ist er heilige Gerechtigkeit.
Wenn Gott allmächtig ist, dann ist auch seine Allmacht heilig.
Mit Gottes Liebe ist es ja so eine Sache. Jeder bekennt sie. Aber die wenigsten reflektieren einmal darüber, was es eigentlich bedeutet, wenn ein vollkommenes Wesen von sich sagt, dass es reine Liebe ist – heilige Liebe – und was das dann für uns bedeutet. Wir sehen unsere Emotionalität, die uns an die faszinierenden Menschen in unserer Umgebung bindet, und nenne sie Liebe, sprechen davon, dass Gottes Liebe genauso sein muss. Ohne es zu wissen bedienen wir uns damit oft der philosophischen (oder systematischen) Methodik der Analogia Entis, dem Rückschluss auf Gottes Wesenseigenschaften durch das, was wir an uns selbst sehen.
Ich liebe, also muss Gott genauso lieben.
Ich bin wütend, also muss Gottes Zorn genauso sein.
Nur hat die Analogia Entis ihre Grenzen, und diese Grenze ist die Heiligkeit Gottes. Gottes Heiligkeit bedeutet in erster Linie seine Andersartigkeit, seine Nicht-vergleichbarkeit mit der Schöpfung. „Gott ist anders.‟, hat Karl Barth bekanntermaßen ausgerufen. Und genauso können wir von der Liebe Gottes sagen: Gottes Liebe ist anders.
Und anders, in diesem Fall, bedeutet: besser.

Gottes Liebe ist erlösend – und nicht fordernd
Das wird mir besonders deutlich durch eine dieser merkwürdigen Geschichten im Alten Testament. Darin verliebt sich der eine Sohn Davids in seine Halbschwester, und kann sich vor Verlangen nach ihr nicht mehr halten. Er schmiedet einen Plan, wie er sie bekommen kann, und es mündet in einer Vergewaltigung (die Geschichte kann man in 2Sam 13 nachlesen). So grausam diese Geschichte ist, umso verwirrender ist noch die Reaktion des Täters nach seiner Tat. Jetzt, wo er sich gewaltsam genommen hat, was er die ganze Zeit haben wollte, schriebt der Erzähler: „Danach aber wurde Ammon wütend auf sie und fing an, sie regelrecht zu hassen.‟ (2Sam 13, 15a; NeÜ). Am Verstörendsten daran ist, dass vor seiner Tat nichts auf eine falsche Motivation hindeutet. Dort wird von regelrecht romantisierter Liebe gesprochen, von einem emotionalen Verlangen, das sogar zu körperlicher Krankheit führte, weil es nicht erfüllt war. Erst der Ausbruch zeigt, dass es ein pevertiertes Verlangen ist, ein verletztendes, zerstörerisches.
Die Geschichte erinnert mich immer, wenn ich sie lese, an einen Bestandteil menschlicher Liebe, den wir uns oft nur ungern vor Augen halten. Liebe ist, zwischenmenschlich gesprochen, meistens ziemlich fordernd. Natürlich nicht in der Weise Ammons, aber dennoch.
Wenn auch wir weder naturwissenschaftlich noch metaphysisch zur Gänze definieren können, woran es liegt, dass ein Mensch zu einem Anderen findet (Spr 30,18f).
Was ziemlich sicher ist, ist das Grundgefühl, dass der Andere einem etwas geben kann, das man alleine nicht finden wird. Darin liegt nicht unbedingt etwas Falsches oder Schlechtes, weil beide Parteien mit diesem Gefühl – oder der Hoffnung – in die Beziehung gehen. Problematisch daran ist nur, dass wir damit unterbewusst den Menschen nur als Mittel zum Zweck benutzen (und alle Kantianer schreien empört auf!). Ein Ausdruck davon ist die verbreitete Frage: „Warum liebst du mich eigentlich, Schatz?‟ Die Antwort, die man darauf hören will, ist eigentlich nicht: „Aus keinem Grund, mein Liebling. Meine Liebe ist bedingungslos.‟ Diese Antwort würde uns das Gefühl geben, nutzlos zu sein, nur der Empfänger einer ungerechtfertigten Gnade. Lieber wollen wir eine lange Liste hören, die uns liebens-würdig macht.
Und selbst bei der Mutter-(oder Vater-)liebe ist es ähnlich. Ein enger Bekannter sagte einmal zu mir, dass er seine Kinder, wenn er ganz ehrlich ist, vor allem deswegen liebt, weil es ihn glücklich macht, wenn sie glücklich sind. Es ist etwas vorhanden, was wir daraus bekommen.
Aber versteht mich nicht falsch. Ich will mit diesem Aufzeigen nicht Druck machen, seinen eigenen Bedürfnissen zu entsagen. Es ist menschlich, so zu fühlen; wir alle tun es ein Stück weit. Es ist nur der Punkt, bei der wir mit der Analogia Entis bei Gottes Liebe nicht mehr weiterkommen.Weil Gott nicht einfach Liebe ist, sondern heilige Liebe, völlig andere Liebe, völlig reine Liebe.
Gottes Liebe ist anders.
Das liegt zum einen daran, dass wir Gott nichts geben können, das ihn glücklicher machen könnte. Und das wiederum liegt daran, dass Gott in sich eine perfekte Beziehung ist (manche nennen es historisch: Dreieinigkeit). Zum Anderen liegt es daran, dass Gott schon jetzt alles besitzt, alles, was überhaupt existiert, von ihm geschaffen wurde. Es ist die Realität, die der Psalmist in Ps 24 so großartig ausdrückt: „Sein [Gottes!] ist die Erde und was sie erfüllt, die Welt und ihre Bewohner.‟ (V1; NeÜ). Wir geben Gott nichts, was ihn dazu bringen könnte, uns zu lieben – und er tut es dennoch. Das ist der Kern einer heiligen Liebe, die uns in Ehrfurcht auf die Knie gehen lässt.
Und es ist auch der Grund, wieso es so schwer für uns ist, das Evangelium („In uns selbst sind wir sündiger als wir jemals gedacht hätten, aber in Christus geliebter, als wir jemals zu hoffen gewagt hätten.‟) anzunehmen, wieso (wie Ann Voskamp schreibt) „we spend a lifetime allowing God to get the Gospel into us.‟ (Endorsement zu Hope Reborn von Adrian Warnock und Tope Koleso). Das Leben als Christ in der Gegenwart Gottes sieht meistens mehr danach aus, das wir Gott immer wieder neue Dinge zeigen, die wir getan oder geleistet haben und fragen: „Und das hier? Erwirbt mir das deine Liebe?‟
Gott schüttelt immer den Kopf. „Nein, mein Kind. Wie sollte es? Es gehört mich schon lange. Meine Liebe kannst du nicht kaufen, sie ist die geschenkt in dem, was Jesus für dich getan hat.‟
Das ist Liebe, die anders ist.
„Gott, warum liebst du mich eigentlich?‟ - „Nicht wegen dem oder dem, sondern wegen ihm!‟

Gottes Liebe ist eine Person – nicht mystisch
Außerdem fällt noch eine zweite Sache ein, in der wir mit der Analogia Entis nicht weiterkommen.
Rob Bells neues Buch ist nur ein Beispiel dafür, dass wir unsere 'Liebe' gar nicht wirklich definieren können. Ist es eine Entscheidung? Ein Gefühl? Eine Bewegung aufeinander zu? Voneinander Weg, um Raum für ein 'Uns' zu schaffen?
Was ist Liebe eigentlich?
Ist sie weg, wenn wir uns mal streiten? Nicht sehen? Oder nicht mehr sehen können? Und was ist mit Liebe zwischen Freunden? Ist sie mehr oder weniger oder gleich viel wert, wie die Liebe zwischen eine Ehepaar?
Was ist Liebe eigentlich?
Wie mit so vielen Dingen findet jeder seine eigene Antwort darauf, und in uns lebt die Hoffnung, dass wir jemanden finden, der die gleiche Definition von Liebe finden will, mit dem uns wenigstens diese Definition verbindet, und wenn es das Einzige ist, was er uns geben kann.
Was unsere Liebe von Gottes Liebe deutlich unterscheidet. Weil wir genau wissen können, was Gottes Liebe ist (und wie mit so vielen Dingen, die Gott über sich gesagt hat: Wir können sie wissen, aber nicht ausschöpfend erklären). Augustinus hat versucht, die Dreieinigkeit mit einer Art Analogia Entis zu erklären. Die drei Personen der Dreieinigkeit, sagte er, ist wie ein Liebender (der Vater) und ein Geliebter (der Sohn), dessen Liebe so stark ist, dass sie eine Person ist (der Heilige Geist).
Wenn das stimmt (und wie kann ich Augustinus widersprechen?), dann ist Gottes Liebe vor allem dieser Heilige Geist, der in uns wohnt, und der uns einen ersten Vorgeschmack darauf gibt, wie es sein wird, in Gottes Gegenwart zu leben. Vor allem ist Gottes Liebe die Person, die uns die Realität Jesu offenbart (Joh 16,14).
Weil Gottes Liebe nicht irgendeine mystische Kraft ist („Wir beten an die Macht der Liebe‟ – anyone?), sondern sich in einem Menschen gezeigt hat. Wenn Röm 5,8 schreibt, dass „Gott […] seine Liebe zu uns darin bewiesen [hat], dass Christus für uns starb, als wir noch Sünder waren‟, dann geht es darin um diese Person.
Christus.
Wie er da steht, und da hing, und nach drei Tagen wieder da stand, siegreich, in der Mitte der Geschichte. Du willst wissen, was diese Liebe Gottes ist, von der alle Menschen sprechen? Dann sieh auf diesen Jesus. Der lebte, und starb, auferstand, und wiederkommen wird. Du möchtest wissen, wie diese Liebe Gottes ist? Sie ist eine Person, die für dich gestorben ist, dich befreit hat, dich gerechtfertigt hat, ohne dass du ihm etwas dafür geben kannst.
Was ziemlich anders ist als die Liebe, von der wir reden, und die Hollywood und predigt. Eine heilige Liebe, eine Person, nicht fordernd, sondern erlösend. Nicht nehmend, sondern gebend. Nicht an Bedingungen geknüpft, und gerade deswegen größer als alles, was unser kleines Herz sich vorzustellen in der Lage ist.

God Bless,

Restless Evangelical

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