Mittwoch, 19. November 2014

I. Politischer Mittwoch


Vorbemerkung: Am politischen Mittwoch will ich unregelmäßig (aber wenn, dann immer Mittwochs) auf aktuelle politische Geschehnisse und Kommentare eingehen, die entweder meine unbedingte Zustimmung gefunden haben, oder die ich gar nicht nachvollziehbar fand. Zu diesem Zweck fällt dann jeweils das zweite Häppchen Weisheit aus.

Nicht vor- sondern post-modern.
Ein Kommentar zu „Böse sein, Gutes tun‟ von Willi Winkler (Süddeutsche Zeitung Nr.263, 15./16.November, S.4)

In einem sehr guten Kommentar auf der Meinungsseite der SZ vom Wochenende schreibt der Publizist Willi Winkler darüber, dass der Islamische Staat (im Nordirak und Syrien) ein erschreckend-beeindruckendes Beispiel für eine funktionierende Staatenbildung abliefert „als ob es [das Regime] sich für die Aufnahme in der EU empfehlen und deren Stabilitätskriterien einhalten müsste.‟ (Ebd.)
Der Artikel ist durchaus lesenswert. Gestolpert bin ich allerdings über einen scheinbar nebensächlichen Teilsatz, den der Autor lapidar einstreut, aber ein erhebliches Manko in seiner Argumentation darstellt.
Definierend schreibt er über die Gräuel des IS:

Stattdessen herrscht die schlimmste Vormoderne, werden Frauen geknechtet und Homosexuelle aussortiert, urteilt eine religiös begründete Gerichtsbarkeit und wird ein heiliger Krieg gegen die so genannten Ungläubigen geführt.‟ (Ebd.; unterstrichen durch mich)

Nun will ich hier gar nicht den IS verteidigen, ich wüsste gar nicht, wie das geht. Und ich will auch nicht bezweifeln, dass innerhalb seiner umkämpften Grenzen „die schlimmste Vormoderne‟ herrscht. Ebenso möchte ich betonen, dass ich einen sehr großen Teil – alles nicht unterstrichene – bei diesen Definitionen unterstützen kann; wo das herrscht, herrscht tatsächlich Vormoderne.
Problematisch ist für mich eher der Satz, dass eine religiös motivierte Gerichtsbarkeit ein Zeichen der Vormoderne ist.
Lasst mich erst definieren, was ich daran gar nicht problematisch finde, bevor ich zu meinem Kritikpunkt komme.
Unbestritten ist, dass das Supremat einer einzigen Weltanschauung in einem pluralistischen Staat nichts zu suchen hat. Wenn also mit „religiös begründete‟ Gerichtsbarkeit gemeint ist – und das ist im IS ja nun tatsächlich der Fall – dass sie eine Weltanschauung als Richter über die Anderen aufspielt, bei Nicht-Konformität sogar Todesstrafe droht, dann ist das Vormodern. Es ist ja gerade die Errungenschaft des Pluralismus, dass verschiedenste Positionen nebeneinander existieren können, ohne dass dabei der Wert des Menschen – und seine, seinem Wesen innewohnenden, Rechte – nicht angetastet werden.
Der Theologe und Gesellschaftskommentator Ravi Zacharias sagt dazu, dass man Weltbilder gegeneinander antreten lassen kann, nicht aber Menschen. „Humans are created equal, not religions.‟ Und ja, in diesem Sinne herrscht im IS Vormoderne.
Für mich nur unverständlich ist, wie man Religion aus der Urteilsbildung heraushalten sollte. Und genau darin finde ich den Satz so problematisch. Heißt der Satz, dass wir jetzt alle Richter nach ihren religiösen Vorstellungen befragen müssen – im modernen Rechtsstaat Deutschland – und wenn sie irgendeine Vorstellung von Gott haben, dass sie ihrer Aufgabe nicht mehr nachkommen können? Und wie definieren wir dann Religion? Ist religiös nur der, der an einen persönlichen Gott glaubt (Theisten)? Oder auch ein Deist, der nicht davon ausgeht, dass der wie auch immer geartete Gott noch in die Welt eingreift, er aber existiert? Was ist mit einem Atheisten, der definitiv ein metaphysisches Weltbild hat, sich schon vom Namen her durch seine Stellung zur transzendenten Wirklichkeit definiert? Glauben wir, dass seine Weltanschauung keinen Einfluss auf seine Urteile haben wird, während ein gläubiger Katholik zu voreingenommen ist?
Dieses Problem liegt an der Wurzel so ziemlich jeder liberalen Gedankenführung. Es ist die hypothetische Vorstellung einer weltanschaulichen Neutralität. Aber, um John Rawls aufzugreifen, wir kommen nie hinter den Schleier des Nichtwissens. Es ist ein hypothetischer Raum – ich versteige mich gern darauf, zu sagen, utopischer – der aber nicht betretbar ist.
Gefährlich wird es, für uns im Westen, denke ich, vor allem dort, wo eine Meinung sich zur Vorherrschenden erhebt und beginnt, andere pluralistisch funktionierende Meinungen zu unterdrücken. Das kann eine religiöse sein, wie es Jahrhundertelang in Europa der Fall war. Es kann aber auch eine scheinbar säkulare sein, die mit den richtigen Begrifflichkeiten genau das Falsche tut.
Eine „religiös begründete Gerichtsbarkeit‟ fängt eben nicht an der Grenze zur Scharia an. Sie fängt da an, wo sich eine Weltanschauung im pluralistischen Staat das Recht herausnimmt, eine andere pluralistisch-dialogierende Meinung als Un-meinung zu deklarieren.
Das ist gerade deswegen ein Problem, weil es dem Pluralismus im Kern widerspricht. Manchmal setzen wir den Begriff in unseren Köpfen – und Reden – gleich mit einem Relativismus. Das aber ist gerade der Fehler. Ein Relativismus ist eine moralische Position, nämlich gerade die, dass keine Position recht hat. Pluralismus ist eine politische Funktionsweise, in der absolute Ansprüche durchaus ihr Recht und ihre Funktion haben, nicht aber die gewaltsame Unterdrückung anderer politischer Positionen. Und mit Gewalt muss dabei nicht nur die sehr explizite Gewalttätigkeit des IS gemeint sein, sondern auch die induktive Gewalt von aggressiven Medienkampagnen oder dem gut funktionierenden Gruppendruck einer weltanschaulich nicht mehr ausreichend heterogenen Gesellschaft.
Wenn gesagt wird: „Das darf man doch nicht sagen.‟, dann muss sehr vorsichtig und aufmerksam betrachtet werden, ob „das‟ nur der Mehrheitsmeinung widerspricht, oder wirklich oppressiv agiert. Nur das Zweitere ist in einem pluralistischen Dialog unangemessen und darf gerne als vormodern bezeichnet werden.
Der Widerspruch zur Mehrheitsmeinung allerdings, der eine Meinung zur pluralistischen Debatte stellt, steht nicht in Konkurrenz zur Postmoderne, er ist viel mehr ihr deutlichster Ausdruck.
„Religiös begründete Gerichtsbarkeit‟ ist, damit will ich schließen, also nicht in sich ein Zeichen von Vormoderne. Sie ist vielmehr etwas ganz normales, wenn man Religion nicht als „oppressive Weltanschauung‟ definiert, sondern einfach als Weltanschauung. „Weltanschaulich begründete Gerichtsbarkeit‟ ist etwas zutiefst menschliches. Der Gesetzesgeber und-schützer sollte darauf achten, dass die auszulegenden Gesetze entsprechend gleich-gültig sind für jede Mehr- und Minderheit in der Nahrungskette politischer Meinungen. Auf dieser Grundlage werden Richter wie Staatsanwälte wie Rechtsanwälte immer weltanschaulich denken und urteilen.
Es ist das Privileg eines pluralistischen Rechtsstaates, dass wir der Judikative dabei vertrauen können, nicht weltanschaulich oppressiv zu agieren.
Was genau das ist, was im IS nicht passiert. Dort wird unterdrückt und zerstört und mundtot gemacht. Ein furchtbares Unrecht, das dort passiert. Da hat Willi Winkler schon recht, und seine Worte sind unbedingt lesenswert. Nur seine Definition von „Gerichtsbarkeit‟ sollte er der pluralistischen Realität des Mensch-seins anpassen.

Mit freundlichen Grüßen,

ein religiös engagierter Bürger.

Kommentare:

  1. hallo,

    es freut mich sehr, dass jemand aus evangelikalen Kreisen zwischen Relativismus und Pluralismus unterscheidet! :-)

    was die religiöse Gerichtsbarkeit betrifft, ausgeübt als vormoderne Praxis, so bin ich mir nicht sicher, ob diese Beschreibung ein Manko darstellt. ohne Winklers Text zu kennen, würde ich jetzt einfach darauf tippen, dass er einfach ein vormodernes Verständnis von Religion im Sinn hat (dem ein bestimmtes Offenbarungsverständnis und Lektüreverständnis zugrunde liegt sowie eine bestimmte Vorstellung davon, wie man das eigene Handeln daran orientiert und darin organisiert.)

    im Voraus: ich halte die Verwendung des Begriffs "modern" für nicht ganz gelungen, da die Verwendung zu implizieren scheint, dass wir es heute besser und anders wissen und machen als die Menschen früher. ich kann das nicht beurteilen, bin dennoch skeptisch, ob man diese Implikation so stehen lassen kann.
    wenn dann also, halte ich eher die Verwendung des Begriffs "modern" für ein Manko, weil zahnlos. wenn ich, um IS und was auch immer zu kritisieren, nötig habe, auf den Begriff der "Moderne" zurückzugreifen, dann stimmt meiner Ansicht nach was nicht. ich kann ganz andere und zutreffendere Kategorien verwenden, um zu zeigen, weshalb unsere gegenwärtigen Errungenschaften in unserer Hemisphäre besser sind als das, was was viele Gewalttäter versuchen gesellschaftlich zu realisieren.

    die große Erzählung "vormoderner" und "moderner" Religiosität verstehe ich so: hat die Wissenschaft mit ihren Methoden und ihrem aufklärerischem Gestus die Religion als diktatorisches und autoritäres Meinungssystem (und das hat Winkler wohl im Sinn) entlarvt und aufgehoben, so haben bereits frühe Aufklärungskritiker wie Hamann gesehen, dass der technologische Aspekt der Wissenschaft das Potenzial hat, den Menschen erneut zu versklaven und seiner Individualität zu berauben (wie es dann später ja Adorno und Horkheimer beschrieben haben). Hamann und andere, die Religiosität "modern" auffasen, sehen nun in dem biografie-gebundenen, a-logischen, existenziellen Charakter von Glauben (ohne dass dieser dabei irrational ist; sondern zugänglich für Ansprechbarkeit sowie offen für die Möglichkeit, verständlich gemacht werden zu können) das Potenzial, die Individualität des Menschen zu retten.

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    1. Hey, ich danke dir sehr für deinen Kommentar.
      Viel Freude auch beim Bloggen, hast dich ja vor einigen Tagen auch unter diese elitäre Internetgemeinschaft der Blogger begeben. Ich habe mit deinen Blog mal auf die Blogleiste gelegt und sehe ab und zu vorbei.

      Zu dem was du sagst:
      Ich glaube auch, dass Winkler das so meint. Wobei, denke ich, dem auch eine gewisse Religionskritik innerhalb der Meinungsbildung in den verschiedenen Machtaspekten mitschwingt, der den Liberalismus grundsätzlich durchzieht. Der Versuch, in einer pluralistischen Gesellschaft Urteile zu fällen (ob es von der Legislativen, Exegekutiven oder Judikativen ist), die weltanschaulich neutral sind, scheint mir gescheitert (so sehr ich John Rawls sonst auch mag). Vielmehr denke ich, dass wir eine gesunde Reflexion brauchen, was unsere eigenen Weltanschaulichen Voraussetzungen sind, weil und eine solche Reflexion näher an ein 'Allgemeingut' bringt. Entsprechend kritisiere ich mit meinem Kommentar nicht unbedingt den intendierten Sinn, den Willi Winkler hatte (er wird ein 'vormodernes' Verständnis gehabt haben, davon, wie religiös-begründete Gerichtsbarkeit zu verstehen ist), sondern mehr die, dem zugrunde liegende, weltanschauliche, jurispudentische Vorstellung von Meinungsbildung im pluralistischen Staat ;-)

      Ich würde tatsächlich sagen, dass die Unterscheidung von 'moderne' und 'post-moderne' hilfreich ist, um zwischen grundsätzlichen Vorstellungen von Recht & Unrecht, Ethik und Gesellschaft etc. zu unterscheiden. So wurden in der 'Moderne' mit ihrem Verstandes- und Geschichtsbild bestimmte Grundlagen gelegt, auf denen wir heute noch stehen (vgl. zum Beispiel 'Inventing Human Rights' von Hunt dazu), und von deren Richtigkeit ich auch überzeugt bin. Alles, was vor dieser Vorstellung liegt (universale, individualistische Menschenrechte zB) wäre denn vormodern. Alles, was danach liegt (relativistische Ansätze in der Ethik zB) wäre denn 'Postmodern'. Vielleicht sollten wir nicht zu voreilig trennen zwischen richtig und falsch dabei. Im Sinne einer 'chronological snobbery' bei C.S. Lewis.

      Was genau sagt Hamann über das Potential, die Individualität des Menschen zu retten? Ist das überhaupt ein Ziel? Oder will sich der Mensch - gerade auch in der Postmoderne - nicht gerne (wieder) als Teil von einer größeren, über sie hinausreichende (emergente) Gemeinschaft/Geschichte verstehen?

      Lieber Gruß,
      Marcus

      P.S. Die Unterscheidung zwischen Relativismus und Pluralismus werden sicher noch mehr von 'uns' machen ;-)

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    2. danke, Marcus, für deine weiteren Erläuterungen.

      danke auch für deine guten Wünsche! die gebe ich gerne an dich zurück!!

      zu Hamann (der im 18. Jh. schrieb) als Beispiel für viele. Hamann denkt unter anderem über die menschliche Freiheit nach. dieser sei der Mensch unter wissenschaftlich-metaphysischem Vorzeichen beraubt - einerseits aufgrund der technologischen Methodik (die Absicht, kausale Zusammenhänge erkennen zu können, um sich diese nutzbar zu machen oder zu kopieren), andererseits aufgrund des Güte-Kriteriums der Objektivität (vom einzelnen Individuum wird abgesehen). er meint daher, dass die menschliche Freiheit unter religiösem Vorzeichen zutreffender beschrieben werden könne. dafür arbeitet er mit einem - eine Einheit bildenden - Widerspruch: dass der Mensch angesprochen wird ("Objektivität") und dass der Mensch spricht ("Subjektivität"). oder wie es Hamann in etwa ausdrückt: Gott spricht zum Menschen (nicht durch die Bibel und deren Ausleger, sondern auch) durch die Natur und deren Ausleger. dabei müsse man allerdings dumm wie ein Vieh sein, wenn man glaubt, von der Natur auf Gott schließen zu können. der Mensch sei in seiner Deutung der Natur derart präsent, dass Gottes Existenz ausgeschlossen scheint. nichtsdestrotz dränge sich der Gedanke der Existenz Gottes derart auf, dass diese eigentlich nicht geleugnet werden könne. - - - ich verstehe seinen Gedankengang so: wir fühlen uns von der Natur angesprochen, z.B. ästhetisch (diese Landschaft ist schön), moralisch (die Tierwelt ist grausam), wissenschaftlich (diese Zusammenhänge sind kausal), religiös (die Natur ist Schöpfung) u.a.m. aber es sind wir Menschen, die die Welt so deuten.
      er scheint nun der Auffassung zu sein, dass eine poetische, mythologische, religiöse Sprache, angelehnt an ein bestimmtes evangelisches Schriftverständnis - nämlich eben die Göttlichkeit und Menschlichkeit der Bibel - diesen Sachverhalt besser auf den Punkt bringt als eine von naturwissenschaftlichen Idealen geprägte Vernunft, die die Rolle des Menschen unterschätzt oder durchstreicht.
      ich halte diesen Gedankengang für sehr spannend, in allen Punkten aber wohl nicht für tragbar.

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