Donnerstag, 11. Dezember 2014

gelesen & geschätzt #20

Gegen Marktneutralität, oder?
Rezension zu: Sandel, Michael, Was man für Geld nicht kaufen kann. Die moralischen Grenzen des Marktes, Berlin: Ullstein 2012

In der westlichen Welt zu leben, bedeutet für die Meisten vor allem ein Überschuss an Luxusgütern. Das sieht man zum Einen daran, wie die westliche Kultur in anderen Kulturkreisen aufgenommen wird. Zum Anderen sieht man es auch daran, wie Westdeutschland zB immer noch die Zeit der DDR charakterisiert – nämlich namentlich mit dem Fehlen gewisser Obst- und Gemüsesorten und anderer Konsumgüter.
Das liegt, zumindest zum Teil, daran, dass der Markt und seine Mechanismen immer mehr Raum in unserem Leben einnehmen. Kapitalismus ist schon lange nicht mehr nur eine Form von Markthaltung, die Befreiung der angeblich dem Markt inneliegenden Kräfte, die sich selbst regulieren werden, sondern ist zu einem Lebensgefühl geworden.
Als die Linken-Abgeordnete Sahra Wagenknecht bei Harald Schmidt zu Gast war, fragte sie zurück auf die Frage, ob sie gegen Kapitalismus sei: „Ja, es spricht ja wenig dafür. Was spricht denn für Kapitalismus?‟ Worauf Schmidt schlagfertig antwortete: „Mein Lebensstandart.‟
Womit man ganz gut zusammenfassen kann, wie viele Menschen heute die Märkte an sich sehen. Es ist ein undurchsichtiges Netz aus verschiedenen Kräften, die aufeinander wirken, irgendwie mischt die Politik noch mit hinein, aber Ende spuckt er für uns Flachbildschirme und ein zweites Auto aus.
Wieso also nicht auch andere Bereiche unseres Lebens kommerzialisieren? Wieso nicht Kinder dafür bezahlen, Bücher zu lesen? Wieso nicht Söldner anheuern, um unsere Kriege zu kämpfen? Wieso nicht den Markt auch die Geheimdienstarbeit übernehmen lassen, und die anderen pikanten Angelegenheit des Staates? Was spricht eigentlich gegen den Markt?
Hier setzte Michael Sandels neuestes Buch ein. Sandel, Professor für politische Philosophie an der renommierten Harvard University in Neu-England, hat sich einen Namen gemacht als gemäßigt konservativer Beobachter der Gegenwart, als begabter Fragensteller und als erstklassiger Kenner der philosophischen Szene.
Mit entsprechender Begeisterung, getragen von meiner Lektüre seiner anderen Bücher, habe ich mich an sein neuestes Buch gemacht. Es hat mich nicht enttäuscht, auch wenn ich mir etwas mehr gewünscht hätte.

Worin Michael Sandel unerreicht ist.
Auf der einen Seite ist dieses Buch 'ein klassischer Sandel'. Wie alle seiner eher populär-wissenschaftlichen Werke (Gerechtigkeit, The Case Against Perfection) ist es angereichert mit einer Unzahl von Anekdoten, die unsere vorgefertigten Positionen und Meinungen schneller in Frage stellen, als wir den Absatz gelesen haben.
Sandel ist der Ansicht, und hat dies in verschiedenen Interviews zum Ausdruck gebracht, dass die Philosophie nicht so sehr dafür zuständig ist, Antworten auf die zwingenden Fragen der Gegenwart zu liefern, sondern den Status Quo zu hinterfragen. Die Aufgabe der Philosophie ist also eher, die beste Frage zu stellen, als die logischste Antwort zu geben.
Nicht, dass er sich einer Antwort versagen würde.
Aber besser noch als im Antworten geben ist Sandel darin, seine Leser in Frage zu stellen. Dabei scheint er vor allem den Ansatz zu vertreten, dass das die Dynamik des gesellschaftlichen Lebens unsere systematischen Überlegungen immer noch besser in Frage stellen kann, als es die menschliche Kreativität könnte.
In diesem Sinne ist das Buch Unschlagbar für seine Anekdoten aus dem alltäglichen Leben, sei es im privaten Sektor, in der Politik und/oder Wirtschaft, im Wissenschaftsbetrieb oder auf anderen gesellschaftlichen Ebenen. Alleine vom Lesen des Buches kommt man schnell zu der Annahme, die ich allerdings nicht belegen kann, dass Sandel sicher mehr Zeit bei seinen Büchern in die Recherche der Beispiele und Anekdoten verwenden muss, als in das eigentliche Schreiben.
Das kommt mir, als Prediger, der immer auf der Suche ist nach passenden Anwendungen und Veranschaulichungen, nach Geschichten, die eine größere und wichtigere Wirklichkeit verdeutlichen, natürlich unheimlich nahe, und es kann gut sein, dass ich auch gerade deswegen Michael Sandels Bücher liebe, weil es mir immer wieder Geschichten gibt, über die ich brüten kann und die ich sogar für die eine oder andere Predigt verwende.
Zumindest ist dieses Buch von Sandel in diesem Punkt mehr noch als das, was ich erwartet habe: Ein Anekdoten-Feuerwerk, voller wichtiger Fragen und zum Schmunzeln anregender Brüche.

Was Michael Sandels Ergebnis ist.
Michael führt das ganze Nachdenken über die Märkte, die im us-amerikanischen Alltag noch viel präsenter sind als für uns in Deutschland, vor allem zu dem Ergebnis, dass die Märkte nicht neutral sind. Es ist nicht so, als hätten sie keine inneliegenden Werte, sondern wären nur ein Ordnungprinzip für kommerzielle Interaktionen zwischen Menschen, oder zwischen Mensch und Regierung, oder zwischen Mensch und Organisation. Märkte vermitteln einen, ihnen eigenen, Wert, und dass ist die Käuflichkeit aller Dinge, die vom Markt beeinflusst sind. Geld regiert den Markt. Und wenn man werdendes Leben zB vom Markt regulieren lässt – nämlich durch gekaufte Leihmutterschaften durch Inderinnen, oder durch bezahlte Sterilisationen in Gegenden von us-amerikanischen Großstätten, in denen Drogenkonsum und damit einhergehende Kriminalität besonders hoch sind – dann weitet sich diese Käuflichkeitsannahme auf die intimsten Bereiche der menschlichen Identität aus. Und für ihn ist dabei die große Frage nicht, ob sie das tun werden, oder sogar schon jetzt tun, sondern mehr, ob wir das wirklich wollen.
Dafür zeigt Sandel auf, dass die klassischen Argumente gegen die Kommerzialisierung eines weiteren Bereiches unseres täglichen Lebens sich in zwei Kategorien einteilen lassen. Zum Einen wird dann eingewendet, dass die Entscheidung zum Verkauf eines bestimmtes Wertes nicht wirklich frei gefallen ist (Unfairness). Zum Anderen wird eingewendet, dass der Verkauf den Wert an sich verändert (Korrumpierung).
Wir Sandel in den fünf Kapiteln zeigt, unterliegt das Argument der Unfreiheit den gleichen moralischen Grundlagen wie das unbedingte Marktdenken. Wenn die Entscheidung nämlich frei getroffen wird, dann ist auch nichts verwerfliches am Verkauf eines Wertes. Wenn eine Leihmutter wirklich frei entscheidet – und nicht aus wirtschaftlicher Not heraus – dass sie ein Kind für Geld austragen will, dann sollte das auch rechtlich erlaubt sein. Die Frage ist dann nur, ob eine solche Entscheidung jemals frei getroffen werden würde. Sandel zeigt, dass dieses Argument nicht wirklich reicht, um das ausufernde Umsichgreifen des Marktes zu stoppen; und auch nicht, um zu erklären, wieso gerade die Kommerzialisierung im Gewissen der Menschen meistens Alarm schlägt.
Für Sandel tiefer liegt das Argument, dass durch den Einfluss des Marktes der Wert an sich verändert wird. Das zeigt er an vielen Beispielen. Exemplarisch sei das Beispiel des bezahlten Lesens erwähnt. Wenn Schüler für das Lesen von Büchern bezahlt werden, dann kann es zwar sein, dass sie dadurch zu mehr Lesen angespornt werden. Fraglich ist aber, ob sie es aus dem moralischen Wert des Wissensdurstes machen. Schwierig wird es, wenn sie dauerhaft Lesen mit Arbeit verbinden, mit einer bezahlten Tätigkeit, die man eben Macht, um sein Taschengeld aufzubessern. Dadurch wäre der Wert des Lesens an sich verändert worden; weg von der Neugier des Menschens und dem damit verbundenen intellektuellen Wachstum, hin zu einer notwendigen Arbeit.

Wieso mich Michael Sandel dieses Mal nicht von den Socken haut.
Das Beispiel vom Lesen zeigt die moralische Kraft von Sandel, gleichzeitig aber auch, wieso ich am Ende nicht restlos überzeugt war vom Buch. Nicht, dass ich enttäuscht war. Das Buch hat mir ja genau das geliefert, was ich von Sandel erwarte. Nur die Schlussfolgerung schien mir am Ende nicht gut genug begründet. Während er noch in The Case Against Perfection die Arbeit auf sich genommen hat, zu belegen, wieso Ehrfurcht vor menschlichem Leben ein Wert an sich ist, dem man sich unterordnen sollte – und deswegen genetische Veränderungen moralisch verwerflich sind – macht er sich in diesem Buch die Mühe nicht mehr. Die Bedeutung der menschlichen Werte an sich – sei des Lesen, oder Gemeinschaft, oder Gerechtigkeit, oder Solidarität, oder andere Dinge, die unsere Gesellschaft formen und prägen – wird größtenteils in den Raum gestellt.
Zufällig ist es so, dass ich in vielen Punkten eine ähnlich konservative Ansicht zu den Dingen habe wie Sandel. Das aber ist nicht gegeben, wenn man mit anderen Menschen über diese Fragen diskutiert.
Ein bisschen weniger Geschichten, und ein bisschen mehr grundlegende Überlegungen hätten dem Buch entsprechend gut getan.
Weil es aber im Grunde hält, was es verspricht, und mich ebenso begeistert wie herausgefordert hat, bekommt es von mir dennoch eine Leseempfehlung.

God Bless,

Restless Evangelical

1 Kommentar:

  1. Hm... Es ist ja eigentlich schon so, dass sich in der Schule das Lesen auszahlt - nicht, weil irgendein Wissensdurst gestillt wird, sondern weil es dafür gute Noten bzw. keinen negativen Vermerk gibt, wenn man seine Lektüre gelesen hat. Im Deutsch Leistungskurs habe ich mit vielem überhaupt nichts anfangen können und es dann auch nicht mehr gelesen. Ich kann mich zum Beispiel noch an Kafkas Prozess erinnern, das mich nur voller Fragezeichen zurückließ, weil ich es überhaupt nicht einordnen konnte. Erst als ich später mal über Foucault und Orwell gestolpert bin, hat das für mich eine unglaubliche Relevanz entwickelt. Zu letzteren hat mich dann auch keiner mehr gezwungen ;-)

    AntwortenLöschen