Donnerstag, 18. Dezember 2014

gelesen & geschätzt #21

War Jesus ein guter Mann?

Rezension zu: Pullman, Philipp, The Good Man Jesus and the Scoundrel Christ, Edinburgh: Canongate 2009

Der britische Literaturprofessor Philip Pullman ist nicht nur ein bekannter Unterstützer der humanistischen Bewegung in Großbritannien, er ist auch ein erfolgreicher Autor von Kinder- und Jugendbüchern. Seine Bücher (u.a. die Trilogie His Dark Materials) sind gefüllt mit einer blühenden Fantasie – für Literaten ein geradezu unabdingbares Talent – und eine vibrierende Sprache, die verständlich ist für Jugendliche und gleichzeitig erfrischend für erfahrenere Leser.
Als Pullman vor einigen Jahren gesagt hat, dass er Jesus (zumindest den, der von den Evangelien dargestellt wird) für den größten Geschichtenerzähler aller Zeiten hält, wurde er von dem damaligen Erzbischof von Canterbury dazu herausgefordert, sich einmal literarisch mit den Jesusdarstellungen in den Evangelien auseinander zu setzen.
Was er getan hat.
Herausgekommen ist das relativ kurze Buch The Good Man Jesus and the Scoundrel Christ in dem er sich vor allem mit dem Markusevangelium auseinander setzt. Abseits davon, dass das Buch äußerst unterhaltsam ist, möchte ich mich seinem Inhalt vor allem von zwei Seiten aus nähern – eine rein literarische Perspektive, und eine mehr weltanschauliche.

Aus literarischer Perspektive
Was in dem Buch zuerst auffällt, ist die interessante Idee, auf der Gestalt des Jesus Christus zwei Gestalten im Buch zu machen – die Zwillingsbrüder Jesus und Christus. Und während der eine als selbstbewusster und charismatischer Jüngling dargestellt wird (Jesus), der schon bei der Geburt stark und gesund ist, ist der Andere ein kränklicher Tropf, der darum ringt, einen Sinn in seinem Leben zu finden.
Das literarische Ausschlachten der Messias-Motivik in den Evangelien ist natürlich uralt. Nicht erst bei Jesus Christ Superstar, sondern schon in Dostojevskys Großinquisitor wird mit der Idee gespielt, wie man aus diesem Jesus Sinn machen kann, der sogar zeitrechnungstechnisch in der Mitte der Weltgeschichte steht.
In diesem Sinne ist Pullmans Idee congenial. Kurz erwähnen möchte ich, dass sie nicht wirklich neu ist, sondern die Zwillingsmetaphorik schon in mind. Einem apokryphen Evangelium auftaucht (dabei allerdings sehr viel gnostischer und leibfeindlich). Allerdings würde ich nicht beschwören, dass Pullman sich dessen bewusst war.
Literarisch funktioniert diese Aufteilung sehr gut dafür, den Dienst von Jesus in zwei Sphären aufzuteilen. Während auf der einen Seite der charismatische Heilungsprediger steht (Jesus), der Menschen Hoffnung spendet und Begeisterung wecken kann, ist auf der anderen Seite der Chronist, der versucht, aus der aufkommenden Bewegung eine Institution zu machen (Christus). Dabei wird er unterstützt von einem mysteriösen Fremden, der immer wieder auftaucht und versucht, ihn auf Spur einer späteren Großkirche zu bringen (in manchen Interpretationen wurde diese Figur mit Paulus gleichgesetzt, das scheint mir aber keinerlei wirkliche Grundlage zu haben).
Auch die Idee der Unterscheidung zwischen Jesu' charismatischem Dienst und der späteren Institutionalisierung seiner Ideen durch die Apostel bzw. der anfangenden Kirche, ist nicht neu. Auch hier könnte man den Großinquisitor von Dostojewsky nennen als prominentes Vorbild.
Allerdings tut Pullman dies in einem literarischen Charme, der mich sehr angesprochen hat. Literarisch hat Pullman im Buch nämlich den Telegramm-artigen Stil des Markusevangeliums übernommen. Dadurch bekommt das Buch ein faszinierendes Tempo in das Buch, das es noch kürzer erscheinen lässt, als es tatsächlich ist.
In diesem Sinne schafft Pullman es, aus einem uralten (und bekannten) Text einen Pageturner zu machen.
Besonders stechen die Aufarbeitungen von zentralen Ereignissen des Christusgeschehens in den Evangelien heraus. Eine Schlüsselszene im Buch ist das Gebet von Jesus im Garten Getsemaneh, bei dem seine tiefen Zweifel deutlich werden, und der schweigende, nicht intervenierende Gott die Weltanschauung des Autors deutlich hervorscheinen lassen. Wie der Autor hier mit dem Material umgeht, es umformt, und seinem Zweck gefügig macht, ist auf literarischer Ebene faszinierend und lassen einen tiefen Blick in die Seele des Autors zu (zumindest suggeriert es das).
Alleine aus literarischer Perspektive hat mich das Buch begeistert. Es ist ein geradezu klassisches Beispiel, wie Literatur dem immer gleichen Stoff immer neu zu interpretieren weiß.

Aus weltanschaulicher Perspektive
Betrachte ich das Buch aus theologischer Perspektive (und das ist ja nun, muss man sagen, am ehesten meine Expertise), dann fallen mir vor allem zwei Dinge auf. Die Frage nach dem Vorbildcharakter von Jesus, und ein nicht wirklich klassischer Atheismus.

A. Das Vorbild
Nach der Lektüre des Buches bleibt bei dem Leser die eher seelische Frage, ob die Jesusgestalt des Buches eigentlich wirklich als The Good Man bezeichnet werden darf. Denn tatsächlich ist er gescheitert. Nicht nur sein Dienst führt ihn in die Exekution und dann ist das dunkle nichts, sondern auch spirituell wird im Laufe des Buches aus einem dynamischen, atmenden Prediger ein verzweifelter, substanziell zweifelnder Haufen im Garten. Woran lässt sich bei der Gestalt festmachen, dass es sich um einen guten Menschen handelt? Woran macht man den Erfolg eines Lebens dann fest?
Aus einer säkularen Perspektive hat diese Jesusgestalt keinerlei Erfolg gehabt. Und auch das geistliche Erbe, das nach seinem Tod bleiben soll, hängt an dem „Schurken‟ Christus, der seine Notizen umformuliert und somit die Kirche erschafft, die wenig mit dem zu tun hat, was dieser Jesus eigentlich verkündet hat. Jesus selbst stirbt desillusioniert und verzweifelt, ohne selbst irgendetwas wirkliches zu hinterlassen. Nicht mal seinen eigenen Idealen bleibt er völlig treu, indem er von seinen tiefen Zweifeln niemanden wissen lässt.
Jesus in Pullman Vision ist eine zutiefst tragische Gestalt, vielleicht eine Art Stereotype des religiösen Menschen allgemein, der am Ende hoffnungs- und leidenschaftslos davongeht, aus einem Leben der Entsagung ohne Sinn und Verstand. Ist er ein guter Mann?
In diesem Sinne ist Pullmans Buch weniger eine Religions- als zutiefst eine Kirchenkritik.Was in literarischen Zirkeln natürlich auch en vogue ist und wenig wirklich mutig. Allerdings ist sie beißend, geradezu zerstörerisch, weil sie an der eigentlichen Identifikationsfigur der kirchenlichen Frömmigkeit festgemacht wird. Pullman stellt den Christen die Frage nach dem Vorbildsgehalt von diesem Jesus, auf dessen Seite eigentlich alle stehen wollen, aber dessen tragisches Ende (außerhalb einer traditionellen, vom Sühneopfergedanken geprägten, sag: evangelikalen Frömmigkeit) lieber ausgeklammert wird, weil es schwer ist, einen Sinn darin zu finden.
Ist er ein guter Mann? Pullman scheint eher „Nein‟ sagen zu wollen, und ist darin wirklich gegenkulturell.

B. Der Atheismus
Trotz der beißenden Kritik ist das Buch durchzogen vom Sehnen des Autors nach einer Form von Spiritualität. Seit langem ist Pullman dafür bekannt, seinem Atheismus fast pantheistische Züge geben zu wollen, bei dem er eine Form von Göttlichkeit, an die er nicht glaubt, in allen Dingen finden zu wollen – eine Art von further up and further in.
Es ist entsprechend schwer, Michael Schmidt-Salomon oder Richard Dawkins als Autoren dieses Buches zu denken, das sich ja durchaus als atheistische Nacherzählung des Jesusstoffes versteht. Die Kritik dieses britischen Autors ist dabei ja eher an der Kirche, der institutionellen Religion, festgemacht, während viele neue Atheisten gleich jede Form von Spiritualität als Übel darstellen wollen.
Gerade darin scheint der Autor die Vorbildfunktion des Jesus zu finden, dass er auf undefinierte Weise Spiritualität zu wecken in der Lage ist, die sich in einem moralisch verbesserten Leben äußert. Diese Spiritualität hinkt dann an der Abwesenheit des Gottes, an den sie glaubt.
In diesem Sinne scheint das Buch, aus atheistischer Perspektive, die Frage zu stellen, ob Spiritualität ohne Gott möglich ist. Das ist weltanschaulich natürlich eine spannende Frage, lässt den Leser aber auch in einem ungesunden Vakuum, weil eine Antwort auf die Frage ausbleibt.
Eine Frage an sich, habe ich an anderer Stelle schon geschrieben, scheint mir kein Wert zu sein, sondern nur dann wertvoll, wenn sie als Mittel zum Zweck dienen, eine Antwort zu finden.
Was ist Atheismus, wenn er versucht, eine spirituelle Dimension zu finden?
Was ist Spiritualität, wenn es keine objektive Dimension dabei gibt, die Existenz Gottes?
Eine Antwort darauf würde wohl zu mehr Fragen führen. Mit scheinen diese Ideen aber in eine Sackgasse zu führen.

God Bless,

Restless Evangelical

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