Freitag, 5. Dezember 2014

Zur Freiheit befreit


Was christliche Freiheit sein sollte

Vor einigen Tagen habe ich einen Vortrag gehört, in dem die Rednerin eine Aussage einer jungen Frau zitierte. Eine gewisse Zeit war sie in der evangelikalen Spiritualität mitgeschwommen, hatte Gottesdienste, Jugendgruppen und Gebetskreis besucht und alles mitgemacht, was man eben als junger Evangelikaler so macht.
Aber dieser ganze Aktionismus hat am Ende nicht verhindern können, dass sie den Glauben ganz hinter sich lässt. Der Grund, den die Rednerin aus einem Buch zitierte, in dem die Geschichte der jungen Frau geschrieben war, ist einfach: mangelnde Freiheit.
Und dabei ist es nicht nur ein Gefühl der Einengung, das ihr zu schaffen macht, sondern es schwingt auch der Vorwurf der Heuchelei mit. Sie wirft den Christen vor, sie würden so viel von Freiheit reden, aber dann hunderte Regeln haben, an die man sich halten muss.
Freiheit – bedeutet das nicht Abwesenheit von Regeln?
Und dann ist da diese CD, die ich mir vor ein paar Tagen gekauft habe, die von einer kleinen, aber sehr beeindruckenden Lobpreisgemeinschaft in North Carolina aufgenommen wurden. Darin heißt es in einem Lied immer wieder „Oh, the glorious freedom of the children of God.‟, bis der Sänger zum finalen Satz des Liedes, ohne musikalische Begleitung, alleine durch seine Stimme den Satz singt: „And I am one of them.‟
Was einen so anderen Ton angibt. Natürlich singt dieser junge Mann aus einer anderen Perspektive, nicht eine Außenperspektive (egal, ob wieder oder immer noch), sondern von innen die Freiheit umarmend, von der Christen immer reden und singen.
Während meine Gedanken sich um diesen Punkt drehten in den letzten Tagen, kam ich irgendwann zu dem Schluss, das hier ein Missverständnis vorliegt. Das Missverständnis liegt daran, dass die evangelikale Spiritualität tatsächlich eine große Freiheit bietet – aber wir dieses Wort anders verstehen, als es unsere Gesellschaft meistens tut.
Besser verstehen, wenn ich das ein wenig hochnäsig sagen darf.

Kein Libertismus...
Wenn ich über meine Spiritualität nachdenke und versuche, mein Weltbild mit dem in Übereinstimmung zu bringen, was ich als Wahrheit erkennen kann, dann stoße ich oft an meine Grenzen, wo ich von der west-europäischen Gesellschaft geprägt worden bin.
Nicht, dass ich besonders bedauere, so geprägt worden zu sein. Diese Prägung hat mir zweifellos ein unheimliches Potential geliefert, mit dem ich arbeiten und formen kann. Dafür bin ich auch dankbar.
Gleichzeitig führt es dazu, dass ich bestimmte Vorstellungen gar nicht mehr in Frage stelle, weil sie mir so normal erscheinen, so offensichtlich und axiomatisch. Dieses Problem wird einem erst deutlich, wenn man in eine andere Kultur einzutauchen versucht, und erkennt, wie viele Barrieren alleine dadurch entstehen, dass wir die Welt völlig anders betrachten. Es ist nicht so, dass diese Barrieren unüberwindbar sind.
Eine dieser Vorstellungen ist unsere Vorstellung von Freiheit. Denn Freiheit, nehmen wir an, ist die Abwesenheit von Gesetzen. Aber nur die Wenigsten von uns wollen eine wirkliche Anarchie ohne einen schützenden Staat (und wenn du wirklich Anarchie willst, dann will ich nicht hier nicht aus dem Gespräch ausschließen: very welcome. In der Mehrheit seid ihr aber nicht, das weißt du wahrscheinlich). Das bedeutet, dass wir zwar Regeln akzeptieren, aber nur soweit, wie sie unbedingt notwendig sind, um unsere Freiheit zu garantieren.
Aber es gibt bestimmte Bereiche in unserem Leben, in denen wir keine Regeln akzeptieren. Das ist der Ausdruck unserer Sexualität (und die damit verbundene Annahme, das Sexualität keine spirituelle, ewige Dimension hat), und die Selbstverwirklichung in Beruf und Familie und Kunst und Freizeit. Wir würden nicht akzeptieren, wenn uns der Staat – oder unsere Eltern – vorschreiben würden, was wir schreiben, malen, lesen, singen, oder hämmern dürfen. Zensur ist für uns die größte Einschränkung, die ein Staat machen kann; und jeder Staat, der Medien und Kunst zensiert, ist ein Unrechtsstaat für uns.
Das sehen wir auch in der Glorifizierung in den modernen Geschichten – ob in Buch oder Fernsehen – die einer Partnerschaft gerade gegen den guten Rat der Eltern oder Verwandten zukommt. Fast scheint es so, als wäre eine Beziehung, eine Liebe, nur dann wirklich romantisch und ewigkeitswirksam, wenn sie dazu führt, dass wir Nachts wegrennen, und alles hinter uns lassen. „Wir Beide gegen den Rest der Welt.‟
Deswegen ist es so befremdlich für uns, dass in Indien immer noch 74% der Menschen eine arrangierte Ehe einer Liebesheirat vorziehen würden. In traditionelleren Gebieten wie dem Norden geht die Zahl sogar hoch bis zu 96%.
Ja. Natürlich.‟, winken wir dann schnell ab. „Die sind ja auch nicht so gebildet wie wir.‟ Was auf eine merkwürdige Weise jahrhunderte-alte Traditionen mit „ungebildet‟ gleichsetzt, und 100 Jahre alte Vorstellungen mit „gebildet‟. Merkwürdig, um nicht zu sagen, rassistisch.
Lasst mich deswegen zu fragen wagen: Kann es sein, dass unsere Vorstellung von Freiheit – eine gesetzlose Form – eine sehr kulturell-bedingte ist? Kann es sein, dass diese Vorstellung von Freiheit nicht der Weisheit letzter Schluss ist? Kann es sein, dass wir auch lernen können von dem, wie Freiheit vor Generationen definiert wurde, wie sie heute noch in anderen Kulturen und Gesellschaften definiert wird?
Vielleicht.
Wenn ich diese Fragen mit „Ja‟ beantworten kann, folgen dadurch für mich zwei Dinge, in denen christliche Freiheit wirkliche Freiheit sein kann; nur vielleicht nicht in einem libertanistischen Sinne.

...sondern eine Freiheit zu etwas Anderem.
Ich denke, dass das größte Problem mit dieser gesetzlosen Form von Freiheit ist, dass sie zwar definiert, wovon wir befreit sind – nämlich von den, unsere Persönlichkeit einengenden Gesetzt – aber uns stehen lässt ohne einen Hinweis, wozu wir eigentlich befreit sind. Das ist ein Problem, weil wir in ein Vakuum gestellt werden, aus dem es so schnell kein Entrinnen gibt. Wir wissen, was uns alles schadet, wovon wir uns entfernen, aber wir haben keine Alternative, zu der wir uns wenden können.
Ich denke, dass die evangelikale Spiritualität in der Lage ist, uns aufzuzeigen, wozu wir befreit wurden. Zwei Dinge will ich hier einmal andenken.

Freiheit zum Dienst
Martin Luthers kurze Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen‟ ist sicher als Protestant eines der ersten Werke, zu denen man greift, wenn man versucht, sich über die Freiheit klar zu werden, die im Christentum zu finden ist.
Die bekannte Doppelwahrheit, die er darin definiert, hilft uns, denke ich, ein Stück der Freiheit zu definieren, die uns das Christentum gibt:
„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über all Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge, und jedermann untertan.‟ (Luther, Martin, Von der Freiheit eines Christenmenschen, Fünf Schriften aus den Anfängen der Reformation Band 2, Neuhausen-Stuttgart 1996, S.162)

Luther findet diese Wahrheit in der doppelten Natur des Christen begründet. Frei ist er als geistlicher Mensch, befreit von seiner Schuld kann er in Freiheit und mit Zuversicht vor Gott treten, ohne dass er sich Sorgen machen muss um die Zukunft seiner Seele. Gottes Gerechtigkeit gehört dem Christen. Das ist eine Botschaft, die wirklich frei machen kann. Und entsprechend müssen wir auch die „Gesetze‟ verstehen, denen sich ein Christ gegenüber verantworten muss – in der Gemeinde, oder unter Christen allgemein.
Luther schreibt nämlich, dass es alleine der Glaube ist, durch den wir Zugang zur Gerechtigkeit Gottes bekommen. Daraus folgt aber auch zum einen: „[Es] hilft […] der Seele nichts, wenn der Leib heilige Kleider anlegt, wie es die Priester und Geistlichen tun.‟ (S.163) Auch allerlei andere fromme Handlungen bringen in den Kategorien von Gottes Gerechtigkeit nichts. Nur der Glaube, so Luther, verleiht uns die Gerechtigkeit Gottes, und das ist alles, was wir brauchen. Ebenso folgt daraus: „Umgekehrt schadet es der Seele nichts, wenn der Leib unheilige Kleider trägt, an unheiligen Orten ist, wenn er ißt und trinkt, keine Wallfahrten macht und nicht betet und alle die Werke unterläßt‟ (Ebd.)
Das ist nicht unbedeutend. Die falsch verstandene Unfreiheit kommt ja gerade aus der Frage, in wie weit man diese ganzen Dinge noch tun muss in einer Gemeinde, in der doch von Freiheit die Rede ist. Luther sagt: Tun musst du sie nicht. Glaube ist alles, was du brauchst.
Oder, wie es eine gute Freundin vor einiger Zeit mir gegenüber ausgedrückt hat: „Wir können vielleicht nichts für Gott tun, aber für unsere Beziehung zu ihm.‟ Wie wahr.
Die Befreiung passiert jetzt aber neutestamentlich – und auch lutherisch – nicht nur von dem Druck des Gesetzes, sondern auch zu guten Werken. Wir passt das zusammen?
Luther wieder: „Christenwerke entsprechen ihrem Täter, wie das Handwerk dem Meister.‟ (S.178)
Für Luther ist klar, dass ein Christ nie so bleiben kann, wie er zu dem Zeitpunkt war, als er die Gnade Gottes zum ersten Mal erlebt hat. Christ sein bedeutet Veränderung, bedeutet eine Reise, auf der wir jeden Schritt feiern. Paulus beschreibt das ähnlich in Eph 2,10: „In Jesus Christus sind wir Gottes Meisterstück. Er hat uns geschaffen, dass wir gute Werke tun, gute Taten, die er für uns vorbereitet hat, damit wir sie in unserem Leben ausführen.‟
Hier haben wir eine tiefe Weisheit, glaube ich. Freiheit ist ein Geschenk, aber weder eines, das wir für selbstverständlich nehmen sollten, noch eines, das wir verantwortungslos im Schrank stehen haben. Freiheit ist vor allem eine Verantwortung, die uns übertragen ist. Freiheit geschieht nicht nur von etwas (was in der christlichen Spiritualität die Sünde und Schuld vor Gott und Menschen ist), sondern auch zu etwas hin. Und das ist, für Christen, der Gehorsam gegenüber einem Gott, den wir als größer begreifen, als unser Verstand zu erfassen in der Lage ist.

Freiheit zur Selbstvergessenheit
Aber die christliche Freiheit beinhaltet noch etwas Anderes, das wir nicht vergessen sollten. John Piper bringt es zum Ausdruck, wenn er in der Predigt „Is Jesus an Egomaniac‟ sagt: „Selbstvergessenheit in der Gegenwart von etwas Größerem ist die Schaumkrone der Freude.‟ Es gibt etwas in uns, das uns zur Selbstvergessenheit drängt.
Die Autoren der Romantik nannten es „Entgrenzung des Ichs‟, und setzten sie dem kalten Rationalismus der Aufklärung entgegen.
Griechische Philosphen nannten es „Kenosis‟ und stellten damit klar, das Philosophie keine klinische Wissenschaft, sondern eine spirituelle Erfahrung sein sollte.
Das ist kein besonders kompliziertes Konzept. Es ist das Gefühl, das du hast, wenn du am Fuß des Himalayas stehst und dir bitter-süß bewusst wirst, wie unwichtig du und deine Sorgen eigentlich sind. Es ist das Bewusstsein, dass alles was zählt außerhalb von dir liegt, wenn du mit einem Menschen zusammen bist, den du wirklich liebst. Und ich meine wirklich liebst. Oder das Gefühl von Angst und Verantwortung, gepaart mit Freude und Aufregung, wenn du deine kleine Tochter zum ersten Mal im Arm hältst, nachdem du sie neun Monate mit dir herumgetragen hast und dieses innige, spirituelle Band mit ihr geknüpft hast.
Und wie es der Zufall so will, bin ich der Überzeugung, dass uns die evangelikale Spiritualität die besten Voraussetzungen liefert, um dem menschlichen Bedürfnis nach Selbstvergessenheit zu begegnen.
Das liegt zum Teil daran, dass die evangelikale Spiritualität sich nicht nach Weisheit oder Wahrheit an sich ausstreckt, sondern nach Gotteserkenntnis, die von uns wegweist, auf den, der größer ist – im Gegensatz zur griechischen Philosophie.
Das liegt zum Anderen auch daran, dass die evangelikale Spiritualität sich nicht nach guten Werken und Gerechtigkeit in uns ausstreckt, sondern nach einer Gerechtigkeit, die außerhalb von uns liegt, die wir nicht in uns finden, und die gerade deswegen ehrfurchtgebietend ist.
Vor allem aber liegt es daran, dass die evangelikale Spiritualität uns bewusst macht, dass wir gar nichts bringen können vor Gott, in Anwesenheit von „etwas Größerem‟. Wir nennen das Sündenerkenntnis, und das ist ein fortlaufender Prozess.
Wenn wir erkennen, dass wir nichts zu bringen haben – keine Wahrheit, Weisheit, gute Werke, Gerechtigkeit – und uns befreit wissen vom Druck, der deswegen auf unserer Brust lastete: Das ist der Ort, wo Selbstvergessenheit und Ehrfurcht beginnen, wo wir erkennen, wozu wir befreit wurden, und wieso es eine unheimlich tiefe Wahrheit ist, zu singen: „Oh, the glorious freedom of the children of God – and I am one of them.‟

God Bless,
Restless Evangelical


P.S. Das Originalzitat von Piper: „Selfforgetfullness in the presence of greatness is the capstone of joy.‟

Kommentare:

  1. Ich habe deinen Text mit großer Neugier gelesen, weil mich das Thema interessiert. Mir sind dabei zwei Unklarheiten aufgefallen.
    1) Du sprichst von Freiheit im Kontext von Errettung. So wie du allerdings versuchst, Freiheit positiv zu fassen, tun sich weitere Kontexte auf. Mit Gehorsam und Selbstvergessenheit willst du Freiheit positiv fassen. Zusammen sind sie Ideale auch in folgenden Kontexten: Das Verhältnis Butler-Herr/Herrin (Dienstverhältnis) und Soldat-Vorgesetzter (Krieg). Das sind jetzt keine Umfelder, die man mit Freiheit oder persönlichen Beziehungen assoziiert. Eignet sich dann dieses Begriffspaar für eine evangelikal inspirierte Spiritualität der Freiheit? (NB: Manche Evangelikale wähnen sich in einem theologischen, kulturellen und geistlichen Krieg.)
    2) Ich sehe ebenfalls nur eine negative Freiheitsauffassung. Nämlich: Wir sind befreit davon, uns das Heil erarbeiten zu müssen. Ansonsten beschreibst du lediglich Gehorsam und Selbstvergessenheit (hier übrigens ganz ausdrücklich negativ: „befreit vom Druck“). Was ist an Gehorsam und Selbstvergessenheit positive Freiheit? Wie wird der Begriff Freiheit durch beide Begriffe präzisiert und erhellt? Das wird für mich nicht deutlich.
    zu weiteren Details:
    „so befremdlich für uns, dass in Indien immer noch 74% … um nicht zu sagen, rassistisch.“ → Ist es unberechtigt zu fragen, wieso es zu so einer Haltung kommt? Oder welche Ausmaße die arrangierte Ehe für die übrigen hat? Ist das Umfrageergebnis für deine Lebensführung relevant? Würdest du eine arrangierte Ehe eingehen? Würdest du für deine Kinder eine Ehe arrangieren? Würdest du dir eine Ehefrau (aus einem Katalog) kaufen? Würdest du dich bezahlen lassen, eine Frau zu heiraten, damit sie die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten kann? Denkst du darüber nach, irgendetwas davon zu tun? Würdest du damit experimentieren? Falls du alles (kategorisch) mit Nein beantwortest, was ist für dich an dieser Statistik wirklich interessant und relevant?
    Angenommen, man hätte vor über 2000 Jahren Frauen in Israel gefragt, ob sie es bevorzugen, an ihren Vergewaltiger verheiratet zu werden oder unverheiratet zu bleiben. Darf man vermuten, dass die Mehrheit ersteres bevorzugt hätte? Historische Forschungsergebnisse liefern eventuell Erklärungen für ein solches Ergebnis: Gesellschaftlich wäre eine vergewaltigte Frau wohl ausgegrenzt (niemand würde sie heiraten). Somit wäre sie nicht nur auf körperlicher Ebene zum Opfer gemacht worden, sondern vermutlich auch auf wirtschaftlicher Ebene (Armut). Darf man auch ein durchaus globales Phänomen zurückprojizieren, nämlich die Vorstellung, Frauen würden eine modische Teilschuld an ihrer Vergewaltigung tragen (eine Teilschuld, die sie sich vielleicht sogar zuschreiben würden)? Verwundert es noch, wenn es zu solch einer Mehrheit käme? Und dürften wir das heute kritisieren?
    Die ambitionierte, wenn man so will: westlich-säkulare, Kritik an solchen Umständen operiert nicht mit dem Thema Bildung. (Was übrigens nur dann rassistisch wäre, wenn man sagen würde, diese Menschen seien prinzipiell unfähig zu einem bestimmten Denken, und zwar aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit.) Es gibt von Wohlfahrtsethikern eine sehr umfangreiche, weil schwierige Diskussion über angepasste und unangepasste Bedürfnisse.
    „ohne einen Hinweis, wozu wir eigentlich befreit sind. Das ist ein Problem“ → Könnte man nicht sagen, dass gerade diese Leerstelle es jedem Einzelnen ermöglicht, sie eigenverantwortlich zu füllen – ohne anmaßende Vorgaben anderer, wie diese auszufüllen wäre?
    „Piper bringt es zum Ausdruck...: ,Selbstvergessenheit in der Gegenwart von etwas Größerem ist die Schaumkrone der Freude.‘“ → Piper geht soweit, dass er von der Frau sexuelle Hörigkeit (submission) gegenüber ihren Mann einfordert (https://www.youtube.com/watch?v=3OkUPc2NLrM), gegenüber selbst – wie er sagt – den verzerrtesten sexuellen Forderungen ihres Mannes: „I want it so much...“ (ist das Vorfreude!?). Woanders spricht er von einer Abhängigkeit (dependence) der Gläubigen von ihren religiösen Führern (https://www.youtube.com/watch?v=Rmar_uBUD1U).

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    1. Übrigens: Kennen wir uns eigentlich persönlich? Finde keinen Klarnamen auf deinem Blog.

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    2. Nein, ich wüsste nicht, dass wir uns kennen. Ich habe einen Text von dir kommentiert, weil ich ihn anregend fand. Dann du einen von mir, ich wieder einen von dir... Dass ich anonym bzw. im Pseudonym unterwegs bin, hat verschiedene Gründe, die zu erörtern hier, glaube ich nicht, so relevant sind.
      P.S. Zum Telegrammstil im vorherigen Kommentar: glücklicherweise begrenzte Zeichenzahl. ;-)

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    3. Ah, sehr gut :) ich hatte mich das nur gefragt.
      Tatsächlich wurde ich vor einiger Zeit darauf aufmerksam gemacht, dass als Betreiber eines Blogs ein "Impressum" rechtlich Vorschrift ist, auf dem ein Klarname und eine Möglichkeit der Kontaktaufnahme angegeben sind. Außerdem sollte man sich von den verlinkten Inhalten distanzieren, weil auch das sonst Schwierigkeiten geben könnte.

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  2. Wow, danke für den langen und spannenden Kommentar. Meine Gedanken dazu:
    Unklarheit A - Weder dein eines noch dein Anderes Beispiel scheinen mir auch nur nahe heranzukommen an das Konzept, das ich mit "Selbstvergessenheit" beschrieben habe - oder Entgrenzung des Ichs, oder Kenosis (dieses sogar ein Biblischer Begriff). In beiden findet man wohl Gehorsam, das ist wahr. Ich habe ja versucht, diese Idee mit nicht-spirituellen Ebenen zu füllen (Liebe/Partnerschaft oder auch Mutterschaft). Man müsste also mehr die Frage stellen: Ich Mutterschaft oder Partnerschaft eine Einschränkung der Freiheit? Wenn ja - ist sie schlecht? Wenn nein - müssen wir dann unsere Definition von Freiheit anpassen.
    Zu Unklarheit B - das ist keine negative Definition von Freiheit, weil du das passive Verb des Nomens benutzt. Das ist vergleichbar damit, zu sagen: Freiheit ist Freiheit, das Heil nicht erarbeiten zu müssen. Oder: Freiheit ist Freiheit. Was nichts präzisiert. Deine Definition würde wohl Rettung auf eine Weise beschreiben, denke ich. Und damit kommen war ja zu dem benannten Problem: Wenn wir Freiheit nur negativ entleeren (beschreiben, was sie "nicht" ist), dann haben wir noch lange nicht beschrieben, wieso Freiheit eigentlich etwas faszinierendes ist. Hier versuche ich anzusetzen mit diesen beiden Begriffen - Gehorsam und Selbstvergessenheit. Gehorsam in diesem Kontext ist ja nicht einfach nur die Entsagung der eigenen Bedürfnisse, sondern ein erkaufter Gehorsam, der aus Dankbarkeit geboren wird. Auch hier ein Unterschied zwischen dem Butler oder Soldatenbeispiel. Oder anders: Wäre es wirklich mehr Freiheit in den Gemeinden, wenn man ein Heiligungs-loses Evangelium predigte? Eines, in der nach der Bekehrung keine Veränderung im Verhalten spürbar oder erkennbar wäre? Oder müsste man dann nicht fragen, ob die Botschaft von der bezahlten Schuld (...das Heil nicht mehr zu erarbeiten...) wirklich gefruchtet hat? Ich maße mir nicht an, dass die beiden Begriffe die christliche Freiheit völlig beleuchten. Scheinen mir aber ein guter Anfangspunkt zu sein, Freiheit positiv zu füllen.
    Zur arrangierten Ehe: Du scheinst mir misszuverstehen, wofür ich das Beispiel eigentlich verwende. Es geht ja darum, dass es einfach bestimmte Bereiche gibt, die wir im Westen nicht von Tradition oder Regeln eingeschränkt sehen wollen - und Sexualität/Ehe scheint mir da ganz weit vorne zu sein. Die Beispiele die du verwendest gehen dabei an einer aktuellen Form von arrangierter Ehe so weit vorbei, dass ich gar nicht weiß, ob ich darauf eingehen sollte. Zumal das Beispiel auch nicht dann relevanter wird, wenn ich eine arrangierte Ehe eingehen würde. Das Beispiel bleibt ja: In der Freiheit zwischen westlicher Liebeshochzeit und einer von den Eltern in übereinstimmung mit den Heiratenden getroffene arrangierte Heirat würde sich ein unübersehbar großer Teil für eine arrangierte Ehe entscheiden, und das ist für unser westliches Bild von individueller Erfüllung nicht nachvollziehbar. Da führt der Ausweg - wohl nicht von gebildeten, reflektierten Kulturforscher, sehr gerne aber von normalen Stammtischkommentaren - wohl dahin, mangelnde Bildung/Entwicklung/Moderne als Grund anzugeben.
    Zum eigenen Füllen: Ich denke, ich verwahre mich vor eine so individualistischen Form der Frömmigkeit. Dabei geht es nicht um Konformität zu der Idee eines Leiters, aber darum, dass paulinische Ethik im NT zum Beispiel immer in den Kontext von Gemeinde gesprochen ist. Und wir, denke ich folgt daraus, nie alleine auf der Reise sein sollten, und es "für uns herausfinden", sondern gemeinsam sehen, welche Wege es zu füllen gangbar sind. Gehorsam und Selbstvergessenheit scheinen mir dabei historisch bewährte Konzepte zu sein.
    Zu Piper: Danke, für die Hinweise. Ich spiele gerne eine Runde Zitateroulette mit: Einstein hat einmal einen Brief an Marie Curie geschrieben, dass sie sich um die Trolle nicht kümmern soll, die sie öffentlich angreifen. Süß, irgendwie.).

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    1. "Mutterschaft ... Einschränkung der Freiheit? ... Wenn nein - müssen wir dann unsere Definition von Freiheit anpassen." Ist es unter Berücksichtigung deiner Fragen hilfreich, die Def. zu ändern? Sie wird evtl nicht meinem Erfahren v Freiheit gerecht. (Es könnte sich ändern, da sich unsere Wirklichkeit mit der Sprache ändert.) Dann habe ich mit der neuen Definition nichts gewonnen. Oder ich lasse sie dir, ändere aber nichts an meinem Verhalten, weil ich es anders verständlich mache.
      Ist es nicht eher so: Wie wichtig ist es für mich, meine Freiheit ausleben zu können? Bsp: Bei Sade&Blake geht die Selbstbehauptung v Individualität (mitunter) auf Kosten anderer, obwohl sie ihnen ebenso Individualität zusprechen. Was sie hindert: Sprache&Bedeutung hängen für sie an der Intention. Andere fassen beides weiter. So gelingt es, Individualität nicht auf Kosten anderer zu behaupten. Worin sie sich also unterscheiden: Wie sie Freiheit einordnen. Damit sind sie sogar "freier". Sade&Blake müssen sich ständig selbst behaupten. Sie sind gefangen v einem engen Bild v Sprache&Bedeutung. Das ist ein Verlust an Freiheit in vielerlei Hinsicht. (Experiment mit 2 Gegensätzen: Unsere Freiheit verwirklichen wir, indem wir immer neu einen Kompromiss zwischen Selbstbehauptung und Selbstvergessenheit aushandeln. Das ist intellektualistisch formuliert. Ich selbst empfinde es als Freiheit, von Gottes bedingungsloser Liebe zehren zu können: Zu versuchen, wie Gott bedingungslos zu lieben. Die Welt sollte von Gottes Liebe erfüllt sein und ist es. Dann wären wir alle frei. Wir verwirklichten bedingungslos das Beste für uns.) Wenn ich also meine, dass du bloß Selbstvergessenheit (zusammen mit Gehorsam) beschreibst, dann meinte ich also dies: Selbstvergessenheit kann mir u.U. Freiheit ermöglichen.
      @Gehorsam. Gegenüber anderen Imperative benutzen, verlangt von ihnen nicht notwendig Gehorsam. Der hat spezifische Kontexte. In keinem sehe ich, wo er Freiheit ist! Bsp: Jesus nennt seine Jünger im Joh. Freunde, nicht Sklaven. Und er redet zu ihnen imperativisch. Den Gehorsam, wie er von Sklaven verlangt ist, fordert er nicht. Ein Sklave handelt nämlich ohne innere Beteiligung&Einsicht (in Motive eines willkürlichen Herrn). Wir sollen aber aus unserer neuen Natur heraus handeln: lieben wie Jesus&Gott. Ich hoffe, auch hiermit verständlich gemacht zu haben, weshalb ich empfinde, du beschreibst Gehorsam statt Freiheit. Ich bin nicht vs Heiligung. Ich sehe sie (grob gesagt) als Verwirklichung unserer neuen Natur. (Ich hatte geschrieben, unsere Wirklichkeit hängt auch v Sprache ab. Meine Erfahrung ist, Evangelikalen gelingt es dann nicht, Imperative von Befehlen zu unterscheiden, wenn sie von Gehorsam als korrekte Antwort auf imperativische Aussagen Gottes sprechen. Dann stellen sie Gemeinschaft über das Individuum oder haben Schwierigkeiten, deren Verhältnis gewinnbringend zu beschreiben. Mir scheint der Umgang mit unvereinbaren Gegensätzen brauchbarer, bin damit aber nicht zufrieden.)
      @arr. Ehe. Deine Absicht ist klar. 1. Ich vermute es nur als Schwäche, dass die Gegenpos., die du zeichnest, schwach ist oder karikiert. Im ersten Fall ist es eine Charakterfrage. Im zweiten Fall stehst du in der Gefahr, dieses Argument Indern zu nehmen, die womöglich der Ansicht sind, dass eine empfehlenswerte Bildung zu einer berechtigten Kritik an der arrangierten Ehe führen kann. Nicht zwingend zu einer Ablehnung, wie ja auch unser säkulares, wenigstens bürgerliches, Eheverständnis einer bestimmten Form von Bildung entspringt, die sich kritisch mit der traditionellen Ehe auseinandersetzt. Das halte ich für eine spannendere Auseinandersetzung, weil sie für uns (vermutlich auch für dich) v Interesse ist. Mir persönlich sind Argumente suspekt, an denen jemand kein persönliches Interesse hat. 2. Kann man die arrangierte Ehe in Indien so abstrakt (ohne Kastensystem&Frauenfeindlichkeit) betrachten? - - - Meine 2 Bsp für arrangierte Ehen: Der Vergleichspunkt ist soziale Absicherung. „Freiwilligkeit“ fehlt auch nicht.

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