Mittwoch, 15. April 2015

Good Bye - RE!

Ich weiß nicht, ob sich noch jemand auf diese Seite verirrt.
Aber das mag durchaus sein.
Deswegen war es mich wichtig, hier einen kleinen Verweis zu machen,
dass ich meine Blogger-Tätigkeit auf meine eigene Homepage verlegt habe

www.marcusbhuebner.jimdo.de

Dort wird nicht nur mein Blog weitergeführt in einem ähnlichen Fahrplan wie hier, sondern auch hin und wieder literarische Fragmente von mir veröffentlicht.
Schaut mal dort vorbei.

Ich bin euch sehr dankbar für jahrlange treues Verfolgen meiner Gedanken hier,
und würde mich sehr freuen, wenn die Besucher auf meiner neuen Seite ebenso treu sind.

Seid herzlich gegrüßt,

Marcus (ehem. Restless Evangelical)

Donnerstag, 5. März 2015

gelesen & geschätzt (2/2015)


Sucht das Gute! Was ist gut?

Rezension zu: McCracken, Brett, Gray Matters. Navigating the Space Between Legalism and Liberty, Grand Rapids: Baker 2013

Wenn man als Christ in einer Kultur lebt, die nicht durch und durch christlich ist – wobei sich freilich nicht nur die Frage stellt, wie eine solche Kultur aussähe, sondern auch, ob in den letzten 2000 Jahren jemals eine solche Kultur existiert hat – dann stellt sich einem zwangsläufig die Frage, wie man sich ihr gegenüber verhält.

Da gibt es solche Menschen, die jede Form von Kultur ablehnen. Zumindest behaupten sie das. Alles, was dem gegenwärtigen Trend entspricht – und mit gegenwärtig meine ich die letzten 200 bis 500 Jahre – kann nicht besonders günstig sein, um das „Christenleben“ zu führen. Dabei müssen wir nicht einmal nach Lancaster County fahren, und die Amish betrachten, die dieses Verhalten in eine Perfektion geführt haben, die erstaunlich ist, bei allem Naserümpfen. Auch im hessischen Hinterland finden sich Christen, die Frauen das Tragen von Jeans nicht gestatten („Zu Körperbetont“), oder bei denen Spielkarten Heiligenbildern gleichkommen, denen man definitiv keine Ehrerbietung zollen will.

Und natürlich gibt es das andere Extrem: Solche Christen, die nichts in ihrer Kultur hinterfragen, die mit den Sozialen Medien schwimmen, weil es einfach ist und dem innewohnenden Hedonismus des Westens so sehr entspricht. „Ach, der ist auch Christ? Merkt man gar nicht.“, ist eine Frage, die in den ersten Jahrhunderten undenkbar war, heute aber immer wieder gehört wird.

Und in der Mitte davon steht der Christ,  der gerne eine gesellige Pokerrunde schmeißt, der Blaubeeren im Cabernet Sauvignon schmeckt, der in Brokeback Mountain mehr das universelle Ringen nach der eigenen Identität sieht als eine sog. moralische Verfehlung. Und der sich dann fragt: „Wie soll ich denn leben?“

Brett McCracken hat mit seinem Buch Gray Matters einen Versuch gemacht, diese Frage zu beantworten. Brett, der mit seinem ersten Buch Hipster Christianity endgültig auf dem Monitor der gerade aufwachsenden Generation von Evangelikalen in Amerika erschienen ist, ist für die Frage nach Kultur und dem Umgang mit ihr als Christ bestens gerüstet. Nicht nur ist er regelmäßiger Filmkritiker für das US-amerikanische Flagschiff der evangelikalen Publizistik – Christianity Today – sondern auch Wheaton College Absolvent in Theologie, neben seinem Abschluss in Film- und Theaterwissenschaften von der Biola University.

Also, Brett, wie sollen wir denn leben?

 

Wo Hipster und Denker sich vereinen

Weite Teile des Buches lesen sich wie ein „How To“ Manual für das hippe Leben, junger, selbsternannt-kulturrelevanter Christen in Amerika. Das Buch befasst sich neben einem allgemeinen Einleitungsteil und einem sehr lesenswerten Fazit mit vier Bereichen, in denen man als Christ keine einfache Antwort auf die Frage nach dem besten Umgang bekommen kann. Neben (a) Essen befasst sich Brett mit der Frage nach (b) Musik, (c) Film und Fernsehen und zu Schluss mit dem – in den USA äußerst umstrittenen – Thema (d) Alkohol.

Dabei ist Brett nicht scheu, sich selbst als Hipster zu outen. Neben der fast klischeehaften Liebe zu hochqualitativem Essen, seiner Wertschätzung für europäische Filme sowie seinen vielen Freunden, die in der Badewanne zuhause Bier brauen (was, neben Homer Simpson in einer der großartigsten Episode der Simpsons, wohl wirklich nur Hipster machen) ist es vor allem seine Sprache, die ihn verrät. Denn neben den dutzenden Aktivitäten, die zum Hipster-sein gehören wie der Sumatra-Kaffee aus der Cold-Drip Maschine, ist es vor allem die Darstellung des eigenen Lebensstil, die einen Hipster ausmachen.

Der ist kein Hipster, könnte man sagen, der nicht im eigenen Blog von seinen kulinarischen Streifzügen schreibt, und beim Abendessen mit oenologisch uninteressierten Freunden von dem Pfirsich-Bouquett des Château Lafite-Rothschild Merlot schwärmt, den man gerade – auch das wird erwähnt – eine Stunde hat atmen lassen.

Aber nicht, dass das alles ist, was Bretts Buch ausmacht. Brett ist neben seinem komplizierten Leben als „Foodie“ (S.33) vor allem ein Denker und Analyst der gegenwärtigen Kultur. Angetrieben wird er von dem erstzunehmenden Verlangen, mehr zu verstehen. Wenn ihn auch ein missionaler Eifer antreibt, wenn er die Kultur um sich herum zu verstehen sucht, ist es doch nicht in erster Linie ein missionarischer, oder evangelistischer Eifer (vgl. S. 244ff). Brett wird von der Frage umgetrieben, wie man die Schönheit Gottes findet, und wiederspiegelt, in einer Welt, die voll davon ist, aber immer dazu neigt, sie zu pervertieren und ins Gegenteil zu verkehren. Unser Auftrag als Christen bedeutet, auf die Herrlichkeit Gottes hinzuweisen, und nicht Menschen aus einer sozialen Gruppe in eine andere zu übertragen.

In diesem Sinne sagt Brett, sollte unser Umgang mit den kulturellen Angeboten unserer Umgebung von Liebe gekennzeichnet sein – zum Einen von Liebe für Andere, aber vor allem von Liebe für den Einen, von dem wir glauben, dass er sich selbst für uns gegeben hat. „How we consume, just like how we behave in other regard, should reflect a character transformation within us that anticipates the virtuous landscape of the coming kingdom of God.“ (Pos. 3298)

Damit ruft Brett in erster Linie dazu auf, im Anbetracht der allgemeinen Gnade Gottes nach Schönheit zu suchen. Unsere Aufgabe, sagt Brett, in nicht immer nach der christlichen Alternative zu suchen (zB das neue Album von Megalife zu kaufen, anstatt das von Megadeth), sondern nach dem Besten – Film, Essen, Lied, Bier. Gleichzeitig macht er sehr bewusst darauf aufmerksam, dass Schönheit immer eine Gefahr birgt. Fast alles, was wir genießen, kann uns abhängig machen. Und Abhängigkeit ist nie etwas, in der uns ein christlicher Lebensstil hineinführen sollte.

In diesem Sinne ist Bretts Buch neben sehr guten, herausfordernden Gedanken auf gefüllt mit vielen praktischen Anregungen, wie man den ungesunden Exzess im Konsum verschiedener kultureller Güter vermeiden kann, und wieso man es sollte.

 

Nicht immer hilfreich

Gleichzeitig hat mir in dem Buch manchmal gefehlt, was ich eine konkrete Anwendung des McCracken’schen Ansatzes nennen würde. Denn auf einen Satz zusammengefasst würde Brett sagen, dass alles das ein gutes Verhältnis zur Kultur ist, was nicht a) zu Götzendienst wird (meint: das Geschenk über den Schenkenden/Gott stellt), und b) die Schönheit feiert. Eine Definition, was Schönheit ist, was „das Beste“ in Bezug auf Musik, Essen, Film und Alkohol ist, fehlt dabei aber.

Sicher, Brett schreibt davon, dass mehr Wissen über eine Sache dabei hilft, die Sache selbst besser zu verstehen und mehr wertzuschätzen. Nicht, dass ich nicht davon überzeugt bin, dass Kunsthistoriker einem Werk von Picasso mehr abgewinnen können als ich. Aber einen Maßstab für das, was schön ist, gibt er dabei nicht; und lässt den Leser entsprechend in der Luft hängen.

Ist das kulturell hochwertige – zB eine Oper – dem kulturell-niederwertigen –zB einer Realityshow – überlegen? Und was ist, wenn ich, als Christ, so gar keine Aktien im Opernbusiness habe?

In diesem Sinne kratzt Brett mit seinem Buch an vielen Stellen immer an der Oberfläche, durchdringt sie manchmal, gibt dem Leser viel zu denken mit, und vergrößert definitv das Verlangen, mal wieder eine gute Flasche Rotwein zu öffnen, um sie mit der Frau die man liebt oder dem besten Freund zu leeren. Das große Feld der Frage, wie man als Christ die Kultur durchdringen und annehmen kann, grast er aber sicher nicht zu Ende ab.

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Gray Matters ist ein geradezu großartiges Buch, wenn man zum Einen der Hipsterkultur etwas abgewinnen kann (neben allem, worüber man sich in ihr lustig machen darf), und zum Anderen mit der Frage beschäftigt ist, was ein christlicher Lebensstil sein kann. Brett scheut sich dabei nicht, auch einmal scharfe Urteile zu fällen, ist aber an jeder Stelle von der Überzeugung geprägt, dass Jesus in allem zu finden ist, was schön, gut, und hilfreich ist. Man sollte es aber mehr als Anfangspunkt bei der Beantwortung dieser Frage betrachten, als ihre Ziellinie.

God Bless,

Restless Evangelical

Dienstag, 3. März 2015

Davon die Alten sungen... (03.03.2015)


Philipp Spitta – Ich und mein Haus, wir sind bereit #1

Reiche gleiche
Seelenspeise
auch zur Reise
durch dies Leben
uns, die wir uns dir ergeben.“

Das Leben als Reise zu verstehen ist ja nichts besonders Innovatives. Und weil meine Spiritualität zu meinem Leben gehört, damit untrennbar verbunden ist und an manchen Punkten mit ihm deckungsgleich, kann ich mir auch keine Schärpe umhängen dafür, dass ich diesen Attribut auf meine Geistlichkeit angewendet habe.
Ich reise. Selbst, obwohl ich zu Heimweh neige.
Auf eine romantisierende Art ist der Gedanke, auf Reisen zu sein, etwas wunderbares. Es ist der Reiz des Abenteuers, und des Neuen, das uns Lockende und Rufende, das uns auf die Reise gehen lässt; wenn nirgendwo zuhause ist, kann genauso gut überall zuhause sein. Alles eine Frage der Perspektive. Neue Menschen kennenzulernen, neue Klippen zu besteigen und neue Wege zu gehen, an deren Straßenrändern in neuen Sprachen und Währungen neue Speisen verkauft werden. Wir sind mitten drin, im Leben.
Und weil wir mitten drin sind, deswegen sind wir auch neu, nicht mehr das alte, langweilige Ich, das dem 8-17 Job nachgeht, und danach zuhause sitzt und sich fragt, was aus seinen Träumen geworden ist.
Es ist nur so, dass wir selbst zwar gerne neu sein wollen, immer auf der Suche nach uns selbst, aber es uns nicht genehm ist, wenn sich alles andere ändert. Wir gehen, aber alle anderen sollen auf uns warten und sollen da sein, wenn wir Zuflucht suchen.
Das Problem mit einer Reise ist nämlich, dass sie nicht Urlaub ist. Keine Reise, keine zeitlose Wanderung, ist immer Sonnenschein, und ist immer Abenteuer. Und nicht alle Momente lassen sich auf Instagram festhalten. Die meiste Zeit regnet es, oder ist man auf der Suche nach einem Schlafplatz, ist man vielleicht Einsam auf der Reise, sitzt in einem überfüllten Zug auf dem Weg zu einem Ort, der verspricht, Neues zu zeigen, aber vielleicht nur das Altbekannte wieder aufwärmt.
Eine geistliche Reise – von hier bis zu Herrlichkeit – ist nicht einfacher. Auch wenn sie nicht immer, meistens wohl nicht, mit körperlichen Anstrengungen zu tun hat. Sehr wohl aber damit, dass die eigene Seele sich manchmal wundreibt an den eigenen Erwartungen, an der Hoffnung, die wieder nicht erfüllt wurde, und die sich sicher doch noch Jahre, vielleicht Jahrzehnte hinzieht. Die geistliche Reise bedeutet, aus einer Wirklichkeit heraus zu leben, die man in den meisten Momenten nicht spürt, nicht erlebt, nicht sieht.
Aber es sind die besonderen Momente, in denen Schönheit und Wahrheit durchscheinen, und in denen man sich geistliche Fotos machen kann, die man in seiner Seele aufhängt, die uns weitermachen lassen. „Wenn es einen Ort gibt“, sagen wir uns gegenseitig, die wir auf der Reise sind, „an denen diese Momente Ewigkeit sind, dann wollen wir da hin.“
Herrlichkeit.
Und so lange wir noch unterwegs sind, so lange wird uns Jesus mit dieser Seelenspeise versorgen, die wir zum durchhalten brauchen. Es ist, wie das Manna aus 2Mo 16, nicht soviel, dass wir damit Reserven anlegen könnten: „Soviel für heute, aber es ist mehr als genug für den ganzen Weg.“ - Nein. „Soviel für heute, und morgen sehen wir weiter.“
Diese Seelenspeise kommt zur richtigen Zeit, aber sie kommt immer nur Einzeln, Sonnenstrahlen.
Als Peter Pan mit Wendy und ihren Brüdern zum ersten Mal nach Nimmerland fliegt, fragen sie ihn, wo die Insel ist. Und er sagt: „Dort, wo die ganzen Pfeile hinzeigen.“ Worauf uns der Erzähler erläutert, dass tatsächlich hunderte von Pfeilen auf die Insel zeigte, alle von der Sonne losgeschickt, um sicher zu gehen, dass die Kinder ihr Ziel erreichen.
Hunderte Pfeile. Seelenspeise.
Bis wir dort sind. Angekommen.

God Bless,

Restless Evangelical

Dienstag, 10. Februar 2015

Davon die Alten sungen... (10.02.2014)


Martin Luther – Aus tiefster Not schrei' ich zu dir #2

Darum auf Gott will hoffen ich, auf mein Verdienst nicht bauen.
Auf ihn mein Herz soll lassen sich und seiner Güte trauen,
die mir zusagt sein wertes Wort.
Das ist mein Trost und treuer Hort;
des will ich allzeit harren.‟

Irgendwie muss ich dazu durchdringen, Gnade zu verstehen.‟, hat mir vor einigen Wochen jemand gesagt, als wir über evangelikale Spiritualität geredet haben. Und ich habe mich über diese Erkenntnis gefreut, und mich gleichzeitig gezwungen gefühlt, dem Ganzen erstmal wieder einen Riegel vorzuschieben.
Steck dir dein Ziel nicht zu hoch. Ganz verstehen wirst du Gnade erst in der Ewigkeit.‟ Und wahrscheinlich werden wir die Ganze dafür brauchen, habe ich in Gedanken hinzugefügt.
Später habe dann gedacht, dass ich es doch lieber anders formulieren wollte.
Denn: Wie kann ich Gnade verstehen? Gnade ist das Unverstehbare, das Unerreichbare, das Unverdiente, und das immer gegen meinen Verstand gehende an Gottes Vergebung.
Ich habe sie nicht verdient, diese Gnade.
Und gerade deswegen gibt sie mir Wert, und Identität, und Herrlichkeit.
Eine Gnade, die ich verdienen würde, um die ich meinen Verstand wickeln könnte, schön verpackt und eingebunden in meine Tasche stecken, wäre keine Gnade mehr, die mich von innen heraus veränderte; einfach auf Grund ihrer Andersartigkeit und ihrer Unbegreifbarkeit.
Ich? Wirklich? Wieso?
Faszinierend finde ich deswegen, dass ich in diesem Monat nicht jeden Morgen singe, dass ich Gnade verstehen will. Aber ich will sie mir „zusagen‟ lassen. Manchmal ist es wichtig, dass eine Wahrheit laut ausgesprochen wird, dass sie nicht stecken bleibt im Kopf. Aber beim Zusprechen geht es dabei um mehr. Denn dabei geht es um eine Gegenseitigkeit.
Ich spreche jemand anderem etwas zu, oder jemand spricht mir etwas zu. Zusprechen kann man nicht alleine.
Und deswegen muss ich in Gemeinschaft mit dem Wort Gottes sein, um Gnade zugesprochen zu bekommen. Gnade kann ich nicht verstehen, nicht durchdringen, indem ich mehr und mehr in mir selbst versinke und versuche, mich zu verstehen.
Gnade bekomme ich zugesprochen an dem Ort, wo ich der Quelle der Gnade begegne, wo er sich zeigt. Was nicht zuletzt auch damit zusammen hängt, dass ich im Wort Gottes den Spiegel vorgehalten bekomme, wieso ich Gnade eigentlich so bitter nötig habe.
Denn die Tage spalten sich ja meistens auf, in solche Tage, in denen wir nicht wissen, woher wir die Gnade bekommen sollen, die wir so dringend brauchen. Darin gibt uns das Wort Gottes Zuflucht, dass es uns die Gnade vor Augen malt. „This is amazing grace, this is unfailing love, that you would take my place, that you would bear my cross.‟, sing Jeremy Riddle. Das ist sie, dort am Kreuz hängend, das ist die erstaunliche Gnade.
Die anderen Tage scheinen normal zu sein: Wieso sollte ich Gnade brauchen, es ist doch nur der Alltag.
Aber in der Begegnung mit diesem Jesus, der so gerecht ist, so viel mehr als ich es jemals sein könnte, erkenne ich, wieso ich Gnade brauche. Begnadigt sehne ich mich danach, durch seine Gnade mehr dahin zu wachsen, wie er ist. Ihn widerzuspiegeln.
Vor einigen Monaten habe ich einen Pastor sagen hören, dass er sich wünscht, dass die Leute in seine Gemeinde sehen, und nicht viele verschiedene, eigenwillige Menschen, sondern viele Menschen auf dem Weg, wie Jesus zu werden.
Aber wenn ich die Perfektion in Jesus erkenne, erkenne ich auch, dass ich dafür Gnade brauche.
Und die finde ich nicht, dessen werde ich mir nicht sicher, wenn ich sie mir nicht zusprechen lasse. Jeden Tag.
Darum will ich zum Herrn rufen.

God Bless,

Restless Evangelical

Freitag, 6. Februar 2015

Darf ich das sagen?


Unfertige Gedanken über die Freude, Wahrheit auszusprechen

Vor einigen Tagen habe ich eine interessante Beobachtung gemacht. Ich war mit einem lieben Freund im Kino, und danach noch in einer Bar. Unser Gespräch drehte sich um den Film, den wir gerade gesehen haben (The Imitation Game – große Empfehlung!) und von da aus haben wir über Gesellschaft und Philosophie schwadroniert, und worüber idealistische Studenten eben so reden.
Ich kann gar nicht mehr genau rekapitulieren, worüber wir genau geredet haben, als ich einen Gesprächsfaden aufnahm, den mein Freund gerade fallen gelassen hatte, und noch bevor ich meinen Gedanken aussprechen konnte sagte er: „Warte, warte, warte. Genau das denke ich auch. Darf ich es sagen, bevor du es aussprichst?‟
Wir haben herzlich darüber gelacht, weil wir Freunde sind, und weil die Situation so skurril war. Aber es hat mich zum Nachdenken gebracht. Was ist es, dass es uns solche Freude macht, Wahrheit auszusprechen, oder zumindest das, was wir als Wahrheit erkannt haben?
Mittlerweile bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass es zwei Dinge gibt, die uns dazu bringen, Wahrheit aussprechen zu wollen. Zum Einen sind wir als Menschen auf Wahrheit hin angelegt. Wir suchen nach Wahrheit, und können ohne auch nicht leben. Zum Anderen ist Wahrheit auszusprechen eine Form von Anbetung, und wenn es richtig gemacht wird, auch voller Liebe und Gnade. Wir lieben es, Wahrheit auszusprechen, weil sie uns an Gott erinnert. Und das ist etwas Gutes.

Der Mensch – auf der Suche nach Wahrheit
Meine konservativeren Freunde sind selten müde mich zu erinnern, dass wir in der westlichen Welt ein riesiges Problem mit Relativismus haben. In merkwürdiger Weise haben wir eine Antipathie gegen absolute Wahrheit entwickelt, die nicht mehr ganz rational nachzuvollziehen ist.
Und auf der einen Seite würde ich dem zustimmen. Nominell begegne ich erstaunlich vielen Relativisten. Wenn ich davon rede, etwas als Wahrheit erkannt zu haben – schlimmer noch, wenn es sich dabei um Gott handelt – dann höre ich meist erschrecktes Luftholen, zischendes Ausatmen, und empörtes „Hände vor dem Mund zusammenschlagen‟.
Aber ich glaube, dass es sich dabei vor allem um eine antrainierte Reaktion handelt, die wir schon mit der Muttermilch von der Gesellschaft aufnehmen, aber tatsächlich eigentlich den Drang des Menschen nach Wahrheit und der Erkenntnis untergräbt.
Wir erkennen das nicht zuletzt an der kulturellen Mode zum veganen oder vegetarischen Lebensstil (womit ich in keiner Weise bezweifeln will, dass es wirkliche, überzeugte Veganer und Vegetarier gibt; gleichzeitig aber auch nicht leugnen kann, dass es durchaus eine kulturelle Bewegung dahin gibt). Es ist oftmals interessanter Weise vergleichbar mit einem pietistischen Bekehrungserlebnis, wenn Neu-Vegetarier beginnen, von den Gründen zu erzählen, aus denen sie auf Fleisch verzichten wollen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Wahrheit immer auch identitätsstiftend ist. Eine Wahrheit erkannt zu haben, ist dabei gleichbedeutend damit, einen Sinn zu bekommen – und sei es nur kurzzeitig. Durch das Erkennen von Wahrheit heben wir die Verlorenheit des Paradieses, die Milton in seinem bekannten Gedicht so stark beschreibt, auf, weil sie uns einen Sinn dafür gibt, warum wir eigentlich sind.
C.S. Lewis hat dieses Charakteristikum auf den Punkt gebracht, wenn er in seinem Essay „Menschen und Kaninchen‟ vom Unterschied zwischen Menschen und Tieren spricht:

„One of the things that distinguishes man from the other animals is that he wants to know things, wants to find out what reality is like, simply for the sake of knowing. When that desire is completely quenched in anyone, I think he has become something less than human.‟ (Quelle)

Das mag auch der Grund dafür sein, dass die meisten von uns sich nicht damit zufrieden geben wollen, ein allumfassendes Gefühl von Geliebtsein zu haben, sondern einen Menschen finden müssen, von dem wir genau das wissen. Es liegt keine Befriedigung darin, anzunehmen oder zu ahnen, dass wir angenommen oder geliebt sind.
Wenn wir keinen Menschen finden, von dem wir dieses Wissen besitzen – durch seine oder ihre Worte, durch seine oder ihre Handlungen und durch die gemeinsamen Erinnerungen und Zeiten – dann versuchen wir uns, die Sicherheit über dieses Gefühl anderweitig zu erarbeiten; indem wir uns der Bedeutung unseres Lebens sicher werden, weil wir unabdingbar bei der Arbeit sind, oder weil wir genug Macht auf uns vereinen, dass andere Menschen sich mit uns abgeben müssen, oder weil wir uns Wochenende für Wochenende dessen versichern, dass unsere sexuelle Energie für andere Menschen unwiderstehlich ist.
Damit kommen wir an den Punkt, wo Wahrheit weitaus mehr ist, als ein philosophischer Gedanke, sondern etwas, das an unsere Menschlichkeit heranreicht. Wahrheit zu erkennen und zu finden ist etwas, das uns als Mensch ausmacht, und nicht nur in abstrakten oder politischen Dimensionen über uns schwebt, sondern in die intimsten Bereiche unseres Lebens eindringt.

Der Mensch – auf der Suche nach Gott
Aber am Ende war die Situation nicht nur von dem Durst danach geprägt, Wahrheit zu erkennen, oder zu wissen, sondern von einer diebischen Freude daran, genau diese auszusprechen. Aus einem bestimmten Grund scheint es etwas mystisches zu haben, Wahrheit nicht nur zu wissen, sondern sie auch auszusprechen. Das wird deutlich, wenn wir versuchen, uns eine Hochzeitszeremonie vorzustellen, in der die Heiratenden, anstatt laut und deutlich „Ja!‟ zu sagen, nur nickten. Oder eine Taufe, in der die Täuflinge nicht „vor der sichtbaren und unsichtbaren Welt bekennen‟ würden, dass sie von diesem Tag an zum Nazarener gehören wollen, sondern sich in den Gedanken klar machten, dass sie folgen wollen.
Nichts davon hätte die Kraft, die Symbolik, die ausgesprochene Wahrheit hat.
Als ich mir über diese Kuriosität Gedanken gemacht habe, fiel mir ein Vers aus Ps 119 ein: Wie köstlich sind deine Worte im Mund, / wie Honig bekommen sie mir. (V103). Was der Psalmist an dieser Stelle zu sagen scheint, ist, dass die Worte – zumindest aus seiner Perspektive Wahrheit – eine positive Wirkung auf ihn haben. Ich denke, dass es dabei um eine Dimension von Lobpreis geht.
Das Problem, das ich bei mir und Freunden oft gesehen habe, wenn Glaubenskrisen sich nähern, ist die typische Antwort, wenn man mit Glaubenswahrheiten konfrontiert wird. „Das weiß ich ja alles schon.‟
Als ob nur etwas helfen kann, was neu ist, etwas, das man bis dato noch nicht wusste. Aber ich denke, dass das Aussprechen von Wahrheiten, einst bekannt, einst geliebt, einst gehortet wie einen Schatz in der Seele, eine Kraft für die eigene Spiritualität haben kann.
Das ist auch der Grund, wieso ich in Zeiten, in denen ich morgens nicht aufstehen will, weil mir alles zu finster erscheint, mir einige Minuten nehme, in denen ich mir selbst das Evangelium sage. Ausspreche.
In mir selbst bin ich sündiger, als ich jemals gedacht hätte,
aber in Christus geliebter, als ich auch nur zu hoffen gewagt hätte.
Glaubst du das, Marcus?
Und noch einmal.
Es liegt eine Kraft darin, sich selbst die Wahrheit zu sagen. Nicht, weil es eine Art Zauberspruch wäre, ex opere operato, sondern weil alle Wahrheit Gottes Wahrheit ist. Und Wahrheit auszusprechen erinnert uns daran, dass es einen absoluten Maßstab gibt, dass es überhaupt ein Absolut gibt, das standhaft ist im Schweben der Gesellschaft und Zeit um uns herum.
Darin liegt auch ein seelsorgerlicher Aspekt von Wahrheit. Wir sprechen sie aus, lassen sie uns gegenüber aussprechen, weil sie gut ist. Weil sie von Gott kommt. Und wo Gott ist, da ist eben Gott.
Nicht, weil wir Besserwisser sein wollen (zumindest hoffentlich nicht deswegen).
Sondern, weil Wahrheit heilsam ist.
Nicht, weil uns die Korrektur des Anderen so gut schmeckt.
Sondern, weil Wahrheit süß ist, wie Honig, für den Sprechenden, und für den Hörenden.

God Bless,

Restless Evangelical

Donnerstag, 5. Februar 2015

gelesen & geschätzt #23

Ein gefährlicher Ruf und seine Folger

Rezension zu: Labberton, Mark, Called. The Crisis and Promise of Following Jesus Today, Downers Grove: IVP 2014

Mark Labberton hat einen neuen Job. Seit einigen Monaten ist er der neue Präsident des traditionsreichen Fuller Theological Seminary in Pasadena/Californien, das mit 4800 Studenten des größte evangelikale Seminar der Welt ist. In seiner Karriere als Assistent von John Stott und Pastor verschiedener Gemeinden hat er nicht mehr als zwei Bücher geschrieben, die ihn nicht auf die große Bühne der theologischen Schriftsteller gespült haben. Keines davon habe ich gelesen.
Als Ende 2014 sein Buch Called erschien, haben trotzdem viele Leute näher hingesehen. Als erstes Buch dieses Mannes, seitdem er eine durchaus ansehnliche Position bezogen hat, wollte man wissen, welchem Thema er sich widmet. Es könnte so etwas wie eine Straßenkarte sein, in welche Richtung er dieses Seminar in den nächsten Jahres leiten will.
Called ist ein Buch über Nachfolge geworden. Es reiht sich ein in diese Sparte von Bücher wie Folge. Mir. Nach und Radical von David Platt und Mein Leben als Volltreffer von Francis Chan, sowie anderen Büchern, die sich von einer kompromisslosen Perspektive dem Thema widmen, was es bedeutet, Jesus nachzufolgen.
Und gleichzeitig ist Labbertons Buch anders. Erfrischend anders, würde ich sagen.

Der große Unterschied
Die meisten Nachfolgebücher der letzten Jahre haben vor allem zwei Betonungen. Vor allem wir die eigene Verantwortung betont, in der Nachfolge zu wachsen. Francis Chans Betonung ist dabei bekannt, dass eine wirkliche, tiefgreifende Liebe zu Gott auch dazu führt, dass wir Sicherheiten aufgeben und zu einem (fast) verrückten Lebensstil aufbrechen, in den uns nur eine tiefe Spiritualität führen kann, bei der Gott und unsere Beziehung zu ihm der zentralste Wert ist.
Es ist nicht wirklich etwas Schlechtes. Aber die starke Betonung auf die zeitweilige Gegenrationalität der Nachfolge kann zu einer erdrückenden Atmosphäre führen. Dabei ist es nicht die Frage, ob Chan und seine Kollegen Platt und andere das Evangelium kennen und als Ausgangspunkt nennen. Die Frage ist, ob es als Treibmittel einer lebendigen Nachfolge wirklich die Betonung bekommt, die es verdient.
In diesem Sinne empfand ich Labbertons Buch als herausragend. Während er an keiner Stelle einen Hehl darum macht, dass Nachfolge durchaus kostspielig ist, und auf keine Weise einfach, macht er trotzdem mehr als deutlich, wo der eigentliche Ruf des Christen liegt. Nicht die Frucht ist das eigentlich, so Labberton, zu dem der Christ berufen ist.

„Our first vocation is to be the beloved. The primacy of God's unearned love alone makes this possible. We live as the beloved, the treasured. This vocation is pure gift.‟ (S.100)

Dabei kommt es für Labberton auch darauf an, immer mehr herauszufinden, was genau diese Berufung bedeutet. Nicht das „Ob‟ ist die Frage – ob man als Christ als Geliebter leben kann – sondern die Nachfolge erfüllt sich in der Frage des „Wie‟ oder besser des „Wie konkret‟. Aber ohne das „Ob‟ wird die Nachfolge sehr bald zu einer einfachen Perfomance, die man sich bei anderen abschaut. „Er macht das so, dann muss ich das wohl auch so machen.‟
Für Labberton ist es aber ebenso wichtig, dass Nachfolge erst in zweiter Linie etwas ist, das man mit sich alleine ausmacht. Wir waren niemals dafür gemacht, alleine als Nachfolger loszuziehen und zu sehen, ob wir den Weg schaffen. Die Berufung zur Nachfolge geschieht immer in eine Gemeinschaft hinein. Wir geben unsere Individualität nicht auf. Aber sie soll sich verändern, zugunsten der Beziehungen, in denen wir das „Geliebt sein‟ leben können, und gleichzeitig dafür eine sichere Atmosphäre bekommen, in denen Fehler möglich sind.
„Community should be a natural cornerstone of life as a Christian disciple; we're meant to be part of the community of God's people. After all, Christian disciples can't live faithfully by themselves, and we seldom hear the call of God alone.‟ (S.80)

In diesem Sinne ist für Labberton die Betonung klar, dass wir gleichzeitig eine tiefe Verbindung mit dem Evangelium haben müssen, dem Bewusstsein, dass wir in dem, was Jesus für uns getan hat, leben und uns bewegen und darin Wert und Anerkennung finden, und ebenso dass wir die Berufung in einer Gemeinschaft leben müssen. Berufung zu finden ist auf sich alleine gestellt un-menschlich.

Die Frage nach der Konkretisierung
Was zu der Frage führt, wie man konkret seine Berufung zur Nachfolge findet. Wie kann ich speziell in meiner Umgebung, ein treuer Nachfolger werden?
Hier für macht Labberton die faszinierende Unterscheidung zwischen einer „Promised Land‟ und einer „Exile‟ Mentalität. Für Labberton ist es offensichtlich, dass viele Christen in den USA (und ich denke, dass man das durchaus auf den ganzen Westen beziehen kann) in einer Promised Land Mentalität leben. Es ist die Vorstellung, dass wir im Land leben, das uns gegeben wurde, und unsere Aufgabe darin besteht, es zu schützen, und gleichzeitig die unendlichen Segnungen Gottes zu empfangen. Das äußert sich in der merkwürdigen Faszination der Christenheit mit dem Status Quo und der Frage, wie man das „christliche Abendland‟ schützen kann vor Einflüssen, die uns nicht gefallen.
Für Labberton sind diese Zeiten aber vorbei. Er sagt, dass wir mehr wie das Volk Israel im Exil leben, als marginalisierte Gruppe, außerhalb des Mainstreams, leben wir inmitten Anders-denkender Menschen. Und das wichtigste dabei ist, dass das nicht ein Problem ist, sondern Labberton darin einen Segen sieht.

„Living our call in exile involves adjusting to very different circumstances and reading the signals of our environment and culture very differently. It means choosing to give ourselves to those around us with fewer and different axpectations, not as settlers but as guests or visitors.‟ (S.55)

In dieser Unterscheidung findet sich der Beginn, seinen individuellen Ruf von Gott zu finden. Nachfolge bedeutet, in diesem Exil als Gemeinschaft zu leben, die das Beste der Stadt sucht, und damit das Wesen Jesu in einer Anders-denkenden Welt repräsentiert. Mit seinen 179 Seiten kann Labberton dabei nur Geschichten anreißen, wie Menschen genau diesen Ruf gefunden haben. Dieses Feature im Buch ist äußerst erfrischend, denn es macht die tiefen Gedanken des Autors greifbar und lebensecht, und lässt einen noch konkreter über die Auswirkungen der Ideen nachdenken.
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Für mich war die Lektüre von Labberton unheimlich hilfreich. Und in habe jetzt schon das Gefühl, dass es ein Buch seid wird, zu dem ich immer wieder zurückkehren werde. Vor allem, weil er deutlich macht, dass Nachfolge nichts ist, was man eigentlich abschließt.

„The very process of spiritual formation is itself God's call on us. Seeking God's transformation in our lives is both the process and the end. Following Jesus is not a destination; we do not arrive. We wake and live and sleep and wake again to follow another day. This is the extraordinary spiritual road trip the disciples have always known and that all disciples must discover anew.‟ (S.158)

Oder, wenn ihr so wollt, die Reise Richtung Herrlichkeit gemeinsam begehen.
Als Exilanten zu leben, bedeutet, jeden Tag der Möglichkeit zu begegnen, in der Erkenntnis zu wachsen, dass wir geliebt sind, und aus dieser Erkenntnis heraus anders zu sein als die Kultur um uns herum. Liebevoller, weil wir aus Liebe leben. Gnädiger, weil Gnade das einzige ist, was uns hält. Stärker, weil in uns die Kraft der Auferstehung wirkt. Wahrhaftiger, weil wir nichts zu verbergen haben als die, die erkannt wurden. Mutiger, weil wir nichts zu verlieren haben, das uns nicht in Ewigkeit versprochen wurden.
Salz sein.
Licht sein.
Jesus zeigen.
Evangelium predigen.

God Bless,

Restless Evangelical

Dienstag, 3. Februar 2015

Davon die Alten sungen... (03.02.2014)


Martin Luther – Aus tiefster Not schrei' ich zu dir #1

Aus tiefster Not schrei ich zu dir,
Herr Gott, erhör mein Rufen.
Dein gnädig Ohr neig her zu mir
und meiner Bitt es öffne.‟

Vor einiger Zeit hat mich ein junger Mann mit dem Gedanken konfrontiert, dass er Jesus eigentlich ganz gut leiden kann. „Spannend.‟, habe ich ihm geantwortet. „Kannst du mir auch sagen, warum?‟
Wegen der Gnade.‟, kam seine überraschende Antwort, weil ich im vorherigen Gespräch nicht den Eindruck gewonnen hatte, er sei ein Jesus-Nachfolger. „Was meinst du damit?‟, fragte ich deswegen.
Und dann erzählte er mir, dass er seit seiner Kindheit versucht, anderen Leuten zu gefallen. Zuerst habe er mit seinen Schulnoten angegeben, und als die nicht mehr gut genug waren, eben als Klassenclown, oder mit den Mädchen, die sich bei ihm einharkten. „Jesus sagt mir, dass ich gut bin, wie ich bin. Und deswegen mag ich Jesus.‟ Kein schlechter Gedanke, dachte ich, auch wenn die Begegnung nur sehr kurz war, und ich keine Ahnung habe, welchen Unterschied dieser Glaube in seinem Leben macht.
Aber da gab es dennoch etwas, was mich nachdenklich gestimmt hat. Bei allem Gerede über diesen Jesus, der bedingungslos liebt, habe ich kein Wort von ihm über Sünde gehört, darüber, dass Jesus sterben musste, damit wir in der Auferstehung stehen dürfen, siegreich über Tod und Teufel durch den, der alles besiegt hat. Wir. In Christus (2Kor 5,17). Mehr noch habe ich nachgefragt, und er erzählte mir, dass ihn viele der Lieder in der Kirche nerven, weil davon die Rede sei, wie schlecht wir sind, und wir nur Gott wirklich gut ist. „Aber Jesus sagt nicht, dass ich schlecht bin. Jesus sagt, er liebt mich. Punkt.‟
Es war deswegen zum Einen ein spannendes Gespräch, weil es so wenig stereotyp war. Die gängige gesellschaftliche Meinung ist ja, dass Frauen nach Liebe suchen, während Männer mehr nach Action dürstet (in Filme, im Leben, in der Beziehung). Aber dieser junge Mann hatte kein Problem damit, mir zu sagen, dass er sich immer nach Liebe gesehnt hat. Und dass er genau diese in diesem Jesus gefunden hat, der in der Mitte der Geschichte steht; das hat mich fröhlich gemacht, weil ich dadurch einen kurzen Blick in die Seele dieses jungen Mannes werfen durfte.
Und dennoch scheint mir etwas von der reichen, evangelikalen Spiritualität verloren zu gehen, wenn wir einen Christus ohne Sündopfer haben. Nicht, dass ich sagen will, wer das noch nicht in seiner Tiefe verstanden habe, sei ein schlechterer Christ. Es ist mehr eine tiefe in der Gottesbeziehung, die nur darin gefunden werden kann, wenn man an dem Punkt anlagt, wo man sagen kann: „Aus tiefster Not schrei' ich zu dir.‟
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Es ist wohl wie mit diesem Satz: „Jesus liebt mich genau so wie ich bin.‟
Das ist ja nicht an und für sich falsch. Aber er gibt nur so lange Trost, wie man selbst einigermaßen zufrieden ist mit dem, was man so den ganzen Tag tut. Solange man sich einreden kann, dass es schon alles nicht so schlimm ist. „At least there are no children involved.‟, rechtfertigt sich Emmy Morley in dem großartigen Roman „One Day‟ immer, wenn die Schuldgefühle hochkochen, weil sie mit einem verheirateten, aber kinderlosen Mann eine Affäre begonnen hat. Nicht, dass es gut ist. Aber immerhin schade ich damit keinen Kindern.
Der Kraft, die man aus dem Satz „Jesus liebt mich so, wie ich bin.‟ zieht, schwindet sofort, wenn man sich selbst nicht mehr verzeihen kann.
Als ich vor einiger Zeit einen Autounfall gebaut habe, und dabei drei junge Menschen, die mit mir im Auto saßen, verletzt worden sind, hat mir eigentlich niemand Vorwürfe gemacht. Selbst die Drei nicht. „Wir lieben dich immer noch.‟, hat man mir gesagt. Und: „Dein Wert durch Jesus ist dadurch nicht kleiner.‟ Aber ich habe mir selbst Vorwürfe gemacht.
In diesen Tagen, schwarze und düstere Tage voller selbstanklägerischer Gedanken, drang irgendwann ein Satz durch das Labyrinth von Finsternis: „Jesus liebt mich, obwohl ich so bin, wie ich bin.‟
Das war zwar nichts neues für mich, aber es war der erste Gedanke für mich, auf den ich mich ausruhen konnte, der mich getragen hat in dem Moment. Und es ist wohl auch, was Luther am Anfang seines Liedes meinte, was ich dem jungen Mann heute gerne sagen würde. Das eigentliche wunderbare an der Gnade ist nicht, dass sie mir immer zustimmend auf die Schulter schlägt: „Gut gemacht!‟, selbst wenn ich den Karren in den Sand gesetzt habe.
Es ist, gerade in der Situation, dass ich vom Kreuz und vom Thron der Gnade hören darf: „Trotzdem.‟
Das ist dann der Punkt, an dem ich nicht mehr auf meinen eigenen Wert vertraue, sondern mein Wert von dem kommt, der mehr Wert gibt, als ich mir vorstellen kann.
Zu diesem Herrn will ich rufen.

God Bless,

Restless Evangelical

Dienstag, 27. Januar 2015

Davon die Alten sungen... (27.01.2015)


Paul Gerhardt – Lobet den Herren #4

Treib unsern Willen,
dein Wort zu erfüllen;
hilf uns gehorsam
wirken deine Werke;
und wo wir schwach sind,
da gib du uns Stärke.
Lobet den Herren.‟

Jesus nachzufolgen wird erst dann zu einem Problem, wenn es schwer fällt. Solange man sich auf christlichen Freizeiten bewegt, oder im Gottesdienst, auf Konferenzen, da fällt es einfach, Bibel zu lesen und zu beten.
Aber es wird dann schwierig, wenn die Aufgaben, die vor uns liegen, uns zu groß erscheinen, als dass wir sie Schultern könnten. Und wir brauchen hier kein Duckmäusertum zu etablieren: Jesus nachzufolgen ist nicht einfach. Und das hat uns auch nie jemand versprochen. Niemand jedenfalls, der im langen Strom christlicher Orthodoxie schwimmt.
Das liegt vor allem daran, dass die Werke, die Jesus uns als Vorbild vorlebt, so wenig zu bringen scheinen. Vor einigen Tagen habe ich einen Freund darauf hingewiesen, dass die Goldene Regel (andere Menschen so zu behandeln, wie wir behandelt werden wollen) bedeuten würde, dass wir Muslimen in Deutschland nicht das Recht absprechen sollten, Moscheen zu bauen.
Die Antwort war die Frage, ob es mir egal sei, wohin unsere Gesellschaft sich bewegt.
Was eine interessante Frage ist, weil in erster Linie mir doch nicht wichtig sein sollte, was die klügste Weise wäre, eine Gesellschaft zu organisieren, sondern, diesem Jesus nachzufolgen, der sich für mich gegeben hat. Macht mir das manchmal Angst? Natürlich.
Es bedeutet, darin zu wachsen, radikal gnädig zu sein, zu Lieben, wo Liebe nicht von selbst kommt, und zu verstehen, wenn Verständnis zu unnatürlich erscheint. Es bedeutet, einen Unterschied zu machen, und dafür nicht nur merkwürdig betrachtet zu werden. Es bedeutet vor allem, seinen eigenen Komfort zurückzustellen, wenn es Anderen dienen würde.
Vor allem bedeutet es, Schritt für Schritt da hineinzuwachsen, manchmal nicht zu wissen, wie einem geschieht, und es dennoch irgendwie zu lieben. Es bedeutet manchmal, mit sich selbst zu ringen, abzuwägen, was man will und wollen sollte, und einen Prozess zu vollziehen, den man selbst nicht bewältigen würde, geschweige denn, ihn überhaupt zu starten.
Auf der Freizeit, auf der ich über Silvester mitgearbeitet habe, hat mich eine junge Frau gefragt, wie sie das schaffen soll. „Ich will nachfolgen.‟, hat sie gesagt. „Aber ich weiß nicht wie.‟
An sie muss ich häufig denken in den letzten Wochen, wenn ich dieses Lied von Paul Gerhardt singe. Ich denke an meine eigenen Schwächen in der Nachfolge, und die Frage, in wie weit ich jemals ankommen werde. Und ich denke an die ganzen Jugendlichen, denen ich begegnet bin, die nachfolgen wollen, und schneller als es ihnen lieb ist an ihre Grenzen kommen.
Wenn meine Grenzen nur einen Katzensprung entfernt ist, wie kann ich in die Ewigkeit rennen?
Paul Gerhardt spricht uns zu, dass es in diesen Situationen das Versprechen gibt, dass nicht unsere Kraft die Eigentliche ist, die auf die es ankommt; es ist Gottes Kraft, die Jesus von den Toten auferweckt hat, die in uns wirkt.
Am Mittwoch haben wir im Hauskreis über den Apg 2,24 geredet, wo Petrus davon spricht, dass Jesus „aus den Wehen des Todes befreit [wurde], denn dass er in dessen Gewalt bleiben könnte, war ja unmöglich.‟ (Zürcher Bibel)
Wenn das die Kraft ist, die in uns wirkt (Eph 1,19f), dann habe ich allen Grund, mit Frohmut darauf zu sehen, was vor mir liegt. Nicht, weil ich so ein großes Vertrauen darin habe, dass ich alle Schwierigkeiten meiner Nachfolge bewältigen werde. Wenn das alles wäre, dann müsste ich verzweifeln, oder aufgeben, oder beides.
Ich habe frohen Mut, weil ich weiß, dass in den Schwächen die Kraft Gottes umso stärker in mir wirkt, mich trägt und mich hindurch bringt. Und wenn ich fallen sollte, dann hebt sie mich wieder auf.
Wenn ich mir das kommende Jahr ansehe, dann sehe ich viele Unwegbarkeiten, viele schwierige Entscheidungen, die ich zu treffen habe, und ich bin sicher, dass ich viele Male in der Nachfolge fallen werde.
Aber ich weiß auch, dass das nichts daran ändert, dass in mir eine Kraft wirkt, die die ganze Welt ins Dasein gerufen hat.
Mehr Kraft kann ich mir nicht wünschen.
Und darum lobe ich den Herren.

God Bless,

Restless Evangelical

Sonntag, 25. Januar 2015

Vier Plus 1 am Sonntag – 25.01.2015


A. In wie fern können wir als Christen „säkulare Kunst‟ genießen, oder sogar produzieren? Das ist nicht einfach eine Frage, die man sich aus theologischem Interesse stellen kann, sondern für jeden Hobbyautor durchaus relevant. Was ist „christliche Kunst‟ überhaupt, wenn man es genau betrachtet? Drüben bei Relevant hat sich eine junge Mutter ein paar großartige Gedanken darum gemacht, die mir viel Mut geben. Unbedingte Leseempfehlung.

B. Der Chefredakteur des Schweizer Satire-Magazins „Nebelspalter‟ hat schon vor einiger Zeit eine sehr lesenswerte Stellungsnahme dazu geschrieben, warum sie keine Muhammad-Karikaturen veröffentlichen, und auch, wieso sie die Haltung von Charlie Hebdo für falsch halten. In dieser diskussionsfreudigen Stimmung, in der wir seit den Pariser Anschlägen stehen, eine wichtige Stimme, wenn auch nicht mehr super-aktuell.

C. Russische Evangelikale sind so gut wie einstimmig pro-Putin. Auch wenn der Ukraine-Konflikt durch die Pariser Ereignisse nicht mehr sehr prominent ist in den Medien, ändert es nichts daran, dass er akut ist. Drüben bei CT hat sich ein Journalist daran gemacht, Stimmen von russischen Evangelikalen zu bündeln und der Frage nachzugehen, woher die weitverbreitete Putin-Unterstützung kommt, und setzt gleich Stimmen aus der Ukraine daneben. Lesenswert vor allem dann, wenn man am aktuellen Zeitgeschehen interessiert ist.

D. Drüben bei CT reflektiert Greg Thornbury darüber, wie die Gedanken von Carl Henry ihm geholfen hat, sein Vertrauen in die Bibel als Offenbarung Gottes zu behalten. Was er dabei beschriebt ist ein grundsätzlich faszinierender Weg, der viele junge Christen unserer Zeit mit einer Liebe zu „höherer Bildung‟ bevorsteht oder schon jetzt begegnet. Carl Henry ist dabei sicher auch noch Jahrzehnte später eine wichtige und spannende Adresse, was evangelikal-orthodoxes Denken angeht.


Und einen zum Schluss: John Piper Sermon Jam – Running. In diesem kurzweiligen Video hat mich der Gedanke sehr bewegt, nicht nur zu fragen „Geht das?‟ sondern vor allem zu fragen „Bringt es mich weiter?‟. Gönnt euch.

Dienstag, 20. Januar 2015

Davon die Alten sungen... (20.01.2015)


Paul Gerhardt – Lobet den Herren #3

Richt uns're Herzen,
dass wir ja nicht scherzen,
mit deinen Strafen,
sondern fromm zu werden,
vor deiner Zukunft
uns bemühn auf Erden.
Lobet den Herren.‟

Ich erinnere mich noch daran, wie ich vor ein paar Jahren das Flugzeug bestiegen habe, das mich in die Vereinigten Staaten fliegen sollte. Passion Conference. Ein Wunsch, seit Jahres gehegt und gepflegt, sollte endlich Wirklichkeit werden. Und ich war sicher, habe erwartet, habe genau gewusst, dass mir diese Konferenz einen unerreichten Boost in meiner Nachfolge geben würde.
In den Wochen vorher habe ich in der Zukunft gelebt, genau in dem Moment, wenn sich die Tore vom Georgia Dome öffnen werden.
Wenn alles stimmt.
Wenn ich endlich da bin.
Als Menschen sehnen wir uns oft nach der Zukunft, weil wir uns darin irgendwie das Glück versprechen. Wonach sehnst du dich? Solange wir hier sind, bereiten wir uns auf die Zukunft vor, in der wir das Glück vermuten. Lehrjahre – sagt man ja – sind keine Ehrjahre. Dann ist es die Zukunft, in der wir leben, wo alles Gute wirklich losgehen wird. Solange wir noch in der Gegenwart sind, heißt es vorbereiten, Entbehrungen auf uns nehmen.
Und selbst wenn du nicht zuerst an einem bestimmten Punkt in der greifbaren Zukunft gedacht hast – deine Hochzeit vielleicht, dein erstes Kind, oder dieser Job, deine Karriere, das Eckbüro oben im vierten Stock, dieses Haus, auf das ihr spart, oder der Urlaub in der Türkei – dann ist es vielleicht die entfernte Zukunft. „Wenn er wiederkommt, um sein großes Mahl mit uns zu feiern‟ heißt es in der lutherischen Abendmahlsliturgie.
Dieser Wunsch, die Hoffnung, ist ja auch eines der markentesten Bestandteile der evangelikalen Spiritualität. Wir leben nicht aus dem Schauen, sondern aus dem Glauben. Gegen jede Stimme sind wir sicher, dass noch mehr kommt, dass das Beste noch aussteht.
Aber momentan werde ich an jedem Morgen von Paul Gerhardt daran erinnert, dass es eine Zeit zwischen Jetzt und Zukunft gibt. Wie lange die ist, weiß ich nicht. Und in den schwierigen Zeiten sehe ich sehnsüchtig auf die Zeit, in der alles richtig sein wird. Aber jetzt sind wir hier. Und die Gemeinde ist nicht wie eine Bushaltestelle, in der sich Menschen gemeinsam einfinden, um unabhängig von einander auf das gleiche Ereignis zu warten.
Die Gemeinde ist das Friedenscorps, das mitten in das Krisengebiet gesendet wird. Keine Zeit zu verlieren.
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Dabei muss ich an den Anfang der Apostelgeschichte denken, als die Apostel Jesus fragen, wann er denn jetzt endlich Frieden schaffen wird. Kommt jetzt endlich alles, worauf Israel seit Jahrhunderten hofft?
Es kommt schon, sagt Jesus. Aber zwischenzeitlich ist da noch etwas anderes zu tun (vgl. Apg 1,7f)
Es ist fast so, als würde Jesus uns ermahnen, als Gemeinde, in dieser Welt, nicht mit unseren Köpfen in der Zukunft zu leben, sondern aus der Hoffnung auf die Zukunft unsere Kraft für jeden Tag im Jetzt zu ziehen.
Wenn ich mir auch manchmal Wünsche, dass die Zukunft jetzt beginnen würde, möchte ich mir in dieser folgenden Zeit gerne wieder bewusst machen: Jetzt ist die beste Zeit, für die Nachfolge Jesu. Nicht erst in einem Jahr, nicht erst, wenn ich meinen Master habe, und auch nicht erst, wenn er wiedergekommen ist.
Sondern jetzt.
Mit seiner Hilfe.
Und dabei Lobe ich den Herren.

God Bless,


Restless Evangelical

Sonntag, 18. Januar 2015

Vier Plus 1 am Sonntag – 18.01.2015


A. Rachel Held Evans reagiert auf Kurt Eichenwald. Letzte Woche habe ich euch auf einen zwei-teiligen Artikel von Michael Kruger aufmerksam gemacht, der die faktischen Unwahrheiten von Eichenwalds Newsweek-Artikel aufgedeckt hat. RHE Artikel drüben in der Kommentarecke von CNN stellt eine, wie ich finde, noch wichtigere Frage: Ist die Zielgruppe wirklich fair dargestellt, die amerikanischen Evangelikalen? Sehr lesenswert.

B. „Es kommt auf die innere Schönheit an.‟ Das ist eine Phrase, die man immer wieder eingeworfen hört, aber wenig beachtet. Drüben beim Federalist ist ein spannender Artikel erschienen, der die Frage stellt, ob die Fokussierung auf die „Schönheit der Jugend‟ besonders im weiblichen Kontext unserer Gesellschaft gesund ist. Spoiler: Die Antwort ist nein. Aber der Artikel geht darüber hinaus, zu fragen worin Schönheit für eine Frau liegen kann. Ich denke, man darf getrost auch als Mann hier sehr hilfreiche Gedanken herausziehen.

C. Derek Rishmawy hat einen großartigen Gedanken aufgeschnappt. Ich habe selbst auf diesem Blog schon darüber geschrieben, dass ich das „Gott mit uns‟ für das Zentrum des Evangeliums halte und versuche, immer mehr aus dieser Gewissheit heraus zu leben. Derek bringt dem ganzen ein bisschen Reformations-Glaubswürdigkeit, in dem er Calvin zitiert. Und wer will Calvin widersprechen? :)

D. Man mag die Positionen nicht teilen, die Rosaria Butterfield hat. Aber für mich ist sie eine der Personen, die die Gnade und Autorität Jesu in ethischen Fragen momentan am erstaunlichsten zeigt. Tatsächlich denke ich, dass ihr hoher Bildungsgrad manches damit zu tun hat, dass sie die Spannung verschiedener Positionen auszuhalten vermag, ohne ihre eigene geistliche Sicherheit in Frage gestellt zu sehen.


Und einen zum Schluss: Jimmy Fellon hätte Nicole Kidman daten können. Dieses Video, und vor allem das ständige: „Wait... WHAT?!?!?‟ ist unglaublich witzig. Enjoy.

Freitag, 16. Januar 2015

Nehmt euch kein Zimmer!

Mission und „Auf den Wecker gehen‟ im Zusammenhang

Auf diesem Blog habe ich oft versucht, deutlich zu sein, dass ich „Mission‟ - das Mit-Anderen-Teilen meiner Weltanschauung – für einen zentralen Aspekt der evangelikalen Spiritualität halte; und, wenn ihr es so wollte, eigentlich für die ganze christliche Spiritualität der letzten 200 Jahre. Das war nie ein Geheimnis.
Am Mittwoch habe ich versucht, einige Gedanken mit euch zu teilen bezüglich der Frage, ob absolute Wahrheit in irgendeiner Weise mit dem pluralistischen Dialog kollidiert. Ein lieber Freund, dem ich den Artikel vorher zur Durchsicht geschickt habe, hat mir dazu allerdings eine Frage gestellt, der ich mich seit Mittwoch ein wenig gewidmet habe.
Die Frage war, ob das eigentliche Problem nicht ist, dass Menschen von deiner Religion in Ruhe gelassen werden wollen. Vielleicht ist das Problem, das so gerne mit den Begriffen „absolute Wahrheit‟ beziffert wird, gar nicht eigentlich „absolute Wahrheit‟, sondern „religiöse Wahrheit‟. Wir haben in unserer Gesellschaft den Schritt gemacht, Religion zur absoluten Privatsache zu erklären. Wenn du, sagt man, ein Gespräch nicht verderben willst, dann sprichst du zwei Dinge nicht an: Politik und Religion. Eine Haltung, die es eigentlich nur in unseren westlichen Staaten gibt. In Indien, habe ich die Erfahrung gemacht, ist ein Gespräch ohne diese beiden Themen gar nicht wirklich möglich. Aber für uns gilt, was David Nicholls etwas ironisch in seinem neuen Roman schreibt:

„I wish I could say the alcohol made things go with a swing. Over a dinner of fatty pork, tlak somehow turned to immigration policy because, famously, nothing brings people together like the subject of immigration.‟ (Nicholls, David, Us, London: Hodder & Stoughton 2014, S.171)

Und wir können gerne ergänzen: Religion fällt in die gleiche Kategorie. Das liegt natürlich daran, dass Menschen unterschiedlicher Meinung sind, wie man dieses Wort zu füllen hat, was es eigentlich ist; und das Bekenntnis zu einer „privaten Religionsfreiheit‟ irgendwie schön klingt. Immer wieder höre ich dabei den Bezug auf eine Metapher, die voller archaischer Vorurteile steckt, um genau diesen Punkt, Privatheit und Religion, zu betonen. Ich halte diese Metapher für überholt, und die Zeit lange reif für eine neue, passendere, weniger subversive Metapher, wenn es um das Teilen meiner Weltanschauung geht.

Die alte Phallusmetapher, überholt.
Erst gerade, im Fahrwasser der hunderten von Worten, die geschrieben wurden, um auf das Trauma von Paris und Charlie Hebdo zu reagieren, habe ich sie an vielen verschiedenen Orten wieder gelesen, diese Metapher: Der Vergleich zwischen Penis und Religion.
Die Logik geht wie folgt:
Religion, sagt man, sei wie ein Penis. Es ist okay, einen zu haben, man darf auf gerne stolz darauf sein, aber man muss ihn nicht an jedem Platz und Ort herausholen und anderen Menschen damit auf den Geist gehen.
Was auf den ersten Blick recht witzig wirkt. Natürlich wollen wir nicht, dass so etwas immer und überall ausgepackt und herumgeschleudert wird. Also, wieso kann man Religion dann nicht auch in die privatesten Bereiche des Lebens schicken. Darin mögen sie ihre Kraft für das persönliche Durchhaltevermögen entfalten. Aber am Stammtisch, beim Dinner und in den Fußballvereinen hat sie keinen Platz.
Etwas pietätsvoller hat es vor einigen Tagen ein Columnist der New York Times formuliert, wenn er schreibt:

„I support the right of people to believe what they do and say what they wish — in their pews, homes and hearts. But outside of those places? You must put up with me, just as I put up with you.‟

Aber hier ist der Punkt, warum ich diese Gedanken für überholt halte. Die Süddeutsche schrieb vor einigen Wochen, als die CSU den unseligen Vorschlag machte, Immigranten sollten auch Zuhause deutsch sprechen müssen, dass die Sprache „[n]eben der Herkunft, dem Glauben und der Sexualität ist sie der wichtigste Teil der Identität eines Menschen.‟
Das scheint mir eine solide Vermutung zu sein, um darüber nachzudenken, wie die eigene Identität sich in einer multikulturellen Gesellschaft ausbildet. Dazu muss man sagen, dass diese verschiedenen Aspekte sich nicht bei jedem Menschen gleichstark ausbilden. Es mag Menschen geben, die sich ihrer Identität sehr sicher sind, ohne über ihre religiösen Überzeugungen jemals reflektiert zu haben.
Für einen religiösen Menschen ist die Forderung, seinen Glauben einzig im privaten Kreis auszudrücken, allerdings wie die Forderung gegenüber einem Iraner, in der Öffentlichkeit kein Farsie zu sprechen, oder von Stephen Hawkins zu fordern, nicht immer so schlau daher zu reden.
Und das ist, mit Verlaub, eine lächerliche Forderung. Die Phallusmetapher, die dafür gerne verwendet wird, kann man auf jede einzelne dieser vier Identitätsmerkmale anwenden, und sie würde immer „passen‟, wobei uns bei den anderen dreien schnell deutlich wird, wie wenig praktikabel das eigentlich ist.
Bildung ist wie...‟; „Deine Familie ist wie...‟; „Deine Sprache ist wie...‟ usw.
Niemand würde das fordern, weil es bedeuten würde, seine eigene Person hinter sich zu lassen, zuhause im Schrank einzusperren, und auf dem öffentlichen Feld zu einem entpersonifizierten Teil einer Gemeinschaft zu sein, ohne Erkennungsmerkmal.
Als vor fünf Jahren meine Abiturzeitschrift erschien, hat ein Freund, der nicht in meinem Jahrgang war, und eine andere religiöse Überzeugung als ich hat, meine Charakterisierung gelesen und meinte danach zu mir: „Aber Marcus, das bist du nicht.‟ „Wieso?‟, habe ich zurück gefragt. Und er meinte: „Da steht nichts über deinen Glauben drin.‟ Was es, denke ich, ziemlich gut auf den Punkt brachte.

Eine neue Beziehungsmetapher, vorgeschlagen.
Was bedeutet es also, wenn ich für das Recht eintrete, seine Glaubensüberzeugungen auch im öffentlichen Raum vertreten zu dürfen? Möchte ich für die Leute sprechen, die sich beim Christopherstreet Day mit bunten Schildern und Levitikus-Zitaten hinstellen? Denn das ist ja so ziemlich der Stereotyp, den man sich vorstellt, wenn man „Mission‟ hört. Es ist das aufzwingen eines Gesprächs, das der Bezwungene gar nicht will.
Das ist aber weniger, worauf ich eigentlich hinaus will.
Viel mehr möchte ich dafür eintreten, dass Gott etwas Normales wird für unsere Gespräche.
In den letzten Wochen habe ich eine Beobachtung gemacht, die das verdeutlichen mag. In meinem Umfeld haben nach langer Suche zwei junge Männer endlich diese eine Frau kennengelernt. Einer davon gehört zu meinem engsten Freundeskreis, während der Andere ein entfernter Bekannter ist. Aber wenn man ihnen in Gegenwart ihrer Freundin begegnet, dann wird schnell klar, dass sich etwas verändert hat. Die Atmosphäre ist irgendwie mehr gesättigt mit Zufriedenheit und Ruhe. Der Ausdruck dafür, scheint mir, eine kleine Geste zu sein, die ich bei Beiden gesehen habe. In dieser Geste dreht sich die Hand des einen auf kaum merkliche Weise so, dass sie ergreifbar wird. Das mag völlig außerhalb des Blickfeldes des Anderen liegen. Aber es führt fast immer dazu, dass die Hand auch ergriffen wird, und selbst wenn die Bewegung nur unterbewusst wahrgenommen wurde.
Was ich, als Außenstehender, tatsächlich ziemlich süß fand.
Es ist ein sehr liebevolles Zeichen dafür, dass man zusammengehört und in einer gewissen Weise als Einheit wahrgenommen werden möchte. Und das ist öffentlich. Ich habe natürlich keine Ahnung, in wie weit diese Pärchen das auch in ihren privaten Stunden praktizieren, weil jede Situation, in der ich sie treffe, natürlich in einer Weise 'öffentlich' ist; weil ich nicht Teil dieser Einheit bin, sondern nur Beobachter.
Was aber auch ziemlich einem aufgezwungenen Gespräch gleichkommt. Ich habe nie darum gebeten, dass sie mir von ihrer Beziehung erzählen. Alleinstehend fühle ich mich vielleicht sogar zurückgesetzt: Bin ich dann weniger wert, weil ich diese Geste nicht mit jemandem teile?
Und der bekannte Spruch: „Nehmt euch ein Zimmer!‟ scheint greifbar nahe zu sein. Als ob eine Beziehung etwas ist, das man nur in seinen Privatgemächern lebt.
Aber auf eine empathische Weise will ich Zeuge genau von dieser Geste werden. Weil es nicht nur ein Bekenntnis zueinander ist, sondern weil es mich Teilhaben lässt an ihrem Glück; und dem, was sie als Menschen jetzt ausmacht.
Nehmt euch kein Zimmer!‟, bedeutet das, „weil ich euch kennenlernen will, und das Teil von eurer Identität ist.‟
Was natürlich nicht bedeutet, dass ich alle Paare dazu auffordern will, in einer RTLII-artigen Weise alle Aspekte einer Beziehung im öffentlichen Raum zu leben. Aber genauso wenig würde ich fordern, dass Paare ihre Beziehung zuhause lassen, und persönlichkeitslos in den öffentlichen Raum treten.
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Diese neue Metapher sagt mir etwas darüber, wie ich meinen Glauben auch in der Öffentlichkeit leben will. Er soll etwas Normales sein, weil er zu mir gehört, zu dem, der ich bin. Und nichts daran ist irgendwie schändlich oder falsch. Nichts daran sollte mich zu Scham führen. Es ist etwas Normales. Und für die große Mehrheit von Menschen weltweit gehört ihr Glaube zentral zu ihrer Identität, zu dem, wie sie sich selbst definieren.
Darüber zu reden muss nicht aufdringlich sein. Paare rennen auch nicht zu jedem Wildfremden und erzählen ihnen davon, wie ihr erster Kuss stattgefunden hat. Aber sie reden voneinander, was sie miteinander erleben, und dass sie zusammengehören.
Was für mich ein Vorbild sein soll, wie ich von Gott rede.
Ich hoffe, das hilft dabei, ein paar Dinge im öffentlichen Raum klar zu bekommen.

God Bless,

Restless Evangelical