Dienstag, 27. Januar 2015

Davon die Alten sungen... (27.01.2015)


Paul Gerhardt – Lobet den Herren #4

Treib unsern Willen,
dein Wort zu erfüllen;
hilf uns gehorsam
wirken deine Werke;
und wo wir schwach sind,
da gib du uns Stärke.
Lobet den Herren.‟

Jesus nachzufolgen wird erst dann zu einem Problem, wenn es schwer fällt. Solange man sich auf christlichen Freizeiten bewegt, oder im Gottesdienst, auf Konferenzen, da fällt es einfach, Bibel zu lesen und zu beten.
Aber es wird dann schwierig, wenn die Aufgaben, die vor uns liegen, uns zu groß erscheinen, als dass wir sie Schultern könnten. Und wir brauchen hier kein Duckmäusertum zu etablieren: Jesus nachzufolgen ist nicht einfach. Und das hat uns auch nie jemand versprochen. Niemand jedenfalls, der im langen Strom christlicher Orthodoxie schwimmt.
Das liegt vor allem daran, dass die Werke, die Jesus uns als Vorbild vorlebt, so wenig zu bringen scheinen. Vor einigen Tagen habe ich einen Freund darauf hingewiesen, dass die Goldene Regel (andere Menschen so zu behandeln, wie wir behandelt werden wollen) bedeuten würde, dass wir Muslimen in Deutschland nicht das Recht absprechen sollten, Moscheen zu bauen.
Die Antwort war die Frage, ob es mir egal sei, wohin unsere Gesellschaft sich bewegt.
Was eine interessante Frage ist, weil in erster Linie mir doch nicht wichtig sein sollte, was die klügste Weise wäre, eine Gesellschaft zu organisieren, sondern, diesem Jesus nachzufolgen, der sich für mich gegeben hat. Macht mir das manchmal Angst? Natürlich.
Es bedeutet, darin zu wachsen, radikal gnädig zu sein, zu Lieben, wo Liebe nicht von selbst kommt, und zu verstehen, wenn Verständnis zu unnatürlich erscheint. Es bedeutet, einen Unterschied zu machen, und dafür nicht nur merkwürdig betrachtet zu werden. Es bedeutet vor allem, seinen eigenen Komfort zurückzustellen, wenn es Anderen dienen würde.
Vor allem bedeutet es, Schritt für Schritt da hineinzuwachsen, manchmal nicht zu wissen, wie einem geschieht, und es dennoch irgendwie zu lieben. Es bedeutet manchmal, mit sich selbst zu ringen, abzuwägen, was man will und wollen sollte, und einen Prozess zu vollziehen, den man selbst nicht bewältigen würde, geschweige denn, ihn überhaupt zu starten.
Auf der Freizeit, auf der ich über Silvester mitgearbeitet habe, hat mich eine junge Frau gefragt, wie sie das schaffen soll. „Ich will nachfolgen.‟, hat sie gesagt. „Aber ich weiß nicht wie.‟
An sie muss ich häufig denken in den letzten Wochen, wenn ich dieses Lied von Paul Gerhardt singe. Ich denke an meine eigenen Schwächen in der Nachfolge, und die Frage, in wie weit ich jemals ankommen werde. Und ich denke an die ganzen Jugendlichen, denen ich begegnet bin, die nachfolgen wollen, und schneller als es ihnen lieb ist an ihre Grenzen kommen.
Wenn meine Grenzen nur einen Katzensprung entfernt ist, wie kann ich in die Ewigkeit rennen?
Paul Gerhardt spricht uns zu, dass es in diesen Situationen das Versprechen gibt, dass nicht unsere Kraft die Eigentliche ist, die auf die es ankommt; es ist Gottes Kraft, die Jesus von den Toten auferweckt hat, die in uns wirkt.
Am Mittwoch haben wir im Hauskreis über den Apg 2,24 geredet, wo Petrus davon spricht, dass Jesus „aus den Wehen des Todes befreit [wurde], denn dass er in dessen Gewalt bleiben könnte, war ja unmöglich.‟ (Zürcher Bibel)
Wenn das die Kraft ist, die in uns wirkt (Eph 1,19f), dann habe ich allen Grund, mit Frohmut darauf zu sehen, was vor mir liegt. Nicht, weil ich so ein großes Vertrauen darin habe, dass ich alle Schwierigkeiten meiner Nachfolge bewältigen werde. Wenn das alles wäre, dann müsste ich verzweifeln, oder aufgeben, oder beides.
Ich habe frohen Mut, weil ich weiß, dass in den Schwächen die Kraft Gottes umso stärker in mir wirkt, mich trägt und mich hindurch bringt. Und wenn ich fallen sollte, dann hebt sie mich wieder auf.
Wenn ich mir das kommende Jahr ansehe, dann sehe ich viele Unwegbarkeiten, viele schwierige Entscheidungen, die ich zu treffen habe, und ich bin sicher, dass ich viele Male in der Nachfolge fallen werde.
Aber ich weiß auch, dass das nichts daran ändert, dass in mir eine Kraft wirkt, die die ganze Welt ins Dasein gerufen hat.
Mehr Kraft kann ich mir nicht wünschen.
Und darum lobe ich den Herren.

God Bless,

Restless Evangelical

Sonntag, 25. Januar 2015

Vier Plus 1 am Sonntag – 25.01.2015


A. In wie fern können wir als Christen „säkulare Kunst‟ genießen, oder sogar produzieren? Das ist nicht einfach eine Frage, die man sich aus theologischem Interesse stellen kann, sondern für jeden Hobbyautor durchaus relevant. Was ist „christliche Kunst‟ überhaupt, wenn man es genau betrachtet? Drüben bei Relevant hat sich eine junge Mutter ein paar großartige Gedanken darum gemacht, die mir viel Mut geben. Unbedingte Leseempfehlung.

B. Der Chefredakteur des Schweizer Satire-Magazins „Nebelspalter‟ hat schon vor einiger Zeit eine sehr lesenswerte Stellungsnahme dazu geschrieben, warum sie keine Muhammad-Karikaturen veröffentlichen, und auch, wieso sie die Haltung von Charlie Hebdo für falsch halten. In dieser diskussionsfreudigen Stimmung, in der wir seit den Pariser Anschlägen stehen, eine wichtige Stimme, wenn auch nicht mehr super-aktuell.

C. Russische Evangelikale sind so gut wie einstimmig pro-Putin. Auch wenn der Ukraine-Konflikt durch die Pariser Ereignisse nicht mehr sehr prominent ist in den Medien, ändert es nichts daran, dass er akut ist. Drüben bei CT hat sich ein Journalist daran gemacht, Stimmen von russischen Evangelikalen zu bündeln und der Frage nachzugehen, woher die weitverbreitete Putin-Unterstützung kommt, und setzt gleich Stimmen aus der Ukraine daneben. Lesenswert vor allem dann, wenn man am aktuellen Zeitgeschehen interessiert ist.

D. Drüben bei CT reflektiert Greg Thornbury darüber, wie die Gedanken von Carl Henry ihm geholfen hat, sein Vertrauen in die Bibel als Offenbarung Gottes zu behalten. Was er dabei beschriebt ist ein grundsätzlich faszinierender Weg, der viele junge Christen unserer Zeit mit einer Liebe zu „höherer Bildung‟ bevorsteht oder schon jetzt begegnet. Carl Henry ist dabei sicher auch noch Jahrzehnte später eine wichtige und spannende Adresse, was evangelikal-orthodoxes Denken angeht.


Und einen zum Schluss: John Piper Sermon Jam – Running. In diesem kurzweiligen Video hat mich der Gedanke sehr bewegt, nicht nur zu fragen „Geht das?‟ sondern vor allem zu fragen „Bringt es mich weiter?‟. Gönnt euch.

Dienstag, 20. Januar 2015

Davon die Alten sungen... (20.01.2015)


Paul Gerhardt – Lobet den Herren #3

Richt uns're Herzen,
dass wir ja nicht scherzen,
mit deinen Strafen,
sondern fromm zu werden,
vor deiner Zukunft
uns bemühn auf Erden.
Lobet den Herren.‟

Ich erinnere mich noch daran, wie ich vor ein paar Jahren das Flugzeug bestiegen habe, das mich in die Vereinigten Staaten fliegen sollte. Passion Conference. Ein Wunsch, seit Jahres gehegt und gepflegt, sollte endlich Wirklichkeit werden. Und ich war sicher, habe erwartet, habe genau gewusst, dass mir diese Konferenz einen unerreichten Boost in meiner Nachfolge geben würde.
In den Wochen vorher habe ich in der Zukunft gelebt, genau in dem Moment, wenn sich die Tore vom Georgia Dome öffnen werden.
Wenn alles stimmt.
Wenn ich endlich da bin.
Als Menschen sehnen wir uns oft nach der Zukunft, weil wir uns darin irgendwie das Glück versprechen. Wonach sehnst du dich? Solange wir hier sind, bereiten wir uns auf die Zukunft vor, in der wir das Glück vermuten. Lehrjahre – sagt man ja – sind keine Ehrjahre. Dann ist es die Zukunft, in der wir leben, wo alles Gute wirklich losgehen wird. Solange wir noch in der Gegenwart sind, heißt es vorbereiten, Entbehrungen auf uns nehmen.
Und selbst wenn du nicht zuerst an einem bestimmten Punkt in der greifbaren Zukunft gedacht hast – deine Hochzeit vielleicht, dein erstes Kind, oder dieser Job, deine Karriere, das Eckbüro oben im vierten Stock, dieses Haus, auf das ihr spart, oder der Urlaub in der Türkei – dann ist es vielleicht die entfernte Zukunft. „Wenn er wiederkommt, um sein großes Mahl mit uns zu feiern‟ heißt es in der lutherischen Abendmahlsliturgie.
Dieser Wunsch, die Hoffnung, ist ja auch eines der markentesten Bestandteile der evangelikalen Spiritualität. Wir leben nicht aus dem Schauen, sondern aus dem Glauben. Gegen jede Stimme sind wir sicher, dass noch mehr kommt, dass das Beste noch aussteht.
Aber momentan werde ich an jedem Morgen von Paul Gerhardt daran erinnert, dass es eine Zeit zwischen Jetzt und Zukunft gibt. Wie lange die ist, weiß ich nicht. Und in den schwierigen Zeiten sehe ich sehnsüchtig auf die Zeit, in der alles richtig sein wird. Aber jetzt sind wir hier. Und die Gemeinde ist nicht wie eine Bushaltestelle, in der sich Menschen gemeinsam einfinden, um unabhängig von einander auf das gleiche Ereignis zu warten.
Die Gemeinde ist das Friedenscorps, das mitten in das Krisengebiet gesendet wird. Keine Zeit zu verlieren.
---
Dabei muss ich an den Anfang der Apostelgeschichte denken, als die Apostel Jesus fragen, wann er denn jetzt endlich Frieden schaffen wird. Kommt jetzt endlich alles, worauf Israel seit Jahrhunderten hofft?
Es kommt schon, sagt Jesus. Aber zwischenzeitlich ist da noch etwas anderes zu tun (vgl. Apg 1,7f)
Es ist fast so, als würde Jesus uns ermahnen, als Gemeinde, in dieser Welt, nicht mit unseren Köpfen in der Zukunft zu leben, sondern aus der Hoffnung auf die Zukunft unsere Kraft für jeden Tag im Jetzt zu ziehen.
Wenn ich mir auch manchmal Wünsche, dass die Zukunft jetzt beginnen würde, möchte ich mir in dieser folgenden Zeit gerne wieder bewusst machen: Jetzt ist die beste Zeit, für die Nachfolge Jesu. Nicht erst in einem Jahr, nicht erst, wenn ich meinen Master habe, und auch nicht erst, wenn er wiedergekommen ist.
Sondern jetzt.
Mit seiner Hilfe.
Und dabei Lobe ich den Herren.

God Bless,


Restless Evangelical

Sonntag, 18. Januar 2015

Vier Plus 1 am Sonntag – 18.01.2015


A. Rachel Held Evans reagiert auf Kurt Eichenwald. Letzte Woche habe ich euch auf einen zwei-teiligen Artikel von Michael Kruger aufmerksam gemacht, der die faktischen Unwahrheiten von Eichenwalds Newsweek-Artikel aufgedeckt hat. RHE Artikel drüben in der Kommentarecke von CNN stellt eine, wie ich finde, noch wichtigere Frage: Ist die Zielgruppe wirklich fair dargestellt, die amerikanischen Evangelikalen? Sehr lesenswert.

B. „Es kommt auf die innere Schönheit an.‟ Das ist eine Phrase, die man immer wieder eingeworfen hört, aber wenig beachtet. Drüben beim Federalist ist ein spannender Artikel erschienen, der die Frage stellt, ob die Fokussierung auf die „Schönheit der Jugend‟ besonders im weiblichen Kontext unserer Gesellschaft gesund ist. Spoiler: Die Antwort ist nein. Aber der Artikel geht darüber hinaus, zu fragen worin Schönheit für eine Frau liegen kann. Ich denke, man darf getrost auch als Mann hier sehr hilfreiche Gedanken herausziehen.

C. Derek Rishmawy hat einen großartigen Gedanken aufgeschnappt. Ich habe selbst auf diesem Blog schon darüber geschrieben, dass ich das „Gott mit uns‟ für das Zentrum des Evangeliums halte und versuche, immer mehr aus dieser Gewissheit heraus zu leben. Derek bringt dem ganzen ein bisschen Reformations-Glaubswürdigkeit, in dem er Calvin zitiert. Und wer will Calvin widersprechen? :)

D. Man mag die Positionen nicht teilen, die Rosaria Butterfield hat. Aber für mich ist sie eine der Personen, die die Gnade und Autorität Jesu in ethischen Fragen momentan am erstaunlichsten zeigt. Tatsächlich denke ich, dass ihr hoher Bildungsgrad manches damit zu tun hat, dass sie die Spannung verschiedener Positionen auszuhalten vermag, ohne ihre eigene geistliche Sicherheit in Frage gestellt zu sehen.


Und einen zum Schluss: Jimmy Fellon hätte Nicole Kidman daten können. Dieses Video, und vor allem das ständige: „Wait... WHAT?!?!?‟ ist unglaublich witzig. Enjoy.

Freitag, 16. Januar 2015

Nehmt euch kein Zimmer!

Mission und „Auf den Wecker gehen‟ im Zusammenhang

Auf diesem Blog habe ich oft versucht, deutlich zu sein, dass ich „Mission‟ - das Mit-Anderen-Teilen meiner Weltanschauung – für einen zentralen Aspekt der evangelikalen Spiritualität halte; und, wenn ihr es so wollte, eigentlich für die ganze christliche Spiritualität der letzten 200 Jahre. Das war nie ein Geheimnis.
Am Mittwoch habe ich versucht, einige Gedanken mit euch zu teilen bezüglich der Frage, ob absolute Wahrheit in irgendeiner Weise mit dem pluralistischen Dialog kollidiert. Ein lieber Freund, dem ich den Artikel vorher zur Durchsicht geschickt habe, hat mir dazu allerdings eine Frage gestellt, der ich mich seit Mittwoch ein wenig gewidmet habe.
Die Frage war, ob das eigentliche Problem nicht ist, dass Menschen von deiner Religion in Ruhe gelassen werden wollen. Vielleicht ist das Problem, das so gerne mit den Begriffen „absolute Wahrheit‟ beziffert wird, gar nicht eigentlich „absolute Wahrheit‟, sondern „religiöse Wahrheit‟. Wir haben in unserer Gesellschaft den Schritt gemacht, Religion zur absoluten Privatsache zu erklären. Wenn du, sagt man, ein Gespräch nicht verderben willst, dann sprichst du zwei Dinge nicht an: Politik und Religion. Eine Haltung, die es eigentlich nur in unseren westlichen Staaten gibt. In Indien, habe ich die Erfahrung gemacht, ist ein Gespräch ohne diese beiden Themen gar nicht wirklich möglich. Aber für uns gilt, was David Nicholls etwas ironisch in seinem neuen Roman schreibt:

„I wish I could say the alcohol made things go with a swing. Over a dinner of fatty pork, tlak somehow turned to immigration policy because, famously, nothing brings people together like the subject of immigration.‟ (Nicholls, David, Us, London: Hodder & Stoughton 2014, S.171)

Und wir können gerne ergänzen: Religion fällt in die gleiche Kategorie. Das liegt natürlich daran, dass Menschen unterschiedlicher Meinung sind, wie man dieses Wort zu füllen hat, was es eigentlich ist; und das Bekenntnis zu einer „privaten Religionsfreiheit‟ irgendwie schön klingt. Immer wieder höre ich dabei den Bezug auf eine Metapher, die voller archaischer Vorurteile steckt, um genau diesen Punkt, Privatheit und Religion, zu betonen. Ich halte diese Metapher für überholt, und die Zeit lange reif für eine neue, passendere, weniger subversive Metapher, wenn es um das Teilen meiner Weltanschauung geht.

Die alte Phallusmetapher, überholt.
Erst gerade, im Fahrwasser der hunderten von Worten, die geschrieben wurden, um auf das Trauma von Paris und Charlie Hebdo zu reagieren, habe ich sie an vielen verschiedenen Orten wieder gelesen, diese Metapher: Der Vergleich zwischen Penis und Religion.
Die Logik geht wie folgt:
Religion, sagt man, sei wie ein Penis. Es ist okay, einen zu haben, man darf auf gerne stolz darauf sein, aber man muss ihn nicht an jedem Platz und Ort herausholen und anderen Menschen damit auf den Geist gehen.
Was auf den ersten Blick recht witzig wirkt. Natürlich wollen wir nicht, dass so etwas immer und überall ausgepackt und herumgeschleudert wird. Also, wieso kann man Religion dann nicht auch in die privatesten Bereiche des Lebens schicken. Darin mögen sie ihre Kraft für das persönliche Durchhaltevermögen entfalten. Aber am Stammtisch, beim Dinner und in den Fußballvereinen hat sie keinen Platz.
Etwas pietätsvoller hat es vor einigen Tagen ein Columnist der New York Times formuliert, wenn er schreibt:

„I support the right of people to believe what they do and say what they wish — in their pews, homes and hearts. But outside of those places? You must put up with me, just as I put up with you.‟

Aber hier ist der Punkt, warum ich diese Gedanken für überholt halte. Die Süddeutsche schrieb vor einigen Wochen, als die CSU den unseligen Vorschlag machte, Immigranten sollten auch Zuhause deutsch sprechen müssen, dass die Sprache „[n]eben der Herkunft, dem Glauben und der Sexualität ist sie der wichtigste Teil der Identität eines Menschen.‟
Das scheint mir eine solide Vermutung zu sein, um darüber nachzudenken, wie die eigene Identität sich in einer multikulturellen Gesellschaft ausbildet. Dazu muss man sagen, dass diese verschiedenen Aspekte sich nicht bei jedem Menschen gleichstark ausbilden. Es mag Menschen geben, die sich ihrer Identität sehr sicher sind, ohne über ihre religiösen Überzeugungen jemals reflektiert zu haben.
Für einen religiösen Menschen ist die Forderung, seinen Glauben einzig im privaten Kreis auszudrücken, allerdings wie die Forderung gegenüber einem Iraner, in der Öffentlichkeit kein Farsie zu sprechen, oder von Stephen Hawkins zu fordern, nicht immer so schlau daher zu reden.
Und das ist, mit Verlaub, eine lächerliche Forderung. Die Phallusmetapher, die dafür gerne verwendet wird, kann man auf jede einzelne dieser vier Identitätsmerkmale anwenden, und sie würde immer „passen‟, wobei uns bei den anderen dreien schnell deutlich wird, wie wenig praktikabel das eigentlich ist.
Bildung ist wie...‟; „Deine Familie ist wie...‟; „Deine Sprache ist wie...‟ usw.
Niemand würde das fordern, weil es bedeuten würde, seine eigene Person hinter sich zu lassen, zuhause im Schrank einzusperren, und auf dem öffentlichen Feld zu einem entpersonifizierten Teil einer Gemeinschaft zu sein, ohne Erkennungsmerkmal.
Als vor fünf Jahren meine Abiturzeitschrift erschien, hat ein Freund, der nicht in meinem Jahrgang war, und eine andere religiöse Überzeugung als ich hat, meine Charakterisierung gelesen und meinte danach zu mir: „Aber Marcus, das bist du nicht.‟ „Wieso?‟, habe ich zurück gefragt. Und er meinte: „Da steht nichts über deinen Glauben drin.‟ Was es, denke ich, ziemlich gut auf den Punkt brachte.

Eine neue Beziehungsmetapher, vorgeschlagen.
Was bedeutet es also, wenn ich für das Recht eintrete, seine Glaubensüberzeugungen auch im öffentlichen Raum vertreten zu dürfen? Möchte ich für die Leute sprechen, die sich beim Christopherstreet Day mit bunten Schildern und Levitikus-Zitaten hinstellen? Denn das ist ja so ziemlich der Stereotyp, den man sich vorstellt, wenn man „Mission‟ hört. Es ist das aufzwingen eines Gesprächs, das der Bezwungene gar nicht will.
Das ist aber weniger, worauf ich eigentlich hinaus will.
Viel mehr möchte ich dafür eintreten, dass Gott etwas Normales wird für unsere Gespräche.
In den letzten Wochen habe ich eine Beobachtung gemacht, die das verdeutlichen mag. In meinem Umfeld haben nach langer Suche zwei junge Männer endlich diese eine Frau kennengelernt. Einer davon gehört zu meinem engsten Freundeskreis, während der Andere ein entfernter Bekannter ist. Aber wenn man ihnen in Gegenwart ihrer Freundin begegnet, dann wird schnell klar, dass sich etwas verändert hat. Die Atmosphäre ist irgendwie mehr gesättigt mit Zufriedenheit und Ruhe. Der Ausdruck dafür, scheint mir, eine kleine Geste zu sein, die ich bei Beiden gesehen habe. In dieser Geste dreht sich die Hand des einen auf kaum merkliche Weise so, dass sie ergreifbar wird. Das mag völlig außerhalb des Blickfeldes des Anderen liegen. Aber es führt fast immer dazu, dass die Hand auch ergriffen wird, und selbst wenn die Bewegung nur unterbewusst wahrgenommen wurde.
Was ich, als Außenstehender, tatsächlich ziemlich süß fand.
Es ist ein sehr liebevolles Zeichen dafür, dass man zusammengehört und in einer gewissen Weise als Einheit wahrgenommen werden möchte. Und das ist öffentlich. Ich habe natürlich keine Ahnung, in wie weit diese Pärchen das auch in ihren privaten Stunden praktizieren, weil jede Situation, in der ich sie treffe, natürlich in einer Weise 'öffentlich' ist; weil ich nicht Teil dieser Einheit bin, sondern nur Beobachter.
Was aber auch ziemlich einem aufgezwungenen Gespräch gleichkommt. Ich habe nie darum gebeten, dass sie mir von ihrer Beziehung erzählen. Alleinstehend fühle ich mich vielleicht sogar zurückgesetzt: Bin ich dann weniger wert, weil ich diese Geste nicht mit jemandem teile?
Und der bekannte Spruch: „Nehmt euch ein Zimmer!‟ scheint greifbar nahe zu sein. Als ob eine Beziehung etwas ist, das man nur in seinen Privatgemächern lebt.
Aber auf eine empathische Weise will ich Zeuge genau von dieser Geste werden. Weil es nicht nur ein Bekenntnis zueinander ist, sondern weil es mich Teilhaben lässt an ihrem Glück; und dem, was sie als Menschen jetzt ausmacht.
Nehmt euch kein Zimmer!‟, bedeutet das, „weil ich euch kennenlernen will, und das Teil von eurer Identität ist.‟
Was natürlich nicht bedeutet, dass ich alle Paare dazu auffordern will, in einer RTLII-artigen Weise alle Aspekte einer Beziehung im öffentlichen Raum zu leben. Aber genauso wenig würde ich fordern, dass Paare ihre Beziehung zuhause lassen, und persönlichkeitslos in den öffentlichen Raum treten.
---
Diese neue Metapher sagt mir etwas darüber, wie ich meinen Glauben auch in der Öffentlichkeit leben will. Er soll etwas Normales sein, weil er zu mir gehört, zu dem, der ich bin. Und nichts daran ist irgendwie schändlich oder falsch. Nichts daran sollte mich zu Scham führen. Es ist etwas Normales. Und für die große Mehrheit von Menschen weltweit gehört ihr Glaube zentral zu ihrer Identität, zu dem, wie sie sich selbst definieren.
Darüber zu reden muss nicht aufdringlich sein. Paare rennen auch nicht zu jedem Wildfremden und erzählen ihnen davon, wie ihr erster Kuss stattgefunden hat. Aber sie reden voneinander, was sie miteinander erleben, und dass sie zusammengehören.
Was für mich ein Vorbild sein soll, wie ich von Gott rede.
Ich hoffe, das hilft dabei, ein paar Dinge im öffentlichen Raum klar zu bekommen.

God Bless,

Restless Evangelical

Donnerstag, 15. Januar 2015

Gelesen & geschätzt #22


Episodenfeuerwerk wohin?

Rezension zu: Zwei an einem Tag, Universal Pictures 2012; Hauptrollen: Anne Hathaway, Jim Sturgess, ca. 103 Min

Mit dieser Ausgabe von „gelesen & geschätzt‟ begebe ich mich auf unbekanntes Terrain; oder besser: Terrain, in dem ich weder offiziell noch eingebildet eine große Expertise auffahren kann. Während mich mit Literatur jeglicher Art die Leidenschaft des Autodidakten verbindet, genieße ich Filme zwar sehr, kann aber nicht sagen, dass ich einen tieferen Einblick in seine Produktion und die Denkarbeit habe, die hinter einem Film stehen.
In diesem Sinne bin ich mir bewusst, dass diese Rezension zu Zwei an einem Tag sehr laienhaft ist, und auf tiefere cinematographische Zusammenhänge nicht eingeht, aus dem einfachen Fakt heraus, dass ich es gar nicht kann.
Und dennoch konnte ich nicht widerstehen, als ich den Film vor einigen Tagen im Angebot erstehen konnte, ihn mir anzuschaffen; nicht zuletzt, weil der dazugehörige Roman (auf den sich die Verfilmung stützt) zu den besten Büchern gehört, die ich in langer langer Zeit gelesen habe.
Zu einer grundsätzlichen Weichenstellung: Ich gehöre nicht zu der Art von Buchverfilumg-Konsumenten, die nur dann jubelnd aus dem Film geht, wenn selbst die Dialoge eins zu eins aus dem Buch übernommen wurden. Dafür brauche ich nicht ins Kino zu gehen. In Hunger Games II hat mich das sogar dazu veranlasst, den Film zu wechseln, weil der Film zu nah am Buch war.
Ein Film, der sich ein Buch zur Grundlage nimmt, sollte eine gute Interpretation des Stoffes darstellen, vielleicht einen Blickwinkel zur Geschichte öffnen, der mir beim Lesen entgangen ist. Da David Nicholls höchstselbst das Drehbuch für diese Verfilmung verfasst hat, waren meine Erwartungen recht hoch.

Auswahl des Stoffes: erstklassig
Was zuerst beim Film auffällt, ist die Stoffauswahl, die zwingendermaßen getroffen werden muss. Zwei an einem Tag lebt aus der Vielzahl alltäglicher Begegnungen, die einen Einblick in das Leben der Protagonisten Em und Dex bietet, und gleichzeitig ihre Gefühle füreinander beleuchten. Dabei ist die Frage, die den Leser treibt, ob sie am Ende zueinander finden oder nicht.
Entsprechend muss ein Film, der nicht in einen Dreiteiler zerstückelt werden will (ja, Hobbit, ich rede mit dir, Shame on you!) immer eine Auswahl treffen, was für die Geschichte unabdingbar ist, und was nicht. Mit dem Autor des Originalwerkes ist als Drehbuchautor natürlich ein Mann am Werk, der dafür bestens gerüstet ist. Und entsprechend habt mich die Auswahl der Szenen und Geschichten wirklich überzeugt. Bewegende, aber zweitrangige, Szenen wir die kurze Affäre von Emma mit ihrem Chef werden ausgelassen, um den bewegenden Schlussszenen mehr Zeit und Raum zu lassen. Die wichtige „Hinterhofszene‟, in der Emma ihrem Dexter zum ersten Mal die wichtigen drei Worte „Ich liebe dich‟ sagt, ist wunderbar in Szene gesetzt und nimmt die Atmosphäre des Originals gut auf.
Besonders aber die Darstellung der Szenerie zwischen Dexter und seiner Mutter hat mir einen neuen Zugang zur Zentralität dieser Beziehung für die Entwicklung der Geschichte gegeben. Es mag an der hervorragenden Darstellung dieser Figuren durch Jim Sturgess und Patricia Clarkson liegen. Aber der Verlust der Mutter als zentrales Ereignis für Dexters Entwicklung, auch seine enge Beziehung zu ihr, wurde mir durch den Film deutlicher als durch das Buch, was ihn wertvoll macht für jeden, der den Roman schon gemocht hat.

Darstellung der Figuren: überzeugend
Was mich zu einem der Hauptfeatures des Filmes führt: Den Darstellern. Ich bin länger schon ein Fan von Anne Hathaway als Schauspielerin, in die brilliert in diesem Film in der Rolle von Emma Morley. Auch Jim Sturgess zeigt eine besondere Bandbreite an Eindrücken, die ich mir nicht einfach zu spielen vorstelle. Gerade Dexter macht in der Geschichte ja eine starke Entwicklung durch, wobei gleichzeitig sein Charakter immer erkennbar bleibt. Sturgess leistet gerade dabei einen ausgezeichneten Job, die Divergenz und die Kontinuität der Gestalt darzustellen.
In diesem Sinne ist mir Dexter durch den Film als Figur sogar näher gegangen als im Buch. Nach dem Lesen war ich Dexter gegenüber äußerst skeptisch, habe ihn als Figur vor allem akzeptiert, weil er für die Geschichte gebraucht wurde. Der Film hat mir geholfen, ihn als Getriebenen, Suchenenden mehr zu verstehen.

Gesamteindruck: passabel
Und dennoch ringe ich mich nicht dazu durch, dem Film eine volle Punktzahl zu geben. Er hinkt nämlich an einer entscheidenden Stelle.
An anderer Stelle habe ich dafür plädiert, dass das große Thema der Geschichte ist, dass Em und Dex schrittweise erkennen, dass sie ohne einander nicht komplett sind, und gleichzeitig lernen müssen, gerade damit zu leben. In diesem Sinne ist das Buch ein Gesellschaftsportrait meiner Vorgängergeneration, die die Frage bewegte, wie Partnerschaft und Individualität (besser: Individualismus) zusammenpassen. Der Charme von Nicholls Geschichte liegt dabei in der Sympathie, die der Leser für die Protagonisten leicht aufzubringen imstande ist, und gleichzeitig in der Alltäglichkeit, die sich in die Leben einschließt. Der Geschichte fehlt auf eine erfrischende und liebevolle Weise das Pathos, das junge Literatur sonst auszeichnet; Sturm und Drang ist der Geschichte eigentlich fremd.
Bei allem positiven und begeisternden, was ich über den Film zu sagen habe, fehlt ihm aber genau dieser Aspekt der Geschichte. Er begnügt sich damit, die zentralen Szenen der Geschichte mit überzeugenden Darstellern auf die Bühne zu bringen. Dabei fehlt dem Zuschauer – ohne den Roman als Rückenwind – manchmal allerdings der größere Zusammenhang der einen Szene und der anderen.
Die großen Situationen der Geschichten sind vorhanden, rühren zu Tränen, lassen den Zuschauer mit Nachdenklichem zurück.Und wem ein 544 Seiten Buch zu viel Respekt einflößt, um sich der Geschichte hinzugeben, dem sei diese Verfilmung wärmstens ans Herz gelegt.
Wirklich überzeugen konnte sie mich deswegen nicht, weil sie die wirkliche Brillianz der Geschichte nicht auf die Leinwand zu bringen vermag. Dabei hinkt die Verfilmung an ihrer eigenen Zielsetzung: die Frage ist, ob sich diese Form von Nonchalance und gleichzeitig atmosphärischer Dichte in Film und Bild darstellen lässt.
Mit meiner Bibliophilie sage ich gerne: Nein.
Nur, das zu beurteilen sei denn jedem selbst überlassen.

God Bless,


Restless Evangelical

Mittwoch, 14. Januar 2015

II. Politischer Mittwoch


Religion und pluralistischer Dialog

Da haben wir es mal wieder. Der Islam hat seine dunkle Seite gezeigt, Mord und Totschlag in die Freiheitlichkeit unserer westlichen Welt gebracht. Jetzt sind wie alle #Charlie.
Aber ist es nicht so, machen sich schnell andere Stimmen Luft, dass Religion an sich dem pluralistischen Dialog abträglich ist. Wie kann man, ist die Frage, mit Menschen in Gemeinschaft leben, die von sich behaupten, die absolute Wahrheit gepachtet zu haben? Wie man sich vorstellen kann, habe ich an solchen Sätzen zu knabbern, weil es ja genau mich bezeichnet.
Ja, ich glaube, dass es absolute Wahrheit gibt, und irgendwie bin ich auch überzeugt davon, von ihr gefunden worden zu sein.
Ja, ich denke, dass ich fähig bin, in den pluralistischen Dialog zu treten.
Es gäbe verschiedenste Quellen, die ich jetzt für diese Äußerungen heranziehen könnte. Exemplarisch sei ein Satz aus einem, ansonsten recht soliden Kommentar von Heribert Prantl in auf Süddeutsche Online kurz nach den Anschlägen zitiert: „Deutschland muss Vielfalt akzeptieren.‟ Die These, die er darin ausspricht ist:

„Kein Blatt, keine Institution und auch keine Religion ist Hort der absoluten Wahrheit. Wer sie behauptet und anderen überstülpen will, zerstört die Grundlagen des Zusammenlebens.‟

Wobei ich in meinem Kommentar nicht auf die offensichtliche Doppelmoral hinweisen will, diesen Satz mit solch pathetischer absoluter Brillianz hinzustellen, und sie gleichermaßen allen Andersdenkenden abzusprechen.
Mehr noch hat sich mir die Frage aufgedrängt, ob absolute Wahrheit, und das Festhalten an dergleichen, dazu führt, dass man unfähig wird, in den pluralistischen Dialog zu treten, der grundlegend ist für unsere Gesellschaft.
Können, anders ausgedrückt, traditionell-spirituelle Menschen gute Staatsbürger sein?
Nicht nur sehe ich keinen Grund, warum sie es nicht können sollten, sondern es scheint mir ebenso möglich zu sein, dass Religion sogar zum pluralistischen Dialog unersetzbares beiträgt.

Wieso wir gute Staatsbürger sein können.
Ich finde es interessant, dass die Wortkombination absolute Wahrheit je nach Kontext in (post-)modernen Menschen dieses westlichen Europas entweder eine Ekel- oder Hochgefühl auslösen können.
Dafür müssen wir zeitlich nur zum letzten Friedensnobelpreis zurückgehen und die beeindruckende junge Preisträgerin Malala Yousafzai betrachten. Ihr Überzeugung lässt nichts an Absolutheit mangeln. Zumal wir uns sicher sind, dass es eine Wahrheit ist. „Frauen‟, sagt ihr kurzes Leben bis heute, „haben ein natürliches Recht auf Bildung und Gleichstellung.‟ Und sie war bereit, für diese Wahrheit ihr Leben zu lassen, was wundersam verschont wurde (wer kann von sich behaupten, eine Kugel im Kopf gehabt zu haben, und doch weiterzuleben?). Und wir alle klatschen, wenn diese 17-jährige in ihrem traditionellen, bunten Gewandt aufsteht, weil sie mutig war, weil sie für Wahrheit eingestanden ist, und weil sie sicher ist, dass diese Wahrheit allgemein gültig ist.
Hat Malala Yousafzai eine absolute Wahrheit entdeckt? Ich bin sicher, dass Herr Prantl klatschend zustimmen würde.
Nur problematisch wird es, wenn religiöse Menschen das von sich behaupten. Dabei missachtet er, dass Religion ein grundsätzlicher Bestandteil des Menschseins ist. Nicht nur historisch, sondern auch gegenwärtig ist es der Normalzustand gewesen, eine transzendente Wirklichkeit anzunehmen. Der Atheismus an sich ist eine sehr junge Bewegung, zumal auch sie nicht umhinkommt, sich durch ihre Haltung zur Transzendenz zu definieren, eben ihrer extrem Ablehnung.
Absolute Wahrheit, und die Inanspruchnahme derselben, gehört nicht nur zum Menschen dazu, sondern auch zum modernen Staat an sich. Zumal häufen sich die Stimmen namhafter Denker, die zu einer neuen, besseren, offeneren Streitkultur aufrufen. In der gleichen Veröffentlichung wie der Kommentar von Herrn Prantl, sagt ein Professor für Völkerverständigung aus München:

Wir brauchen mehr Streit in Demokratien. Ich bin nicht froh über die Positionen, die Pegida vertritt. Aber sie sind ein Zeichen dafür, dass wir uns auseinandersetzen. Es braucht Streit und Abgrenzung von genau diesen problematischen Positionen, damit Demokratie vital ist.‟

Absolute Wahrheit bedeutet an sich noch lange nicht die Unterdrückung anderslautender Wahrheiten. Sie bedeutet erst einmal, dass man das nötige Selbstbewusstsein hat, seiner Überzeugung von Individuums- und Kulturübergreifenden Normen und Werten Ausdruck zu verleihen. So schreibt Herr Prantl selbst:

„Eine aufgeklärte Gesellschaft ringt miteinander um den Ausgleich von Rechten und Werten. Dieses Ringen ist anspruchsvoll.‟

Wofür er meine Zustimmung bekommt. Genau das ist die Grundlage einer pluralistischen Gesellschaft, und genau darin scheint mir das größte Gut für die meisten Menschen zu liegen. Aber um ein Ringen zu haben, muss man sich der Übergeordnetheit von Werten bewusst sein, und diese auch vertreten. Absolute Wahrheit ist also unabdingbar für eine pluralistische Gesellschaft, weil durch ein relativistisches Duckmäusertum keine hart erkämpften, aber allgemein-gültigen Positionen zustande kommen. Es führt eher zu eben jeder Politikverdrossenheit, die man meiner Generation heute gerne vorwirft.
Nicht ein Mangel an absoluten Wahrheiten ist also die Lösung, sondern eine neuer Mut zu genau diesen.

Wieso wir vielleicht sogar bessere Staatsbürger sein können.
Wobei, das ist klar, verhindert werden muss, dass sich Wahrheit als unterdrückend aufspielt, als einzige Alternative. In diesem Sinne muss, und da haben wir alle viel zu lernen, Wahrheit ein Gentlemen sein, der sich nicht aufdrängt. Meinungsfreiheit und pluralistischer Dialog bedeutet eben auch das Recht, Unrecht zu haben, an falscher Vorstellung festzuhalten – und die Bewertung, wer woran festhält, ist dann jedem Individuum und jeder Gruppe selbst überlassen. Es muss nur stehen, dass man genau das vertreten darf.
Entsprechend schwierig scheint mir der Satz zu sein, Rassismus sei keine Meinung. Mehr scheint es mir ein Problem zu sein, dass er genau das ist, eine Meinung. Dass er als Meinung immer noch existiert, auch Jahrhunderte nach der Aufklärung, scheint mir ein Problem zu sein; und die Lösung dafür nicht in der Unterdrückung der Meinungs-halter zu liegen, sondern in einem mehr von Bildung, einem mehr von Dialog, einem mehr von Aufklärung.
Jetzt scheint es mir ziemlich deutlich, dass der pluralistische Dialog nicht nur absolute Wahrheiten braucht, um wirklich zu funktionieren, sondern dass gerade die Religion eigentlich die besseren Voraussetzungen für ihn bildet, als ein naturalistisches Weltbild.
Um das zu sagen braucht es natürlich eine umfassende Definition von Religion. Aber wenn wir es einfach halten, und in Religion erst einmal das Bewusstsein der menschlichen Abhängigkeit von der transzendenten Wirklichkeit verstehen, dann scheint mir darin genau jene Balance zwischen Mut zur absoluter Wahrheit und relativistischer Bescheidenheit zu liegen, die einem fruchtbaren Dialog förderlich sind.
Der religiöse Mensch weiß, oder hat zumindest eine Grunderkenntnis davon, dass er noch nicht am Ende ist. Ist es doch gerade die Definition von Transzendenz, dass es ein mehr hinter dem gibt, was vor Augen liegt. Hinter dem vor uns liegenden Horizont erkennen wir die verlockende Möglichkeit, mehr zu erfahren, mehr zu lernen.
Das ändert nichts daran, dass wir unsere aktuellen Überzeugungen haben, vertreten, verteidigen, wenn es sein muss. Sie sind ja auf eine Weise zustande gekommen, die Gegenwart, Tradition und Zukunft aufs innigste miteinander verbindet, und gibt uns ein Gefühl davon, was es bedeutet, Mensch zu sein, nicht mehr nur Individuum, auch nicht nur Deutscher oder Franzose oder Grieche, sondern Mensch.
Aber wie die Reformatoren davon sprachen, dass die Kirche eine sein muss, die sich ständig reformiert, die in dem Bewusstsein lebt, dass wir auf den Schultern derer stehen, die vor uns gegangen sind, und wir deswegen mehr Erkenntnisse haben können als die Generationen, von denen wir gelernt haben, so lebt der religiöse Mensch im pluralistischen Dialog genau in der Spannung, zwischen dem absoluten Anspruch, Wahrheit erkannt zu haben, und der Erkenntnis, dass ein mehr durchaus möglich ist.
Diese Fähigkeit geht dem Naturalismus an sich ab. Er erkennt, naturwissenschaftlich, ein für alle Mal. Ein Hinterfragen, eine relativistische Bescheidenheit kann ihm im eigentlichen Sinne nicht zu eigen sein. In diesem Fall ist sein Bekenntnis zur Freiheit zumindest logisch nur ein Lippenbekenntnis. Denn alle Meinungen, die sich mit seinen „Ergebnissen‟ nicht decken, sind keine Meinungen, sondern Unsinn.
Womit ich nicht behaupten will, dass nur religiöse Menschen gute Staatsbürger sein können. Mehr will ich der Grundannahme entgegen treten, Religion würde den pluralistischen Dialog irgendwie schwieriger machen. Denn das scheint mir, im Anbetracht der gegenwärtigen Realität, nicht wirklich den Tatsachen zu entsprechen.
---
Es stimmt, trauriger Weise, dass Religion immer und immer wieder benutzt wurde, um Gewalt zu rechtfertigen. Ebenso, im Übrigen, wie jede andere Weltanschauung dafür benutzt wurde. Vielleicht sollten wir, anstatt ein Lippenbekenntnis zur Freiheit abzulegen, langsam anerkennen, dass der Mensch an sich zu grauenhaften Dingen fähig ist, und bereit, dafür alles zu pervertieren, wenn es sein muss;
und gleichzeitig die Bescheidenheit haben, dass wir bestimmte Dinge als wahr, richtig und gut erkannt haben (die Unantastbarkeit der Menschenwürde, als Ausgangspunkt), aber in Zukunft vielleicht mehr erkennen werden.
Weil wir noch nicht am Ende sind.

Mit freundlichen Grüßen,


ein religiös-engagierter Bürger.

Dienstag, 13. Januar 2015

Davon die Alten sungen... (13.01.2014)


Paul Gerhardt – Lobet den Herren #2

Dass unser Sinnen,
wir noch brauchen können
und Händ und Füße,
Zung und Lippen regen,
das haben wir zu
danken seinem Segen.
Lobet den Herren.‟

Vor einiger Zeit bin ich über einen Gedanken gestoßen, den Matt Chandler einmal geäußert hat im Bezug auf seine Krebserkrankung vor einigen Jahren. Als man bei ihm einen Gehirntumor festgestellt hatte, der sofort operativ entfernt werden musste, hat man ihm gesagt, dass es zu einer Einschränkung in der kognitiven Fähigkeit kommen kann. Oder, wie er es zumindest verstanden hat, dass er danach vielleicht weniger gut Denken kann.
Was dazu führte, dass er verzweifelte, weil er dachte: „Denken ist so ziemlich die einzige Fähigkeit die ich habe.‟
Was nicht uninteressant, oder total abwegig ist, für jemanden wie mich, der die meiste Zeit seines Tages mit Denken und Ideen-haben verbringt. Und dann hat mich ein sehr enger Freund kurz vor Weihnachten, unabhängig von dem Zitat, mit der Frage konfrontiert: „Woher nimmst du deinen Wert, Marcus, wenn du nicht mehr denken kannst?‟
Diese Frage hat mich ein wenig aus der Bahn geworfen. Es ist nicht so schwer für mich, die sklavische Abhängigkeit von unserer Kultur gegenüber sexueller Erfüllung zu erkennen und aufzuzeigen; auch Machthunger und Geldgier sind Probleme, die mir recht schnell ins Auge fallen, weil ich zum Einen nie besonders viel Geld hatte, und zum Anderen für den Machtlosen die Mächtigen immer mit einem gewissen Markel behaftet sind. Kurz: Es ist nicht schwer für mich, zu sehen, wo Fehler liegen, solange es nicht meine Eigenen sind.
Paul Gerhardt erinnert mich momentan an jedem Morgen daran, dass auch unsere Fähigkeit zu denken und zu Grübeln nichts ist, das wir aus uns heraus aufbringen. Nichts, das uns aus uns heraus Wert gibt. Wenn ich mein Leben daran hänge, ständig interessante Ideen zu haben und teilen zu können, scheint es mir ein sehr fragiles Leben zu sein.
Nicht aber, wenn ich mein Leben auf den Gott werfe, der mir diese ganzen Fähigkeiten gegeben hat. Es ist interessant zu sehen, dass die begabten Menschen ihre eigenen Gaben meistens als total natürlich betrachten, und die Gaben anderer als etwas völlig Fremdes, als das, was man eigentlich haben will, was einen wirklich glücklich machen würde.
Und dabei sehen wir zu sehr auf die Gaben, die wir haben oder haben wollen, und zu wenig auf den Geber. Wir hoffen, dass uns Fähigkeiten und Expertise dazu führen, dass wir am Ende wissen, wer wir sind. Aber das alles ist zu fragil, zu wenig standhaft, als das es uns auf Dauer wirklich sagen könnte, wo wir das Paradies Lost wiederfinden.
Das ist, warum am Ende meines Denkens und Meditierens, meines Hoffens und Lernens, nicht ich stehe, sondern ein Gott, der gibt und wieder nimmt.
Was mich auch dazu drängt, dass ich die Gaben in mir, und die in meinen Freunden und Bekannten, mehr wertschätzen will. Und zwar nicht um der Gabe willen, nicht weil es mich an sich so sehr fasziniert, wie man Fingerpicking Gitarre spielen kann (weil ich es nicht kann), sondern weil ich durch die Gaben, durch das Schönheitsschaffen, den Schöpfer sehen will, der gibt, der nimmt, und der am Ende da steht, mit offenen Armen, und sagt: „All das sagt dir nicht, wer du bist. Ich sage dir, wer du bist. Du. Bist. Mein.‟
Was mich ruhig macht.
Und deswegen lobe ich den Herren.

God Bless,

Restless Evangelical

Sonntag, 11. Januar 2015

Vier Plus 1 am Sonntag – 11.01.2014


Mit dem Beginn des neuen Jahres will ich auch wieder anfangen, mit euch einige Artikel zu teilen, die ich in der vorausgehenden Woche bewegt haben.

A. Benjamin L. Corey sagt manches, dem ich nicht zustimme. Aber es sagt selten etwas, das ich nicht nachdenkenswert finde. Vielleicht liegt es daran, dass er sich auf der selben Reise befindet wie ich, und diese 5 Kritikpunkte an der progressiven Bewegung in Amerika (vor allem) finde ich besonders bezeichnend.

B. Newsweek hat einen Artikel veröffentlicht, der sich daran macht, die Evangelikalen mal wieder als vollkommen hirnverbrannte Idioten darzustellen. Ich bin Michael Kruger sehr denkbar, dass er sich an die Arbeit gemacht hat, aufzuzeigen, dass dieser Artikel nicht nur extrem voreingenommen ist (das sind ja die meisten von uns), sondern vor allem voller Fehler. Ich hoffe bloß, dass der Autor eine lange Tradition von Schriftgelehrten anführen kann, die seinen Artikel wieder und wieder kopiert haben; wenn die Fehler nicht darauf zurückzuführen sind, scheint mir dieser Artikel der Sargnagel für die „Es ist Weihnachten, lass uns zeigen, auf welchem schlüpfrigen Grund das Christentum steht‟-Artikel zu sein.

C. Die Freizeit, bei der ich über Silvester mitgearbeitet habe, hat dieses Video so gefeiert. Nicht sagt: „This is fun!‟ so sehr, wie mit 44 Leuten Lots Wife zu tanzen. Have fun, guys. Have fun!

D. Ich kämpfe noch mit mir, ob ich mir nich Bavincks Dogmatik anschaffen sollte, und dieses Projekt von Derek auch durchziehen. Ich habe schon von seinen Gedanken im letzten Jahr enorm profitiert, wieso nicht auch von dem Werk, das die Gedanken hervorgerufen hat? Zumindest die Gründe, die er nennt, scheinen mir einleuchtend.


Und einen zum Schluss: Josh Wilsons Cover von „Let it Go‟ ist nicht nur wirklich großarig, sondern lässt auch mein Frozen-liebendes Herz höher schlagen! Was für ein großartiger Film!

Dienstag, 6. Januar 2015

Davon die Alten sungen... (05.01.2014)


Paul Gerhardt – Lobet den Herren #1

Gib, dass wir heute,
Herr, durch dein Geleite,
auf unsern Wegen
unverhindert gehen,
und überall in deine Gnade stehen.
Lobet den Herren.‟

Wenn ein neues Jahr beginnt, dann liegen viele Wege vor uns, die zu gehen sich lohnen würde, deren Ziel wir nicht immer erkennen, oder deren Schwierigkeiten sich noch im Nebel verborgen sind. In diesem Sinne nutzen viele das neue Jahr gerne, um sich gute Vorsätze zu formulieren; diese sollten, so man sie denn einhält, dienen als Navigationssysteme, um die Wege zu bewerten, die sich vor einem ausbreiten.
Wenn auch der Brauch eigentlich schön sein mag, ist er zu einem Klischee verkommen; Kitsch, bei dem man halbbetrunken Allgemeinplätze in sein Sektglas nuschelt, oder auf eine Serviette schreibt, weil man es so macht, aber weil einem die Kreativität oder die Ambitionen fehlen, etwas wirklich Konkretes aufzuschreiben.
Dieses Jahr will ich abnehmen.
Oder besser noch: Ich will mit meinem Partner gemeinsam abnehmen.
Oder besser noch: Ich will meinen Partner ermutigen, für mich abzunehmen.
Und dann brechen wir schon wenige Stunden später, was wir uns vorgenommen haben, wenn wir abgefeiert von der Silvesterparty kommen und noch einmal bei Burger King Halt machen, um den kleinen Hunger zu bekämpfen.
---
Deswegen wird mir jetzt, nach 5 Tagen im neuen Jahr, deutlich, wie unbewusst segensreich es war, mir Lobet den Herren als Lied für die Stille Zeit in diesem Monat zu suchen. Nicht nur, weil es voller Danksagung ist, sondern, weil es den einen guten Vorsatz enthält, den ich mir in diesem Jahr wirklich hinter die Ohren schreiben will.
Gottes Gnade wirken lassen.
Dann stehe ich hier am Anfang des Jahres, und vor mir entfaltet sich eine Landkarte, voller schwieriger Entscheidungen und vor allem voller Rückschläge, für die ich jetzt noch gar keine Worte habe, weil ich mir ihrer noch gar nicht bewusst bin. Aber mit Gottes Gnade vor, und neben, und hinter mir auf diesem Weg, finde ich den Mut, ihnen zu begegnen.
Nicht, dass ich mich auf Schwierigkeiten freue. Vielmehr bete ich (singend), jeden Tag, dass Gott die Wege, für die ich mich entscheide, eben sein lässt, dass ich unverhindert gehen kann, welcher Weg auch immer es sein wird. Und je länger ich mit Gott unterwegs bin, desto mehr werde ich mir bewusst, dass er genau dieses Gebet öfter beantwortet, als es mir wirklich bewusst wird.
Wie mein Rückenmark, dass mein Herz schlagen lässt, und meine Atmung funktionieren, ohne dass ich mir dessen wirklich bewusst bin, ebnet er mehr Strecken des Weges, als ich mir wirklich vor Augen führe, und vor allem weit mehr, als ich ihm meine Dankbarkeit gegenüber äußere.
Aber die Schwierigkeiten werden auch kommen, die Unwegbarkeiten, in diesem Jahr. Und in denen besonders, ebenso wie in den Ebenen, will ich auf Gottes Gnade vertrauen, dass sie mich umfängt, und dass ich sicher sein kann, dass sie mich an das Ziel bringt, das Christus ist, wartend, Herrlichkeit, Ewigkeit.
Das ist dann mein guter Vorsatz: Mehr vertrauen. Der Gnade mehr Raum geben. Mehr Christus ähnlicher werden.
Die Wege, die mich dahin führen, kann ich noch nicht sehen, doch ich gehe blind, aber vertrauend, an der Hand dessen, der den Weg schon vor mir gegangen ist.
Und dafür Lobe ich den Herrn.

God Bless,

Restless Evangelical