Donnerstag, 15. Januar 2015

Gelesen & geschätzt #22


Episodenfeuerwerk wohin?

Rezension zu: Zwei an einem Tag, Universal Pictures 2012; Hauptrollen: Anne Hathaway, Jim Sturgess, ca. 103 Min

Mit dieser Ausgabe von „gelesen & geschätzt‟ begebe ich mich auf unbekanntes Terrain; oder besser: Terrain, in dem ich weder offiziell noch eingebildet eine große Expertise auffahren kann. Während mich mit Literatur jeglicher Art die Leidenschaft des Autodidakten verbindet, genieße ich Filme zwar sehr, kann aber nicht sagen, dass ich einen tieferen Einblick in seine Produktion und die Denkarbeit habe, die hinter einem Film stehen.
In diesem Sinne bin ich mir bewusst, dass diese Rezension zu Zwei an einem Tag sehr laienhaft ist, und auf tiefere cinematographische Zusammenhänge nicht eingeht, aus dem einfachen Fakt heraus, dass ich es gar nicht kann.
Und dennoch konnte ich nicht widerstehen, als ich den Film vor einigen Tagen im Angebot erstehen konnte, ihn mir anzuschaffen; nicht zuletzt, weil der dazugehörige Roman (auf den sich die Verfilmung stützt) zu den besten Büchern gehört, die ich in langer langer Zeit gelesen habe.
Zu einer grundsätzlichen Weichenstellung: Ich gehöre nicht zu der Art von Buchverfilumg-Konsumenten, die nur dann jubelnd aus dem Film geht, wenn selbst die Dialoge eins zu eins aus dem Buch übernommen wurden. Dafür brauche ich nicht ins Kino zu gehen. In Hunger Games II hat mich das sogar dazu veranlasst, den Film zu wechseln, weil der Film zu nah am Buch war.
Ein Film, der sich ein Buch zur Grundlage nimmt, sollte eine gute Interpretation des Stoffes darstellen, vielleicht einen Blickwinkel zur Geschichte öffnen, der mir beim Lesen entgangen ist. Da David Nicholls höchstselbst das Drehbuch für diese Verfilmung verfasst hat, waren meine Erwartungen recht hoch.

Auswahl des Stoffes: erstklassig
Was zuerst beim Film auffällt, ist die Stoffauswahl, die zwingendermaßen getroffen werden muss. Zwei an einem Tag lebt aus der Vielzahl alltäglicher Begegnungen, die einen Einblick in das Leben der Protagonisten Em und Dex bietet, und gleichzeitig ihre Gefühle füreinander beleuchten. Dabei ist die Frage, die den Leser treibt, ob sie am Ende zueinander finden oder nicht.
Entsprechend muss ein Film, der nicht in einen Dreiteiler zerstückelt werden will (ja, Hobbit, ich rede mit dir, Shame on you!) immer eine Auswahl treffen, was für die Geschichte unabdingbar ist, und was nicht. Mit dem Autor des Originalwerkes ist als Drehbuchautor natürlich ein Mann am Werk, der dafür bestens gerüstet ist. Und entsprechend habt mich die Auswahl der Szenen und Geschichten wirklich überzeugt. Bewegende, aber zweitrangige, Szenen wir die kurze Affäre von Emma mit ihrem Chef werden ausgelassen, um den bewegenden Schlussszenen mehr Zeit und Raum zu lassen. Die wichtige „Hinterhofszene‟, in der Emma ihrem Dexter zum ersten Mal die wichtigen drei Worte „Ich liebe dich‟ sagt, ist wunderbar in Szene gesetzt und nimmt die Atmosphäre des Originals gut auf.
Besonders aber die Darstellung der Szenerie zwischen Dexter und seiner Mutter hat mir einen neuen Zugang zur Zentralität dieser Beziehung für die Entwicklung der Geschichte gegeben. Es mag an der hervorragenden Darstellung dieser Figuren durch Jim Sturgess und Patricia Clarkson liegen. Aber der Verlust der Mutter als zentrales Ereignis für Dexters Entwicklung, auch seine enge Beziehung zu ihr, wurde mir durch den Film deutlicher als durch das Buch, was ihn wertvoll macht für jeden, der den Roman schon gemocht hat.

Darstellung der Figuren: überzeugend
Was mich zu einem der Hauptfeatures des Filmes führt: Den Darstellern. Ich bin länger schon ein Fan von Anne Hathaway als Schauspielerin, in die brilliert in diesem Film in der Rolle von Emma Morley. Auch Jim Sturgess zeigt eine besondere Bandbreite an Eindrücken, die ich mir nicht einfach zu spielen vorstelle. Gerade Dexter macht in der Geschichte ja eine starke Entwicklung durch, wobei gleichzeitig sein Charakter immer erkennbar bleibt. Sturgess leistet gerade dabei einen ausgezeichneten Job, die Divergenz und die Kontinuität der Gestalt darzustellen.
In diesem Sinne ist mir Dexter durch den Film als Figur sogar näher gegangen als im Buch. Nach dem Lesen war ich Dexter gegenüber äußerst skeptisch, habe ihn als Figur vor allem akzeptiert, weil er für die Geschichte gebraucht wurde. Der Film hat mir geholfen, ihn als Getriebenen, Suchenenden mehr zu verstehen.

Gesamteindruck: passabel
Und dennoch ringe ich mich nicht dazu durch, dem Film eine volle Punktzahl zu geben. Er hinkt nämlich an einer entscheidenden Stelle.
An anderer Stelle habe ich dafür plädiert, dass das große Thema der Geschichte ist, dass Em und Dex schrittweise erkennen, dass sie ohne einander nicht komplett sind, und gleichzeitig lernen müssen, gerade damit zu leben. In diesem Sinne ist das Buch ein Gesellschaftsportrait meiner Vorgängergeneration, die die Frage bewegte, wie Partnerschaft und Individualität (besser: Individualismus) zusammenpassen. Der Charme von Nicholls Geschichte liegt dabei in der Sympathie, die der Leser für die Protagonisten leicht aufzubringen imstande ist, und gleichzeitig in der Alltäglichkeit, die sich in die Leben einschließt. Der Geschichte fehlt auf eine erfrischende und liebevolle Weise das Pathos, das junge Literatur sonst auszeichnet; Sturm und Drang ist der Geschichte eigentlich fremd.
Bei allem positiven und begeisternden, was ich über den Film zu sagen habe, fehlt ihm aber genau dieser Aspekt der Geschichte. Er begnügt sich damit, die zentralen Szenen der Geschichte mit überzeugenden Darstellern auf die Bühne zu bringen. Dabei fehlt dem Zuschauer – ohne den Roman als Rückenwind – manchmal allerdings der größere Zusammenhang der einen Szene und der anderen.
Die großen Situationen der Geschichten sind vorhanden, rühren zu Tränen, lassen den Zuschauer mit Nachdenklichem zurück.Und wem ein 544 Seiten Buch zu viel Respekt einflößt, um sich der Geschichte hinzugeben, dem sei diese Verfilmung wärmstens ans Herz gelegt.
Wirklich überzeugen konnte sie mich deswegen nicht, weil sie die wirkliche Brillianz der Geschichte nicht auf die Leinwand zu bringen vermag. Dabei hinkt die Verfilmung an ihrer eigenen Zielsetzung: die Frage ist, ob sich diese Form von Nonchalance und gleichzeitig atmosphärischer Dichte in Film und Bild darstellen lässt.
Mit meiner Bibliophilie sage ich gerne: Nein.
Nur, das zu beurteilen sei denn jedem selbst überlassen.

God Bless,


Restless Evangelical

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen