Mittwoch, 14. Januar 2015

II. Politischer Mittwoch


Religion und pluralistischer Dialog

Da haben wir es mal wieder. Der Islam hat seine dunkle Seite gezeigt, Mord und Totschlag in die Freiheitlichkeit unserer westlichen Welt gebracht. Jetzt sind wie alle #Charlie.
Aber ist es nicht so, machen sich schnell andere Stimmen Luft, dass Religion an sich dem pluralistischen Dialog abträglich ist. Wie kann man, ist die Frage, mit Menschen in Gemeinschaft leben, die von sich behaupten, die absolute Wahrheit gepachtet zu haben? Wie man sich vorstellen kann, habe ich an solchen Sätzen zu knabbern, weil es ja genau mich bezeichnet.
Ja, ich glaube, dass es absolute Wahrheit gibt, und irgendwie bin ich auch überzeugt davon, von ihr gefunden worden zu sein.
Ja, ich denke, dass ich fähig bin, in den pluralistischen Dialog zu treten.
Es gäbe verschiedenste Quellen, die ich jetzt für diese Äußerungen heranziehen könnte. Exemplarisch sei ein Satz aus einem, ansonsten recht soliden Kommentar von Heribert Prantl in auf Süddeutsche Online kurz nach den Anschlägen zitiert: „Deutschland muss Vielfalt akzeptieren.‟ Die These, die er darin ausspricht ist:

„Kein Blatt, keine Institution und auch keine Religion ist Hort der absoluten Wahrheit. Wer sie behauptet und anderen überstülpen will, zerstört die Grundlagen des Zusammenlebens.‟

Wobei ich in meinem Kommentar nicht auf die offensichtliche Doppelmoral hinweisen will, diesen Satz mit solch pathetischer absoluter Brillianz hinzustellen, und sie gleichermaßen allen Andersdenkenden abzusprechen.
Mehr noch hat sich mir die Frage aufgedrängt, ob absolute Wahrheit, und das Festhalten an dergleichen, dazu führt, dass man unfähig wird, in den pluralistischen Dialog zu treten, der grundlegend ist für unsere Gesellschaft.
Können, anders ausgedrückt, traditionell-spirituelle Menschen gute Staatsbürger sein?
Nicht nur sehe ich keinen Grund, warum sie es nicht können sollten, sondern es scheint mir ebenso möglich zu sein, dass Religion sogar zum pluralistischen Dialog unersetzbares beiträgt.

Wieso wir gute Staatsbürger sein können.
Ich finde es interessant, dass die Wortkombination absolute Wahrheit je nach Kontext in (post-)modernen Menschen dieses westlichen Europas entweder eine Ekel- oder Hochgefühl auslösen können.
Dafür müssen wir zeitlich nur zum letzten Friedensnobelpreis zurückgehen und die beeindruckende junge Preisträgerin Malala Yousafzai betrachten. Ihr Überzeugung lässt nichts an Absolutheit mangeln. Zumal wir uns sicher sind, dass es eine Wahrheit ist. „Frauen‟, sagt ihr kurzes Leben bis heute, „haben ein natürliches Recht auf Bildung und Gleichstellung.‟ Und sie war bereit, für diese Wahrheit ihr Leben zu lassen, was wundersam verschont wurde (wer kann von sich behaupten, eine Kugel im Kopf gehabt zu haben, und doch weiterzuleben?). Und wir alle klatschen, wenn diese 17-jährige in ihrem traditionellen, bunten Gewandt aufsteht, weil sie mutig war, weil sie für Wahrheit eingestanden ist, und weil sie sicher ist, dass diese Wahrheit allgemein gültig ist.
Hat Malala Yousafzai eine absolute Wahrheit entdeckt? Ich bin sicher, dass Herr Prantl klatschend zustimmen würde.
Nur problematisch wird es, wenn religiöse Menschen das von sich behaupten. Dabei missachtet er, dass Religion ein grundsätzlicher Bestandteil des Menschseins ist. Nicht nur historisch, sondern auch gegenwärtig ist es der Normalzustand gewesen, eine transzendente Wirklichkeit anzunehmen. Der Atheismus an sich ist eine sehr junge Bewegung, zumal auch sie nicht umhinkommt, sich durch ihre Haltung zur Transzendenz zu definieren, eben ihrer extrem Ablehnung.
Absolute Wahrheit, und die Inanspruchnahme derselben, gehört nicht nur zum Menschen dazu, sondern auch zum modernen Staat an sich. Zumal häufen sich die Stimmen namhafter Denker, die zu einer neuen, besseren, offeneren Streitkultur aufrufen. In der gleichen Veröffentlichung wie der Kommentar von Herrn Prantl, sagt ein Professor für Völkerverständigung aus München:

Wir brauchen mehr Streit in Demokratien. Ich bin nicht froh über die Positionen, die Pegida vertritt. Aber sie sind ein Zeichen dafür, dass wir uns auseinandersetzen. Es braucht Streit und Abgrenzung von genau diesen problematischen Positionen, damit Demokratie vital ist.‟

Absolute Wahrheit bedeutet an sich noch lange nicht die Unterdrückung anderslautender Wahrheiten. Sie bedeutet erst einmal, dass man das nötige Selbstbewusstsein hat, seiner Überzeugung von Individuums- und Kulturübergreifenden Normen und Werten Ausdruck zu verleihen. So schreibt Herr Prantl selbst:

„Eine aufgeklärte Gesellschaft ringt miteinander um den Ausgleich von Rechten und Werten. Dieses Ringen ist anspruchsvoll.‟

Wofür er meine Zustimmung bekommt. Genau das ist die Grundlage einer pluralistischen Gesellschaft, und genau darin scheint mir das größte Gut für die meisten Menschen zu liegen. Aber um ein Ringen zu haben, muss man sich der Übergeordnetheit von Werten bewusst sein, und diese auch vertreten. Absolute Wahrheit ist also unabdingbar für eine pluralistische Gesellschaft, weil durch ein relativistisches Duckmäusertum keine hart erkämpften, aber allgemein-gültigen Positionen zustande kommen. Es führt eher zu eben jeder Politikverdrossenheit, die man meiner Generation heute gerne vorwirft.
Nicht ein Mangel an absoluten Wahrheiten ist also die Lösung, sondern eine neuer Mut zu genau diesen.

Wieso wir vielleicht sogar bessere Staatsbürger sein können.
Wobei, das ist klar, verhindert werden muss, dass sich Wahrheit als unterdrückend aufspielt, als einzige Alternative. In diesem Sinne muss, und da haben wir alle viel zu lernen, Wahrheit ein Gentlemen sein, der sich nicht aufdrängt. Meinungsfreiheit und pluralistischer Dialog bedeutet eben auch das Recht, Unrecht zu haben, an falscher Vorstellung festzuhalten – und die Bewertung, wer woran festhält, ist dann jedem Individuum und jeder Gruppe selbst überlassen. Es muss nur stehen, dass man genau das vertreten darf.
Entsprechend schwierig scheint mir der Satz zu sein, Rassismus sei keine Meinung. Mehr scheint es mir ein Problem zu sein, dass er genau das ist, eine Meinung. Dass er als Meinung immer noch existiert, auch Jahrhunderte nach der Aufklärung, scheint mir ein Problem zu sein; und die Lösung dafür nicht in der Unterdrückung der Meinungs-halter zu liegen, sondern in einem mehr von Bildung, einem mehr von Dialog, einem mehr von Aufklärung.
Jetzt scheint es mir ziemlich deutlich, dass der pluralistische Dialog nicht nur absolute Wahrheiten braucht, um wirklich zu funktionieren, sondern dass gerade die Religion eigentlich die besseren Voraussetzungen für ihn bildet, als ein naturalistisches Weltbild.
Um das zu sagen braucht es natürlich eine umfassende Definition von Religion. Aber wenn wir es einfach halten, und in Religion erst einmal das Bewusstsein der menschlichen Abhängigkeit von der transzendenten Wirklichkeit verstehen, dann scheint mir darin genau jene Balance zwischen Mut zur absoluter Wahrheit und relativistischer Bescheidenheit zu liegen, die einem fruchtbaren Dialog förderlich sind.
Der religiöse Mensch weiß, oder hat zumindest eine Grunderkenntnis davon, dass er noch nicht am Ende ist. Ist es doch gerade die Definition von Transzendenz, dass es ein mehr hinter dem gibt, was vor Augen liegt. Hinter dem vor uns liegenden Horizont erkennen wir die verlockende Möglichkeit, mehr zu erfahren, mehr zu lernen.
Das ändert nichts daran, dass wir unsere aktuellen Überzeugungen haben, vertreten, verteidigen, wenn es sein muss. Sie sind ja auf eine Weise zustande gekommen, die Gegenwart, Tradition und Zukunft aufs innigste miteinander verbindet, und gibt uns ein Gefühl davon, was es bedeutet, Mensch zu sein, nicht mehr nur Individuum, auch nicht nur Deutscher oder Franzose oder Grieche, sondern Mensch.
Aber wie die Reformatoren davon sprachen, dass die Kirche eine sein muss, die sich ständig reformiert, die in dem Bewusstsein lebt, dass wir auf den Schultern derer stehen, die vor uns gegangen sind, und wir deswegen mehr Erkenntnisse haben können als die Generationen, von denen wir gelernt haben, so lebt der religiöse Mensch im pluralistischen Dialog genau in der Spannung, zwischen dem absoluten Anspruch, Wahrheit erkannt zu haben, und der Erkenntnis, dass ein mehr durchaus möglich ist.
Diese Fähigkeit geht dem Naturalismus an sich ab. Er erkennt, naturwissenschaftlich, ein für alle Mal. Ein Hinterfragen, eine relativistische Bescheidenheit kann ihm im eigentlichen Sinne nicht zu eigen sein. In diesem Fall ist sein Bekenntnis zur Freiheit zumindest logisch nur ein Lippenbekenntnis. Denn alle Meinungen, die sich mit seinen „Ergebnissen‟ nicht decken, sind keine Meinungen, sondern Unsinn.
Womit ich nicht behaupten will, dass nur religiöse Menschen gute Staatsbürger sein können. Mehr will ich der Grundannahme entgegen treten, Religion würde den pluralistischen Dialog irgendwie schwieriger machen. Denn das scheint mir, im Anbetracht der gegenwärtigen Realität, nicht wirklich den Tatsachen zu entsprechen.
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Es stimmt, trauriger Weise, dass Religion immer und immer wieder benutzt wurde, um Gewalt zu rechtfertigen. Ebenso, im Übrigen, wie jede andere Weltanschauung dafür benutzt wurde. Vielleicht sollten wir, anstatt ein Lippenbekenntnis zur Freiheit abzulegen, langsam anerkennen, dass der Mensch an sich zu grauenhaften Dingen fähig ist, und bereit, dafür alles zu pervertieren, wenn es sein muss;
und gleichzeitig die Bescheidenheit haben, dass wir bestimmte Dinge als wahr, richtig und gut erkannt haben (die Unantastbarkeit der Menschenwürde, als Ausgangspunkt), aber in Zukunft vielleicht mehr erkennen werden.
Weil wir noch nicht am Ende sind.

Mit freundlichen Grüßen,


ein religiös-engagierter Bürger.

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