Freitag, 16. Januar 2015

Nehmt euch kein Zimmer!

Mission und „Auf den Wecker gehen‟ im Zusammenhang

Auf diesem Blog habe ich oft versucht, deutlich zu sein, dass ich „Mission‟ - das Mit-Anderen-Teilen meiner Weltanschauung – für einen zentralen Aspekt der evangelikalen Spiritualität halte; und, wenn ihr es so wollte, eigentlich für die ganze christliche Spiritualität der letzten 200 Jahre. Das war nie ein Geheimnis.
Am Mittwoch habe ich versucht, einige Gedanken mit euch zu teilen bezüglich der Frage, ob absolute Wahrheit in irgendeiner Weise mit dem pluralistischen Dialog kollidiert. Ein lieber Freund, dem ich den Artikel vorher zur Durchsicht geschickt habe, hat mir dazu allerdings eine Frage gestellt, der ich mich seit Mittwoch ein wenig gewidmet habe.
Die Frage war, ob das eigentliche Problem nicht ist, dass Menschen von deiner Religion in Ruhe gelassen werden wollen. Vielleicht ist das Problem, das so gerne mit den Begriffen „absolute Wahrheit‟ beziffert wird, gar nicht eigentlich „absolute Wahrheit‟, sondern „religiöse Wahrheit‟. Wir haben in unserer Gesellschaft den Schritt gemacht, Religion zur absoluten Privatsache zu erklären. Wenn du, sagt man, ein Gespräch nicht verderben willst, dann sprichst du zwei Dinge nicht an: Politik und Religion. Eine Haltung, die es eigentlich nur in unseren westlichen Staaten gibt. In Indien, habe ich die Erfahrung gemacht, ist ein Gespräch ohne diese beiden Themen gar nicht wirklich möglich. Aber für uns gilt, was David Nicholls etwas ironisch in seinem neuen Roman schreibt:

„I wish I could say the alcohol made things go with a swing. Over a dinner of fatty pork, tlak somehow turned to immigration policy because, famously, nothing brings people together like the subject of immigration.‟ (Nicholls, David, Us, London: Hodder & Stoughton 2014, S.171)

Und wir können gerne ergänzen: Religion fällt in die gleiche Kategorie. Das liegt natürlich daran, dass Menschen unterschiedlicher Meinung sind, wie man dieses Wort zu füllen hat, was es eigentlich ist; und das Bekenntnis zu einer „privaten Religionsfreiheit‟ irgendwie schön klingt. Immer wieder höre ich dabei den Bezug auf eine Metapher, die voller archaischer Vorurteile steckt, um genau diesen Punkt, Privatheit und Religion, zu betonen. Ich halte diese Metapher für überholt, und die Zeit lange reif für eine neue, passendere, weniger subversive Metapher, wenn es um das Teilen meiner Weltanschauung geht.

Die alte Phallusmetapher, überholt.
Erst gerade, im Fahrwasser der hunderten von Worten, die geschrieben wurden, um auf das Trauma von Paris und Charlie Hebdo zu reagieren, habe ich sie an vielen verschiedenen Orten wieder gelesen, diese Metapher: Der Vergleich zwischen Penis und Religion.
Die Logik geht wie folgt:
Religion, sagt man, sei wie ein Penis. Es ist okay, einen zu haben, man darf auf gerne stolz darauf sein, aber man muss ihn nicht an jedem Platz und Ort herausholen und anderen Menschen damit auf den Geist gehen.
Was auf den ersten Blick recht witzig wirkt. Natürlich wollen wir nicht, dass so etwas immer und überall ausgepackt und herumgeschleudert wird. Also, wieso kann man Religion dann nicht auch in die privatesten Bereiche des Lebens schicken. Darin mögen sie ihre Kraft für das persönliche Durchhaltevermögen entfalten. Aber am Stammtisch, beim Dinner und in den Fußballvereinen hat sie keinen Platz.
Etwas pietätsvoller hat es vor einigen Tagen ein Columnist der New York Times formuliert, wenn er schreibt:

„I support the right of people to believe what they do and say what they wish — in their pews, homes and hearts. But outside of those places? You must put up with me, just as I put up with you.‟

Aber hier ist der Punkt, warum ich diese Gedanken für überholt halte. Die Süddeutsche schrieb vor einigen Wochen, als die CSU den unseligen Vorschlag machte, Immigranten sollten auch Zuhause deutsch sprechen müssen, dass die Sprache „[n]eben der Herkunft, dem Glauben und der Sexualität ist sie der wichtigste Teil der Identität eines Menschen.‟
Das scheint mir eine solide Vermutung zu sein, um darüber nachzudenken, wie die eigene Identität sich in einer multikulturellen Gesellschaft ausbildet. Dazu muss man sagen, dass diese verschiedenen Aspekte sich nicht bei jedem Menschen gleichstark ausbilden. Es mag Menschen geben, die sich ihrer Identität sehr sicher sind, ohne über ihre religiösen Überzeugungen jemals reflektiert zu haben.
Für einen religiösen Menschen ist die Forderung, seinen Glauben einzig im privaten Kreis auszudrücken, allerdings wie die Forderung gegenüber einem Iraner, in der Öffentlichkeit kein Farsie zu sprechen, oder von Stephen Hawkins zu fordern, nicht immer so schlau daher zu reden.
Und das ist, mit Verlaub, eine lächerliche Forderung. Die Phallusmetapher, die dafür gerne verwendet wird, kann man auf jede einzelne dieser vier Identitätsmerkmale anwenden, und sie würde immer „passen‟, wobei uns bei den anderen dreien schnell deutlich wird, wie wenig praktikabel das eigentlich ist.
Bildung ist wie...‟; „Deine Familie ist wie...‟; „Deine Sprache ist wie...‟ usw.
Niemand würde das fordern, weil es bedeuten würde, seine eigene Person hinter sich zu lassen, zuhause im Schrank einzusperren, und auf dem öffentlichen Feld zu einem entpersonifizierten Teil einer Gemeinschaft zu sein, ohne Erkennungsmerkmal.
Als vor fünf Jahren meine Abiturzeitschrift erschien, hat ein Freund, der nicht in meinem Jahrgang war, und eine andere religiöse Überzeugung als ich hat, meine Charakterisierung gelesen und meinte danach zu mir: „Aber Marcus, das bist du nicht.‟ „Wieso?‟, habe ich zurück gefragt. Und er meinte: „Da steht nichts über deinen Glauben drin.‟ Was es, denke ich, ziemlich gut auf den Punkt brachte.

Eine neue Beziehungsmetapher, vorgeschlagen.
Was bedeutet es also, wenn ich für das Recht eintrete, seine Glaubensüberzeugungen auch im öffentlichen Raum vertreten zu dürfen? Möchte ich für die Leute sprechen, die sich beim Christopherstreet Day mit bunten Schildern und Levitikus-Zitaten hinstellen? Denn das ist ja so ziemlich der Stereotyp, den man sich vorstellt, wenn man „Mission‟ hört. Es ist das aufzwingen eines Gesprächs, das der Bezwungene gar nicht will.
Das ist aber weniger, worauf ich eigentlich hinaus will.
Viel mehr möchte ich dafür eintreten, dass Gott etwas Normales wird für unsere Gespräche.
In den letzten Wochen habe ich eine Beobachtung gemacht, die das verdeutlichen mag. In meinem Umfeld haben nach langer Suche zwei junge Männer endlich diese eine Frau kennengelernt. Einer davon gehört zu meinem engsten Freundeskreis, während der Andere ein entfernter Bekannter ist. Aber wenn man ihnen in Gegenwart ihrer Freundin begegnet, dann wird schnell klar, dass sich etwas verändert hat. Die Atmosphäre ist irgendwie mehr gesättigt mit Zufriedenheit und Ruhe. Der Ausdruck dafür, scheint mir, eine kleine Geste zu sein, die ich bei Beiden gesehen habe. In dieser Geste dreht sich die Hand des einen auf kaum merkliche Weise so, dass sie ergreifbar wird. Das mag völlig außerhalb des Blickfeldes des Anderen liegen. Aber es führt fast immer dazu, dass die Hand auch ergriffen wird, und selbst wenn die Bewegung nur unterbewusst wahrgenommen wurde.
Was ich, als Außenstehender, tatsächlich ziemlich süß fand.
Es ist ein sehr liebevolles Zeichen dafür, dass man zusammengehört und in einer gewissen Weise als Einheit wahrgenommen werden möchte. Und das ist öffentlich. Ich habe natürlich keine Ahnung, in wie weit diese Pärchen das auch in ihren privaten Stunden praktizieren, weil jede Situation, in der ich sie treffe, natürlich in einer Weise 'öffentlich' ist; weil ich nicht Teil dieser Einheit bin, sondern nur Beobachter.
Was aber auch ziemlich einem aufgezwungenen Gespräch gleichkommt. Ich habe nie darum gebeten, dass sie mir von ihrer Beziehung erzählen. Alleinstehend fühle ich mich vielleicht sogar zurückgesetzt: Bin ich dann weniger wert, weil ich diese Geste nicht mit jemandem teile?
Und der bekannte Spruch: „Nehmt euch ein Zimmer!‟ scheint greifbar nahe zu sein. Als ob eine Beziehung etwas ist, das man nur in seinen Privatgemächern lebt.
Aber auf eine empathische Weise will ich Zeuge genau von dieser Geste werden. Weil es nicht nur ein Bekenntnis zueinander ist, sondern weil es mich Teilhaben lässt an ihrem Glück; und dem, was sie als Menschen jetzt ausmacht.
Nehmt euch kein Zimmer!‟, bedeutet das, „weil ich euch kennenlernen will, und das Teil von eurer Identität ist.‟
Was natürlich nicht bedeutet, dass ich alle Paare dazu auffordern will, in einer RTLII-artigen Weise alle Aspekte einer Beziehung im öffentlichen Raum zu leben. Aber genauso wenig würde ich fordern, dass Paare ihre Beziehung zuhause lassen, und persönlichkeitslos in den öffentlichen Raum treten.
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Diese neue Metapher sagt mir etwas darüber, wie ich meinen Glauben auch in der Öffentlichkeit leben will. Er soll etwas Normales sein, weil er zu mir gehört, zu dem, der ich bin. Und nichts daran ist irgendwie schändlich oder falsch. Nichts daran sollte mich zu Scham führen. Es ist etwas Normales. Und für die große Mehrheit von Menschen weltweit gehört ihr Glaube zentral zu ihrer Identität, zu dem, wie sie sich selbst definieren.
Darüber zu reden muss nicht aufdringlich sein. Paare rennen auch nicht zu jedem Wildfremden und erzählen ihnen davon, wie ihr erster Kuss stattgefunden hat. Aber sie reden voneinander, was sie miteinander erleben, und dass sie zusammengehören.
Was für mich ein Vorbild sein soll, wie ich von Gott rede.
Ich hoffe, das hilft dabei, ein paar Dinge im öffentlichen Raum klar zu bekommen.

God Bless,

Restless Evangelical

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