Dienstag, 10. Februar 2015

Davon die Alten sungen... (10.02.2014)


Martin Luther – Aus tiefster Not schrei' ich zu dir #2

Darum auf Gott will hoffen ich, auf mein Verdienst nicht bauen.
Auf ihn mein Herz soll lassen sich und seiner Güte trauen,
die mir zusagt sein wertes Wort.
Das ist mein Trost und treuer Hort;
des will ich allzeit harren.‟

Irgendwie muss ich dazu durchdringen, Gnade zu verstehen.‟, hat mir vor einigen Wochen jemand gesagt, als wir über evangelikale Spiritualität geredet haben. Und ich habe mich über diese Erkenntnis gefreut, und mich gleichzeitig gezwungen gefühlt, dem Ganzen erstmal wieder einen Riegel vorzuschieben.
Steck dir dein Ziel nicht zu hoch. Ganz verstehen wirst du Gnade erst in der Ewigkeit.‟ Und wahrscheinlich werden wir die Ganze dafür brauchen, habe ich in Gedanken hinzugefügt.
Später habe dann gedacht, dass ich es doch lieber anders formulieren wollte.
Denn: Wie kann ich Gnade verstehen? Gnade ist das Unverstehbare, das Unerreichbare, das Unverdiente, und das immer gegen meinen Verstand gehende an Gottes Vergebung.
Ich habe sie nicht verdient, diese Gnade.
Und gerade deswegen gibt sie mir Wert, und Identität, und Herrlichkeit.
Eine Gnade, die ich verdienen würde, um die ich meinen Verstand wickeln könnte, schön verpackt und eingebunden in meine Tasche stecken, wäre keine Gnade mehr, die mich von innen heraus veränderte; einfach auf Grund ihrer Andersartigkeit und ihrer Unbegreifbarkeit.
Ich? Wirklich? Wieso?
Faszinierend finde ich deswegen, dass ich in diesem Monat nicht jeden Morgen singe, dass ich Gnade verstehen will. Aber ich will sie mir „zusagen‟ lassen. Manchmal ist es wichtig, dass eine Wahrheit laut ausgesprochen wird, dass sie nicht stecken bleibt im Kopf. Aber beim Zusprechen geht es dabei um mehr. Denn dabei geht es um eine Gegenseitigkeit.
Ich spreche jemand anderem etwas zu, oder jemand spricht mir etwas zu. Zusprechen kann man nicht alleine.
Und deswegen muss ich in Gemeinschaft mit dem Wort Gottes sein, um Gnade zugesprochen zu bekommen. Gnade kann ich nicht verstehen, nicht durchdringen, indem ich mehr und mehr in mir selbst versinke und versuche, mich zu verstehen.
Gnade bekomme ich zugesprochen an dem Ort, wo ich der Quelle der Gnade begegne, wo er sich zeigt. Was nicht zuletzt auch damit zusammen hängt, dass ich im Wort Gottes den Spiegel vorgehalten bekomme, wieso ich Gnade eigentlich so bitter nötig habe.
Denn die Tage spalten sich ja meistens auf, in solche Tage, in denen wir nicht wissen, woher wir die Gnade bekommen sollen, die wir so dringend brauchen. Darin gibt uns das Wort Gottes Zuflucht, dass es uns die Gnade vor Augen malt. „This is amazing grace, this is unfailing love, that you would take my place, that you would bear my cross.‟, sing Jeremy Riddle. Das ist sie, dort am Kreuz hängend, das ist die erstaunliche Gnade.
Die anderen Tage scheinen normal zu sein: Wieso sollte ich Gnade brauchen, es ist doch nur der Alltag.
Aber in der Begegnung mit diesem Jesus, der so gerecht ist, so viel mehr als ich es jemals sein könnte, erkenne ich, wieso ich Gnade brauche. Begnadigt sehne ich mich danach, durch seine Gnade mehr dahin zu wachsen, wie er ist. Ihn widerzuspiegeln.
Vor einigen Monaten habe ich einen Pastor sagen hören, dass er sich wünscht, dass die Leute in seine Gemeinde sehen, und nicht viele verschiedene, eigenwillige Menschen, sondern viele Menschen auf dem Weg, wie Jesus zu werden.
Aber wenn ich die Perfektion in Jesus erkenne, erkenne ich auch, dass ich dafür Gnade brauche.
Und die finde ich nicht, dessen werde ich mir nicht sicher, wenn ich sie mir nicht zusprechen lasse. Jeden Tag.
Darum will ich zum Herrn rufen.

God Bless,

Restless Evangelical

Freitag, 6. Februar 2015

Darf ich das sagen?


Unfertige Gedanken über die Freude, Wahrheit auszusprechen

Vor einigen Tagen habe ich eine interessante Beobachtung gemacht. Ich war mit einem lieben Freund im Kino, und danach noch in einer Bar. Unser Gespräch drehte sich um den Film, den wir gerade gesehen haben (The Imitation Game – große Empfehlung!) und von da aus haben wir über Gesellschaft und Philosophie schwadroniert, und worüber idealistische Studenten eben so reden.
Ich kann gar nicht mehr genau rekapitulieren, worüber wir genau geredet haben, als ich einen Gesprächsfaden aufnahm, den mein Freund gerade fallen gelassen hatte, und noch bevor ich meinen Gedanken aussprechen konnte sagte er: „Warte, warte, warte. Genau das denke ich auch. Darf ich es sagen, bevor du es aussprichst?‟
Wir haben herzlich darüber gelacht, weil wir Freunde sind, und weil die Situation so skurril war. Aber es hat mich zum Nachdenken gebracht. Was ist es, dass es uns solche Freude macht, Wahrheit auszusprechen, oder zumindest das, was wir als Wahrheit erkannt haben?
Mittlerweile bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass es zwei Dinge gibt, die uns dazu bringen, Wahrheit aussprechen zu wollen. Zum Einen sind wir als Menschen auf Wahrheit hin angelegt. Wir suchen nach Wahrheit, und können ohne auch nicht leben. Zum Anderen ist Wahrheit auszusprechen eine Form von Anbetung, und wenn es richtig gemacht wird, auch voller Liebe und Gnade. Wir lieben es, Wahrheit auszusprechen, weil sie uns an Gott erinnert. Und das ist etwas Gutes.

Der Mensch – auf der Suche nach Wahrheit
Meine konservativeren Freunde sind selten müde mich zu erinnern, dass wir in der westlichen Welt ein riesiges Problem mit Relativismus haben. In merkwürdiger Weise haben wir eine Antipathie gegen absolute Wahrheit entwickelt, die nicht mehr ganz rational nachzuvollziehen ist.
Und auf der einen Seite würde ich dem zustimmen. Nominell begegne ich erstaunlich vielen Relativisten. Wenn ich davon rede, etwas als Wahrheit erkannt zu haben – schlimmer noch, wenn es sich dabei um Gott handelt – dann höre ich meist erschrecktes Luftholen, zischendes Ausatmen, und empörtes „Hände vor dem Mund zusammenschlagen‟.
Aber ich glaube, dass es sich dabei vor allem um eine antrainierte Reaktion handelt, die wir schon mit der Muttermilch von der Gesellschaft aufnehmen, aber tatsächlich eigentlich den Drang des Menschen nach Wahrheit und der Erkenntnis untergräbt.
Wir erkennen das nicht zuletzt an der kulturellen Mode zum veganen oder vegetarischen Lebensstil (womit ich in keiner Weise bezweifeln will, dass es wirkliche, überzeugte Veganer und Vegetarier gibt; gleichzeitig aber auch nicht leugnen kann, dass es durchaus eine kulturelle Bewegung dahin gibt). Es ist oftmals interessanter Weise vergleichbar mit einem pietistischen Bekehrungserlebnis, wenn Neu-Vegetarier beginnen, von den Gründen zu erzählen, aus denen sie auf Fleisch verzichten wollen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Wahrheit immer auch identitätsstiftend ist. Eine Wahrheit erkannt zu haben, ist dabei gleichbedeutend damit, einen Sinn zu bekommen – und sei es nur kurzzeitig. Durch das Erkennen von Wahrheit heben wir die Verlorenheit des Paradieses, die Milton in seinem bekannten Gedicht so stark beschreibt, auf, weil sie uns einen Sinn dafür gibt, warum wir eigentlich sind.
C.S. Lewis hat dieses Charakteristikum auf den Punkt gebracht, wenn er in seinem Essay „Menschen und Kaninchen‟ vom Unterschied zwischen Menschen und Tieren spricht:

„One of the things that distinguishes man from the other animals is that he wants to know things, wants to find out what reality is like, simply for the sake of knowing. When that desire is completely quenched in anyone, I think he has become something less than human.‟ (Quelle)

Das mag auch der Grund dafür sein, dass die meisten von uns sich nicht damit zufrieden geben wollen, ein allumfassendes Gefühl von Geliebtsein zu haben, sondern einen Menschen finden müssen, von dem wir genau das wissen. Es liegt keine Befriedigung darin, anzunehmen oder zu ahnen, dass wir angenommen oder geliebt sind.
Wenn wir keinen Menschen finden, von dem wir dieses Wissen besitzen – durch seine oder ihre Worte, durch seine oder ihre Handlungen und durch die gemeinsamen Erinnerungen und Zeiten – dann versuchen wir uns, die Sicherheit über dieses Gefühl anderweitig zu erarbeiten; indem wir uns der Bedeutung unseres Lebens sicher werden, weil wir unabdingbar bei der Arbeit sind, oder weil wir genug Macht auf uns vereinen, dass andere Menschen sich mit uns abgeben müssen, oder weil wir uns Wochenende für Wochenende dessen versichern, dass unsere sexuelle Energie für andere Menschen unwiderstehlich ist.
Damit kommen wir an den Punkt, wo Wahrheit weitaus mehr ist, als ein philosophischer Gedanke, sondern etwas, das an unsere Menschlichkeit heranreicht. Wahrheit zu erkennen und zu finden ist etwas, das uns als Mensch ausmacht, und nicht nur in abstrakten oder politischen Dimensionen über uns schwebt, sondern in die intimsten Bereiche unseres Lebens eindringt.

Der Mensch – auf der Suche nach Gott
Aber am Ende war die Situation nicht nur von dem Durst danach geprägt, Wahrheit zu erkennen, oder zu wissen, sondern von einer diebischen Freude daran, genau diese auszusprechen. Aus einem bestimmten Grund scheint es etwas mystisches zu haben, Wahrheit nicht nur zu wissen, sondern sie auch auszusprechen. Das wird deutlich, wenn wir versuchen, uns eine Hochzeitszeremonie vorzustellen, in der die Heiratenden, anstatt laut und deutlich „Ja!‟ zu sagen, nur nickten. Oder eine Taufe, in der die Täuflinge nicht „vor der sichtbaren und unsichtbaren Welt bekennen‟ würden, dass sie von diesem Tag an zum Nazarener gehören wollen, sondern sich in den Gedanken klar machten, dass sie folgen wollen.
Nichts davon hätte die Kraft, die Symbolik, die ausgesprochene Wahrheit hat.
Als ich mir über diese Kuriosität Gedanken gemacht habe, fiel mir ein Vers aus Ps 119 ein: Wie köstlich sind deine Worte im Mund, / wie Honig bekommen sie mir. (V103). Was der Psalmist an dieser Stelle zu sagen scheint, ist, dass die Worte – zumindest aus seiner Perspektive Wahrheit – eine positive Wirkung auf ihn haben. Ich denke, dass es dabei um eine Dimension von Lobpreis geht.
Das Problem, das ich bei mir und Freunden oft gesehen habe, wenn Glaubenskrisen sich nähern, ist die typische Antwort, wenn man mit Glaubenswahrheiten konfrontiert wird. „Das weiß ich ja alles schon.‟
Als ob nur etwas helfen kann, was neu ist, etwas, das man bis dato noch nicht wusste. Aber ich denke, dass das Aussprechen von Wahrheiten, einst bekannt, einst geliebt, einst gehortet wie einen Schatz in der Seele, eine Kraft für die eigene Spiritualität haben kann.
Das ist auch der Grund, wieso ich in Zeiten, in denen ich morgens nicht aufstehen will, weil mir alles zu finster erscheint, mir einige Minuten nehme, in denen ich mir selbst das Evangelium sage. Ausspreche.
In mir selbst bin ich sündiger, als ich jemals gedacht hätte,
aber in Christus geliebter, als ich auch nur zu hoffen gewagt hätte.
Glaubst du das, Marcus?
Und noch einmal.
Es liegt eine Kraft darin, sich selbst die Wahrheit zu sagen. Nicht, weil es eine Art Zauberspruch wäre, ex opere operato, sondern weil alle Wahrheit Gottes Wahrheit ist. Und Wahrheit auszusprechen erinnert uns daran, dass es einen absoluten Maßstab gibt, dass es überhaupt ein Absolut gibt, das standhaft ist im Schweben der Gesellschaft und Zeit um uns herum.
Darin liegt auch ein seelsorgerlicher Aspekt von Wahrheit. Wir sprechen sie aus, lassen sie uns gegenüber aussprechen, weil sie gut ist. Weil sie von Gott kommt. Und wo Gott ist, da ist eben Gott.
Nicht, weil wir Besserwisser sein wollen (zumindest hoffentlich nicht deswegen).
Sondern, weil Wahrheit heilsam ist.
Nicht, weil uns die Korrektur des Anderen so gut schmeckt.
Sondern, weil Wahrheit süß ist, wie Honig, für den Sprechenden, und für den Hörenden.

God Bless,

Restless Evangelical

Donnerstag, 5. Februar 2015

gelesen & geschätzt #23

Ein gefährlicher Ruf und seine Folger

Rezension zu: Labberton, Mark, Called. The Crisis and Promise of Following Jesus Today, Downers Grove: IVP 2014

Mark Labberton hat einen neuen Job. Seit einigen Monaten ist er der neue Präsident des traditionsreichen Fuller Theological Seminary in Pasadena/Californien, das mit 4800 Studenten des größte evangelikale Seminar der Welt ist. In seiner Karriere als Assistent von John Stott und Pastor verschiedener Gemeinden hat er nicht mehr als zwei Bücher geschrieben, die ihn nicht auf die große Bühne der theologischen Schriftsteller gespült haben. Keines davon habe ich gelesen.
Als Ende 2014 sein Buch Called erschien, haben trotzdem viele Leute näher hingesehen. Als erstes Buch dieses Mannes, seitdem er eine durchaus ansehnliche Position bezogen hat, wollte man wissen, welchem Thema er sich widmet. Es könnte so etwas wie eine Straßenkarte sein, in welche Richtung er dieses Seminar in den nächsten Jahres leiten will.
Called ist ein Buch über Nachfolge geworden. Es reiht sich ein in diese Sparte von Bücher wie Folge. Mir. Nach und Radical von David Platt und Mein Leben als Volltreffer von Francis Chan, sowie anderen Büchern, die sich von einer kompromisslosen Perspektive dem Thema widmen, was es bedeutet, Jesus nachzufolgen.
Und gleichzeitig ist Labbertons Buch anders. Erfrischend anders, würde ich sagen.

Der große Unterschied
Die meisten Nachfolgebücher der letzten Jahre haben vor allem zwei Betonungen. Vor allem wir die eigene Verantwortung betont, in der Nachfolge zu wachsen. Francis Chans Betonung ist dabei bekannt, dass eine wirkliche, tiefgreifende Liebe zu Gott auch dazu führt, dass wir Sicherheiten aufgeben und zu einem (fast) verrückten Lebensstil aufbrechen, in den uns nur eine tiefe Spiritualität führen kann, bei der Gott und unsere Beziehung zu ihm der zentralste Wert ist.
Es ist nicht wirklich etwas Schlechtes. Aber die starke Betonung auf die zeitweilige Gegenrationalität der Nachfolge kann zu einer erdrückenden Atmosphäre führen. Dabei ist es nicht die Frage, ob Chan und seine Kollegen Platt und andere das Evangelium kennen und als Ausgangspunkt nennen. Die Frage ist, ob es als Treibmittel einer lebendigen Nachfolge wirklich die Betonung bekommt, die es verdient.
In diesem Sinne empfand ich Labbertons Buch als herausragend. Während er an keiner Stelle einen Hehl darum macht, dass Nachfolge durchaus kostspielig ist, und auf keine Weise einfach, macht er trotzdem mehr als deutlich, wo der eigentliche Ruf des Christen liegt. Nicht die Frucht ist das eigentlich, so Labberton, zu dem der Christ berufen ist.

„Our first vocation is to be the beloved. The primacy of God's unearned love alone makes this possible. We live as the beloved, the treasured. This vocation is pure gift.‟ (S.100)

Dabei kommt es für Labberton auch darauf an, immer mehr herauszufinden, was genau diese Berufung bedeutet. Nicht das „Ob‟ ist die Frage – ob man als Christ als Geliebter leben kann – sondern die Nachfolge erfüllt sich in der Frage des „Wie‟ oder besser des „Wie konkret‟. Aber ohne das „Ob‟ wird die Nachfolge sehr bald zu einer einfachen Perfomance, die man sich bei anderen abschaut. „Er macht das so, dann muss ich das wohl auch so machen.‟
Für Labberton ist es aber ebenso wichtig, dass Nachfolge erst in zweiter Linie etwas ist, das man mit sich alleine ausmacht. Wir waren niemals dafür gemacht, alleine als Nachfolger loszuziehen und zu sehen, ob wir den Weg schaffen. Die Berufung zur Nachfolge geschieht immer in eine Gemeinschaft hinein. Wir geben unsere Individualität nicht auf. Aber sie soll sich verändern, zugunsten der Beziehungen, in denen wir das „Geliebt sein‟ leben können, und gleichzeitig dafür eine sichere Atmosphäre bekommen, in denen Fehler möglich sind.
„Community should be a natural cornerstone of life as a Christian disciple; we're meant to be part of the community of God's people. After all, Christian disciples can't live faithfully by themselves, and we seldom hear the call of God alone.‟ (S.80)

In diesem Sinne ist für Labberton die Betonung klar, dass wir gleichzeitig eine tiefe Verbindung mit dem Evangelium haben müssen, dem Bewusstsein, dass wir in dem, was Jesus für uns getan hat, leben und uns bewegen und darin Wert und Anerkennung finden, und ebenso dass wir die Berufung in einer Gemeinschaft leben müssen. Berufung zu finden ist auf sich alleine gestellt un-menschlich.

Die Frage nach der Konkretisierung
Was zu der Frage führt, wie man konkret seine Berufung zur Nachfolge findet. Wie kann ich speziell in meiner Umgebung, ein treuer Nachfolger werden?
Hier für macht Labberton die faszinierende Unterscheidung zwischen einer „Promised Land‟ und einer „Exile‟ Mentalität. Für Labberton ist es offensichtlich, dass viele Christen in den USA (und ich denke, dass man das durchaus auf den ganzen Westen beziehen kann) in einer Promised Land Mentalität leben. Es ist die Vorstellung, dass wir im Land leben, das uns gegeben wurde, und unsere Aufgabe darin besteht, es zu schützen, und gleichzeitig die unendlichen Segnungen Gottes zu empfangen. Das äußert sich in der merkwürdigen Faszination der Christenheit mit dem Status Quo und der Frage, wie man das „christliche Abendland‟ schützen kann vor Einflüssen, die uns nicht gefallen.
Für Labberton sind diese Zeiten aber vorbei. Er sagt, dass wir mehr wie das Volk Israel im Exil leben, als marginalisierte Gruppe, außerhalb des Mainstreams, leben wir inmitten Anders-denkender Menschen. Und das wichtigste dabei ist, dass das nicht ein Problem ist, sondern Labberton darin einen Segen sieht.

„Living our call in exile involves adjusting to very different circumstances and reading the signals of our environment and culture very differently. It means choosing to give ourselves to those around us with fewer and different axpectations, not as settlers but as guests or visitors.‟ (S.55)

In dieser Unterscheidung findet sich der Beginn, seinen individuellen Ruf von Gott zu finden. Nachfolge bedeutet, in diesem Exil als Gemeinschaft zu leben, die das Beste der Stadt sucht, und damit das Wesen Jesu in einer Anders-denkenden Welt repräsentiert. Mit seinen 179 Seiten kann Labberton dabei nur Geschichten anreißen, wie Menschen genau diesen Ruf gefunden haben. Dieses Feature im Buch ist äußerst erfrischend, denn es macht die tiefen Gedanken des Autors greifbar und lebensecht, und lässt einen noch konkreter über die Auswirkungen der Ideen nachdenken.
---
Für mich war die Lektüre von Labberton unheimlich hilfreich. Und in habe jetzt schon das Gefühl, dass es ein Buch seid wird, zu dem ich immer wieder zurückkehren werde. Vor allem, weil er deutlich macht, dass Nachfolge nichts ist, was man eigentlich abschließt.

„The very process of spiritual formation is itself God's call on us. Seeking God's transformation in our lives is both the process and the end. Following Jesus is not a destination; we do not arrive. We wake and live and sleep and wake again to follow another day. This is the extraordinary spiritual road trip the disciples have always known and that all disciples must discover anew.‟ (S.158)

Oder, wenn ihr so wollt, die Reise Richtung Herrlichkeit gemeinsam begehen.
Als Exilanten zu leben, bedeutet, jeden Tag der Möglichkeit zu begegnen, in der Erkenntnis zu wachsen, dass wir geliebt sind, und aus dieser Erkenntnis heraus anders zu sein als die Kultur um uns herum. Liebevoller, weil wir aus Liebe leben. Gnädiger, weil Gnade das einzige ist, was uns hält. Stärker, weil in uns die Kraft der Auferstehung wirkt. Wahrhaftiger, weil wir nichts zu verbergen haben als die, die erkannt wurden. Mutiger, weil wir nichts zu verlieren haben, das uns nicht in Ewigkeit versprochen wurden.
Salz sein.
Licht sein.
Jesus zeigen.
Evangelium predigen.

God Bless,

Restless Evangelical

Dienstag, 3. Februar 2015

Davon die Alten sungen... (03.02.2014)


Martin Luther – Aus tiefster Not schrei' ich zu dir #1

Aus tiefster Not schrei ich zu dir,
Herr Gott, erhör mein Rufen.
Dein gnädig Ohr neig her zu mir
und meiner Bitt es öffne.‟

Vor einiger Zeit hat mich ein junger Mann mit dem Gedanken konfrontiert, dass er Jesus eigentlich ganz gut leiden kann. „Spannend.‟, habe ich ihm geantwortet. „Kannst du mir auch sagen, warum?‟
Wegen der Gnade.‟, kam seine überraschende Antwort, weil ich im vorherigen Gespräch nicht den Eindruck gewonnen hatte, er sei ein Jesus-Nachfolger. „Was meinst du damit?‟, fragte ich deswegen.
Und dann erzählte er mir, dass er seit seiner Kindheit versucht, anderen Leuten zu gefallen. Zuerst habe er mit seinen Schulnoten angegeben, und als die nicht mehr gut genug waren, eben als Klassenclown, oder mit den Mädchen, die sich bei ihm einharkten. „Jesus sagt mir, dass ich gut bin, wie ich bin. Und deswegen mag ich Jesus.‟ Kein schlechter Gedanke, dachte ich, auch wenn die Begegnung nur sehr kurz war, und ich keine Ahnung habe, welchen Unterschied dieser Glaube in seinem Leben macht.
Aber da gab es dennoch etwas, was mich nachdenklich gestimmt hat. Bei allem Gerede über diesen Jesus, der bedingungslos liebt, habe ich kein Wort von ihm über Sünde gehört, darüber, dass Jesus sterben musste, damit wir in der Auferstehung stehen dürfen, siegreich über Tod und Teufel durch den, der alles besiegt hat. Wir. In Christus (2Kor 5,17). Mehr noch habe ich nachgefragt, und er erzählte mir, dass ihn viele der Lieder in der Kirche nerven, weil davon die Rede sei, wie schlecht wir sind, und wir nur Gott wirklich gut ist. „Aber Jesus sagt nicht, dass ich schlecht bin. Jesus sagt, er liebt mich. Punkt.‟
Es war deswegen zum Einen ein spannendes Gespräch, weil es so wenig stereotyp war. Die gängige gesellschaftliche Meinung ist ja, dass Frauen nach Liebe suchen, während Männer mehr nach Action dürstet (in Filme, im Leben, in der Beziehung). Aber dieser junge Mann hatte kein Problem damit, mir zu sagen, dass er sich immer nach Liebe gesehnt hat. Und dass er genau diese in diesem Jesus gefunden hat, der in der Mitte der Geschichte steht; das hat mich fröhlich gemacht, weil ich dadurch einen kurzen Blick in die Seele dieses jungen Mannes werfen durfte.
Und dennoch scheint mir etwas von der reichen, evangelikalen Spiritualität verloren zu gehen, wenn wir einen Christus ohne Sündopfer haben. Nicht, dass ich sagen will, wer das noch nicht in seiner Tiefe verstanden habe, sei ein schlechterer Christ. Es ist mehr eine tiefe in der Gottesbeziehung, die nur darin gefunden werden kann, wenn man an dem Punkt anlagt, wo man sagen kann: „Aus tiefster Not schrei' ich zu dir.‟
---
Es ist wohl wie mit diesem Satz: „Jesus liebt mich genau so wie ich bin.‟
Das ist ja nicht an und für sich falsch. Aber er gibt nur so lange Trost, wie man selbst einigermaßen zufrieden ist mit dem, was man so den ganzen Tag tut. Solange man sich einreden kann, dass es schon alles nicht so schlimm ist. „At least there are no children involved.‟, rechtfertigt sich Emmy Morley in dem großartigen Roman „One Day‟ immer, wenn die Schuldgefühle hochkochen, weil sie mit einem verheirateten, aber kinderlosen Mann eine Affäre begonnen hat. Nicht, dass es gut ist. Aber immerhin schade ich damit keinen Kindern.
Der Kraft, die man aus dem Satz „Jesus liebt mich so, wie ich bin.‟ zieht, schwindet sofort, wenn man sich selbst nicht mehr verzeihen kann.
Als ich vor einiger Zeit einen Autounfall gebaut habe, und dabei drei junge Menschen, die mit mir im Auto saßen, verletzt worden sind, hat mir eigentlich niemand Vorwürfe gemacht. Selbst die Drei nicht. „Wir lieben dich immer noch.‟, hat man mir gesagt. Und: „Dein Wert durch Jesus ist dadurch nicht kleiner.‟ Aber ich habe mir selbst Vorwürfe gemacht.
In diesen Tagen, schwarze und düstere Tage voller selbstanklägerischer Gedanken, drang irgendwann ein Satz durch das Labyrinth von Finsternis: „Jesus liebt mich, obwohl ich so bin, wie ich bin.‟
Das war zwar nichts neues für mich, aber es war der erste Gedanke für mich, auf den ich mich ausruhen konnte, der mich getragen hat in dem Moment. Und es ist wohl auch, was Luther am Anfang seines Liedes meinte, was ich dem jungen Mann heute gerne sagen würde. Das eigentliche wunderbare an der Gnade ist nicht, dass sie mir immer zustimmend auf die Schulter schlägt: „Gut gemacht!‟, selbst wenn ich den Karren in den Sand gesetzt habe.
Es ist, gerade in der Situation, dass ich vom Kreuz und vom Thron der Gnade hören darf: „Trotzdem.‟
Das ist dann der Punkt, an dem ich nicht mehr auf meinen eigenen Wert vertraue, sondern mein Wert von dem kommt, der mehr Wert gibt, als ich mir vorstellen kann.
Zu diesem Herrn will ich rufen.

God Bless,

Restless Evangelical