Dienstag, 3. Februar 2015

Davon die Alten sungen... (03.02.2014)


Martin Luther – Aus tiefster Not schrei' ich zu dir #1

Aus tiefster Not schrei ich zu dir,
Herr Gott, erhör mein Rufen.
Dein gnädig Ohr neig her zu mir
und meiner Bitt es öffne.‟

Vor einiger Zeit hat mich ein junger Mann mit dem Gedanken konfrontiert, dass er Jesus eigentlich ganz gut leiden kann. „Spannend.‟, habe ich ihm geantwortet. „Kannst du mir auch sagen, warum?‟
Wegen der Gnade.‟, kam seine überraschende Antwort, weil ich im vorherigen Gespräch nicht den Eindruck gewonnen hatte, er sei ein Jesus-Nachfolger. „Was meinst du damit?‟, fragte ich deswegen.
Und dann erzählte er mir, dass er seit seiner Kindheit versucht, anderen Leuten zu gefallen. Zuerst habe er mit seinen Schulnoten angegeben, und als die nicht mehr gut genug waren, eben als Klassenclown, oder mit den Mädchen, die sich bei ihm einharkten. „Jesus sagt mir, dass ich gut bin, wie ich bin. Und deswegen mag ich Jesus.‟ Kein schlechter Gedanke, dachte ich, auch wenn die Begegnung nur sehr kurz war, und ich keine Ahnung habe, welchen Unterschied dieser Glaube in seinem Leben macht.
Aber da gab es dennoch etwas, was mich nachdenklich gestimmt hat. Bei allem Gerede über diesen Jesus, der bedingungslos liebt, habe ich kein Wort von ihm über Sünde gehört, darüber, dass Jesus sterben musste, damit wir in der Auferstehung stehen dürfen, siegreich über Tod und Teufel durch den, der alles besiegt hat. Wir. In Christus (2Kor 5,17). Mehr noch habe ich nachgefragt, und er erzählte mir, dass ihn viele der Lieder in der Kirche nerven, weil davon die Rede sei, wie schlecht wir sind, und wir nur Gott wirklich gut ist. „Aber Jesus sagt nicht, dass ich schlecht bin. Jesus sagt, er liebt mich. Punkt.‟
Es war deswegen zum Einen ein spannendes Gespräch, weil es so wenig stereotyp war. Die gängige gesellschaftliche Meinung ist ja, dass Frauen nach Liebe suchen, während Männer mehr nach Action dürstet (in Filme, im Leben, in der Beziehung). Aber dieser junge Mann hatte kein Problem damit, mir zu sagen, dass er sich immer nach Liebe gesehnt hat. Und dass er genau diese in diesem Jesus gefunden hat, der in der Mitte der Geschichte steht; das hat mich fröhlich gemacht, weil ich dadurch einen kurzen Blick in die Seele dieses jungen Mannes werfen durfte.
Und dennoch scheint mir etwas von der reichen, evangelikalen Spiritualität verloren zu gehen, wenn wir einen Christus ohne Sündopfer haben. Nicht, dass ich sagen will, wer das noch nicht in seiner Tiefe verstanden habe, sei ein schlechterer Christ. Es ist mehr eine tiefe in der Gottesbeziehung, die nur darin gefunden werden kann, wenn man an dem Punkt anlagt, wo man sagen kann: „Aus tiefster Not schrei' ich zu dir.‟
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Es ist wohl wie mit diesem Satz: „Jesus liebt mich genau so wie ich bin.‟
Das ist ja nicht an und für sich falsch. Aber er gibt nur so lange Trost, wie man selbst einigermaßen zufrieden ist mit dem, was man so den ganzen Tag tut. Solange man sich einreden kann, dass es schon alles nicht so schlimm ist. „At least there are no children involved.‟, rechtfertigt sich Emmy Morley in dem großartigen Roman „One Day‟ immer, wenn die Schuldgefühle hochkochen, weil sie mit einem verheirateten, aber kinderlosen Mann eine Affäre begonnen hat. Nicht, dass es gut ist. Aber immerhin schade ich damit keinen Kindern.
Der Kraft, die man aus dem Satz „Jesus liebt mich so, wie ich bin.‟ zieht, schwindet sofort, wenn man sich selbst nicht mehr verzeihen kann.
Als ich vor einiger Zeit einen Autounfall gebaut habe, und dabei drei junge Menschen, die mit mir im Auto saßen, verletzt worden sind, hat mir eigentlich niemand Vorwürfe gemacht. Selbst die Drei nicht. „Wir lieben dich immer noch.‟, hat man mir gesagt. Und: „Dein Wert durch Jesus ist dadurch nicht kleiner.‟ Aber ich habe mir selbst Vorwürfe gemacht.
In diesen Tagen, schwarze und düstere Tage voller selbstanklägerischer Gedanken, drang irgendwann ein Satz durch das Labyrinth von Finsternis: „Jesus liebt mich, obwohl ich so bin, wie ich bin.‟
Das war zwar nichts neues für mich, aber es war der erste Gedanke für mich, auf den ich mich ausruhen konnte, der mich getragen hat in dem Moment. Und es ist wohl auch, was Luther am Anfang seines Liedes meinte, was ich dem jungen Mann heute gerne sagen würde. Das eigentliche wunderbare an der Gnade ist nicht, dass sie mir immer zustimmend auf die Schulter schlägt: „Gut gemacht!‟, selbst wenn ich den Karren in den Sand gesetzt habe.
Es ist, gerade in der Situation, dass ich vom Kreuz und vom Thron der Gnade hören darf: „Trotzdem.‟
Das ist dann der Punkt, an dem ich nicht mehr auf meinen eigenen Wert vertraue, sondern mein Wert von dem kommt, der mehr Wert gibt, als ich mir vorstellen kann.
Zu diesem Herrn will ich rufen.

God Bless,

Restless Evangelical

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