Donnerstag, 5. Februar 2015

gelesen & geschätzt #23

Ein gefährlicher Ruf und seine Folger

Rezension zu: Labberton, Mark, Called. The Crisis and Promise of Following Jesus Today, Downers Grove: IVP 2014

Mark Labberton hat einen neuen Job. Seit einigen Monaten ist er der neue Präsident des traditionsreichen Fuller Theological Seminary in Pasadena/Californien, das mit 4800 Studenten des größte evangelikale Seminar der Welt ist. In seiner Karriere als Assistent von John Stott und Pastor verschiedener Gemeinden hat er nicht mehr als zwei Bücher geschrieben, die ihn nicht auf die große Bühne der theologischen Schriftsteller gespült haben. Keines davon habe ich gelesen.
Als Ende 2014 sein Buch Called erschien, haben trotzdem viele Leute näher hingesehen. Als erstes Buch dieses Mannes, seitdem er eine durchaus ansehnliche Position bezogen hat, wollte man wissen, welchem Thema er sich widmet. Es könnte so etwas wie eine Straßenkarte sein, in welche Richtung er dieses Seminar in den nächsten Jahres leiten will.
Called ist ein Buch über Nachfolge geworden. Es reiht sich ein in diese Sparte von Bücher wie Folge. Mir. Nach und Radical von David Platt und Mein Leben als Volltreffer von Francis Chan, sowie anderen Büchern, die sich von einer kompromisslosen Perspektive dem Thema widmen, was es bedeutet, Jesus nachzufolgen.
Und gleichzeitig ist Labbertons Buch anders. Erfrischend anders, würde ich sagen.

Der große Unterschied
Die meisten Nachfolgebücher der letzten Jahre haben vor allem zwei Betonungen. Vor allem wir die eigene Verantwortung betont, in der Nachfolge zu wachsen. Francis Chans Betonung ist dabei bekannt, dass eine wirkliche, tiefgreifende Liebe zu Gott auch dazu führt, dass wir Sicherheiten aufgeben und zu einem (fast) verrückten Lebensstil aufbrechen, in den uns nur eine tiefe Spiritualität führen kann, bei der Gott und unsere Beziehung zu ihm der zentralste Wert ist.
Es ist nicht wirklich etwas Schlechtes. Aber die starke Betonung auf die zeitweilige Gegenrationalität der Nachfolge kann zu einer erdrückenden Atmosphäre führen. Dabei ist es nicht die Frage, ob Chan und seine Kollegen Platt und andere das Evangelium kennen und als Ausgangspunkt nennen. Die Frage ist, ob es als Treibmittel einer lebendigen Nachfolge wirklich die Betonung bekommt, die es verdient.
In diesem Sinne empfand ich Labbertons Buch als herausragend. Während er an keiner Stelle einen Hehl darum macht, dass Nachfolge durchaus kostspielig ist, und auf keine Weise einfach, macht er trotzdem mehr als deutlich, wo der eigentliche Ruf des Christen liegt. Nicht die Frucht ist das eigentlich, so Labberton, zu dem der Christ berufen ist.

„Our first vocation is to be the beloved. The primacy of God's unearned love alone makes this possible. We live as the beloved, the treasured. This vocation is pure gift.‟ (S.100)

Dabei kommt es für Labberton auch darauf an, immer mehr herauszufinden, was genau diese Berufung bedeutet. Nicht das „Ob‟ ist die Frage – ob man als Christ als Geliebter leben kann – sondern die Nachfolge erfüllt sich in der Frage des „Wie‟ oder besser des „Wie konkret‟. Aber ohne das „Ob‟ wird die Nachfolge sehr bald zu einer einfachen Perfomance, die man sich bei anderen abschaut. „Er macht das so, dann muss ich das wohl auch so machen.‟
Für Labberton ist es aber ebenso wichtig, dass Nachfolge erst in zweiter Linie etwas ist, das man mit sich alleine ausmacht. Wir waren niemals dafür gemacht, alleine als Nachfolger loszuziehen und zu sehen, ob wir den Weg schaffen. Die Berufung zur Nachfolge geschieht immer in eine Gemeinschaft hinein. Wir geben unsere Individualität nicht auf. Aber sie soll sich verändern, zugunsten der Beziehungen, in denen wir das „Geliebt sein‟ leben können, und gleichzeitig dafür eine sichere Atmosphäre bekommen, in denen Fehler möglich sind.
„Community should be a natural cornerstone of life as a Christian disciple; we're meant to be part of the community of God's people. After all, Christian disciples can't live faithfully by themselves, and we seldom hear the call of God alone.‟ (S.80)

In diesem Sinne ist für Labberton die Betonung klar, dass wir gleichzeitig eine tiefe Verbindung mit dem Evangelium haben müssen, dem Bewusstsein, dass wir in dem, was Jesus für uns getan hat, leben und uns bewegen und darin Wert und Anerkennung finden, und ebenso dass wir die Berufung in einer Gemeinschaft leben müssen. Berufung zu finden ist auf sich alleine gestellt un-menschlich.

Die Frage nach der Konkretisierung
Was zu der Frage führt, wie man konkret seine Berufung zur Nachfolge findet. Wie kann ich speziell in meiner Umgebung, ein treuer Nachfolger werden?
Hier für macht Labberton die faszinierende Unterscheidung zwischen einer „Promised Land‟ und einer „Exile‟ Mentalität. Für Labberton ist es offensichtlich, dass viele Christen in den USA (und ich denke, dass man das durchaus auf den ganzen Westen beziehen kann) in einer Promised Land Mentalität leben. Es ist die Vorstellung, dass wir im Land leben, das uns gegeben wurde, und unsere Aufgabe darin besteht, es zu schützen, und gleichzeitig die unendlichen Segnungen Gottes zu empfangen. Das äußert sich in der merkwürdigen Faszination der Christenheit mit dem Status Quo und der Frage, wie man das „christliche Abendland‟ schützen kann vor Einflüssen, die uns nicht gefallen.
Für Labberton sind diese Zeiten aber vorbei. Er sagt, dass wir mehr wie das Volk Israel im Exil leben, als marginalisierte Gruppe, außerhalb des Mainstreams, leben wir inmitten Anders-denkender Menschen. Und das wichtigste dabei ist, dass das nicht ein Problem ist, sondern Labberton darin einen Segen sieht.

„Living our call in exile involves adjusting to very different circumstances and reading the signals of our environment and culture very differently. It means choosing to give ourselves to those around us with fewer and different axpectations, not as settlers but as guests or visitors.‟ (S.55)

In dieser Unterscheidung findet sich der Beginn, seinen individuellen Ruf von Gott zu finden. Nachfolge bedeutet, in diesem Exil als Gemeinschaft zu leben, die das Beste der Stadt sucht, und damit das Wesen Jesu in einer Anders-denkenden Welt repräsentiert. Mit seinen 179 Seiten kann Labberton dabei nur Geschichten anreißen, wie Menschen genau diesen Ruf gefunden haben. Dieses Feature im Buch ist äußerst erfrischend, denn es macht die tiefen Gedanken des Autors greifbar und lebensecht, und lässt einen noch konkreter über die Auswirkungen der Ideen nachdenken.
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Für mich war die Lektüre von Labberton unheimlich hilfreich. Und in habe jetzt schon das Gefühl, dass es ein Buch seid wird, zu dem ich immer wieder zurückkehren werde. Vor allem, weil er deutlich macht, dass Nachfolge nichts ist, was man eigentlich abschließt.

„The very process of spiritual formation is itself God's call on us. Seeking God's transformation in our lives is both the process and the end. Following Jesus is not a destination; we do not arrive. We wake and live and sleep and wake again to follow another day. This is the extraordinary spiritual road trip the disciples have always known and that all disciples must discover anew.‟ (S.158)

Oder, wenn ihr so wollt, die Reise Richtung Herrlichkeit gemeinsam begehen.
Als Exilanten zu leben, bedeutet, jeden Tag der Möglichkeit zu begegnen, in der Erkenntnis zu wachsen, dass wir geliebt sind, und aus dieser Erkenntnis heraus anders zu sein als die Kultur um uns herum. Liebevoller, weil wir aus Liebe leben. Gnädiger, weil Gnade das einzige ist, was uns hält. Stärker, weil in uns die Kraft der Auferstehung wirkt. Wahrhaftiger, weil wir nichts zu verbergen haben als die, die erkannt wurden. Mutiger, weil wir nichts zu verlieren haben, das uns nicht in Ewigkeit versprochen wurden.
Salz sein.
Licht sein.
Jesus zeigen.
Evangelium predigen.

God Bless,

Restless Evangelical

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