Donnerstag, 5. März 2015

gelesen & geschätzt (2/2015)


Sucht das Gute! Was ist gut?

Rezension zu: McCracken, Brett, Gray Matters. Navigating the Space Between Legalism and Liberty, Grand Rapids: Baker 2013

Wenn man als Christ in einer Kultur lebt, die nicht durch und durch christlich ist – wobei sich freilich nicht nur die Frage stellt, wie eine solche Kultur aussähe, sondern auch, ob in den letzten 2000 Jahren jemals eine solche Kultur existiert hat – dann stellt sich einem zwangsläufig die Frage, wie man sich ihr gegenüber verhält.

Da gibt es solche Menschen, die jede Form von Kultur ablehnen. Zumindest behaupten sie das. Alles, was dem gegenwärtigen Trend entspricht – und mit gegenwärtig meine ich die letzten 200 bis 500 Jahre – kann nicht besonders günstig sein, um das „Christenleben“ zu führen. Dabei müssen wir nicht einmal nach Lancaster County fahren, und die Amish betrachten, die dieses Verhalten in eine Perfektion geführt haben, die erstaunlich ist, bei allem Naserümpfen. Auch im hessischen Hinterland finden sich Christen, die Frauen das Tragen von Jeans nicht gestatten („Zu Körperbetont“), oder bei denen Spielkarten Heiligenbildern gleichkommen, denen man definitiv keine Ehrerbietung zollen will.

Und natürlich gibt es das andere Extrem: Solche Christen, die nichts in ihrer Kultur hinterfragen, die mit den Sozialen Medien schwimmen, weil es einfach ist und dem innewohnenden Hedonismus des Westens so sehr entspricht. „Ach, der ist auch Christ? Merkt man gar nicht.“, ist eine Frage, die in den ersten Jahrhunderten undenkbar war, heute aber immer wieder gehört wird.

Und in der Mitte davon steht der Christ,  der gerne eine gesellige Pokerrunde schmeißt, der Blaubeeren im Cabernet Sauvignon schmeckt, der in Brokeback Mountain mehr das universelle Ringen nach der eigenen Identität sieht als eine sog. moralische Verfehlung. Und der sich dann fragt: „Wie soll ich denn leben?“

Brett McCracken hat mit seinem Buch Gray Matters einen Versuch gemacht, diese Frage zu beantworten. Brett, der mit seinem ersten Buch Hipster Christianity endgültig auf dem Monitor der gerade aufwachsenden Generation von Evangelikalen in Amerika erschienen ist, ist für die Frage nach Kultur und dem Umgang mit ihr als Christ bestens gerüstet. Nicht nur ist er regelmäßiger Filmkritiker für das US-amerikanische Flagschiff der evangelikalen Publizistik – Christianity Today – sondern auch Wheaton College Absolvent in Theologie, neben seinem Abschluss in Film- und Theaterwissenschaften von der Biola University.

Also, Brett, wie sollen wir denn leben?

 

Wo Hipster und Denker sich vereinen

Weite Teile des Buches lesen sich wie ein „How To“ Manual für das hippe Leben, junger, selbsternannt-kulturrelevanter Christen in Amerika. Das Buch befasst sich neben einem allgemeinen Einleitungsteil und einem sehr lesenswerten Fazit mit vier Bereichen, in denen man als Christ keine einfache Antwort auf die Frage nach dem besten Umgang bekommen kann. Neben (a) Essen befasst sich Brett mit der Frage nach (b) Musik, (c) Film und Fernsehen und zu Schluss mit dem – in den USA äußerst umstrittenen – Thema (d) Alkohol.

Dabei ist Brett nicht scheu, sich selbst als Hipster zu outen. Neben der fast klischeehaften Liebe zu hochqualitativem Essen, seiner Wertschätzung für europäische Filme sowie seinen vielen Freunden, die in der Badewanne zuhause Bier brauen (was, neben Homer Simpson in einer der großartigsten Episode der Simpsons, wohl wirklich nur Hipster machen) ist es vor allem seine Sprache, die ihn verrät. Denn neben den dutzenden Aktivitäten, die zum Hipster-sein gehören wie der Sumatra-Kaffee aus der Cold-Drip Maschine, ist es vor allem die Darstellung des eigenen Lebensstil, die einen Hipster ausmachen.

Der ist kein Hipster, könnte man sagen, der nicht im eigenen Blog von seinen kulinarischen Streifzügen schreibt, und beim Abendessen mit oenologisch uninteressierten Freunden von dem Pfirsich-Bouquett des Château Lafite-Rothschild Merlot schwärmt, den man gerade – auch das wird erwähnt – eine Stunde hat atmen lassen.

Aber nicht, dass das alles ist, was Bretts Buch ausmacht. Brett ist neben seinem komplizierten Leben als „Foodie“ (S.33) vor allem ein Denker und Analyst der gegenwärtigen Kultur. Angetrieben wird er von dem erstzunehmenden Verlangen, mehr zu verstehen. Wenn ihn auch ein missionaler Eifer antreibt, wenn er die Kultur um sich herum zu verstehen sucht, ist es doch nicht in erster Linie ein missionarischer, oder evangelistischer Eifer (vgl. S. 244ff). Brett wird von der Frage umgetrieben, wie man die Schönheit Gottes findet, und wiederspiegelt, in einer Welt, die voll davon ist, aber immer dazu neigt, sie zu pervertieren und ins Gegenteil zu verkehren. Unser Auftrag als Christen bedeutet, auf die Herrlichkeit Gottes hinzuweisen, und nicht Menschen aus einer sozialen Gruppe in eine andere zu übertragen.

In diesem Sinne sagt Brett, sollte unser Umgang mit den kulturellen Angeboten unserer Umgebung von Liebe gekennzeichnet sein – zum Einen von Liebe für Andere, aber vor allem von Liebe für den Einen, von dem wir glauben, dass er sich selbst für uns gegeben hat. „How we consume, just like how we behave in other regard, should reflect a character transformation within us that anticipates the virtuous landscape of the coming kingdom of God.“ (Pos. 3298)

Damit ruft Brett in erster Linie dazu auf, im Anbetracht der allgemeinen Gnade Gottes nach Schönheit zu suchen. Unsere Aufgabe, sagt Brett, in nicht immer nach der christlichen Alternative zu suchen (zB das neue Album von Megalife zu kaufen, anstatt das von Megadeth), sondern nach dem Besten – Film, Essen, Lied, Bier. Gleichzeitig macht er sehr bewusst darauf aufmerksam, dass Schönheit immer eine Gefahr birgt. Fast alles, was wir genießen, kann uns abhängig machen. Und Abhängigkeit ist nie etwas, in der uns ein christlicher Lebensstil hineinführen sollte.

In diesem Sinne ist Bretts Buch neben sehr guten, herausfordernden Gedanken auf gefüllt mit vielen praktischen Anregungen, wie man den ungesunden Exzess im Konsum verschiedener kultureller Güter vermeiden kann, und wieso man es sollte.

 

Nicht immer hilfreich

Gleichzeitig hat mir in dem Buch manchmal gefehlt, was ich eine konkrete Anwendung des McCracken’schen Ansatzes nennen würde. Denn auf einen Satz zusammengefasst würde Brett sagen, dass alles das ein gutes Verhältnis zur Kultur ist, was nicht a) zu Götzendienst wird (meint: das Geschenk über den Schenkenden/Gott stellt), und b) die Schönheit feiert. Eine Definition, was Schönheit ist, was „das Beste“ in Bezug auf Musik, Essen, Film und Alkohol ist, fehlt dabei aber.

Sicher, Brett schreibt davon, dass mehr Wissen über eine Sache dabei hilft, die Sache selbst besser zu verstehen und mehr wertzuschätzen. Nicht, dass ich nicht davon überzeugt bin, dass Kunsthistoriker einem Werk von Picasso mehr abgewinnen können als ich. Aber einen Maßstab für das, was schön ist, gibt er dabei nicht; und lässt den Leser entsprechend in der Luft hängen.

Ist das kulturell hochwertige – zB eine Oper – dem kulturell-niederwertigen –zB einer Realityshow – überlegen? Und was ist, wenn ich, als Christ, so gar keine Aktien im Opernbusiness habe?

In diesem Sinne kratzt Brett mit seinem Buch an vielen Stellen immer an der Oberfläche, durchdringt sie manchmal, gibt dem Leser viel zu denken mit, und vergrößert definitv das Verlangen, mal wieder eine gute Flasche Rotwein zu öffnen, um sie mit der Frau die man liebt oder dem besten Freund zu leeren. Das große Feld der Frage, wie man als Christ die Kultur durchdringen und annehmen kann, grast er aber sicher nicht zu Ende ab.

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Gray Matters ist ein geradezu großartiges Buch, wenn man zum Einen der Hipsterkultur etwas abgewinnen kann (neben allem, worüber man sich in ihr lustig machen darf), und zum Anderen mit der Frage beschäftigt ist, was ein christlicher Lebensstil sein kann. Brett scheut sich dabei nicht, auch einmal scharfe Urteile zu fällen, ist aber an jeder Stelle von der Überzeugung geprägt, dass Jesus in allem zu finden ist, was schön, gut, und hilfreich ist. Man sollte es aber mehr als Anfangspunkt bei der Beantwortung dieser Frage betrachten, als ihre Ziellinie.

God Bless,

Restless Evangelical

Dienstag, 3. März 2015

Davon die Alten sungen... (03.03.2015)


Philipp Spitta – Ich und mein Haus, wir sind bereit #1

Reiche gleiche
Seelenspeise
auch zur Reise
durch dies Leben
uns, die wir uns dir ergeben.“

Das Leben als Reise zu verstehen ist ja nichts besonders Innovatives. Und weil meine Spiritualität zu meinem Leben gehört, damit untrennbar verbunden ist und an manchen Punkten mit ihm deckungsgleich, kann ich mir auch keine Schärpe umhängen dafür, dass ich diesen Attribut auf meine Geistlichkeit angewendet habe.
Ich reise. Selbst, obwohl ich zu Heimweh neige.
Auf eine romantisierende Art ist der Gedanke, auf Reisen zu sein, etwas wunderbares. Es ist der Reiz des Abenteuers, und des Neuen, das uns Lockende und Rufende, das uns auf die Reise gehen lässt; wenn nirgendwo zuhause ist, kann genauso gut überall zuhause sein. Alles eine Frage der Perspektive. Neue Menschen kennenzulernen, neue Klippen zu besteigen und neue Wege zu gehen, an deren Straßenrändern in neuen Sprachen und Währungen neue Speisen verkauft werden. Wir sind mitten drin, im Leben.
Und weil wir mitten drin sind, deswegen sind wir auch neu, nicht mehr das alte, langweilige Ich, das dem 8-17 Job nachgeht, und danach zuhause sitzt und sich fragt, was aus seinen Träumen geworden ist.
Es ist nur so, dass wir selbst zwar gerne neu sein wollen, immer auf der Suche nach uns selbst, aber es uns nicht genehm ist, wenn sich alles andere ändert. Wir gehen, aber alle anderen sollen auf uns warten und sollen da sein, wenn wir Zuflucht suchen.
Das Problem mit einer Reise ist nämlich, dass sie nicht Urlaub ist. Keine Reise, keine zeitlose Wanderung, ist immer Sonnenschein, und ist immer Abenteuer. Und nicht alle Momente lassen sich auf Instagram festhalten. Die meiste Zeit regnet es, oder ist man auf der Suche nach einem Schlafplatz, ist man vielleicht Einsam auf der Reise, sitzt in einem überfüllten Zug auf dem Weg zu einem Ort, der verspricht, Neues zu zeigen, aber vielleicht nur das Altbekannte wieder aufwärmt.
Eine geistliche Reise – von hier bis zu Herrlichkeit – ist nicht einfacher. Auch wenn sie nicht immer, meistens wohl nicht, mit körperlichen Anstrengungen zu tun hat. Sehr wohl aber damit, dass die eigene Seele sich manchmal wundreibt an den eigenen Erwartungen, an der Hoffnung, die wieder nicht erfüllt wurde, und die sich sicher doch noch Jahre, vielleicht Jahrzehnte hinzieht. Die geistliche Reise bedeutet, aus einer Wirklichkeit heraus zu leben, die man in den meisten Momenten nicht spürt, nicht erlebt, nicht sieht.
Aber es sind die besonderen Momente, in denen Schönheit und Wahrheit durchscheinen, und in denen man sich geistliche Fotos machen kann, die man in seiner Seele aufhängt, die uns weitermachen lassen. „Wenn es einen Ort gibt“, sagen wir uns gegenseitig, die wir auf der Reise sind, „an denen diese Momente Ewigkeit sind, dann wollen wir da hin.“
Herrlichkeit.
Und so lange wir noch unterwegs sind, so lange wird uns Jesus mit dieser Seelenspeise versorgen, die wir zum durchhalten brauchen. Es ist, wie das Manna aus 2Mo 16, nicht soviel, dass wir damit Reserven anlegen könnten: „Soviel für heute, aber es ist mehr als genug für den ganzen Weg.“ - Nein. „Soviel für heute, und morgen sehen wir weiter.“
Diese Seelenspeise kommt zur richtigen Zeit, aber sie kommt immer nur Einzeln, Sonnenstrahlen.
Als Peter Pan mit Wendy und ihren Brüdern zum ersten Mal nach Nimmerland fliegt, fragen sie ihn, wo die Insel ist. Und er sagt: „Dort, wo die ganzen Pfeile hinzeigen.“ Worauf uns der Erzähler erläutert, dass tatsächlich hunderte von Pfeilen auf die Insel zeigte, alle von der Sonne losgeschickt, um sicher zu gehen, dass die Kinder ihr Ziel erreichen.
Hunderte Pfeile. Seelenspeise.
Bis wir dort sind. Angekommen.

God Bless,

Restless Evangelical